Das Akademische Karussell: Russisch Roulette

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um die Krise der Demoskopie.

Von Samuel Salzborn

Unnützes Wissen - unnütze Prognosen?
Unnützes Wissen – unnütze Prognosen?

Vor fast 20 Jahren schrieb Hans Werner Kilz in der Süddeutschen Zeitung ein Stück über eines der großen und einflussreichen Meinungsforschungsinstitute der Bundesrepublik, dem er „Fälschen aus Gefälligkeit“ vorwarf und betonte, dass das „Lotteriespiel der Demoskopen“ mit seriöser Wahlforschung wenig zu tun habe. Konkreter Anlass der Auseinandersetzung war der Vorwurf an das Meinungsforschungsinstitut, die steigende Bereitschaft, für die rechtsradikalen „Republikaner“ zu stimmen, bewusst verschwiegen zu haben. Das Institut reagierte prompt mit einer Gegendarstellung und wies die Kritik zurück. Es änderte nichts an der Tatsache, dass das Institut in seinen Umfragen mehr als fünf Prozentpunkte Differenz zum tatsächlichen Wahlergebnis prognostiziert hatte – und die „Republikaner“, bevor sie in den Landtag von Baden-Württemberg einzogen, unter der Fünf-Prozent-Hürde gesehen hatte. Dies sei, so die Süddeutsche, aus „staatspolitischen Gründen“ verschwiegen worden.

Ähnliches war jüngst in Niedersachsen zu beobachten, wo die Demoskopen sich mit Blick auf die FDP in ähnlich deutlicher Weise „geirrt“ haben. Jürgen Kaube schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung völlig zu Recht, dass die zynische Konsequenz aus diesem Desaster für die Demoskopen nur sei, dass „egal, wie sehr sie daneben liegen“, sich immer wieder aufs Neue bestätige, dass man es trotzdem „doch schon vorher gewusst“ habe. Und Stefan Reinecke erinnerte in der taz daran, dass sich besonders ein Meinungsforschungsinstitut mit Blick auf seine Daten seit Jahren dadurch auszeichne, fortwährend die SPD empirisch kleiner zu reden: „Mit Empirie hat das wenig, mit Zahlenzauber viel zu tun“, so Reinecke.

Wo aber ist die Grenze zwischen bewusster und vorsätzlicher Fälschung aus politischen Motiven – und der tatsächlichen Unfähigkeit, überhaupt valide Prognosen über in der Zukunft liegendes Wahlverhalten zu erstellen? Die Idee, Statistik und Demoskopie würden fälschen, ist alt. Jeder kennt den Winston Churchill zugeschriebenen Satz, nach dem man keiner Statistik trauen solle, die man nicht selbst gefälscht habe – und  viele fühlen sich besonders schlau, ihn wieder und wieder als vorgeblich analytischen Beitrag zur Kritik der Statistik zum Besten zu geben. Die Wahrheit des Satzes ist aber: er stammt aus dem Hause Goebbels. Das NS-Reichspropagandaministerium legte ihn Churchill aus propagandistischen Gründen in den Mund, wie das Statistische Landesamt Baden-Württemberg 1996 in einer kleinen, aufwändig recherchierten und so gut wie überhaupt nicht rezipierten Studie anhand von Medien- und Aktenauswertungen gezeigt hat. Die Wahrheit des Satzes ist eine historische: der Nationalsozialismus hatte alle gesellschaftliche Wirklichkeit durch völkischen und antisemitischen Wahn vollständig entstellt und damit ideologisch gefälscht – den Wahn zur Wirklichkeit gemacht. Die negative Wahrheit des Satzes ist aber auch eine gesellschaftliche: Statistik ist, wenn sie für prognostizierbare Wahrheit gehalten wird, immer falsch.

In der statistischen Aussage, dass in Deutschland eine bestimmte Anzahl von Menschen einer bestimmten Berufsgruppe angehört, liegt keine Auskunft darüber, ob das (zu) viele oder (zu) wenige sind – sondern nur eine darüber, wie viele es sind, absolut und relativ zu anderen Berufsgruppen. Alles, was daraus gefolgert wird, folgert nicht die Statistik, sondern die Politik. Es geht der Statistik, methodologisch betrachtet, eigentlich auch nicht um Wahrheit, sondern um Wirklichkeit im Popperschen Sinn – wir aber sind mittlerweile konditioniert (und werden dies durch die Feld-Wald-und-Wiesen-Demoskopen des Fernsehbetriebes fortwährend und fortlaufend), darin Wahrheit zu lesen, prognostische noch zudem.

Was ist der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit? Er ist, sozialwissenschaftlich betrachtet, grundsätzlicher Natur. In den großen wissenschaftstheoretischen Kontroversen wie der Werturteilsdiskussion oder dem Positivismusstreit ging es u.a. um das Verhältnis von Wahrheit und Wirklichkeit und die Vertreter einer empirischen Sichtweise haben dabei stets den Standpunkt vertreten, nur Wirklichkeit erfassen zu können – und dies, einerseits, immer nur in einer falsifikatorischen Weise, d.h. nicht im Sinne der Proklamierung einer positiv formulierten Antwort, sondern im Sinne des negativen Verwerfens von falschen Antworten; und, andererseits, stets nur in deskriptiver und nicht prognostischer Weise, weil bereits jede logische Grundüberlegung zeigt, dass die Prognostik ein funktionales Äquivalent des Glaubens ist, sprich: man kann an alles glauben, noch an den größten Quatsch – beweisen kann man Glauben aber eben nicht. Und: Glauben ist eben nicht Wissen und alles, was in der Zukunft liegt, kann niemand wissen – auch nicht hochrechnen.

Denn die rechnerische Operation jeder prognostischen Demoskopie ignoriert geradezu fahrlässig, dass sie es nicht mit Laborbedingungen zu tun hat, in denen man Substanzen miteinander mischt und ihre Reaktion immer wieder und wieder – sofern die Kontextbedingungen gleich bleiben – wiederholen kann. Im Gegenteil: Politik und Gesellschaft sind kein Labor, täglich, stündlich, minütlich ändern sich die Bedingungen, Menschen verhalten sich nicht wie Reagenzgläser oder Labormäuse, sie sind frei, haben einen Willen und ihr Verhalten ist nicht prognostizierbar – sondern lediglich im Nachhinein analysierbar, was der seriöse Teil der Demoskopie auch weiß und etwa die politikwissenschaftliche Wahlforschung sich im Nachhinein von Wahlen zunutze macht. Die Stärke der Statistik liegt in ihrem deskriptiven Gehalt, der retrospektiv analysieren kann. Die lapidare Antwort mancher Demoskopen über viele Jahre hinweg war, dass es eben Standardabweichungen gibt. Über den Daumen, so die landläufige Lehre, bei Wahlprognosen plus/minus zwei Prozent, was in Summe vier Prozent sind – an sich schon ein starkes Stück, denn in einer Demokratie mit Fünf-Prozent-Sperrklausel sind vier Prozentpunkte als eingeräumte Fehleranfälligkeit von Prognosen ganz erheblich. Sie zeigen an sich schon, wie sinn- und nutzlos Wahlprognosen sind – außer als bewusst eingesetzte Wahlkampfhilfe für die eine oder andere Partei.

Dass alles gehört aber zum Alltag der Feld-Wald-und-Wiesen-Demoskopie, die sich seit Jahren zunehmend derart etabliert, dass sich im Prinzip alle Parteien an ihr orientieren – das Problem wäre im Übrigen vom Tisch, würden sich die Parteien darauf verständigen, sich über Inhalte zu streiten und sich – probehalber – einfach nur einmal für ein halbes Jahr überhaupt nicht für demoskopische Vorhersagen aus der Glaskugel zu interessieren. Denn:  sowohl Parteien, wie Wähler/innen werden durch die nicht selten auch gegeneinander platzieren demoskopischen Umfragewerte hin- und hergeschubst, man bekommt suggestiv das Gefühl vermittelt, man müsste gar nicht mehr wählen gehen, wenn sowieso alles vorhersagbar scheint. Sagten die Spontis in den 1970ern noch, wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten, könnte man heute analogisieren, wenn wählen etwas ändern würde, dann würde man es wieder tun. Ein Teil der Krise der repräsentativen Demokratie geht insofern auf das Konto der sich selbst reproduzierenden Demoskopie, weil sie Unklarheit und Unzufriedenheit in eine Welt zaubert, die ohne sie eine Reihe von Problemen gar nicht hätte. Daran, dass die wöchentlichen Umfragen insofern Politik und Politiker/innen mehr lenken und indirekt steuern, als dass diese von ihr irgendwie sinnvoll profitieren würden, hat man sich jedoch im Prinzip gewöhnt.

Jetzt steht die Demoskopie aber vor einem neuen, gelinde gesagt, Desaster: der zunehmenden Verbreitung von Mobiltelefonen. Wäre es nicht grundlegend falsch, an Prognosen zu glauben, dann müsste man prognostizieren, die flächendeckende Bedeutung der Mobiltelefone wird die Demoskopie in Kürze aus Medien und Öffentlichkeit verbannen, denn die Mobiltelefone machen demoskopische Prognostik faktisch unmöglich. Die klügeren Meinungsforscher wissen das auch, so etwa Axel Glemser von TNS Infratest:

„In einem kombinatorischen Stichprobenansatz stellt sich des Weiteren die Frage, wie die Auswahl der Rufnummer gestaltet werden kann. Im Rahmen einer ADM-Telefonstichprobe werden die Festnetznummern als stratifizierte Zufallsauswahl selektiert. Regionale Kriterien (Bundesländer, Regierungsbezirke, Kreise) und Ortsgrößenklassen dienen als Schichtungsvariablen. Dies setzt vorab eine räumliche Verortung der Rufnummern auf Gemeindeebene voraus. Eine solche räumliche Lokation generierter Mobilfunknummern ist bisher nicht sinnvoll machbar. Darüber hinaus stellt aber gerade die Mobilität – also die Loslösung des Anschlusses von einem fest definierten geographischen Punkt – das Konzept der Flächenstichprobe in Frage, so dass unter Umständen andere Schichtungskriterien zu suchen sind. […] Mit dem Verzicht auf regionale Zusatzkennzeichen zur Rufnummer geht jedoch der Verlust einher, Studien mit regionalem Fokus durchzuführen. Entsprechende Filtermöglichkeiten fehlen für die Bruttostichprobe. Regionale Schwerpunktstudien sind also nur mit enormen Screeningaufwand und vielen Fehlkontakten verbunden – praktisch also kaum mehr durchführbar.“

Im Klartext: für Telefonumfragen braucht man Rückschlüsse auf den geografischen Ort der Befragten. Hat man den nicht, kann man seine/ihre Haltung nicht an Wahlkreise rückkoppeln und damit keine Angaben mehr über eventuelle prozentuale Verteilungen errechnen. Noch einfacher gesagt: wenn man 1.000 Personen anruft, die alle einen Mobilfunkanschluss haben, dann können diese hypothetisch alle im selben Wahlkreis leben – oder alle nicht wahlberechtigt sein. Prognostischer Wert: gleich Null. Möglichkeiten der Kompensation: rechnerische Tricks – oder, was selbstredend ein unglaublicher datenschutzrechtlicher Affront wäre: die Schaffung einer Grundlage, nach der Mobiltelefonnummern für private Dritt-Unternehmen (genau das sind die demoskopischen Institute in der Regel: private Marktakteure) zuortenbar gemacht werden.

Aber keine Krise der Wirklichkeit, auf die die Feld-Wald-und-Wiesen-Demoskopie nicht schon eine Finte gefunden hätte. Bei der Niedersachsenwahl hat man das eigene Versagen, das etwas mit der Grundidee als solcher zu tun hat, auf das Gespenst der Leihstimmenwähler verschoben – so wurde eine notwendige Debatte über das Desaster der Demoskopie auf zwei Parteien umgelenkt und alle machten mit. Gewiss nicht zuletzt, weil es ja bei jeder dieser demoskopischen Ablenkungsmanöver immer auch Gewinner gibt – das diese beim nächsten Mal wieder die Verlierer sein könnten, interessiert im an Umfrage- und Prognosewerten orientierten Politikgeschäft fast niemanden mehr. Die Krise der Demoskopie ist insofern auch keine Fälschungs-, sondern eine Wahrheitskrise: nicht bewusste Fälschungen sind das vorrangige Problem, sondern der unbewusste Glaube, Demoskopie könnte überhaupt Wahrheit voraussagen.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen.

Alle Beiträge von Samuel Salzborn.

9 thoughts on “Das Akademische Karussell: Russisch Roulette

  1. Hervorragender Beitrag! Nicht nur, weil die unlösbaren methodischen Probleme der Demoskopie gut erklärt werden, sondern auch, weil dem Karl aus Wien die Ehre gegeben wird, die ihm gebührt, wo doch vielfach unreflektiert der Karl aus Trier vorgezogen wird …
    Und als nächstes im Sendeprogramm: Wir schalten um zur Einschaltquote … 😉

  2. @ Martin Jander: Streng genommen ist die Quelle nicht genau zu identifizieren. Bisher konnte der Auspruch jedenfalls nicht Churchill nachgewiesen werden. Sicher ist, dass es Teil der NS-Progaganda war, Churchills Erfolgsstatistiken bei der Bombardierung Deutschlands zu diskreditieren. Die These, dass das Zitat auf die Goebbels Propandamaschine zurück geht, ist von Werner Barke, ehemals Referent
    für „Grundsatzfragen, Öffentlichkeitsarbeit, Büro der Amtsleitung“ des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg.
    http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/veroeffentl/monatshefte/pdf/beitrag04_11_11.pdf

  3. Lieber Martin Jander,
    Samuel Salzborn schreibt zu Ihrer Frage, die vom Statistisches Landesamt Baden-Württemberg herausgegebene Veröffentlichung trägt den Titel „Ich glaube nur der Statistik … Was Winston Churchill über Zahlen und die Statistik wirklich sagte und was er gesagt haben soll“ und ist in mehreren Auflagen erschienen.
    Viele Grüße
    Publikative.org

  4. Nachdem die Kolumne „Akademisches Karusell“ heisst, wären ordentliche bibliographische Angaben auch in den Kommentaren angebracht und links zur Publikation ja vielleicht mal eine Idee, zumal sie nach Andreas Strippels Hinweis schnell zu finden ist. Also:

    Barke, Werner. 2011. „Ich glaube nur der Statistik…“: Was Winston Churchill über Zahlen und die Statistik wirklich sagte und was er gesagt haben soll, Stuttgart: Statistisches Landesamt.

    http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Veroeffentl//8055yy001.pdf

  5. Im Übrigen ist Salzborns Satz „Die Wahrheit des Satzes ist aber: er stammt aus dem Hause Goebbels.“ auch nicht richtig. Wie Barke sehr deutlich macht, ist ihm ein konkreter Nachweis des Ursprungs des Zitats nicht gelungen. Zwar belegt er eindrücklich die Motivation des Propagandaministeriums, Churchill ein solches Wort in den Mund zu legen, anhand Goebbels‘ staendiger Anweisungen, dem Gegner Zahlenfälschungen zu unterstellen. Dass Churchill Statistiken sehr schätzte und damit eher unwahrscheinlich ist, dass der Satz von ihm stammt, zeigt er auch.

    Der eigentliche Ursprung des Satzes bleibt unklar.

  6. Sehr schöner Artikel,

    was noch mehr hätte herausgestellt werden könnte ist die Performativität der emp. Sozialforschung im Allgemeinen, der Demoskopie im Besonderen. Besonders schön zeigt sich dies ja am Beispiel der Niedersachsenwahl: Wahrscheinlich war die Prognose für die FDP sogar vollkommen richtig, aber ebendiese Prognose hat sich durch ihre Existenz selbst zunichte gemacht.

  7. Gibt es eigentlich Studien darüber welchen einfluss das Veröffentlichen von Prognosen auf erneute Prognosen haben?

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