Berlinale: Ehrung für Claude Lanzmann


Die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin widmen dem französischen Dokumentarfilm-Regisseur und Produzenten Claude Lanzmann eine Hommage und verleihen ihm heute den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk.

Claude Lanzmanns Film Shoah (1985) ist als epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur in die Filmgeschichte eingegangen. Der neuneinhalbstündige Dokumentarfilm über den Völkermord an den europäischen Juden wurde unter anderem 1986 im Forum der Berlinale gezeigt und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Vorbereitungen und Filmarbeiten zu Shoah dauerten nahezu zwölf Jahre. Lanzmann zeigt in diesem Werk ausschließlich Interviews mit Überlebenden und Zeitzeugen der Shoah, darunter auch Täter, sucht die Orte der Vernichtung auf und vergegenwärtigt den unermesslichen Schrecken des Völkermords im Nationalsozialismus.

Claude Lanzmann, 1925 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren, kämpfte in der Résistance, studierte in Frankreich und Deutschland Philosophie und hatte 1948/49 eine Dozentur an der neugegründeten Freien Universität Berlin inne. Er war einer der aktiven Unterstützer der algerischen Unabhängigkeitsbewegung Anfang der 60er Jahre.
Seine Auseinandersetzung mit der Shoah, dem Antisemitismus und den politischen Freiheitskämpfen durchziehen sein filmisches wie journalistisches Schaffen.

Claude Lanzmann im Jahr 2008 (Foto: Romanceor)
Claude Lanzmann im Jahr 2008 (Foto: Romanceor)

Lanzmann arbeitete bis Anfang der 70er Jahre vor allem als Journalist und ist bis heute Herausgeber der von Jean-Paul Sartre begründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“. In den 60er Jahren gehörte er auch zum Kreis der Intellektuellen um Sartre und Simone de Beauvoir.

1972 entstand seine erste filmische Arbeit, die Dokumentation Pourquoi Israël (Warum Israel, Frankreich 1973), in der er die Notwendigkeit der Staatsgründung Israels aus jüdischer Perspektive darstellt. In dem Film Tsahal, der 1995 im Berlinale-Forum lief, porträtiert er Frauen und Männer, die in der israelischen Armee dienen. Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures (Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr, Frankreich 2001) über den Aufstand im Vernichtungslager Sobibor in Polen wurde 2002 ebenfalls im Berlinale-Forum vorgestellt. Zu Claude Lanzmanns Filmschaffen gehören weitere Werke, die sich mit dem Völkermord an den europäischen Juden und mit den Zeitzeugen auseinandersetzen.

Claude Lanzmann ist einer der bedeutendsten Protagonisten des politisch-geistigen Lebens unserer Zeit. Unter dem Titel „Der patagonische Hase“ („Welt“-Literaturpreis 2010) veröffentlichte er 2009 seine Erinnerungen, in denen er literarisch eindrucksvoll seine persönliche und politische Lebensgeschichte erzählt und unter anderem den jahrelangen Entstehungsprozess seines filmischen Meisterwerks Shoah schildert.

Die Berlinale ehrt Claude Lanzmann für sein außergewöhnliches Schaffen mit dem Goldenen Ehrenbären. Anlässlich der Preisverleihung wird Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr gezeigt.

Im Rahmen der Hommage an Claude Lanzmann wird sein Gesamtwerk bei den 63. Internationalen Filmfestspielen Berlin präsentiert. Verbunden mit der Hommage ist die Erstaufführung der restaurierten und digitalisierten Fassung von Shoah.

Filme der Hommage:

Pourquoi Israël (Warum Israel, Frankreich 1973)

Shoah (Teil1), Shoah (Teil 2) (Frankreich 1985)

Tsahal (Frankreich/Deutschland 1994)

Un vivant qui passe (Ein Lebender geht vorbei, Frankreich 1997)

Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures (Sobibor, 14. Oktober, 16 Uhr, Frankreich 2001)

Le rapport Karski (Der Karski-Bericht, Frankreich 2010)

(Quelle: Berlinale)

Siehe auch: ‘Der patagonische Hase’ ist kein Angsthase ,  Blockade von Lanzmann-Film: Augen zu und drauf