Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens

Das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) führt derzeit eine genaue Dokumentation aller NS-Lager und Ghettos durch. Die neuesten Ergebnisse zeigen, dass das Ausmaß des Lagersystems der Nationalsozialisten viel größer war, als bisher angenommen. Statt der vermuteten 7.000, gab es ungefähr 42.500 Zwangsarbeits- und Gefangenenlager, Konzentrationslager und Ghettos in Europa.

Von Andreas Strippel

Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Geoffrey Megargee und Martin Dean hat Daten und Quellen aus ganz Europa ausgewertet, um alle Orte zu erfassen, an denen die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft Lager errichteten. Die Ergebnisse zeigen, wie die Deutschen ihr Lagersystem in allen von ihnen beherrschten Ländern aufbauten. Die meisten Lager lagen im Gebiet des Deutschen Reiches und in Polen. Die New York Times berichtete gestern, dass die noch nicht abgeschlossene Studie bislang etwa 42.400 Ghettos und Lager (Zwangsarbeiter- und Gefangenlager sowie KZs) dokumentiert hat.

Die Forschungsergebnisse wurden Ende Januar im Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C., vorgestellt. „Die Zahlen sind viel höher, als wir ursprünglich dachten“, sagte Hartmut Berghoff, Direktor des Deutschen Historischen Instituts, der New York Times. „Wir wussten schon vorher, wie grausam das Leben in den Lagern und Ghettos war, aber diese Zahlen sind unglaublich.“

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Gigantisches Lagersystem in Europa

Die 42.500 Ghettos und Lager entstanden im Zeitraum von 1933 bis 1945, aber die wenigstens existierten über den gesamten Zeitraum. Auch waren sie in ihrer Größe sehr unterschiedlich. Sie umfassten Kleinstlager, wie die frühen, so genannten „wilden KZs“, über so genannte „Judenhäuser“ in kleineren und größeren Städten, bis hin zu den großen Ghettos wie Warschau oder Lodz sowie alle Konzentrations- und Vernichtungslager. Ebenso wurden Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager mitgezählt.

So unterschiedlich diese Orte auch gewesen sind, so dienten sie doch alle einem Zweck: Als Terrorinstrument sollten sie so genannte „Gemeinschaftfremde“, also Juden, Sinti- und Roma, politische Gegner des Nazi-Regimes, aber auch so genannte „Asoziale“, „Berufsverbrecher“, Homosexuelle und „Bibelforscher“ (Zeugen Jehovas u.a.) von der restlichen Bevölkerung separieren. Damit wurde eine Voraussetzung für den Massenmord geschaffen.

Denn die Lager erfuhren vor allem im Verlauf des Zweiten Weltkriegs einen Funktionswandel: Ab 1938, spätestens aber mit Kriegsbeginn expandierte das Lagersystem rapide und wurde immer mehr direktes Mittel zum Völkermord. Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass es circa 30.000 Zwangsarbeiterlager, 1.150 jüdische Ghettos und 980 Konzentrationslager gab. Hinzu kommen tausende andere Lager – beispielsweise für die so genannten „Euthanasie“-Morde oder Durchgangslager, in denen die Häftlinge beim Transport von einem Lager ins andere untergebracht wurden.

Viele der Lager sind – wenn überhaupt – nur noch regional bekannt. Aber gerade die Dichte in Deutschland zeigt sehr deutlich, wie viel die deutsche Bevölkerung über die Existenz der Lager gewusst haben muss. „Man konnte buchstäblich nirgends hingehen, ohne über Zwangsarbeitslager, Kriegsgefangenenlager, oder Konzentrationslager zu stolpern“, sagte Studienleiter Martin Dean der New York Times. „Sie waren überall.“

Siehe auch: Berlinale: Ehrung für Claude Lanzmann, Gedenken an Holocaust-Opfer am Millerntor, „Widerstand leisten heißt Neues schaffen“ – zum Tod von Stéphan Hessel, Die nationalsozialistische Machteroberung, Der vergessene Genozid, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Opferverband UOKG: Aufrechnen statt Aufarbeiten, Die Novemberpogrome 1938, “Wir hatten verbrannte und eitrige Finger…”, Die Erinnerung bleibt

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