Die FDP und der Sexismus gegen Männer


Wäre es nicht so typisch für den Umgang mit gesellschaftlichen Problemen, man hätte die Reaktionen der FDP im Fall Brüderle einfach ignorieren sollen. Als wahre Kämpfer wider des politisch-korrekten Totalitarismus gerierten sich die Liberalen. Nun, da die Debatte um den Sexismus und Rainer Brüderle medial am Abebben ist, geht Dirk Niebel zum Gegenangriff über: Er ruft zum Kampf gegen den Sexismus auf – Sexismus gegen Männer versteht sich.

Von Robert von Seeve

Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)
Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)

Der Mann ist Entwicklungsminister – und dementsprechend befragt die Zeitung „Die Welt“ Dirk Niebel auch einleitend zur Lage in Afrika, sprich: Ägypten. Viel Erhellendes hat er nicht beizutragen, sein Fazit des arabischen Frühlings in Kairo lautet, geblieben sei „ein Transformationsprozess, der Herausforderungen mit sich bringt. Manches ist verbesserungsfähig.“

Der Minister betonte, in Ägypten sollten, so wie in Deutschland, kleine und mittlere Unternehmen gestärkt werden – wohl auch, um die Kooperationen zu verbessern. Dass Niebel die Entwicklungspolitik stärker an deutschen Wirtschaftsinteressen ausrichten wolle, hatte er bereits freimütig im Jahr 2009 erklärt. „Es darf der deutschen Wirtschaft nutzen, wenn wir Entwicklungszusammenarbeit betreiben“, zitierte ihn die „Süddeutsche Zeitung“. Niebel wolle deutsche Hilfe zwar nicht direkt an Aufträge koppeln, aber „die Tür zu öffnen für den deutschen Mittelstand das ist richtig, wichtig und darum auch meine Aufgabe.“

Und da stört es dann auch nicht mehr weiter, dass ein ägyptischer Präsident Juden als Nachkommen von „Schweinen und Affen“ bezeichnet hat. Und es stört dabei ebenfalls wenig, dass Staaten, die für die Deutschen wirtschaftlich uninteressant sind, weil sie eben so arm sind, einfach ignoriert werden. Man soll es mit den oft beschworenen „Werten“ ja auch nicht übertreiben…

Vor allem, weil die Familie Niebel nur zu genau weiß, was politische Korrektheit anrichten kann! Da wären beispielsweise Niebels Kinder, die unter einem „Promi-Malus“ leiden – und dies „erst recht, wenn der Vater in der FDP ist und viele Lehrer rot-grün angehaucht sind“. Das sei „nicht immer einfach“, so Niebel, aber „meine Söhne haben gelernt sich durchzusetzen“.

Echte Leistungsträger werden wohl nur diejenigen, die durch das rot-grün angehauchte Fegefeuer müssen. Davon profitieren dann auch die rot-grünen Gammler und Bedenkenträger, folgt man Niebel, denn die FDP sei die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Liberale Politik sei „im Kern die gerechteste Politik, weil sie den Menschen die Chance gibt, ihr Leben selbst zu gestalten“ – wenn sie dazu in der Lage sind und das nötige Kleingeld haben, möchte man hinzufügen. Aber: Der Markt wird es schon richten!

Erfolg bei Frauen durch kluge Familienpolitik

Leider hat es der Markt noch nicht gerichtet, dass sich mehr Frauen bei der FDP engagieren, gerade einmal 20 Prozent beträgt der weibliche Anteil des FDP-Personals. Woran es liegen könnte, verrät Niebel unfreiwillig:

Entscheidend ist, dass unsere Inhalte deutlicher die Lebenswirklichkeit von Frauen widerspiegeln. […] In der Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik wird uns eine ausgesprochene Kompetenz zugewiesen. Aber unsere kluge Familienpolitik ist in der Vergangenheit zu wenig nach außen transportiert worden.

Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik = Männersache, kluge Familienpolitik, die nur besser kommuniziert werden muss, damit die dusseligen Hühner das auch verstehen, soll dann aber „auch“ den Erfolg bei Frauen bringen. Dass eben genau dieses Weltbild von Niebel, Brüderle und Kubicki das Problem sein könnte, kommt den Liberalen, die Liberalismus als reines Leistungsdenken und Freiheit als das Recht des Stärkeren definieren, offenbar nicht in den Sinn.

Und so behauptet Niebel denn auch kurzerhand, es gebe gar keine Brüderle-Debatte, „sondern eine Debatte über guten Journalismus“. Gesellschaftliche Debatten sind nicht Niebels Sache, der Einzelne steht in der Pflicht und muss alles selbst klären: Es stehe die Frage im Raum, so Niebel, ob „jemand, der sich von irgendwas gestört fühlt, so etwas in einem persönlichen Gespräch ausräumen sollte oder ein Jahr wartet und dann eine parteipolitische Kampagne daraus machen will“. Andererseits, werter Herr Niebel, sollte Leistung sich nicht lohnen? Und ist nicht ein am rechten Zeitpunkt veröffentlichtes Porträt auch eine Leistung?

Das verschwiegene Problem

Aber man soll nicht ungerecht sein, denn Niebel räumt ein, dass die Debatte über das Verhältnis der Geschlechter in Deutschland – die es nun doch offenbar gibt, obwohl der Minister diese zuvor als nicht existent erklärt hatte – vernünftig und notwendig sei. Und, man höre und staune: „Es gibt viele Frauen, die belästigt werden.“ Was darf bei einem solchen Satz auf keinen Fall fehlen? Richtig: das „aber“. Here we go:

„Aber es gibt auch viele Männer, die belästigt werden. Darüber wird kaum gesprochen, und dieser Aspekt wird extrem verschämt behandelt. Dass Männer belästigt werden, passt ja nicht zum Mainstream.“

Niebel entwickelt hier eine Art Sexismus-Extremismus-Theorie, ein nicht zu leugnender gesellschaftlicher Befund wird stets mit einem „aber“ verknüpft, um zu relativieren oder auf andere vermeintliche Probleme abzulenken. Bei Kristina Schröder heißt es sinngemäß: Ja, es gibt mordende Neonazis, aber wir dürfen nicht die Verfassungsfeinde von Links aus den Augen verlieren. Bei Augstein & Co. klingt es ungefähr so: Ja, es gibt Antisemitismus, aber nicht bei mir und ich lass mir doch nicht meine Israel-Kritik von Juden verbieten. Und bei den Freunden des N*-Wortes in Kinderbüchern heißt es, Rassismus sei schlimm, aber den weißen Kinderchen könne man ja den Begriff erklären und wenn sich schwarze Kinderchen oder deren Eltern davon gestört fühlen, sollen sie sich a) nicht so anstellen und b) halt etwas anderes lesen.

Leistungsdenken überall, außer bei der FDP

Angereichert werden solche Nonsense-Argumentationsketten dann noch mit einem Verweis auf die eigene vermeintlich rebellische Haltung und den gesellschaftlichen Mainstream, gegen den man sich stemme. Es ist die Rhetorik derer, die arm an Argumenten sind, die sich nur noch mit Verschwörungstheorien über den linken Meinungsterror zu helfen wissen, denn dass das Problem vielleicht bei ihnen selbst als Teil des Mainstreams liegen könnte, ist als mögliche Option in diesen Weltanschauungen nicht vorgesehen.


Wobei man Niebel in einer Sache recht geben muss: Das FDP-Bashing ist wenig originell und zum Volkssport geworden. Aber (!) vielleicht auch, weil sich die individuelle Leistung, die längst zum wichtigsten gesellschaftlichen Wert erhoben wurde, ausgerechnet bei der FDP eben nicht lohnt – oder welche Leistungen genau qualifizieren Rainer Brüderle eigentlich zum Spitzenkandidaten einer Regierungspartei? Oder auch Dirk Niebel zum Entwicklungsminister? Vielleicht ist es Niebels Weitsicht, mit der er das kommende Thema der Entwicklungspolitik, nämlich Sexismus gegen Männer, erkannt hat. Um auf dieses drängende Problem hinzuweisen, empfiehlt Publikative.org der FDP eine Twitter-Aktion zu initiieren – hashtag: #urschrei.

Siehe auch: Brüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!Der “Focus” und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denkenGaming: Den Endsieg erlebenDoppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart,  In einem fernen Land …Quo vadis Piraten?Zwischen Testosteron und Tradition – Menstruation ist MensurneidPutzgutschein über 350 Millionen EuroNicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

6 thoughts on “Die FDP und der Sexismus gegen Männer

  1. Hi
    Ein Problem verschwindet nicht dadurch, dass man es ignoriert, oder lächerlich macht, oder dass es von einem Pfosten wie Dirk Niebel thematisiert wird.
    http://www.gwi-boell.de/web/un-resolutionen-sexuelle-gewalt-resolution-1325-1820-1888-2956.html
    (Eine Hoffentlich unverdächtige Quelle)

    Gut, das mag jetzt nicht gerade für das heutige Deutschland zutreffen.
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/lehrerin-erniedrigt-azubis-lust-an-der-machtausuebung-1.1575974

    hm

    Einzelfälle?
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-02/sexismus-maenner-umfrage

    hm….

    Das Problem liegt anscheinend darin, dass derartige Fälle (und auch weniger schwere) in der Wahrnehmung unterrepräsentiert sind. Daneben scheinen Männer bei Sexuellen Anzüglichkeiten etwas „hartgesottener“ zu sein.

    Eines dürfte sicher sein: Der Themenkomplex „sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt gegen Männer“ ist nicht ausreichend studiert (Übrigens auch ein Unterschied zur Extremismusproblematik, sowohl Abhandlungen zu links- als auch zu rechtsextremistischen Themen füllen Bibliotheken) daraus kann man in keiner Weise schlussfolgern, dass dieses Problem klein und unbedeutend ist. Eine derartige Vorgehensweise wäre unwissenschaftlich.

    Es geht nicht darum, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen kleingeredet werden soll, sondern dass die Gewalt gegen Männer wenigstens adäquat behandelt wird. Wäre doch mal ein schönes Thema für die Genderforschung.

    LG
    Mike

  2. Es haben sich ja unterdessen weitere Journalistinnen gemeldet die Herr Brüderle in diskrimierender Art und Weise „bedrängt“ haben soll.
    Seinen Spitznamen trägt der zu all diesen Vorwürfen Schweigende, wohl auch nicht ganz zu unrecht.

    Ich bezweifle sehr, dass man innerhalb der FDP überhaupt einzuschätzen weiß, was Diskriminierung ist.

    Wie nun aus den Opfern solcher Übergriffe seitens der Chefideologen der FDP auch noch Täter gemacht werden sollen, erinnert fatal an dunkle Zeiten in Deutschland.

    Aber das ist ja für die sogenannten Liberalen Ideologen der FDP kein neues Terrain, wie geschichtskundige Menschen bereits wissen.
    Schliesslich war und ist die FDP schon immer auch das Sammelbecken für extreme oder gar extremistische Charaktere gewesen (wie beispielsweise nach dem Krieg viele alte Nazis sich dort fanden, seinerzeit der Rechtspopulist Jörg Haider mit offenen Armen empfangen wurde und heute schliesslich solche Wortbrecher und halbwegs offen sich ausländerfeindlich äußernde Charaktere wie Jörg-Uwe Hahn sich dort finden).
    Man war sich bspw. in der hessischen FDP sogar nicht mal zu schade mit dem bekannten CDU-Schwarzgeldmann und Rechtspopulisten Roland Koch gemeinsam den Grundstein der ausländerfeindlichen Hetze die schliesslich wohl auch zum Klima, dass 13 Jahre NSU Terror begünstigte, geführt hat, zu legen.

    Ich hoffe sehr das letzte Kapitel dieser armseligen Ansammlung unwürdiger Vorbilder hat begonnen.

Comments are closed.