Amazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was?

Das halbe Land empört sich über Amazon – und viele Menschen brechen hektisch ihre Geschäftsverbindungen zum Online-Retail-Riesen ab. Gleichzeitig ekelt man sich vor Pferdefleisch in der Lasagne, das man offenbar geschmacklich vom Rind gar nicht unterscheiden konnte. Und kaum ist die erste Empörung auf dem Markt, sind auch sie schon da: Die linken Besserwisser, die sich über die Empörten lustig machen und lauthals „Hey baby, that’s capitalism!“ rufen – als wäre damit schon alles oder auch nur irgendwas gesagt. Ladies and Gentlemen: Weder noch!

Von Andrej Reisin & Andreas Strippel

Amazon-Versandhaus in Leipzig (Foto: Medien-gbr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Amazon-Versandhaus in Leipzig (Foto: Medien-gbr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Für die einen ist Kritik an bestimmten, besonders krassen Phänomenen von Ausbeutung und Konsumentenbeschiss bereits Kapitalismuskritik, für die anderen ist die Kritik an Amazon & Co. dagegen läppisch, weil sie keine Kritik am Kapitalismus ist. Beide Positionen verstecken sich hinter einem großen Zusammenhang, um sich nicht politisch mit der Gegenwart auseinanderzusetzen. Der Skandal um Pferdefleisch in Discounter-Fastfood und die Empörung über die Arbeitsbedingungen bei Amazon zeigen in Wirklichkeit, wie schlecht der Zustand der Kritik hierzulande ist. Es bleibt bei einem Austausch von Banalitäten, moralischen Empörungen und ideologischen Selbstversicherungen.

Denn natürlich ist es ein Skandal, wenn bei einem so anfälligen Lebensmittel wie Fleisch die Kontrollkette nicht funktioniert. Aus gutem Grund sollte die Herkunft von Fleischprodukten einwandfrei nachvollziehbar sein, denn Fleisch ist nun einmal extrem anfällig für hochgefährliche Bekeimung, um nur mal einen Grund zu nennen. Auch die Nicht-Verarbeitung von Tiermehl u.ä., welches im Verdacht steht, BSE-CJD auszulösen, soll so sichergestellt werden – und natürlich auch, dass keine Tiere in den Verzehr gelangen, die aufgrund von Tierseuchen gekeult wurden oder aus der Arzneimittelforschung kommen. Außerdem sollten Schlachttiere eben nicht krank, alt, mit Medikamenten vollgepumpt oder mit Fadenwürmern im Muskelgewebe verseucht sein. Selbst wenn all dies bei dem infrage stehenden Pferdefleisch nicht der Fall sein sollte, so ist das scheinbar mühelose Einspeisen von Fleisch ungeklärter Herkunft in die Nahrungskette aus allen genannten Gründen trotzdem ein erhebliches Problem.

Lebensmittelsicherheit diesseits und jenseits von „Kapitalismuskritik“

Zu niedlich, um es zu essen? Hauspferd auf der Weide. (Foto: Philipp Guttmann / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Zu niedlich, um es zu essen? Hauspferd auf der Weide. (Foto: Philipp Guttmann / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Denn im Gegensatz zum vermeintlichen „Common Sense“ veganer und anderer Kritiker der Lebensmittelindustrie und ökologisch angehauchter Bio-LOHAS-Kunden sind Lebensmittel in der EU außergewöhnlich sicher. Die vermeintlich kritisch-aufgeklärte Klientel hat bloß vergessen, wie viele Menschen früher an verdorbenen Lebensmitteln schlichtweg krepiert sind wie die Fliegen. Und nein, wir reden hier nicht vom Mittelalter, sondern von großen Epidemien bis weit ins 20. Jahrhundert, mitten in Europa. Antibiotika und die Konserven der bösen Industrie setzten dem weitgehend ein Ende. Heutzutage allerdings legen Verbraucher hierzulande extrem viel Wert auf Frisch- und/oder frisch eingefrorene Tiefkühl-Ware. Und dennoch gibt es kaum „echte“ Lebensmittel-Skandale, mit vielen Kranken und Toten. Eine Ausnahme, über die mittlerweile überraschend wenig gesprochen wird, ist der bis heute nicht restlos aufgeklärte EHEC-Skandal von 2011, der durchaus der Supergau der Bio-Branche gewesen sein kann – was die meisten aber offenbar nicht so genau wissen wollen.

Lieber ereifert man sich über Pferdefleisch. Jenseits der moralischen Empörung, die sicherlich davon abhängt, ob das Glück nach eigener Einschätzung nun auf dem Rücken der Pferde liegt oder nicht, ist die Aufregung durchaus gerechtfertigt. Jedes Schlachttier hat einen Chip bzw. eine Marke, die Geburt, Aufzucht, Schlachtung und weitere Verarbeitung dokumentieren und nachvollziehbar machen soll. Dass dieses System offenbar problemlos unterlaufen werden kann und wird, ist ein Missstand, der abgestellt werden muss. Warum man dieses Ziel nicht verfolgen kann, wenn nicht gleichzeitig Massentierhaltung, Tierquälerei und Kapitalismus abgeschafft werden, erschließt sich dagegen nicht.  Da nützt es nichts darauf zu verweisen, dass Etikettenschwindel so alt ist wie die Warenproduktion, vielleicht sogar älter. Mit dem Verweis auf den allgemeinen Charakter eines Problems wird die Diskussion darüber abgewehrt.

Amazon: Wenn der Neoliberalismus „Thor Steinar“ trägt

In der Causa Amazon funktioniert die Abwehrstrategie ähnlich: „Sklavenhandel? Dies ist MARKTWIRTSCHAFT!„, schreit das Blog „Lichterkarussell“ (als ein Beispiel unter vielen) in Großbuchstaben und erklärt gleich die gesamte französische Revolution umstandslos zur „Revolution des Bürgertums, also – stark vereinfacht und auf heute übertragen – der Amazon Geschäftsführung.“ Müssen wir da noch über Feudalismus und Absolutismus und den Hunger der Massen in Paris um 1789 reden? Oder ist das schon egal? Hier wird Erkenntnis zum zynischen Schutzschild. Auch wenn der Kapitalismus ein strukturelles Ausbeutungsverhältnis ist, macht es für die Betroffenen einen gewaltigen Unterschied, ob sie mit Tarifvertrag, sozialer Absicherung und gutem Lohn arbeiten – oder ob sie mit anderen Leiharbeitern zusammengedrängt leben und obendrein von Schränken eines „Sicherheitsdienstes“ (sic!) in Thor-Steinar-Klamotten schikaniert und bedroht werden.

Dass die Probleme mit einem moralischen Aufschrei nicht gelöst werden, weil sie struktureller Art sind, ist eine wichtige Ausgangsposition von Kritik – aber eben nicht ihr Ende. 15 Jahre Sozialabbau und „neoliberale“ Krisenbewältigung haben nicht nur Amazon hervorgebracht. Der alte Gag aus den „Roaring Nineties“ zum „Jobwunder“ in den USA („Clinton hat X-Millionen neue Jobs geschaffen – und ich habe drei davon“), ist eben kein Witz mehr, sondern brutale Realität einer Krise, die immer mehr Reichtum für wenige und immer mehr Armut für viele produziert. Dass vielen Linken dagegen nicht mehr einfällt als der lapidare Verweis auf „den Kapitalismus“, offenbart das intellektuelle Elend einer aus der Oberschicht und dem Akademikermilieu stammenden Argumentation, die seit jeher das Subproletariat verachtet, weil es zu blöd sei, um sich „vernünftig“ zu organisieren. Da wird aus der sozialen Frage mal eben sozialer Dünkel.

Der Verweis auf „den Kapitalismus“ ist dabei ähnlich sinnvoll wie der Verweis auf die Schwerkraft: Aussagen, die immer richtig zu sein scheinen, haben keine Erklärungskraft mehr. Arbeitsbedingungen, die durch Hartz IV, Euro-Krise, Betrug und Schikane zustande kommen und eine Art de facto-Zwangsarbeit darstellen, resultieren eben nicht per se und ohne Umschweife aus der strukturellen Gewalt kapitalistischer Produktion. Sondern sie sind eine Folge spezifischer (De-)Regulierung. Und natürlich lohnt es sich, darum arbeitsrechtlich, gewerkschaftlich und medial zu kämpfen. Ansonsten wird die berechtigte Kritik an verkürzter Kapitalismuskritik selbst zur Ideologie.* Es mag sein, dass „der Kapitalismus das Problem ist“ – aber diese Banalität entspricht der landläufigen Missdeutung des Adorno-Zitats, wonach es „kein richtiges Leben im falschen“ gäbe. Denn damit war eben keinesfalls gemeint, dass Kritik an konkretem Elend banal und nutzlos sei – sondern es sollte die Wichtigkeit betont werden, sich den Sinn für das Richtige nicht nehmen zu lassen.

Siehe auch: Sparen gegen die Demokratie“How to change the world” – Zum Tod von Eric HobsbawmYuppies raus…?!Ökonomie und IdeologieDer naive Staatshass der SchlankheitsideologenUtopien des PrivatenFreiheit oder OrdnungGreifbare Perspektiven für eine bessere WeltMöllemann, Kapitalismuskritik und PiratenschelteIdeale in der radikalisierten Leistungsgesellschaft?Wenn Leistung sich nicht lohntDemografie als Mittel der sozialpolitischen DemagogieAngst als Fortschrittsmotor?Am Rande der DemokratieÜber Stammtischökonomen und “Volksverräter”Opposition dringend gesucht!

*Mit Dank an Helene Høgel für den guten Gedanken.

16 thoughts on “Amazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was?

  1. „Dein Abarbeiten an uns ist so dermaßen ermüdend, dass wir – Hochmut kommt vor dem Fall – tatsächlich Besseres zu tun haben als auf Dein Personality-Gesabbel inhaltlich einzugehen.“

    Ja, Hochmut kommt vor dem Fall 😉 … vielleicht einfach noch mal hinlesen, wenn die Abwehr verflogen ist. Das sind Symptome eben jener Scheuklappen, die eurer Generation anerzogen wurden. Auch das mit der „gesellschaftlichen Relevanz“, was Du schreibst.

    Fragen so zu stellen, dass die Verkaufe Priorität gegenüber den Inhalten bekäme, ist halt Teil des Problems. Diese anerzogene Verstellerei ist halt auch kapitalistisch-systemisch bedingt. Dass also Menschen beigebracht wird, auch ja nichts so zu äußern, wie sie es meinen und denken, sondern irgendwie anders, um nicht als „Elfenbeinturm“ zu gelten. Gerade bei Medienschaffenden ist das ein Übel, glaube ich. So hat Kohl alle auf sein Niveau reduziert.

    Anm.d.Red.:
    Das stimmt natürlich, wir armen Opfer Kohls, merken schon gar nicht mehr, wie uns nach der Gehirnwäsche geschieht. Zum Glück aber, gibt es Anonymäuse wie Dich, die sich von ihren Scheuklappen befreit haben und klar und deutlich sehen, was in Wirklichkeit los ist. Was würden wir bloß ohne Euch machen …

  2. Das Lustige an der Anmerkung der Redaktion ist ja – der Anonymous war ich, sorry – dass das Lichterkarussell exkat in dieser Form auf euch häte reagieren können 😀 – das war da aber souveräner.

    Anm.d.Red.:
    ? Wir haben doch ausführlich und sachlich auf Lichterkarussell geantwortet. Auf Dich nicht, aber das ist ein anderes Thema. Belassen wir es an dieser Stelle doch dabei.

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