Rösler-Debatte: Hahn hat Recht


Dem hessischen FDP-Chef Hahn wird Rassismus vorgeworfen, weil er die Frage aufgeworfen hat, ob die deutsche Gesellschaft bereit sei für einen nicht-weißen Spitzenkandidaten. Eine spannende Frage, allerdings scheinen viele Biodeutsche noch nicht einmal die bloße Anwesenheit von Menschen die anders aussehen, zu akzeptieren.

Von Patrick Gensing

Der hessische FDP-Chef Hahn hatte Rösler deutlich unterstützt, als große Teile der Partei gegen den umstrittenen Bundesvorsitzenden schossen. Es erscheint also wenig sinnvoll, dass Hahn nun versuchen sollte, Rösler abzusägen. Ob Hahns Vorgehen aus Sicht der FDP strategisch klug ist, mögen die Liberalen entscheiden, ist aber auch nicht der entscheidende Punkt. Ob es in Deutschland im 21. Jahrhundert möglich ist, mit einem nicht biodeutschen Spitzenmann zu punkten, ist die zentrale Frage.

Aus der FDP ist nun zu vernehmen, an Wahlständen sei öfter zu hören gewesen, Bürger hätten ihre Stimme am Verschwinden des „Chinesen“ geknüpft. Schade, dass die FDP-Wahlkämpfer diesen Leuten nicht entgegnet haben, dass sie ihre Stimme vielleicht lieber der NPD geben sollten. Zudem stellt sich die Frage, wie die hessische FDP problemlos mit der CDU in dem Land regieren konnte, ohne das Thema Alltagsrassismus zumindest entdeckt zu haben.

Politischer Kung-Fu-Kämpfer, der Pizza holt

Aber nicht nur auf der Straße, auch in den Medien wird Rösler wegen seiner Herkunft angegriffen – satirisch verpackt: Obwohl es sicherlich Dutzende mögliche Kritikpunkte an Rösler gibt, griff sich die heute-show seine Herkunft heraus und machte ihn zum politischen Kung-Fu-Kämpfer und Jungen von der Reispackung, der wie Gung aus der Lindenstraße aussehe und Pizza bringen solle. Zum Piepen.

(Ab 05:35)

Satire, die der Mehrheit nicht weh tut, sondern Schenkelklopfer auf Kosten von Minderheiten produziert, hat ihren Sinn verfehlt. Und dürfen wir uns schon über ein paar Behindertenwitze über die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz reißen, wenn sie im Rollstuhl auffährt in der heute-show freuen?

Niedersachsen ist übrigens nicht nur die Heimat von Rösler, sondern dort war auch ein Schotte Spitzenkandidat der CDU, was für Rassisten weniger problematisch ist. Dennoch hat David McAllister offenkundig mögliche Vorbehalte gegen seine Person in einer Wahlkampfrede ironisch aufgegriffen und das Vorurteil vom geizigen Schotten positiv verkauft: Er werde den Haushalt als sparsamer Schotte sanieren, so sein Versprechen. Das kam an.

„Wer schützt unsere Frauen?“

Ebenfalls in Niedersachsen ist dann der Alltagsrassismus in seiner besonders offenen und ekelhaften Art zu erleben. Im beschaulichen Undeloh, dem Tor zur Lüneburger Heide, wo sich ein Gasthof an den nächsten drängt, sollen 29 Flüchtlinge eine vorübergehende Heimat finden. Das finden die Undeloher weniger gut, sie freuen sich zwar über zahlende Fremde, aber nicht über politisch verfolgte. Und so kamen mehr als 70 Bürger zu einer Ratssitzung und packten alle Vorurteile aus, die man seit der Pogromwelle gegen „Asylanten“ sich auch nicht scheut, öffentlich zu äußern. Die Kreiszeitung berichtet von dem Treffen:

„Unsere Gäste wollen hier entspannen und nicht Dunkelhäutige oder Frauen mit Kopftuch sehen!“ – Undelohs Bürgermeister Albert Homann machte am Montagabend nicht einmal den Versuch, ausländerfeindliche Aussagen zu unterbinden. Selbst Sätze wie „Wer schützt unsere Frauen und Kinder vor den Asylanten?“ ließ Homann in einer hitzigen Diskussion zu. Mehr als 70 Einwohner waren in die Gaststätte „Heiderose“ gekommen, um im Zuge einer Gemeinderatssitzung ihren Unmut gegen die vom Landkreis geplante Einrichtung einer Asylbewerber-Unterkunft Luft zu machen. Am Ende stimmte der Gemeinderat einstimmig gegen eine Nutzungsänderung des Hermann-Löns-Cafés in eine Asylantenunterkunft.

Wetten, die Undeloher beklagen nun eine mediale Hetzjagd auf die Gemeinde?

Noch einen Schritt zurück

Dr. Philipp Rösler
Dr. Philipp Rösler

Zurück zur FDP: Hahn wurde mittlerweile von Rösler selbst und auch vom hessischen Ausländerbeirat in Schutz genommen. „Er ist nicht rassistisch eingestellt“, sagte der Vorsitzende der hessischen Ausländerbeiräte (agah), Corrado Di Benedetto, laut Zeit-Online. Er sehe die Äußerungen des Integrationsministers unmissverständlich positiv. Der Ausländerbeirat bezeichnete die Vorwürfe demnach als Folge eines Missverständnisses, die Debatte sei richtig. „Unsere Gesellschaft ist wohl noch nicht so weit“, sagte Di Benedetto, „dass man es als selbstverständlich ansieht, dass Menschen mit Migrationshintergrund Führungspositionen besetzen.“

Publikative.org meint: Die deutsche Gesellschaft scheint leider sogar noch nicht einmal so weit, dass die bloße Anwesenheit von Menschen mit Migrationshintergrund oder die einfach anders aussehen selbstverständlich wäre.

Sebastian Edtahy schreibt bei Facebook: „Mein Vater war gebürtiger Inder, meine Mutter stammte aus Mecklenburg. Ersteres scheint man öfter zu bemerken als letzteres. Problematischer als der offene Rassismus, der mir Woche für Woche aus eindeutig rechtsextremen Briefen entgegenschlägt, sind unterschwellig vorgebrachte Ressentiments. So sagte mir ein vermeintlich wohlwollendes Mitglied meiner Partei, als ich 1998 erstmals für den Bundestag kandidierte, man müsse abwarten, wie „ein Bewerber mit dunklem Teint“ im Wahlkreis ankomme. Da müsse man nun „durch“, seufzte er, mir aufmunternd auf die Schulter klopfend. Ebenfalls im reinen mit sich war offenkundig eine Bürgerin, die mir im Zusammenhang mit der Sexismus-Debatte schrieb, sie wisse ja nicht, wie es in „meinem Kulturkreis“ mit der Rolle der Frau bestellt sei, um mir dann mitzuteilen, wie die Sichtweise „deutscher Frauen“ sei. In meiner ersten Wahlperiode hatte ich übrigens mein Bundestagsbüro am Ende eines Flures, was einen inzwischen ausgeschiedenen älteren Fraktionskollegen aus dem Rheinland dazu ermunterte, mich monatelang mit den Worten ‚Ah, der Kollege vom Ende des Ganges!‘ zu begrüßen und sich dabei halb totzulachen. Bis ich ihm mitteilte, als Hannoveraner käme ich allenfalls von der Leine und ihm empfahl, bei Gelegenheit mal in den Rhein zu springen und über sein Verhalten nachzudenken.“

Alle Artikel aus der Rubrik Rassismus.

19 thoughts on “Rösler-Debatte: Hahn hat Recht

  1. Im Rahmen der Berichterstattung wird auch gerne Brüderle zitiert:
    „Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche. Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr.“
    Zitat von Rainer Brüderle auf dem hessischen FDP-Landesparteitag in Niedernhausen, Mai 2012.

  2. Die Debatte bringt der FDP drei Vorteile

    1. Sympathiestimmen bei der Bundestagswahl
    2. Rösler kann gehen ohne Gesichtsverlust. Er geht weil er nicht gelitten wird und nicht wegen seiner Inkompetenz.
    3. Die FDP kommt aus der Täterrolle – Brüderles Sexismus – in die Opferrolle – Röslers Ablehnung.

    Geschickt nicht wahr

  3. Mal ganz ernsthaft:
    Die FDP ist deswegen so beliebt wie Fußpilz, weil ihre Politik nix taugt.

    Nicht weil Rösler einen MiHiGru hat oder Brüderle im zart angetrunkenen Zustand Weibliche Wesen so behandelt, wie es auf Weinfesten for 25 Jahren zu vorgerückter Stunde üblich war.

    Mike

  4. ha was hier für kommentare kommen.

    ich finds erschreckend wie das Thema Rassismus in der Gesellschaft wahrgenommen wird auf der einen seite ist niemand ein rassist aber wenn auch nur die diskussion ernsthaft geführt wird sind auf einmal alle rassisten?!

  5. Herr Hahn wollte was ganz anderes erreichen: Weil ich Herrn Rösler wegen seiner miesen Leistungen und seiner ungenierten Lobbyarbeit für die großen Konzerne für ein Flasche und ein Riesen-*zensiert* halte, bin ICH jetzt ein Rassist und meine Meinung diskreditiert. Dabei war mir vor lauter Ärger über die Auftritte und Ansichten dieses Mövenpick-Jüngelchens schon ganz entfallen, dass in seiner Vita eine Herkunft aus Nicht-Deutschland auftaucht.

    Diese ganze Deutschtümelei ist doch eh völliger Schwachsinn! Ausgerechnet in diesem mitteleuropäischen Schmelztiegel mit irgendeinem rassischen Sch**** anzufangen. Hier sind doch im Laufe der Jahrhunderte so viele verschiedene Menschen zusammen in die Betten gehüpft, dass sich höchstwahrscheinlich bei JEDEM „ausländische“ Wurzeln nachweisen lassen.

  6. Wer oder was ist den ein Biodeutscher? Ein Mensch, der innerhalb der willkürlich festgelegten Grenzen dieses als Deutsch-Land bezeichneten Gebietes, geboren wurde?

    Das würde aber den Neo-Nazis sauer aufstoßen, weil das die Hautfarbe nicht tangierte.

    Deutsch ist der der deutsch im Pass stehen hat. Das sollte über die jeweilige Herkunft entscheiden.

    Denn fremd ist mir erstmal jeder, außer vielleicht der eigenen Familie, egal ob er aus der Wohnung über mir oder aus Vietnam kommt.

    Und welche Farbe oder Nase er hat ist mir auch wurscht. Solange er oder sie nett zu mir ist, bin ich nett zurück zu ihm oder ihr.

  7. Zu Hahns Statement kann man nur noch verständnislos den Kopf schütteln. Ich habe mal ein Jahr als Austauschschüler in den Vereinigten Staaten machen dürfen und weiss, dass der Rassismus in Deutschland, wenn auch vorhanden, ein Witz ist, gegen das, was sich die ethnischen Gruppen in den USA einander antun.

    Dieses Argument darf auf KEINEN FALL als Verharmlosung aufgefasst werden. Ich stelle diese Relation nur fest, um darauf zu verweisen, dass selbst unter extremen Bedingungen wie dort, bereits vor vier Jahren ein Mann zum Staatsoberhaupt gewählt worden ist, der kenianische, irische, britische und deutsche Wurzeln hat, einen muslimischen Namen trägt und in einer halbindonesischen Patchworkfamilie grossgeworden ist.

    Vor fünf Jahren hat sich das dort auch keiner vorstellen können und er hat vor kurzem seine zweite Legislaturperiode angetreten.

    WARUM also sollte dieses Land für so etwas nicht bereit sein? Oder noch besser: WARUM steht sowas selbstverständliches überhaupt zur Debatte?

    Für mich stellt sich mehr und mehr die Frage nach dem Sinn und Zweck einer Repräsentativen Demokratie, die der direkten Demokratie gegenüber den Vorteil zu haben meint, mehr Kompetenzen in der Entscheidungsfindung mit sich zu bringen als wenn der Mob regiert … Irgendwie leuchtet es mir nicht ein. Sicherlich haben solche Entscheidungsträger und Volksvertreter sachverständige Berater, aber entweder sind diese Berater nicht ganz sauber oder die Herren Politiker hören denen nicht richtig zu …

    Das haut alles nicht hin. Wer kontrolliert diese Berater auf ihre sachlich neutrale Unbefangenheit? Alles Mumpitz. Da muss dringend was reformiert werden. Wenn DAS die Repräsentanz der Souveränität des Wählers sein soll, dann habe ich wohl was nicht mitgekriegt oder lebe in einem überdurchschnittlich gebildeten Umfeld (da ist ja sogar der Hausmeister des benachbarten Puffs noch im Delirium intelligenter) …

Comments are closed.