Aussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegs

Am vergangenen Freitagabend haben etwa 400 Hannoveraner Fans das Auswärtsspiel ihres Vereins in Bremen verpasst. Sie verbrachten einige Stunden kurz vor den Toren der Stadt auf dem Bahnhof Achim. Wie es dazu kam, was dort geschah und wie es weiterging – dazu gibt es unterschiedliche Schilderungen.

Von Nicole Selmer

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Hannover 96 spielte am Abend bei Werder Bremen – ein klassischer Fall für die günstige und massenhafte Fananreise per Niedersachsenticket durchs Bundesland. Hunderte Hannoveraner Fans machten sich in vollen Regionalzügen auf den Weg. Der polizeiliche Einsatzplan sah vor, die Reisenden im Regionalexpress 4424 (Abfahrt Hannover 16:21) in Bremen in Busse und dann zum Stadion zu geleiten – um einen Zusammenstoß mit Bremer Fans zu verhindern und die große Gruppe rund um die Ultras Hannover im Blick zu behalten.

Diese Maßnahme der Polizei gehört ebenso zum Spiel rund um den Fußball wie mögliche Gegenmaßnahmen der Fans, sich einen selbstorganisierten Weg zum Stadion zu sichern – zum Beispiel indem man unterwegs schon aussteigt und einen anderen Zug nimmt, der, wie in diesem Fall, in Bremen-Sebaldsbrück hält. Von dort ist das Weserstadion aus der anderen, also dem Bremer Hauptbahnhof entgegengesetzten, Richtung zu erreichen. Bis etwa zu diesem Sachverhalt – 300 bis 400 Hannoveraner steigen unterwegs, am Bahnhof Achim (Ankunft 17:56) aus – sind sich die Darstellungen der Polizei und der Fans bzw. der Fanhilfe Hannover einig. Dann jedoch beginnen die Unklarheiten.

Von Achim bis Bremen-Sebaldsbrück sind es mit dem Regionalzug sieben Minuten, eine Verbindung gibt es normalerweise jede halbe Stunde – am Freitagabend allerdings nicht. Die Bundespolizeiinspektion Bremen schreibt dazu: „Diese Möglichkeit des Aussteigens in Sebaldsbrück gab es nicht und wäre von der Polizei unterbunden worden.“ Die Fans stellen fest: „Aus bisher ungeklärten Gründen fuhr der Anschlusszug wider Erwarten nicht in den Bahnhof Achim ein.“ Das geplante Umsteigen der Fangruppe liest sich im Polizeibericht folgendermaßen: „Man wollte versuchen, den nächsten Zug nach Bremen zu stoppen.“

Auf Gleise uriniert – Kein Zugang zur Toilette

Die Polizei war also offensichtlich nicht gewillt, die Fans nach Bremen fahren zu lassen. Unklar in der Darstellung bleibt allerdings, ob dies schon direkt nach deren Ausstieg in Achim beschlossen ist oder erst nach den von der Polizei geschilderten Vorfällen auf dem Bahnhof. Statt nach Bremen geht es am Ende zurück nach Hannover, und zwar kurz nach Anpfiff des Spiels im Weserstadion: „Gegen 20:40 Uhr wurden die Ultras mit einem Regionalexpress aus Bremen zurück nach Hannover begleitet.“ Über das, was dazwischen auf dem Bahnhof Achim geschieht, gehen die Darstellungen auseinander:

„Auf dem Bahnsteig in Achim zündeten die zurückgebliebenen Fans ebenfalls bengalische Feuer und Böller. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei. Zahlreiche Fans urinierten auf die Gleise oder überschritten die Strecke. Lebensgefährlich bei durchfahrenden Zügen von 160 km/h. Man wollte versuchen, den nächsten Zug nach Bremen zu stoppen. Aus Sicherheitsgründen musste der Bahnhof voll gesperrt werden.“

„Aus den Reihen der Fans wurden auf dem Bahnsteig zwei Knallkörper gezündet. Die Fans wirkten daraufhin per Megaphon auf ihre Mitreisenden ein, dieses gefährliche Verhalten zu unterlassen. Darüber hinaus verhielten sich die Fans trotz der ungeklärten Situation absolut friedlich. Ein Seitengleis wurde lediglich von einzelnen Fans zum Verrichten der Notdurft überquert, da Beamte der Polizei einen Zugang zu einer Toilette während des kompletten Aufenthalts in Achim verhindert hatten.“

Schikane oder Sicherheitsmaßnahme

Die Polizei leitet aus dem von ihr geschilderten Verhalten weitere Maßnahmen ab – ein Betretungsverbot für Bremen und den erzwungenen Rückweg nach Hannover: „In diesem Zusammenhang bestand Schulterschluss mit der Bundespolizei, dass Fans nicht den Spielort erreichen, wenn sie unterwegs Straftaten begehen.“ Unklar bleibt hier jedoch, ob nicht bereits das Aussteigen in Achim und der damit verbundene Plan, die Polizeileitung zu umlaufen, als widerständig genug betrachtet wurde, um eine Weiterreise zu verhindern.

Der Ablauf der Rückfahrt nach Hannover liest sich in den beiden Berichten gleichfalls sehr unterschiedlich:

„Die Abfahrt verhinderten Fans mehrfach durch Ziehen der Notbremse und Blockieren der Türen. Kurzzeitig kam es zum Schlagstockeinsatz.“

„Beim Einsteigen in den bereitgestellten Regionalexpress kam es zu vereinzelten Rangeleien mit der Polizei, unter anderem da zu Beginn nicht alle Wagen freigegeben wurden weshalb es zu einer Überfüllung einzelner Wagen kam und ein weiteres Einsteigen nicht möglich war. Unter massiver Anwendung körperlicher Zwangsmaßnahmen verbrachten die Einsatzkräfte die Fans in den Zug.“

Gleiches gilt für die Personalienfeststellung, die dann in Hannover erfolgte:

„Die Maßnahme wurde bereits im Zug durchgesagt. Minderjährige wurden aufgerufen, sich zu melden, um schneller entlassen zu werden.“

„Diese Maßnahmen zogen sich bis in die frühen Morgenstunden des Sonnabends hin. Während der gesamten acht Stunden, die Fans befanden sich nun schon seit 18 Uhr in Gewahrsam der Polizei, bestand keine Möglichkeit sich mit Getränken oder Essen zu versorgen.“

Deutungshoheit

Eine erste Pressemitteilung der Bundespolizeiinspektion Bremen wurde am Freitagabend um 22:15 Uhr veröffentlicht, eine etwas ausführlichere am Samstag um 13:10 Uhr. Die Pressemitteilung der Fanhilfe erschien am Sonntag. Diese zeitliche Abfolge bestimmte auch die überwiegende Berichterstattung, die der Polizeimeldung folgte: „ Hannover-Fans randalieren auf Achimer Bahnhof“ oder „Fußballfans aus Hannover legen Bahnhof lahm“  Die Hannoversche Allgemeine zitierte den 96-Vereinspräsidenten Martin Kind mit den Worten: „Wir müssen überlegen, ob wir in der neuen Saison noch Karten an die Ultras verkaufen.“

 Am Sonntag jedoch griff die Hannoveraner Neue Presse die Stellungnahme der Fanhilfe auf und dokumentierte unter der Überschrift „Hannover 96: Fans kritisieren Polizeieinsatz in Bremen“ weitere Berichte von mitgereisten Fans. „Zahlreiche Zuschriften“ hätten die Redaktion dazu erreicht, heißt es, die Auswahl zumindest bestätigt die Darstellung der Fanhilfe.

Über die – hier nicht entscheidbaren – tatsächlichen Vorfälle hinaus zeigen die nebeneinandergestellten Schilderungen der Ereignisse, wie sehr das Auslassen und Hinzufügen von Informationen die Sicht der Dinge beeinflusst: Gab es Zugang zu Toiletten oder nicht? Wie reagierten die übrigen Fans auf gezündete Böller? Gab es Sachbeschädigungen, wurde die Notbremse gezogen? Ein zentraler Punkt ist die polizeiliche Bewertung des Versuchs der Fans, sich der Kontrolle und Wegleitung zu entziehen: Ist das ritualisierter Teil der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans und der Versuch insbesondere der Ultragruppen, sich freie Räume und freie Wege zu erhalten? Oder ist durch ein solches Verhalten „die Sicherheit des Stadtgebietes“ gefährdet und bleibt der Polizei damit nichts anderes übrig, als die Fans nicht selbstständig zum Stadion, sondern unter Begleitung von drei Hundertschaften zurück zu ihrem Ausgangsort zu bringen?

Auch der Polizei, das lässt sich der Pressemitteilung entnehmen, ist die Idee eines „Räuber und Gendarm“-Spiels nicht völlig fremd, und sie weiß auch, wie es ausgegangen ist: „Eindeutige Verlierer waren am Ende die Randalierer. Sie sahen das Spiel nicht und standen stundenlang auf Bahnsteigen.“

Siehe auch: Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen GewaltGanzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollenFußballfans und Medien: Ein schwieriges Verhältnis

3 thoughts on “Aussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegs

  1. Zum Verhalten der Polizei lässt sich etwas anmerken. Am Abend des Spiels versammelten sich nach dem Abpfiff mehrere Dutzend Hooligans und Neonazis in der Bahnhofsvorstadt. Vor in den Gaststätten Bells und Klause 38 trafen sich Gruppen, die immer wieder aufbrachen um die Konfrontation mit Anhängern von Hannover zu suchen. Völlig unbehelligt von Zivilpolizisten, BFE und Bereitschaftspolizei ging dies über Stunden bis Nachts um zwei, obwohl diese die ganze Zeit vor Ort waren. Keine Personalienfeststellungen, keine Ingewahrsamnahme, kein Polizeibericht. Und das obwohl beide Gaststätten im letzten halben Jahr immer wieder Thema waren, auch im Zusammenhang mit schwersten Straftaten, wie dem Überfall auf einen Schalkefan, oder die Stiche in den Hals eines Mannes, der einem Anhänger der bremer Standarte nicht passte.
    So wird es wohl auch in Zukunft zu weiteren schweren Übergriffen kommen, wenn diese nicht bereits geschehen sind. Vor dem bremer Landgericht, werden die Hintergründe zwar erörtert, die Täter können jedoch mit einem milden Urteil rechnen.

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