Abschied eines Überlebenden

Im Jahr 1970 qualifizierte sich Israel zum einzigen Mal für eine Weltmeisterschaft, verantwortlich dafür war Emanuel »Eddy« Schaffer. Der Schoah-Überlebende setzte als Trainer mit dem Nationalteam ein deutliches Lebenszeichen und leistete zudem Pionierarbeit im deutsch-israelischen Verhältnis. Am 30. Dezember ist Schaffer nach langer Krankheit verstorben.

Von Ralf Piorr

Zuerst erschienen in der aktuellen Ausgabe des österreichischen Fußballmagazins ballesterer

Drückend liegt die Sonne auf Ramat Hasharon nördlich von Tel Aviv. Schabbat, der letzte Tag der Woche, die meisten Geschäfte sind geschlossen, die Straßen leer. Vor dem Haus der Straße Nach­shon 46 trotzt ein knorriger Olivenbaum der brütenden Hitze. Hinter heruntergelassenen Jalousien wartet Emanuel »Eddy« Schaffer, Vertriebener und Überlebender des 20. Jahrhunderts, auf seinen Gast. Aufgewachsen ist er im Ruhrgebiet zwischen Bergarbeitersiedlungen und Fördertürmen, ein Selfmademan, israelischer Patriot, nachdem seine Familie in der Schoah ermordet wurde, Fußballtrainer. 1970 hat Schaffer die israelische Nationalmannschaft zu ihrer einzigen WM-Teilnahme geführt. Die Amateure aus Tel Aviv und Haifa gegen die Weltelite mit Pele, Beckenbauer, Bobby Moore und Co.

Emanuel "Eddy" Schaffer, Foto: Ralf Piorr
Emanuel „Eddy“ Schaffer, Foto: Ralf Piorr

Lebenszeichen
Dabei begann Schaffers Engagement beim israelischen Nationalteam mit einem Missverständnis. Als er seinen WM-Kader beisammenhatte, erklärte er, dass man fortan dreimal trainieren werde. »An welchen Tagen denn?«, fragten die Spieler. »Ich war verblüfft«, sagt Schaffer an diesem sonnigen Juli-Samstag 2011, und ein Lächeln umspielt seinen Mund. »Ich habe natürlich dreimal täglich gemeint.« Als Trainer schwor er auf »deutsche« Fußballtugenden wie taktische Disziplin und körperliche Fitness. Mit seinen professionellen Trainingsmethoden revolutionierte er den israelischen Fußball. So begannen der Trainer, der »der Deutsche« genannt wurde, und seine Mannschaft ihre Mission. »Was haben Sie sich von der WM erhofft?«, frage ich. Schaffer zögert mit seiner Antwort, das Sprechen fällt ihm schwer. Er leidet unter den Folgen eines 1998 erlittenen Schlaganfalls, hinzu kommt ein inoperabler Gehirntumor, der das Sprachzentrum zunehmend beeinträchtigt. »Was haben Sie erhofft?«, frage ich erneut. Als er die richtigen Worte gefunden hat, presst er sie fast heraus: »Dass wir zeigen können, dass wir auch eine Fußballmannschaft sind. Dass wir zeigen können, dass wir leben.«

Die deutschen Jahre
Schaffer verbrachte seine ersten Lebensjahre in Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet, wo seine Familie wenige Wochen nach seiner Geburt am 11. Februar 1923 im polnischen Drohobycz hingezogen war. Der Vater, Moses Schaffer, verdingte sich als Handlungsreisender. Eddy lernte in der jüdischen Grundschule Lesen und Schreiben, auf dem Weg dorthin kickte er mit allem, was ihm im Weg lag. »Zu Hause hat es dann oft Ärger wegen der kaputten Schuhe gegeben.« Seine Leidenschaft für den Fußball war erwacht. Als Adolf Hitler und die NSDAP 1933 in Deutschland an die Macht kamen, erkannte der Vater die Gefahr. Die Familie verließ das Ruhrgebiet und kehrte nach Stationen im französischen Metz und dem Saarland 1936 ins ostpolnische Galizien zurück.

Eddy besuchte in Drohobycz das Gymnasium und spielte erstmals in einem richtigen Verein: Betar Drohobycz, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. Die Familie lebte im Milieu jener Dörfer und Kleinstädte, in denen das jiddische Leben zwischen Rabbiner und Nebbich pulsierte. Einem Milieu, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausgelöscht werden sollte. Als die deutsche Wehrmacht im September 1939 Polen überfiel, waren die Schaffers im von der Roten Armee besetzten Teil des Landes noch geschützt. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gerieten auch sie in den Fokus von Verfolgung und Vernichtung. Nur Eddy entkam dem deutschen Zugriff: »Ich war in der Schule, als die Nachricht gekommen ist. Die Russen sind alle weggelaufen, also bin ich einfach mitgerannt.« Er erkrankte an Diphtherie und Typhus, kam nach Alma Ata in Kasachstan, wurde in einem Arbeitslager interniert, werkte in einer Schuhfabrik und spielte Fußball bei Dynamo Alma Ata. Dann erfuhr er, dass seine Eltern und seine drei Schwestern bei einem Massaker in Stanislawow von den Deutschen ermordet worden waren. Im hohen Alter kehrte Schaffer Mitte der 1990er Jahre in das ländliche Galizien zurück, wo es zwar neue Straßen und Dorfzentren gab, aber keinen Ort zum Gedenken. Mit seiner Unterstützung, so erzählt er, wurde 2003 der jüdische Friedhof von Stanislawow restauriert und eine Gedenktafel für die ermordeten Familienmitglieder angebracht.

Der Rest ist Schweigen. Nicht ein Schweigen aufgrund der Mühen beim Sprechen, sondern das viel ältere Schweigen angesichts der zahllosen Toten. Auch seinen Söhnen hat Schaffer kaum etwas vom Schicksal seiner Familie erzählt. »Über Polen und die Schoah habe ich alles nur aus zweiter Hand erfahren«, sagt Moshe Schaffer, der sonst die Geschichten des Vaters präzise fortführen kann, wenn diesem einmal die Worte abhanden kommen.

»Niemand kam gesund zurück«
Nach Kriegsende kehrte Emanuel Schaffer aus Kasachstan nach Polen zurück, ein unerwünschter Überlebender, der im Antisemitismus der Nachkriegszeit kein Zuhause mehr hatte, mit vielen Sprachen aufgewachsen und doch ohne Muttersprache. »Am besten konnte ich noch Deutsch«, sagt er mehr als 60 Jahre später. Schaffer wollte nach Palästina auswandern, aber fehlende Papiere und ein von der britischen Mandatsmacht verhängter Einwanderungsstopp hielten ihn in Polen fest. Dort begann seine Karriere als Fußballer. Er spielte bei ZKS Bielawa, einem jüdischen Sportverein, und in der niederschlesischen Fußballauswahl – bis 1949 die polnische Regierung das jüdische Vereinswesen verbot. Als Schaffer in die polnische Armee eingezogen werden sollte, setzte er sich schließlich ab. Über die Tschechoslowakei, Österreich und Italien landete er 1950 völlig mittellos im jungen Staat Israel.

Trotz der erfolgreichen Flucht ließ ihn das alte Leben nie los. Viele Jahre später fragte ihn ein Sportjournalist, warum er beim Training immer so fluchen würde. »Ich weiß, ich bin verrückt«, soll Schaffer geantwortet haben. »Aber du musst wissen, dass, wer auch immer da war und überlebt hat, verrückt zurückgekommen ist. Auch die, die glauben, sie sind normal, sind verrückt. Niemand ist gesund zurückgekehrt.«

Im Trikot von Hapoel Haifa trat Schaffer wieder gegen den Ball, arbeitete tagsüber als Mechaniker im Hafen und debütierte als 33-Jähriger in der Reserve der Nationalmannschaft. Der Fußball sollte seine Zukunft sein: »Ich habe davon geträumt, Trainer zu werden.« Und von wem konnte man besser lernen als vom amtierenden Weltmeister? 1958 kehrte Schaffer nach Deutschland zurück, um an der Sporthochschule Köln das Trainerdiplom zu machen. Leiter des Lehrgangs war Hennes Weisweiler, der bis 1970 als Hochschuldozent das internationale Renommee der DFB-Trainerausbildung begründete und sich danach als einer der besten Vereinstrainer der Welt etablierte. Um Erfahrungen zu sammeln und den Kurs zu finanzieren, trainierte Schaffer gleichzeitig den Verbandsligisten Rhenania Würselen.

Diplomaten in kurzen Hosen
Berührungsängste mit Deutschland, dem Land der Täter, hatte Schaffer nicht. In den 1970er Jahren liefen viele deutsch-israelische Fußballkontakte über ihn, auch in der Wirtschaft. Schaffer baute eine israelische Vertretung des Sportartikelherstellers Adidas auf. Später gelang ihm sogar das Kunststück, auch die Vertretung für die Konkurrenzmarke Puma zu ergattern.

Nach Israel zurückgekehrt, trainierte er die Mannschaft der Luftwaffe und anschließend das Nachwuchsnationalteam. 1967 wurde Schaffer zum Teamchef ernannt. Parallel dazu baute er eine Trainerschule nach deutschem Vorbild auf. Mit seinem Mentor Weisweiler, der mittlerweile bei Borussia Mönchengladbach mit jungen Spielern das »Fohlenwunder« eingeläutet hatte, hielt er Kontakt. So entstand eine Reihe von Gastspielen der Gladbacher in Israel. Das erste fand am 28. Februar 1970 vor 30.000 Zuschauern im ausverkauften Bloomfield-Stadion in Tel Aviv statt. Borussia gewann 6:0, und die Zuschauer feierten Netzer & Co. mit stehenden Ovationen. »Also, ich verstehe die Welt nicht mehr! Wir mühen uns jahrelang in kleinen Schritten um Wiederherstellung des Vertrauens zu uns Deutschen, wohingegen Sie nur 45 Minuten benötigen, um einen Freudentaumel auszulösen«, soll ein Vertreter der deutschen Botschaft bereits in der Halbzeitpause zu Gladbachs Geschäftsführer Helmut Grashoff gesagt haben. Die diplomatische Verwirrung war durchaus zu verstehen. Ein Jahr später bei der ersten Deutschen Kulturwoche in Tel Aviv wurden Günter Grass und andere als progressiv geltende Literaten noch mit Tomaten und Eiern beworfen.

Die Gladbacher hingegen kehrten schon im Dezember 1970 zu einem zehntägigen Besuch zurück und bewährten sich als Diplomaten in kurzen Hosen, Helmut Grashoff und Schaffer verband fortan eine enge Freundschaft, die auch den ersten Israeli aus dem WM-Kader in die Bundesliga brachte: Shmuel Rosenthal debütierte im September 1972 am Bökelberg.

Helden für drei Millionen
Als wir auf die Weltmeisterschaft 1970 zu sprechen kommen, kehrt Schaffers charismatische Präsenz für Augenblicke zurück. Obwohl ihn jeder Satz sichtlich Energie kostet, beginnt er zu erzählen. »Alle haben mit drei klaren Niederlagen gerechnet. Das erste Spiel ist auch nicht gut gelaufen. Für die Beobachtung des Gegners hat der Verband kein Geld mehr gehabt. Wir sind also fast blind in das Spiel gegen Uruguay gegangen und haben 0:2 verloren. Gegen Schweden und Italien waren wir besser vorbereitet und haben unentschieden gespielt«, sagt er. »Bei unserer Rückkehr sind die Spieler wie Helden empfangen worden. Sie haben nicht für Geld, sondern für ihr Land gespielt. Wir haben für drei Millionen Menschen einen echten Erfolg errungen.«

Kapitän der Mannschaft war Mordechai Spiegler, der später gemeinsam mit Pele und Beckenbauer bei New York Cosmos kickte. Spiegler scherzt gerne, er habe alle WM-Tore Israels erzielt, was stimmt, auch wenn es nur das eine am 7. Juni 1970 gegen Schweden war. Wenn er ernsthafter über die WM-Teilnahme Israels redet, ist er eindeutig: »Der Vater des damaligen Erfolgs war unser Trainer Eddy Schaffer.« Respekt erntete der Coach auch von anderer Seite. Der italienische Stürmerstar Luigi Riva, Vizeweltmeister von 1970 und beim WM-Spiel gegen Israel im Einsatz, begrüßte ihn Jahre später mit den Worten: »Ich erinnere mich an Sie! Wir haben uns damals fast in die Hosen gemacht, dass wir gegen Ihre Mannschaft verlieren könnten.«

Nach anderthalb Stunden Gespräch ist Eddy Schaffer von den vielen Fragen ermüdet. Die Bilder an den Wänden seines Wohnzimmers zeugen von einer bewegten Biografie: Schnappschüsse mit der Fußballprominenz aus aller Welt, Lithografien mit Schtetl-Motiven und eine Tuschezeichnung der Recklinghäuser Altstadt. »Was soll ich Ihnen erzählen? Ich bin geblieben und ich lebe«, sagt Schaffer irgendwann und hebt ein wenig ratlos seine Hände. In den folgenden Monaten versank er immer tiefer in der Krankheit. »Wir haben uns Stück für Stück verabschieden müssen. Es war eine sehr schwere Zeit für meinen Vater und die ganze Familie«, sagt Moshe Schaffer über das vergangene Jahr. Am 30. Dezember 2012 starb »Eddy« Schaffer im Alter von 89 Jahren in Ramat Hasharon. An seinem Grab sagte Avi Luzon, der Präsident des israelischen Fußballverbands: »Er war der größte Trainer, den wir je hatten.«

3 thoughts on “Abschied eines Überlebenden

  1. Emanuel „Eddy“ Schaffer war ein großartiger Mensch und ein Kämpfer mit beeindruckender Biographie. Als traurigster Höhepunkt seines Lebens war die Ermordung seiner Familie durch die Nazis in der Schoah !

    Sein Engagement als Trainer der israelischen Nationalelf war unübertroffen.
    Da kann man sich nur den Worten von Avi Luzon, Präsident des israelischen Fußballverbands anschließen :

    „Ja, er war der größte Trainer, den wir je hatten.“

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