NSU: Das Ende des „Terror-Trios“?

Möglicherweise waren die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bei ihrem letzten Banküberfall nicht nur zu zweit unterwegs. Laut Funkzellenauswertung war der bekannte Neonazi Andrè K. in der Nähe. Damit wäre die Darstellung des NSU als abgeschottetes Terror-Trio endgültig hinfällig.

Von Patrick Gensing

Bislang ist es lediglich eine Spur, doch diese könnte noch einmal viel Licht in den NSU-Komplex bringen. Einem Bericht des „Focus“ zufolge verfolgt die Bundesanwaltschaft neue Spuren beim letzten Banküberfall der Neonazi-Terrorgruppe in Eisenach. Fahnder vermuten dem Bericht zufolge, dass der Jenaer Neonazi André K. die NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November 2011 begleitet haben könnte.

Andre K. als Kontaktperson für den THS, der sich bereits in den 1990er Jahren dem Kampf gegen "Döner" verschrieben hatte.
Andre K. als Kontaktperson für den THS.

Andrè K. gilt seit Jahren als ein führender Neonazi der Szene in Jena und Thüringen, er war Mitglied der NPD und bei dem Thüringer Heimatschutz aktiv, bei dem auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe waren. Andrè K. wurde mehrfach verurteilt, allerdings lediglich zu Bewährungs- oder Geldstrafen. Andrè K. kooperierte auch mit dem ehemaligen V-Mann und Neonazi Thomas Dienel. Andrè K. ist zudem ein langjähriger Weggefährte von Ralf Wohlleben, der ab April in München gemeinsam mit Beate Zschäpe vor Gericht stehen wird. Andrè K. war seit dem Bekanntwerden des NSU-Terrors bereits mehrfach in den Blick der Ermittler geraten, da er immer wieder als ein Akteur des mutmaßlichen Unterstützernetzwerks genannt wurde. So soll Andrè K. laut Ermittlungsakten angeblich im Jahr 1998 bei NPD-Funktionär Frank Schwerdt in Berlin gewesen sein, um Adressen für eine mögliche Flucht der untergetauchten Kameraden zu organisieren. Auch bei weiteren Hilfsmaßnahmen soll er eine Rolle gespielt haben. Weitere Infos bei Haskala.

Erstaunlich ist an der Geschichte, dass es sich um eine neue Spur handeln soll, immerhin wird Andrè K. seit Monaten zum erweiterten mutmaßlichen Unterstützerkreis gezählt. Fakt ist: Die Bundesanwaltschaft hat die Wohnung von Andrè K. in Jena durchsuchen lassen, nach Informationen aus Jena am 9. Februar 2013.

K. und Zschäpe offenbar zeitgleich online

Dem Focus-Bericht zufolge wurde auch das Fahrzeug von Andrè K. durchsucht und ein Handy sowie Unterlagen beschlagnahmt. Laut Ermittlungsakten loggte sich die auf Andrè K. registrierte Handynummer an jenem 4. November zwischen 13.54 Uhr bis 14.06 Uhr in einer Mobilfunkzelle nahe des Wohnmobils ein, in das Böhnhard und Mundlos nach ihrem Überfall geflüchtet waren.

Mit seinem Handy soll Andrè K. eine Internetverbindung zu Zschäpe hergestellt haben. Es bestehe der Verdacht, dass er sie über die Situation in Eisenach informiert habe, hieß es. Allerdings sollen sich Mundlos und Böhnhardt bereits gegen 11:30 Uhr erschossen haben. Gleichzeitig würde es zeitlich bestens zu der Zerstörung der Wohnung in Zwickau passen, die Zschäpe zwischen 15 Uhr und 16 Uhr in Brand gesteckt haben soll. Und: Zschäpe soll in der Wohnung bis 14:20 Uhr online gewesen sein, da klappte sie den Laptop zu… Die Berliner Zeitung bemerkte dazu:

In dieser Zeit, vermutlich in den 54 Minuten zwischen 13.26 und 14.20 Uhr, muss sie aus zuverlässiger Quelle vom Tod ihrer Freunde erfahren haben. Aber wie? Im Internet gab es bis dahin keine Meldung über die Vorgänge in Stregda. So bleibt nur eine Erklärung dafür, dass Zschäpe die Wohnung in Brand steckt, um alle Spuren zu vernichten: Eine vierte Person, die von den Geschehnissen aus erster Hand wusste, muss es ihr mitgeteilt haben.

Ob K. den Kontakt via SMS, Email, Chat oder anders aufgenommen haben soll, ist bislang unklar.

Anruf noch immer ungeklärt

Auch danach sind noch viele Fragen offen: So erhielt Zschäpe kurz nach der Sprengung der Wohnung, bevor die Polizei sie als Mieterin ausfindig gemacht hatte, einen Anruf – von einem Telefonanschluss, der auf das sächsische Innenministerium registriert ist. Dies geht aus einer vorliegenden Telefonliste hervor. Das sächsische Innenministerium sagte bereits vor Monaten eine umfassende Aufklärung zu – bislang blieb es bei der Ankündigung.

Bei Funkzellenabfragen bei den Ermittlungen zum NSU wurden mehr als 20 Millionen Funkzellendatensätze und fast 14.000 Datensätze über Anschlussinhaber erhoben, gespeichert und zusammengeführt, berichtete Netzpolitik.org.

K.s Anwalt behauptet, sein Mandant sei am 4. November 2011 zufällig in der Nähe des Wohnmobils gewesen. Dies erscheint durchaus möglich: K. ist als Unternehmer in der Region aktiv, zudem hat er Bekannte in Eisenach.

Die Bundesanwaltschaft teilte nach Angaben des MDR zudem mit, die Ermittlungen deuteten „auf einen unverfänglichen Grund für den Aufenthalt des Beschuldigten in dieser Funkzelle hin und haben den Tatverdacht mithin relativiert“.

Klar ist aber: Es muss am 4. November 2011 eine Verbindung von Eisenach nach Zwickau gegeben haben. Die zeitliche Übereinstimmung des Einloggens in die Funkzelle von K.s Mobiltelefon sowie der Computernutzung von Zschäpe an jenem 4. November lässt es plausibel erscheinen, dass K. der dritte Mann in Eisenach war.

Terrornetzwerk

Sollte K. tatsächlich der dritte Mann in Eisenach gewesen sein, hätte dies weitreichende Folgen für die weitere Bewertung des NSU-Komplexes. Von einem „Terror-Trio“ kann dann endgültig nicht mehr gesprochen werden. Angesichts der zahlreichen mutmaßlichen Unterstützer ist es ohnehin angemessener, von einem Terror-Netzwerk auszugehen. Die NPD war in Jena der parlamentarische Arm des Thüringer Heimatschutzes, der NSU wäre mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe sowie mutmaßlich Wohlleben und K. der terroristische Arm der Neonazi-Organisation geworden. Eine Organisation, die maßgeblich von einem V-Mann des Verfassungsschutzes und mit Geld des Inlandgeheimdienstes aufgebaut wurde.

Siehe auch: NSU: Schwache Erkenntnislage im Nordosten, Verdacht auf Kumpanei zwischen VS und Neonazis, NPD-Jena und NSU: Aus einem braunen Ei geschlüpft, alle Meldungen zum Rechtsterrorismus.