Glückwunsch, Bundeszentrale für politische Bildung!

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um die Vorgeschichte der Bundeszentrale für politische Bildung.

Von Samuel Salzborn

Im November 2012 hat die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ihren 60. Geburtstag begangen. Sie hat anlässlich dieses Jubiläums viel Lob und viel Beifall bekommen und gerade aus der Praxis der Politischen Bildung reihenweise Glückwünsche. Sechs Jahrzehnte politische Bildung institutionalisierter Art in der Bundesrepublik – da lohnt es, den Blick nicht nur nach vorn, sondern auch nach hinten zu richten: auf die Entstehung der Bundeszentrale für politische Bildung. Also, schnell mal eine Suchmaschine anwerfen und schauen, wie denn die ersten Jahrzehnte der BpB gelaufen sind?! Sucht man nach Dokumenten über die BpB, wird man nicht fündig werden – und das liegt nicht nur daran, dass historische Dokumente primär offline (in Archiven) und nur rudimentär online verfügbar sind, sondern vor allem daran, dass die faktische Gründung der Bundeszentrale für politische Bildung erst im Jahr 1963 erfolgte. Wir rechnen mal schnell nach … das sind doch noch gar keine 60 Jahre, oder?

Während im Jahr 1952 zunächst eine Bundeszentrale für Heimatdienst ihren Betrieb aufnahm, erfolgte die Umbenennung in die heute allseits bekannte BpB erst im Jahr 1963. Nun liegen zwischen den Begriffen „Heimatdienst“ und „politische Bildung“ Welten: während „Heimat“ ein in seiner Konnotation in keine andere Sprache übersetzbares deutsches Konstrukt der Verbindung von einem geografischen Ort mit einer bestimmten, kollektiv definierten und als homogene Einheit unterstellten Bevölkerung beschreibt und beim Begriff „Dienst“ sein autoritäres Erbe unübersehbar ist, fokussiert „politische Bildung“ auf die zu mündigen Subjekten zu machenden Bürgerinnen und Bürger und somit die Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie Kant schrieb.

Die begriffliche Kluft ist so groß, dass ihre Überwindung ohne die Geschichte der BpB nicht zu verstehen ist, denn der Wandel des allein in den Termini konzentrierten Widerspruchs von völkischem und aufgeklärtem Denken ist nur durch eine spezifische Genese zu verstehen. Dass eine solche Auseinandersetzung jetzt möglich ist, verdanken wir einer umfang- und materialreichen Studie von Gudrun Hentges (Staat und politische Bildung. Von der „Zentrale für Heimatdienst“ zur „Bundeszentrale für politische Bildung“), die höchst differenziert und präzise die (Vor-)Geschichte der BpB rekonstruiert.

Reichszentrale für Heimatdienst
Reichszentrale für Heimatdienst

Die Zentrale und später Reichszentrale für Heimatdienst nahm ursprünglich im März 1918 ihren Dienst auf und war während ihrer Existenz – bis zum Aufgehen im Reichspropagandaministerium von Goebbels im März 1933 – unter anderem an der Stimmungsmache in den Abstimmungskämpfen in den ehemaligen deutschen Gebieten beteiligt. Ihre Auflösung durch Goebbels wurde dadurch begründet, dass die Funktion der Reichszentrale durch das NS-Propagandaministerium übernommen worden sei.

Nach 1945 ging die Initiative zur Gründung einer politischen Bildungsinstitution in der Bundesrepublik von den Westalliierten aus, die bei der Reeducation eine wichtige Rolle übernehmen sollte. Während das Bundesinnenministerium zunächst Bedenken gegenüber einer solchen Neugründung hatte – vor allem aufgrund der Befürchtung, demokratische Bildung mit Regierungspropaganda zu verwechseln – waren es insbesondere Bundeskanzler Konrad Adenauer und sein Ministerialdirigent (und Altnazi) Hans Globke, die sich für eine neue Zentrale für Heimatdienst stark machten. Ziel sollte dabei aber nicht Propaganda, sondern parteipolitisch ungebundene Informationsarbeit sein.

Im Zentrum der ersten Jahre der Arbeit der Bundeszentrale für Heimatdienst stand der Antikommunismus, da in den 1950er Jahren – nach einer kurzen Phase der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus – die „psychologische Abwehr des Kommunismus“ als zentrales Operationsfeld angesehen wurde. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, so hieß es 1958 aus dem Bundesinnenministerium, sowie mit der „Thematik Judentum“ müsse in Zukunft „nicht mehr so stark im Vordergrund [..] stehen [..] wie in den Zeiten des Aufbaus der Bundesrepublik“. Während die Bundeszentrale zunächst weitgehend autonom über den Einsatz ihrer Mittel entscheiden konnte, wurde 1960 dann ein erheblicher Eingriff des Innenministeriums durchgesetzt, dem zufolge Mittelverwendungen strengen Prüfungen unterzogen werden sollten, ebenso wie die Veröffentlichungen. Der Hintergrund: bei einer Veranstaltung der Bundeszentrale war eine Referentin aufgetreten, die vor allem dem Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen aufgrund ihrer Tätigkeit in kommunistischen Organisationen ein Dorn im Auge war.

Und, was noch schwerer wog: Ein Referatsleiter der Bundeszentrale hatte Bundeskanzler Adenauer – wenngleich auch sehr verhalten und eher indirekt – für seine Aussagen infolge der antisemitischen Schmierwellen, die ihren Ausgangspunkt in den Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge 1959 genommen hatten, kritisiert. Adenauer hatte daraufhin die Antisemiten als „Lümmel“ bezeichnet, die „eine Tracht Prügel“ verdienten und damit nicht nur das Problem des Antisemitismus bagatellisiert und verharmlost, sondern auch zu Maßnahmen der Selbstjustiz aufgefordert, bei denen einerseits die Bevölkerung ihren Affekten freien Lauf lassen sollte und andererseits antisemitische Straftaten (wenn sie nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden) auch aus den offiziellen Statistiken verschwinden. Die Kritik an Adenauer von dem BpB-Referatsleiter zielte aber darüber hinaus auch darauf, dass es innerhalb der bundesdeutschen Bevölkerung nach wie vor ein erhebliches Problem mit dem Fortleben von NS-Ideologie und Antisemitismus gebe, aus dem Konsequenzen für die politische Bildung abgeleitet werden müssten.

Liest man diesen ersten ernsthaften Widerspruch aus der Bundeszentrale mit dem Wissen des Jahres 2012, dann sieht man, wie richtig dieser Einwand war. Wollte man nun der Bundeszentrale für politische Bildung für die nächsten Jahre ihrer Arbeit anlässlich ihres Jubiläums etwas mit auf den Weg geben, dann könnte dies immer noch lauten: mehr Opposition gegen den Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung – politische Bildung kann, sollte und darf ruhig auch einmal intellektuell etwas mehr wehtun, als dies heute bisweilen der Fall ist.

Gudrun Hentges: Staat und politische Bildung. Von der „Zentrale für Heimatdienst“ zur „Bundeszentrale für politische Bildung“, Wiesbaden: Springer VS 2013, 493 Seiten.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen.

Alle Beiträge von Samuel Salzborn.

3 thoughts on “Glückwunsch, Bundeszentrale für politische Bildung!

  1. Kleine Anmerkung: Das Konstrukt „Heimat“ ist (auch in seiner Begrifflichkeit) keine deutsche Eigenheit. Sowohl die russische („Rodina“) als auch andere slawische Sprachen kennen den Begriff in einer sehr ähnlichen Verwendung.

  2. Der Autor des Artikels in der „Jungen Welt“ hat sich fleißig meiner Zitate bedient – leider ohne Quellenangabe …

Comments are closed.