Sächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans an

Dynamo Dresden, das sind die Chaoten aus dem Osten. Gewalt, Rassismus, Pyrotechnik – kennen wir alles. Zuletzt wurde der Verein sogar aus dem DFB-Pokal ausgeschlossen. Da wundert es auch nicht, wenn der sächsische Staatsminister des Inneren schreibt, dass Dynamo-Fans Polizisten attackierten – selbst wenn die Polizei davon nichts mitbekommt.

Von Nicole Selmer

dynamo-dresden-logoFür die Fans von Dynamo Dresden ist das Leben nicht schön. Sportlich ringt der Verein um den Verbleib in der zweiten Bundesliga, sportjuristisch erlitt Dynamo vergangene Woche eine erneute Niederlage: Das Bundesgericht des Deutsche Fußball-Bundes lehnte die Berufung des Vereins gegen den Ausschluss aus dem DFB-Pokal nach Ausschreitungen und das Zünden von Pyrotechnik durch die Dresdner Fans beim Pokalspiel in Hannover ab.

Der Verein will nun das Schiedsgericht des DFB anrufen – das ist das Ergebnis einer Verständigung von Fans und Präsidium. Zur Debatte steht für die Vereinsvertreter die grundsätzliche juristische Legitimität der Rechtsprechung, die den Verein für seine Anhänger haftbar macht, auch wenn ihm kein direktes Verschulden zuzuschreiben ist.

Gegen Dresden geht immer

Dynamo Dresden ist nicht gern, aber häufig Gast beim DFB-Sportgericht in Frankfurt. Die Frankfurter Rundschau schreibt von mehr als 20 Urteilen gegen den ostdeutschen Klub seit 2002. Dass die Fans für Probleme sorgen, ist kaum zu bestreiten. Ebenso offensichtlich, wenngleich meist weniger beachtet, sind jedoch die Fortschritte: Verein und Fanszene haben in der Auseinandersetzung mit Gewalt und Rassismus einen weiten Weg zurückgelegt. Aber trotz großer Investition des Vereins in die Fanarbeit, der Aufforderung des Vorsängers zum Pyroverzicht und langjährigen Aktivitäten der antirassistischen Faninitiative 1953international: Dynamo Dresden wird seinen schlechten Ruf nicht los.

Umso sensibler reagieren die Fans von Dynamo auf Vorwürfe, selbst wenn die nicht aus Frankfurt, sondern vom sächsischen Innenminister stammen. Markus Ulbig bzw. sein Team sind eifrige Social-Media-User. Auf seiner Facebookseite  beschäftigte sich der Minister am Montag mit dem Fußballwochenende und schrieb: „Fast 1500 Polizisten für gerade mal drei Fußballspiele am Wochenende in Sachsen. Rechnet man das Spiel in Halle dazu, wo unsere Reiterstaffel eingesetzt war, sind wir gleich bei 2500 Beamten. Ausschreitungen, Randale, brutale Angriffe auf die Polizisten – eine traurige Bilanz und höchst unsportlich. Hier muss sich was ändern.“

Nichts vorgefallen

Es folgten Zustimmungen, aber auch Nachfragen von Userinnen und Usern, welche Spiele und welche Randale hier genau gemeint seien. Ulbig antwortete mehrfach und erläuterte dann: „Nach dem Spiel Aue/Dynamo griffen ca. 200 sogenannte „Dynamo-Fans“ die Polizei an, zwei verletzte Beamte, 15 Strafanzeigen.“

Screehshot Facebook-Seite Marcus Ulbig

Dynamo Dresden spielte am Sonntag in Aue (und verlor). Der Verein selbst hatte, vermutlich um das DFB-Sportgericht zu besänftigen, auf Auswärtstickets verzichtet, seine Fans also quasi selbst ausgeschlossen. Erzgebirge Aue jedoch hatte die 2.700 zurückgegebenen Karten dennoch verkauft, an Dresdner. Von Ausschreitungen jedoch, gar von gezielten Angriffen gegen die Polizei, wie deren Dienstherr sie beschreibt, ist nichts bekannt. Das geht aus einem Offenen Brief hervor, den ein Dynamo-Fan an Marcus Ulbig schrieb, zu lesen im Dynamo-Blog spuckelch: Der Fan hatte nachgefragt bei der Polizeidirektion Chemnitz, die für das Spiel zuständig war. Was denn in der Pressemeldung stünde, wollte er wissen und erhielt die Antwort: „Es ist nichts weiter vorgefallen. Wozu sollen wir denn dann eine Pressemitteilung herausgeben.“

Nachtrag (14.03.2013):
Die Polizeidirektion Chemnitz meldete sich nach den Berichten auch noch selbst zu Wort. Am 13. März schrieb sie, dass die Einschätzung, es habe „sich um ein friedliches Fußballfest“ bestehen bliebe, jedoch auch unschöne Ereignisse stattgefunden hätten. Der von Ulbig beschriebene Angriff der Dynamo-Fans auf die Polizei wird folgendermaßen dargestellt: „Im Bereich Auer Straße in Lößnitz wurden Polizeibeamte durch einzelne Dynamo-Fans aus einer Gruppe von ca. 200 Personen heraus angegriffen. Die Lage konnte schnell bereinigt und ein Hauptverdächtiger (24) gestellt werden. Ein Polizeibeamter erlitt bei dem Angriff durch einen Schlag Verletzungen, ein zweiter Polizist verletzte sich bei der Täternacheile.“

 

Siehe auch: DFL-SicherheitspapierFangipfel in BerlinQuo vadis DFB?Unsportliches SportgerichtAlles Chaoten!Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vorMoralische DiskussionslatteHurra, wir leben noch!

19 thoughts on “Sächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans an

  1. als eine person, die nach dem spiel dynamo dresden vs. hertha bsc am 02.03. auf dem weg vom gästeblock zum hauptbahnhof von mehreren hundert dynamo-anhängern angeggriffen wurde, fehlt mir der mitleid mit dem verein. mag sein, dass ihre fanprojektarbeit fortschritte erzielt und sie mit 1953int eine coole ultragruppe haben, als fußballfan geht mir das hohe aggressionspotenzial, so wie es in dresden erlebt habe, mächtig auf den zeiger. schon während des spiels war die stimmung im stadion nicht von sportlicher fairness, sondern von intensiver ablehnung geprägt. dynamo ist dresden: lokalpatriotisch, rektionär und gegen alles, was nicht der gemeinschaft entspricht.

  2. @icke: Hast du einen Beleg für deine Behauptung, von hunderten Dynamofans angegriffen worden zu sein? Ich war auch im Stadion und kann deinen Eindruck nicht bestätigen. Der Gästeblock legte einen -von der Pyroaktion mal abgesehen- sehr guten Auftritt hin und der K-Block hielt mindestens genauso gut gegen. Vor und nach dem Spiel viel blau-weißes Publikum auf den Straßen, ohne dass ich irgendwelchen Stress bemerkt hätte. Selbst in die Torwirtschaft hatten sich ein paar von euch verirrt und sie haben dies -soweit ich dies mitbekommen habe- problemlos überlebt. Warst du wirklich dabei?

  3. @1953,
    ich denke Kollege icke üertreibt etwas in seiner Darstellung. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass das Auswärtsspiel in Dresden das mit Abstand Unangenehmste war, dass ich auswärts bisher erlebt habe. Gerade nach dem Spiel, und da deckt sich die Beobachtung, auf dem Weg zum Hauptbhf und rund um die Tiefgarage dort, gab es dermaßen viele Leute die Ärger gesucht haben, versuchten Schals abzuziehen und einfach nur rumstressten.
    Der Eindruck, dass Dynamo „kein Gewaltproblem hat“ kann ich, auch nach diversen Gesprächen mit befreundeten Dynamofans, nicht bestätigen, auch wenn ich die Berichterstattung ebenfalls für übertrieben halte. Aber bei nicht wenigen Anhängern muss sich noch einiges tun. Nicht verschweigen möchte ich in diesem Zusammenhang, das es auch einige positive Erlebenisse gab. Es reichte sogar für ein gemeinsames Foto. Aber das Negative überwog dann doch.
    Ich kann daher nur mal empfehlen, ein Spiel mit den Farben des Gadtvereins (Hansa, Union, Frankfurt?) zu besuchen und den Bereich zwischen Stadion und Bhf zu frequentieren. Dann bekommt man mal nen Eindruck.

  4. Danke für die Kommentare und Anmerkungen. Das Update zu der nachträglichen Mitteilung der Polizei Chemnitz steht im Text. Ich sehe das nicht so, dass das die Behauptung von Ulbig bestätigt, dass „ca. 200 Dynamo-Fans die Polizei“ angegriffen hätten. Auch hier ist genaues Lesen hilfreich.
    Die Behauptung, es gebe „kein Gewaltproblem“ ist für die Fanszene Dresden genauso falsch wie für die meisten anderen Orte in Deutschland. Von den vorgetragenen Verschwörungstheorien zu westdeutschen Medien halte ich nur sehr bedingt etwas, das ist aber auch ein anderes Thema. Danke auch hier für die differenzierenden Eindrücke.

    Offensichtlich ist es für viele hier und auch auf unserer Facebook-Seite schwer, folgende Gedanken gleichzeitig im Kopf zu ertragen: In und aus der Fanszene von Dynamo Dresden kommt es zu rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Vorfällen und zu gewalttätigen Angriffen. Gleichzeitig jedoch hat der Klub ein aus meiner Sicht sehr gutes und glaubwürdiges Statement zu einem offenen und diskriminierungsfreien Verein geschrieben. Er investiert in Fanarbeit (als präventive Maßnahme u.a. gegen Diskriminierung und Gewalt), das Fanprojekt Dresden hat die Ausstellung „Tatort Stadion“ gezeigt, es gibt eine (ja, eine, nicht fünf, aber eine) seit Jahren aktive antirassistische Initiative.

    Diese Dinge können gleichzeitig wahr sein und müssen einander nicht widersprechen. Das bedeutet nicht, dass in Dresden nur Nazis in der Kurve stehen. Und es bedeutet nicht, dass niemand (oder nur drei Leute, die inzwischen weggezogen sind) „Juden Frankfurt“ gesungen haben.

    Ich hoffe, das trägt zur Beruhigung und Klärung bei, und würde vorschlagen, die Diskussion bei anderer und passender Gelegenheit, die sich sicher bieten wird, fortzusetzen.

  5. @1953 & frau_elster:

    das wort „angegriffen“ tut mir leid, besser ist „angegangen“. ich meine damit pöbeleien, versuchtes abziehen, drohgebärden, einige kleinere scharmützel – das ist mir/uns aufgefallen/widerfahren. in dem maße und ausgehend von so vielen menschen, sprich in der qualität, ist mir so etwas in vielen jahren auswärtsfahrten noch nicht passiert. in diesem sinne: kein bock mehr auf dresden.

  6. Tja, wenn man als Fan eines Lokalrivalen bei der Begegnung mit (an ihrer Kleidung erkennbaren) Dynamo-Fans bereits nach wenigen Momenten wahlweise als Jude, Schwuchtel oder Zigeuner bezeichnet oder sonstwie belästigt wird, hält sich bei einem das Mitleid doch arg in Grenzen. Und vlt. bin ich ja konsequent vom Pech verfolgt, aber das sind keine Einzelfälle, sondern solche unangenehmen Zwischenfälle passieren mir ständig, wenn ich mit Schalbehängten Namoe-Atzen zusammentreffe.

    Das einzig kritikable an den Strafen gegen Dynamo (nicht „Dresden“) ist, dass sie erst jetzt verhängt werden.

    Entwicklung der Fanszene … naja, wenn im K-Block immernoch Leute zum Schweigen gebracht werden, weil sie „politisch agieren“ liegt wohl noch einiges im Argen.

    Und zum Thema „Zeichen setzen“: neben der Imagepflege wäre es wichtig, konsequente Maßnahmen wie die Entlassung der Thor-Steinar-Security anzugehen. Deren Antrieb, die Stadionordnung durchzusetzen, dürfte sich in Grenzen halten.

  7. Dank an Nicole für die Zusammenfassung. Ich hoffe auch, dass sich bald Gelegenheit zur Fortsetzung der Diskussion bietet. Abschließend noch folgende Anmerkung. Ich verkenne keinesfalls, dass es in der Fanszene von Dynamo zu viele Vollhorste gibt, die anlässlich eines Fußballspiels ihr Gehirn ausschalten, sofern sie denn eins haben. Ich bleibe aber dabei, dass die Fanszene von Dynamo insoweit kein Alleinstellungsmerkmal hat, sondern dies anderswo genauso anzutreffen ist. Und natürlich ist es keine Entschuldigung für das eigene Fehlverhalten, wenn man auf andere zeigt, die sich auch nicht benehmen können.

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