Eine Bibel für die Sekte der „Identitären“

„Groß ist die Bewegung, stark ist die Bewegung und die Zukunft gehört ihr“ – so zumindest die Halluzination von losen verbundenen sektenhaften Kleinstgruppen aus Burschenschafter, Mitgliedern der antimuslimischen GDL, Neonazis und „neuen“ Rechten. Im Internet verbreitet sich das Label „Identitäre Bewegung“ rasant. Ein Wiener Politaktivist schrieb nun das Buch für die angebliche Bewegung, die in Deutschland  mehr eine Medienillusion als eine reale Organisation ist.

Von Roland Sieber

Veröffentlicht wurde die Streitschrift „Die identitäre Generation“ von Willinger in dem Bezahlverlag „Books on Demand GmbH“. Sie endet mit dem Satz:

„Denkt nicht das Buch sei ein Manifest. Es ist eine Kriegerklärung. Unsere Kriegerklärung an euch.“,

und erinnert an die „Déclaration de guerre“, die filmische Kriegserklärung der Jugendorganisation „Génération Identitaire“ an die französische und europäische Gesellschaftsordnung.

Vertonte „Kriegserklärung“ © Screenshot von YouTube
Vertonte „Kriegserklärung“ © Screenshot von YouTube

Bisher wurde das Buch vorrangig über den in die Kritik geratenen Internetversandhändler Amazon vertrieben. Teile der Kampfschrift wurden bereits mit Musik unterlegt auf YouTube veröffentlicht. Nun hat der neurechte Verlag „Arktos“, der unter anderem Alain de Benoits, Guillaume Faye und Alexander Dugin verlegt, Markus Willinger angeblich einen Vertrag für den Vertrieb zugeschickt, das behauptet Willinger zumindest auf seiner Facebook-Seite. Der Verlag bietet neben Büchern auch Musik und Poster für völkisch und rassistisch angehauchte Menschen, wie die „Life Rune“ – die in der Neonaziszene beliebte – „Lebensrune“ an.

„Paranoia People“

Der Autor Willinger bewegt sich im ideologischen Umfeld der neun „identitären“ Aktivisten, die sich mit der versuchten Gegenbesetzung der bereits seit Dezember von Flüchtlingsaktivisten besetzten Wiener Votivkirche den Spott von Unterstützern der Flüchtlingsbewegung aussetzte. Nachdem die kulturrassistische Gruppe um „W.I.R.“ über Internet zur Unterstützung der „Gegenbesetzung“ aufrief und feststellen musste, dass die „identitäre“ Revolution ausblieb, gaben die von den Flüchtlingen als „Paranoia People“ Bezeichneten nach wenigen Stunden wegen der Kälte in der Kirche auf. Die rund 40 Flüchtlinge dagegen halten die Protestbesetzung der Kirche für die Einhaltung von Flüchtlings- und Menschenrechte trotz aller widrigen Bedingungen dagegen bis heute aufrecht.

„Weiß, Identitär, Revolutionär“

Das Kürzel „W.I.R.“ steht offiziell für „Wiens Identitäre Richtung“, wird innerhalb von Österreichs „Identitären“ aber auch für „Weiß, Identitär, Revolutionär“ verwendet. Die wenigen real existierenden Ortsgruppen der „Identitären“ in Deutschland bestehen zumeist aus nicht mehr als einer handvoll männlicher Aktivisten aus dem Spektrum der antimuslimischen und „Neuen“ Rechten, bei denen vereinzelt auch Neonazis mitmischen.

Die aus verschiedenen extrem rechten Strömungen zusammengefügte „Copy & Paste“-Ideologie der deutschsprachigen „Identitären“ wird zwar popkulturell und jugendgerecht über die neuen Medien weit verbreitet, die bisherigen realen Organisationsansätze wurden aber offenbar eher aus dem Umfeld von völkischen und kulturrassistischen Politsekten wie die „German Defence League“ (GDL) und des neurechten Internetmagazins „Blaue Narzisse“ initiiert. Die Verwendung des Begriffes „Bewegung“ ist eine unrealistische Überhöhung des losen Netzwerks weniger Kleinstgruppen: Sie sind strategisch und ideologisch gefährlich, werden aber auch hoffnungslos überschätzt.

Siehe auch: Oslo: Rechtsextremer droht mit Anschlag auf Storting, Kampf um die “Identität” – Nazis wollen “Identitäre Bewegung”, Völkische Deutsche okkupieren identitaire IdeologieIdentitär – Mehr Rassismus als BewegungDer Konvent der identitären BewegungVon tanzenden Rassisten und uniformierten MilizenNeue Rechte formatiert sich neuAlle Meldungen zur Neuen Rechten

26 thoughts on “Eine Bibel für die Sekte der „Identitären“

  1. @neuer Leser
    Da Kubitschek die Identitären offensichtlich aufgegeben hat, dürfte das Thema ja erledigt sein.
    Ansonsten würde ich aber zwischen dem Sammeln rhetorischer Punkte und der Analyse der Rechten unterscheiden wollen.

  2. Hallo,

    ich habe mir über seine (Willinger) facebook-Seite einige Inhalte als Auszüge aus dem Buch durchgelesen.

    Herr Sieber, ist das ihr ernst,dass diese Schrift gefährlich ist? Sie ist an Flachbrüstigkeit nicht zu überbieten,man könnte meinen ein 12-jähriger habe sie geschrieben.
    Leere Phrasen,Worthülsen,Geschwurbel,seichtes Palaver – dies sind die Attribute,die ich jenem lächerlichen Inhalt anhefte.
    Das ist doch nicht ernst zu nehmen ! Also jetzt mal ehrlich,ich fühle mich förmlich beleidigt,das Sie es als „Bibel“ betitelt haben. Aus dem Schulhofniveau dürften wir beide doch draußen sein.

  3. @josef werder: Vielleicht ist das Buch ja gerade deshalb nicht ungefährlich? Was ist, wenn Willinger und die Leser das Buch als die Schriften ihrer Vision sehen?

  4. @Hr.Sieber:

    Haben Sie das Buch gelesen? Oder Auszüge daraus?

    Glauben Sie mir,niemand kann daraus die „Schrift einer Vison“ sehen.
    Wenn es jetzt den Tiefgang eines Benoist,oder Salomon,oder Jünger hätte,dann würde es sich anschicken den Ball zurück zu werfen und die Thesen argumentativ zu belegen. Aber DAS ist pubertäres Geplapper und Anti-Gehabe eines aufbegehrenden Jugendlichen.

Comments are closed.