Verdrehtes Gedenken

Der Historiker Arnulf Baring ist in den vergangenen 20 Jahren vor allem dadurch aufgefallen, dass er zu allem, vor allem zu Deutschland, viel zu sagen hat. Sein Verbaler Output steht dabei kaum in Relation zur Expertise. Nun war Stalingrad dran. Seine Haupterkenntnis ist: Krieg ist die Hölle. So weit, so Binse. Diese vordergründige Empathie mit den Menschen schlägt jedoch in den altbekannte „Wir-wollen-auch-Opfer-sein-Nationalismus“ der Deutschen um.

Von Andreas Strippel

Barings Gedanken in einem Gastbeitrag auf Spiegel Online beginnen mit einem bizarren Geständnis: Er war nicht dabei. Gut für ihn. Was diese Anti-Schönhuberei soll, bleibt unklar. Klar ist: Baring möchte der Opfer der Schlacht von Stalingrad Gedenken, und zwar aller Opfer. Barings Einschluss der russischen Opfer wäre wohl noch in den 1980er Jahren eine progressive Position für einen Konservativen gewesen, heute dient sie jedoch nur als Mittel, anderen Ländern ungefragt Ratschläge zu erteilen.

Zunächst kramt Baring in eigenen Erinnerung:

„Ich habe deshalb die seinerzeit maßgebliche Zeitung, den „Völkischen Beobachter“, aufgehoben und jahrelang immer wieder hervorgeholt. Seine Titelseite war wie bei einer Traueranzeige mit dicken schwarzen Balken umrandet. Die Überschrift lautete: „Sie starben, damit Deutschland lebe“ – ein Satz, der mir freilich schon im Februar 1943 nicht einleuchten wollte.“

Seine kurzen Impressionen am Anfang zeigen auf was wirklich kommt. Der Historiker Baring, der seit Jahren durch Talkshows tingelt, hat offensichtlich wenig bis keine Ahnung von neuer Forschung zum Zweiten Weltkrieg.

Der Historiker als Völker-Schamane

Baring berichtet, dass er auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Wolgograd war (das frühere Stalingrad). Warum ausgerechnet er auf einer Konferenz zur Schlacht von Stalingrad sprechen sollte, bleibt

Sowjetischer Sieg in Stalingrad
Über dem zentralen Platz in Stalingrad weht die sowjetische Fahne – die Rote Armee hat gesiegt; Ende Januar, Anfang Februar 1943 (Foto: Georgii Zelma; Bundesarchiv, Bild 183-W0506-316, CC-BY-SA)

ein Geheimnis der KAS. Baring geht es um das Erinnern. Wie das richtig geht, weiß er schon. Er ist „überzeugt, man verhält sich nur angemessen in dieser Situation, wenn man sich in einer solchen Situation vorstellt, damals elend Umgekommenen, seien um uns versammelt, ihre Seelen hörten zu, wollten wissen, fragten leise, was wir aus ihrem Sterben gelernt hätten.“

Nachdem der Völker-Schamane also die Geister versammelt hat, fährt er direkt mit Stalingrad fort. Der Vernichtungskrieg mit seinen Massakern, niedergebrannten Dörfern, zerbombten Städten, vergewaltigten Frauen, der systematischen Hungerpolitik gegen die Zivilbevölkerung, dem organisierten Massensterben der russischen Kriegsgefangenen, alles das kommt nicht vor. Und worum es ihm geht, formuliert er so:

„Die Erinnerung unserer beiden Völker an Stalingrad ist also diametral verschieden, hat gegensätzliche Perspektiven. Denn man muss die beiden verfeindeten Führungspersönlichkeiten bewerten, also Hitler einerseits, Stalin andererseits.“

Es ist die alte Erzählung von Hitler, der die Stadt mit dem Namen seines Feindes erobern wollte. Diese billige Reproduktion des Hitler-Mythos passt natürlich gut zum Spiegel und seinem Führer-Fetisch. Offensichtlich sind auch andere zur Geschichtspornographie fähig. Dieser Mythos-Hitler ist einer der Gründe, warum die historische Forschung zu Hitler in Deutschland so unterentwickelt ist. Aber zurück zu Baring. Hier deutet sich an, dass er – großzügig wie er ist – auch den Russen eine Tür öffnen möchte. Sie sollen sich doch endlich auch als Opfer von Stalin sehen. Das Interesse am individuellen Leiden entpuppt sich hier als Sinn fürs Nationale. Die baringsche Küchenpsychologie kollektiver Identität ist die Fassade eines alten Themas: der Totalitarismus-Theorie.

Erinnern ohne Kontext

Der Krieg wird als auf beiden Seiten verbissen und brutal beschrieben, was zweifelsohne stimmt. Aber wie so oft bei Baring, ist die Begründung falsch. Es ist eben nicht der Kampf zweier Diktatoren gewesen, sondern die Verteidigung

Die zerstörte Innenstadt Satlingrads nach der Schlacht
Die zerstörte Innenstadt nach der Schlacht

eines überfallen Landes. Die russischen Soldaten hatten eben auch deswegen so eine hohe Motivation, weil man ja gar keine Gräuel-Propaganda brauchte. Das Grauen war real. Die russischen Soldaten wussten, was ihnen blüht.

Die Deutschen hingegen waren als Eroberer gekommen und viele fühlten sich auch so. Herrenmensch ist auch ein Lebensgefühl, das sich einstellt, wenn man mit der Zivilbevölkerung machen darf, was man will und die einzige Einschränkung die Truppendisziplin darstellte. Die russischen Soldaten nahmen diesen brutalen Kampf an, weil sie wussten was ihnen bevorsteht, wenn die Deutschen gewinnen. Hinzukommt, dass sie sowjetische politische Führung um Stalin selbst ausgesprochen und rücksichtslos  brutal agieren konnte.

Baring hüpft am Ende von geteilter Erinnerung zum gemeinsamen Leid (Kriegstraumata). Aber während in Deutschland an den Traumata gearbeitet wurde, sei dies in Russland nicht passiert. Daher käme „uns die russische Gesellschaft in ihrer Härte im menschlichen Miteinander oft erschreckend vor. Dass dafür auch von Deutschen verübtes Leid mit verantwortlich ist, sollten wir und unsere Kinder niemals vergessen.“ Auch hier scheint die Empathie geheuchelt. Es ist schon sehr dreist, den deutschen Nationalismus nicht mit keinem Wort zu erwähnen, die deutsche Erinnerungspolitik implizit zu loben, jedoch Russland ins Stammbuch zu schreiben, doch mal das Nationalgetöse sein zu lassen. Das ist keine Kritik am russischen Nationalismus – die sogar korrekt wäre -, sondern eine Weißwaschung des deutschen Nationalismus.

Unangenehme Asymmetrie

Barings Aufruf zum Gedenken an die Opfer hat eine unangenehme Asymmetrie. Damit ist er innerhalb der deutschen Gedenkkultur nicht alleine. Die Botschaft lautet: Mag sein, dass wir den Krieg verloren haben, den Frieden haben wir gewonnen – und zwar weil „wir“ so selbstkritisch sind.

Das ist genau die klebrige Selbstverliebtheit, die auf die völkischen Wurzeln des deutschen Nationalismus hinweist. Zum deutschen Opfer-Nationalismus, der seit Ende des Ersten Weltkriegs hegemonial ist, tritt der alte wilhelminische Impetus der arroganten Belehrung. Im Jargon des alten Nationalismus ist es die Formel, „am deutschen Erinnerungswesen, wird die Welt genesen“. Wollen wir hoffen, dass zumindest das der Welt erspart bleibt.

Siehe dazu: Die nationalsozialistische MachteroberungDie Novemberpogrome 1938, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”, Freude über den Hass, Die Protokolle des Weisen von Oslo, “Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz”, Im Zweifel gegen Israel, Die Erinnerung bleibt, Jahrestag der Pogromnacht: Linke wollen “Antisemitismus-Falle” erklären, Erstmals Holocaust-Konferenz in Marokko, Beschneidung der Vernunft, Albert Göring – ein Leben im Schatten des Bruders

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