Der Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen

Erinnern und Gedenken auf saarländisch:  Seit dem Jahr 2000 wird in Völklingen bei Saarbrücken (40.000 Einwohner) über den Namen des Stadtteils Hermann-Röchling-Höhe diskutiert. Damals hatte eine ARD-Reportage die Taten des Industriellen zur Nazizeit thematisiert, der Zwangsarbeitertransporte organisiert hatte und sogar als Kriegsverbrecher verurteilt worden war. Am 30. Januar beschlossen SPD, CDU und FDP: Lediglich der Vorname wird gestrichen – obwohl auch weitere Mitglieder der Familie Röchling aktiv an Naziverbrechen beteiligt waren.

Von Elke Wittich

Adolf Hitler und Hermann Röchling (Foto: Sammlung Luitwin Bies / hermann-roechling.de/)
Adolf Hitler und Hermann Röchling (Foto: Sammlung Luitwin Bies / hermann-roechling.de/)

Dass der Mann ein Kriegsverbrecher war, ist den damaligen Völklinger Politikern nur zu gut bekannt gewesen, als sie 1956 anlässlich seines ersten Todestages ein ganzen Stadtteil nach ihm benannten. Der Industrielle Hermann Röchling war nicht nur 1919 wegen der Zerstörung französischer Fabriken in Abwesenheit zu „schwerem Kerker“ verurteilt worden, sondern hatte auch erst sechs Jahre vor der Umbenennung vor Gericht gestanden. 1949 war er von einem französischen Militärgericht in Rastatt zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, nachdem man ihn an „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, unter anderem „Einfluss auf Verschleppung zur Zwangsarbeit“ für schuldig befunden hatte. Ins Gefängnis musste der ehemalige „Wehrwirtschaftsführer“ jedoch nicht, Röchling verbrachte lediglich zwei Jahre so genannter Ehrenhaft in einem Freiburger Diakonissenheim.

Der bekennende Antisemit, der sich schon früh bei Hitler schriftlich dafür einsetzte, dass aus dem Saarland nach 1935 kein „jüdischer Naturschutzpark“ werde und der ihn bereits 1936 in einer Denkschrift zum Krieg gegen die Sowjetunion aufforderte, um „das Judentum der Welt“ zu bekämpfen, durfte allerdings nicht mehr ins Saarland zurückkehren. Das Unternehmen „Völklinger Hütte“ wurde der Familie nach seinem Tod zurückgegeben – die Leitung übernahm Neffe Ernst Röchling, der in Rastatt zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Gründe für eine Umbenennung gibt es reichlich

Einen nach einem verurteilten Kriegsverbrecher benannten Stadtteil wollten viele Völklinger spätestens nach einer ARD-Reportage über die Taten Röchlings im Jahr 2000 nicht länger dulden. Der Industrielle hatte die Siedlung auf den ehemaligen Bouser Höhen zwar 1937 für seine Arbeiter gebaut, gleichzeitig aber eben auch Transporte von Zwangsarbeitern zu den metallverarbeitenden Fabriken an Rhein und Saar organisiert. In seinem Werk, der Völklinger Hütte, hatte Röchling nicht nur einen aus SS-Männern bestehenden Werkschutz mit der Aufsicht über die Verschleppten betraut, sondern auch ein Schnellgericht installieren lassen, das Verurteilte ins Lager Etzenhofen (oder auch gleich in eines der Vernichtungslager) überstellen ließ. In diesem Straflager waren die Zustände derart grauenvoll, dass sich Augenzeugen-Berichten zufolge einmal sogar die durch die Schreie der Misshandelten verstörten Anwohner auf einem benachbarten Hügel versammelten, um die Wachmannschaften zu beschimpfen.

Gründe, den Stadtteil umzubenennen, hätte es also reichlich gegeben. Nach einem Vorstoß der Linkspartei Anfang 2012 sah es auch zunächst so aus, als könne der Kriegsverbrecher-Name vom Stadtplan verschwinden und der Ortsteil wieder als „Bouser Höhen“ firmieren. Benannt war der Ortsteil ursprünglich nach dem Nachbarort Bous benannt – das im Übrigen aufgrund des ou im Namen den Nazis zu französisch klang, weswegen sie die Ortsbezeichnung 1935 in Buß änderten. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs heißt die mit rund 7,6 Quadratkilomtern kleinste saarländische Gemeinde wieder Bous. Auf den historischen Namen konnten sich die Lokalpolitiker allerdings nicht einigen, und eine Volksabstimmung wollte man schon gar nicht, da angeblich mehr als 90 Prozent der Einwohner die Hermann-Röchling-Höhe beibehalten wollen. Zusätzlich versuchte man mit eigenartigen Argumenten Stimmung zu machen, unter anderem mit der Behauptung, dass eine Umbenennung den Status der Völklinger Hütte als Weltkulturerbe gefährenden würde. Die Unesco wies diese Behauptung allerdings als unzutreffend zurück.

„Linke Intriganten“

Wie die „Stimmung“ bei einigen semi-prominenten Saarländern ist, macht ein Brief von Micha Schneider, seines Zeichen Chefredakteur des lokalen Anzeigenmagazins „Saar Revue“ deutlich. Er schrieb über die Initiative zur Umbenennung des Stadtteils:

„Es ist leider kein Aprilscherz, was sich diese Linken erlauben: DEN allgemein anerkannten Wohltäter und DIE soziale Instanz in Völklingens Vergangenheit, den Stahlunternehmer Hermann Röchling, haben die offenbar gelangweilten Weltverbesserer als NAZI ausgemacht, weil er Waffen herstellte, was alle Stahlunternehmer jener Zeit taten, bzw. tun mußten, und nerven somit die bereits durch andere Probleme Völklingens gestreßte Bevölkerung mit der geplanten Namensänderung der Hermann-Röchling-Höhe. Es ist eine Schande, wie diese selbstgerechten, geschichtsklitternden Typen mit dem Andenken von verdienten Menschen umgehen, die weit davon entfernt waren, verbrecherische Taten vollzogen zu haben. Alles nur, um von den weltweiten scheußlichen Verbrechen der Kommunisten und ihrer Schergen vor dem 2. Weltkrieg, während des Krieges und danach abzulenken. Wir sollten doch alle mal darüber nachdenken, ob wir uns weiterhin von diesen linken Intriganten auf der Nase herumtanzen lassen.“

SPD, CDU und FDP erreichten am 30. Januar 2013 einen aparten Kompromiss: Der Vorname wurde gestrichen. Nun soll der Orteil in Erinnerung an die angeblich großen Verdienste der Familie nur noch Röchling-Höhe heißen. Die jedoch, so der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Saarland, Peter Bermann, insgesamt „vielfältig in die Kriegsmaschinerie verstrickt war“ – unter anderem war schließlich auch dem Neffen und dem Schwiegersohn Hermann Röchlings der Prozess gemacht worden. Beide wurden ebenso wie zwei Direktoren der Werkes als Kriegsverbrecher für schuldig befunden. Wenn man bedenkt, wie wenig Unternehmer insgesamt überhaupt verurteilt  wurden, kann man ermessen, dass die Röchlings insgesamt in erheblichem Umfang an Nazi-Verbrechen beteiligt waren.

Röchlings Verteidiger war übrigens Otto Kranzbühler, der bei den Nürnberger Prozessen auch Karl Dönitz vertreten hatte. Der Jurist sollte auch später für die Familie Röchling arbeiten, unter anderem war er noch als 78-Jähriger im Aufsichtsrat bei Rheinmetall (heute Saarstahl), das 1956 von der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke GmbH übernommen worden war. Als Lobbyist versuchte er darüber hinaus bereits in den fünfziger Jahren, Schadenersatzforderungen ehemaliger Zwangsarbeiter in der deutschen Industrie mittels Gesetzesänderungen zu verhindern.

Siehe auch: Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannMössinger Generalstreik: vorbildlich, aber einzigartigDas Akademische Karussell: Von der Propaganda zur ErkenntnisFußnote* zur Geschichte des Nationalsozialismus,  Opferverband UOKG: Aufrechnen statt AufarbeitenDer Zeitgeist und Helmut Kohls geistig-moralische WendeFleischgewordene geistig-moralische WendeRechtsextremismus, Rechtsterrorismus und GeschichtspolitikEichmanns Rolle: “Die ultimative Kollektivunschuldthese”Die gewonnene Ehre des Revisionisten Konrad Löw,

6 thoughts on “Der Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen

  1. Freundschaft,

    der Stadtteil hieß ursprünglich „Bouser Höhe“. Vielleicht gleicht ihr das im Artikel gerade an.

    Ansonsten ist es schade, dass das Thema erst für Wirbel sorgt, nachdem alles gelaufen ist. Wir haben im Vorfeld versucht die Entscheidung zu Beeinflussen, aber leider war die andere Bürgerinitiative, die sich für die Beibehaltung einsetzte auch gut aufgestellt.

    Gleichzeitig hat die CDU die SPD derart unter Druck gesetzt, dass sie schlicht und ergreifend eingeknickt ist.

    Völklingen ist leider auch echt ein Rechtes Pflaster. Dort hat die NPD ihre stärkste Hochburg im Saarland.

    MsG
    Philipp

  2. Hallo Philipp,

    es gab durchaus auch Berichte im Vorfeld, erinnere mich an einige Berichte, die jeweils auch in größeren Abständen erschienen sind. Aber in die großen Publikationen hat es das Thema nicht geschafft, stimmt schon.

    Zum Artikel:
    „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“
    Warum wird im deutschen Sprachraum immer dieser Euphemismus benutzt, Verbrechen gegen die Menschheit wäre passender. Hannah Arendt schrieb dazu:

    „Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat die ‚Verbrechen gegen die Menschheit‘ als ‚unmenschliche Handlungen‘ definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ geworden sind; als hätten es die Nazis lediglich an ‚Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.“

  3. Natürlich heißt der Stadtteil nicht Hermann Röchling-Höhe, er ist ja kein Mann mit einem dieser Doppel-Nachnamen, sondern Hermann-Röchling-Höhe. Schulljung.

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