Nazi als Pop

Die extreme Rechte in Deutschland hat es seit der Herausbildung des RechtsRock kaum geschafft jugendkulturell anschlussfähig zu werden.  Nach einer stilistischen Modernisierung der „Autonomen Nationalisten“ ist kaum mehr etwas passiert. Seit einiger Zeit versuchen nun verschiedene Gruppen als Pop aufzutreten: von den „Unsterblichen“ zur „Identitären Bewegung“.

 Von Benjamin Mayer

Als Anfang der 2000er die „Autonomen Nationalisten“ in Erscheinung traten, waren die Reaktionen auf das neue Phänomen sehr unterschiedlich. Viele schienen überfordert von der äußerlichen Modernisierung im Stile linker autonomer Gruppen. Auch innerhalb der Szene stieß das neue Auftreten nicht überall auf Akzeptanz. Doch schnell stellte sich heraus, dass hinter den neuen schwarzen Blöcken knallharte Neonazi-Ideologie steckt, die sich lediglich moderner präsentierte. Dennoch gewannen die „Autonomen Nationalisten“ schnell an Zulauf, vor allem beim jungen aktionsorientierten Neonazis, die nun ihre Menschenverachtung hip verkleideten. Seither ist wenig passiert, dennoch fällt vermehrt auf, dass auch die extrem rechte Jugendkultur sich Schritt für Schritt weiter professionalisiert, nach außen modernisiert und neue Ausdrucksformen wählt. Ziel ist es, die eigenen Inhalte zu verbreiten und junge Menschen für die extreme Rechte zu gewinnen.

„Die Unsterblichen“ sind als Strategie noch nicht tot

Die Aufmärsche werden nicht angemeldet und danach filmisch aufbereitet.
Die Aufmärsche werden nicht angemeldet und danach filmisch aufbereitet.

Mit neuen Aktionsformen reagiert die extreme Rechte meist auf ihre Umgebung. So war auch die Entwicklung der „Unsterblichen“ das Ergebnis eines längeren Diskussionsprozesses innerhalb der Szene, wie man die Deutungshoheit über die eigene Außendarstellung behält und staatliche Repressionen sowie Gegenproteste vermeidet. Die Idee Masken zu verwenden ist keinesfalls neu. Besonders die Verwendung einer Guy-Fawkes-Maske ist seit dem Film „V wie Vendetta“ und des Aufgreifens durch die Occupy-Bewegung äußerst populär. Geklaut haben die Neonazis die Masken konkret von den „Überflüssigen“, einer linksradikalen Gruppe aus dem Berliner Raum.  Ziel ist es, eben mit jenem Masken-Symbol eine bestimmte Botschaft zu verknüpfen, so wie dies auch bei Fawkes-Masken der Fall ist. Dahinter steht bei den „Unsterblichen“ eine rassistische und antidemokratische Ideologie. So sagte einer der Organisatoren in einem Interview:

„[…] man kann biologisch oder zeitgeschichtlich etwas ‚hinterlassen‘ und sollte dies auch unbedingt tun, wenn einem am Fortbestand des eigenen Volkes gelegen ist. […] Daß die Genetik hierbei eine entscheidende Rolle spielt und deshalb durch den biologischen Austausch seiner Angehörigen gesichert werden kann, bedarf keiner langen Erklärung. […] wenn Demokratie Volksherrschaft ist und diese ‚Volksherrschaft‘ dazu führt, daß ein Volk stirbt, dann kann diesem System kein völkisch denkender Mensch etwas abgewinnen.“

Ein umfangreiches Medienecho war quasi garantiert: Anfänglich zumeist wenig informiert und teils unkritisch. Schnell neigen viele Medien zu einer Überhöhung neuer Phänomene, da das Internet eine neue Präsentation ermöglicht, die nach außen mehr ausstrahlt als hinter den Aktionen steckt.

Lesetipp: Wie fett sind die Unsterblichen?

Genau darauf kalkulieren eben jene Strategien. So heißt es auch in einem vor kurzem erschienen Papier der „Unsterblichen“:

„Um die Deutungshoheit nicht aus der Hand zu geben, dokumentieren die UNSTERBLICHEN ihre Aktionen und verbreiten sie im Internet. Die UNSTERBLICHEN wissen, dass diese Nachbereitung im Grunde wichtiger ist, als die einzelne Aktion selbst, auf diese Weise entsteht insgesamt das bezweckte Bild […]“

Um dieser Kalkulation entgegenzuwirken, bedarf es einer reflektierten und unaufgeregten Berichterstattung. Die Frage muss hier immer auch sein, inwieweit die Art der Berichterstattung dem Medienkalkül der extremen Rechten auf den Leim geht. Die wirkliche Bedeutung der Masken-Neonazis wurde von der erreichten Medienaufmerksamkeit weit übertroffen. Die negative Folge war allerdings der staatliche Druck, der sich mit zunehmender Aufmerksamkeit erhöhte und zu zahlreichen Razzien führte.

Identität? – ein vierzig Jahre alter Hut

Was die „Unsterblichen“ für die neonazistische Szene sind, versucht die „Identitäre Bewegung“ für die „Neue Rechte“ zu sein: Keine neuen Inhalte, aber eine symbolisch aufgeladene moderne Präsentation. Schon die Eigenbezeichnung als „Bewegung“ ist in der extremen Rechten nichts Neues und zeigt eine nach außen gerichtete Überhöhung der vor allem digitalen

„Identitäre Bewegung Deutschland“ © Screenshot von Facebook
„Identitäre Bewegung Deutschland“ © Screenshot von Facebook

Existenz dieser vermeintlichen Massen. Seit 2011 schwappte der aus Frankreich stammende Ansatz langsam auch nach Deutschland über. Wie schon in den 1960er/1970er Jahren nimmt die extreme Rechte in Deutschland den „neurechten“ Ansatz mit Verzögerung auf. In Frankreich sind die Wurzeln der „Identitären Bewegung“ bereits mehr als zehn Jahre alt. Auch hier ist dies nichts Neues sondern schier das Aufblühen der Ideologien von vor 40 Jahren. Lediglich die Kontexte aktualisieren etwas die Feindbilder: War es vor Jahrzenten noch die „Wodka-Kola-Kultur“, also amerikanische und sowjetische Einflüsse auf Europa, ist es heute die Globalisierung und der Islam. Was bleibt, ist das Ziel, die „ethnokulturelle Identität“ zu bewahren. In dieser kulturalistisch-organischen Konzeption „nationaler Identität“ wird kollektive Identität über eine statisch-homogen verstandene Kultur konstruiert. Identität findet der einzelne Mensch somit nur im Kollektiv.  Dabei gehen die Theoretiker der „Neuen Rechten“ davon aus, dass Kultur genetisch verankert ist. Und auch die damit einhergehenden Abgrenzungen bleiben gleich. Man habe weder mit Rassisten noch mit Neonazis etwas gemein und sei natürlich demokratisch ausgerichtet. Offen bleibt, was genau unter „demokratisch“ zu verstehen ist. Denn wie schon die Urväter der „Neuen Rechten“, spricht auch die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland vom Ziel der „Umwertung der Werte“. Dazu gehört auch die Neu-Definition von Begriffen wie Kultur oder Demokratie.

Symbolisch bedient sich die „Bewegung“ – ironischerweise – unter anderem bei einem Film aus Hollywood: „300“. Das Symbol Lambda prangt auf den Fahnen, Aufklebern und online über den Blogs der Aktivisten. Im schwarz-gelben Kontrast wird versucht eine aktionistische Grundstimmung zu vermitteln. Durch provokante Auftritte bei Veranstaltungen, welche mit elektronischer Musik unterlegt werden, versucht man aus der digitalen Unbedeutsamkeit in die Öffentlichkeit zu dringen. „Multikulti wegbassen“ heißt dann der Slogan der „Neuen Rechten“ im Jahr 2013. Doch in Deutschland kam es bisher kaum zu einer realen Präsenz jenseits von Blogs und Facebook.

Genau hinschauen und nicht überschätzen

Beide Aktionsformen eint der Versuch alte Ideologien durch eine neue Symbolik, durch ein modernes Auftreten vor allem für junge Menschen anschlussfähig zu gestalten. Als wichtigstes Medium dient hierbei das Internet. Es erlaubt, mit einfachen Mitteln die eigene Präsenz, die eigene Bedeutung aufzublasen. Über neue Kommunikationswege kann so von wenigen Personen viel Material positioniert werden, welches in einem modernen Antlitz daher kommt.

Doch wie die „Unsterblichen“ in ihren strategischen Richtlinien schreiben, ist die Verbreitung hierbei wichtiger als die Aktion selbst, denn eine große Zahl von Menschen wird erst hier erreicht. Eine wirkliche Breitenwirkung konnten beide Phänomene nicht erzielen. Gefeiert werden die Modernisierungsversuche zumeist in der eigenen Szene. Hier liegt häufig der Fehler einer unkritischen Berichterstattung, die eine hohe Internetpräsenz mit der tatsächlichen Bedeutung gleichsetzt. Ein organisatorischer Unterbau fehlt beiden Phänomenen. Spannend sind die Modernisierungsversuche dennoch, zeigen diese doch, wie die extreme Rechte versucht wieder verstärkt nach außen zu dringen und als Zielgruppe vor allem Jugendliche ausgemacht hat. Genutzt werden dabei verstärkt bereits bekannte Symbole und Inszenierungen, mit denen dann die Deutung über das eigene Auftreten kontrolliert werden soll. Jener Rückzug auf das digitale Spielfeld erhöht die Verbreitung und kann ungestört von Gegenprotesten stattfinden.

Siehe auch: Wie fett sind die Unsterblichen?Die Unsterblichen werden zu den OdödligaSind die Unsterblichen schon tot?Überflüssig, nicht unsterblich

5 thoughts on “Nazi als Pop

  1. Das Medium „Internet“. Der Begriff wird hier und auch sonst fast überall falsch verwendet. Das was Sie meinen, wird das WorldWideWeb sein, in der Version 2.0 und darüber hinaus. Dieses ist nur ein Raum im internet, wenn auch der mit der bisher größten Bedeutung für die Öffentlichkeit. In den 90gern und davor waren die Rechten auch schon im Internet aktiv, allerdings nicht im dato nicht vorhandenen WWW, sondern Usenet u.Ä.
    Rechte Netzwerkarbeit findet schon lange statt, nur ist es jetzt viel einfacher grpße Massen schnell und einfach zu erreichen. IB verwendet dafür ja sogar Facebook.

  2. „Offen bleibt, was genau unter “demokratisch” zu verstehen ist.“ – von Seiten der „Identitären“.

    Lieber Herr Mayer,

    dass alles kann man doch auf der „Weltnetzseite“ der Neonazis nachlesen.

    Kostproben?

    „Demokratie (…) erfordert eine gewisse Homogenität in der Bevölkerung, damit sie einen gemeinsamen Willen bilden kann. Indem wir gegen das multikulturelle Projekt und sein Scheitern in Form der Islamisierung kämpfen, kämpfen wir auch für die Bedingung der Möglichkeit einer echten Demokratie (Volksherrschaft).“

    „Wir sind für eine echte, direkte Demokratie, in der sich der wahre Volkswille durchsetzen kann. Wir stellen uns daher gegen die heutige Multikulti-Ideologie, die das Fundament einer jeden Demokratie, die weitgehende Homogenität des Staatsvolkes, Stück für Stück zerstört.“

    „Ein Deutschland und eine deutsche Demokratie ohne Deutsche kann es nicht geben.“

    „Wir sind für die Durchsetzung des wahren Volkswillens (…)“

    „Unsere Vision ist eine echte, direkte, deutsche, subsidiarische Demokratie, in der (…) der gesunde Menschenverstand in Form des wahren Volkswillens über unsere Zukunft entscheidet!“

    Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, kennt die Demokratie keinen „Volkswillen“, sondern einen Mehrheitswillen aus den Stimmen aller wahlberechtigten Staatsbüger mit der parallelen Existenz viele anderer Partikularinteressen.

    Wonach die „Identitären“ streben, ist ein uniformer (wahrer) „Volkswille“, der durch eine ethnische Homogenität verwircklicht werden soll. Die „Identitären“ gehen davon aus, dass ethnische Homogenität zwangsläufig zur Interessenshomogenität und damit zu Willenshomogenität führt. Das nennt man dann „deutsche Demokratie“.

    Vor diesem Hintergrund, lieber Herr Mayer, kann man Ihre völlig zutreffende Aussage

    „Dabei gehen die Theoretiker der „Neuen Rechten“ davon aus, dass Kultur genetisch verankert ist.“

    leicht umformulieren und sagen: „Dabei gehen die Theoretiker der „Neuen Rechten“ davon aus, dass der Volkswille genetisch verankert ist.“

    Damit führen die „Identitären“ ihre eigene Ablehnung von Totalitarismen ad absurdum!

    Ich hoffe, ich konnte etwas helfen.

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