V-Mann-Gerüchte: NPD-Chef Apfels letztes Gefecht?


Die NPD schlittert immer tiefer in die Krise: Strafzahlung in Millionenhöhe, Mitgliederschwund, Wahlschlappen, ein drohendes Verbotsverfahren und nun auch noch Spitzel-Gerüchte um einen führenden Funktionär der Neonazi-Partei in Sachsen. Angesichts der Dauerkrise organisieren sich die Gegner von Parteichef Apfel, sie wollen, wie es sich für Reaktionäre gehört, zurück in die Vergangenheit.

Von Redaktion Publikative.org 

Angeblich hat der Sächsische NPD-Chef Holger Szymanski mit dem Geheimdienst Verfassungsschutz im Freistaat kooperiert. Das berichtet zumindest das Blog Gamma aus Sachsen – und bezieht sich dabei auf nicht näher bezeichnete Sicherheitskreise. Am vergangenen Sonnabend hatten bereits Medien berichtet, dass “ein führender NPD-Politiker” im sächsischen Landesvorstand in der Vergangenheit für das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) gespitzelt habe. Der Geheimdienst dementierte dies nicht. Zumindest vier Jahre lang, zwischen 1998 und 2002, soll dieser demnach dem Sächsischen Landesamt gegen Geld über rechtsextreme Strukturen geliefert haben.

Szymanski war erst am 12. Januar 2013 zum NPD-Landesvorsitzenden gewählt worden. Bei dem Treffen wurde auch eine eidesstattliche Erklärung aller Mitglieder des Landesvorstandes verlangt, nicht als Informant für Geheimdienste zu arbeiten, andernfalls fordert die Partei eine Strafzahlung in Höhe von 15.000 Euro.

Spekulationen über Holger Szymanski, die NPD weist diese zurück.
Spekulationen über Holger Szymanski, die NPD weist diese zurück.

Die NPD wies die Anschuldigungen gegen Szymanski zurück und witterte eine Verschwörung von Antifa und Geheimdienst, was eine recht ungewöhnliche Allianz wäre: „Offenbar soll jetzt im Zusammenspiel von Antifa und Verfassungsschutz die Reißleine in dem geplanten NPD-Verbotsverfahren gezogen werden, indem man versucht, mich als neugewählten Landesvorsitzenden der sächsischen Nationaldemokraten durch eine angebliche V-Mann-Tätigkeit zu demontieren“, erklärte Szymanski. Er habe „zu keinem Zeitpunkt als V-Mann gearbeitet. In den Jahren 1995 und 1998 gab es insgesamt zwei Anwerbeversuche von angeblichen Mitarbeitern des Sächsischen Staatsministeriums des Innern, die ich entschieden zurückgewiesen habe.“

Unklar erschien zunächst, ob der Spitzel bereits zwischen 1998 und 2002 Mitglied der NPD gewesen sein soll. Szenekenner aus Sachsen sagten gegenüber Publikative.org, der Spitzel habe damals zunächst die Reps auskundschaften sollen – und dort war Szymanski in den 1990er Jahren durchaus aktiv. Weiterhin war er Gründungsmitglied der „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“, die als Scharnier zwischen diversen rechtsradikalen und neonazistischen Gruppen fungierte und mehrmals den Neonazi-Aufmarsch in Dresden organisierte.

Vorwürfe gegen gamma

Strategisch in der Falle: Holger Apfel mit Kameraden in Berlin (Foto: J. Wrede)
Strategisch in der Falle: Holger Apfel mit Kameraden in Berlin (Foto: J. Wrede)

Die Leipziger Internetzeitung zweifelte hingegen an dem gamma-Bericht. Dass das Blog „seit Jahren regelmäßig Falschinformationen in die Welt setzt, macht das Gerücht keineswegs glaubwürdiger“, hieß es dort. Für Kenner der Materie sei „längst offensichtlich, dass den anonymen Autoren das nötige journalistische Handwerk fehlt“. Die NPD vermeldete zudem, der Landesvorstand habe Szymanski einstimmig sein Vertrauen ausgesprochen. „Wenn von der „Ente“ jemand profitiert hat, dann Sachsens NPD-Chef“, kommentierte die LIZ.

Andere Zeitungen betonten hingegen, das Blog gamma sei in der Regel gut informiert. Zudem, so Szenekenner aus Sachsen, sei auffällig, dass Szymanski nicht im Verbotsmaterial gegen die NPD auftauche. Allerdings sei es denkbar, sollte sich der Verdacht gegen den NPD-Funktionär bestätigen, dass diese Geschichte Konsequenzen für das NPD-Verbotsverfahren haben könnte. Immerhin dürfte Szymanski als Pressesprecher an Erklärungen der NPD in Sachsen maßgeblich beteiligt gewesen sein.

Udos „Freundeskreis“

Ex-NPD-Chef Voigt und Thomas Wulff
Ex-NPD-Chef Voigt und Thomas Wulff

Die Vorwürfe gegen Szymanski sind besonders pikant für Holger Apfel: Bei Szymanski handelte es sich um einen Wunschkandidaten des Parteichefs, der ohnehin massiv in der Kritik steht. Nun nimmt der Gegenwind weiter zu, Apfels zahlreichen Gegner formieren sich. So agiert – von Sachsen aus organisiert – der „Freundeskreis Udo Voigt“, der angeblich bereits in 15 Orten aktiv ist. Hier „vereinen sich über die Parteigrenzen hinweg deutsch-national gesinnte Patrioten, die Udo Voigt in seiner politischen Arbeit zum Zusammenschluß aller patriotischen Kräfte in Deutschland unterstützen wollen“. Voigt profitiert dabei von seinen Erfolgen der 90er und 00er Jahre, als er die „Volksfront“ zusammenhielt. Voigt sei „das personifizierte Symbol jener Bestrebungen, die Zersplitterung der heimatliebenden und dem deutschen Volk verpflichteten Kräfte zu überwinden und ein Gegengewicht zu dem Kartell der Kollaborateure der Besatzungsmächte zu schaffen“, heißt es weiter.

Auch thematisch ist von Apfels Kurs der seriösen Radikalität wenig zu erkennen, stattdessen nennen Udos Freunde die Proteste gegen die Wehrmachtsausstellung als größten Erfolg, an den es anzuknüpfen gilt. Revisionismus als Kernkompetenz – das ist zumindest eine realistische Selbsteinschätzung. Aber allein die Tatsache, dass Teile der Szene nun wieder Udo Voigt als Parteichef sehen wollen, zeigt die strategische Sackgasse, in der NPD und Verbündete weiterhin stecken. Der Verfall der NPD geht unvermindert weiter.


Siehe auch: Nach NPD-Debakel: “Volksfront wird zu Apfelmus”