„Made in Papa + Maman“: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle

Mit der „Mariage pour tous“, also der Öffnung der Ehe für Homosexuelle, erfüllt der französische Präsident Hollande eines seiner Wahlversprechen. Doch seitdem er den Gesetzesentwurf vorgelegt hat, hat sich ein breites, heterogenes Bündnis dagegen aufgestellt – mit einer verlogenen homophoben Argumentation.

Von Matthias Stelte*

Demonstration gegen gleichgeschlechtliche Ehen in Frankreich. (Foto: cbr_perso / Christophe BECKER / flickr.com / CC BY-NC 2.0)
Demonstration gegen gleichgeschlechtliche Ehen in Frankreich. (Foto: cbr_perso / Christophe BECKER / flickr.com / CC BY-NC 2.0)

Gestern haben in Frankreich landesweit erneut mehr als 80.000 Menschen dagegen demonstriert, die Ehe auch für Schwule und Lesben zu öffnen – inklusive des Rechts auf Adoption. Am 27. Januar hatten sich in Paris bis zu 400.000 Menschen versammelt, um für die „Mariage pour tous“ zu demonstrieren, dem Projekt des französischen Präsidenten Francois Hollande. So geht das seit einigen Wochen in Frankreich: Demonstrationen für und gegen die „Mariage pour tous“ finden im ganzen Land statt. Es ist momentan das beherrschende Thema der französischen Innenpolitik.


„Entschlossen gegen die Homoehe – ohne Homophobie“

Die Katholische Kirche und auch die konservative UMP, die Partei des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, riefen in der Vergangenheit zu Protesten gegen die Öffnung der Ehe auf – bis hierhin ist alles wenig überraschend. Doch das Bündnis gegen dieses Vorhaben ist viel breiter aufgestellt und arbeitet mit einer perfiden Argumentation. Denn angeblich geht es gar nicht darum, LGBT‘s zu diskreditieren, ihren Lebenswandel zu verdammen, sie gar bekehren zu wollen – nein, die Gegner schreiben sich das Thema Homophobie selbst groß auf ihre Fahnen. Unter dem Motto „Entschlossen gegen die Homoehe – ohne Homophobie“ führen sie ihren Kampf.

Dabei sind die  Gegner ein Sammelsurium unterschiedlichster Interessengruppen, die eines antreibt: Die Angst vor dem Untergang der Grande Nation. Und so tummeln sich neben den üblichen Verdächtigen auch zahlreiche Familien- und Kinderverbände unter den Gegnern: So zum Beispiel die in Frankreich bekannte Autorin und Society-Reporterin Frigide Barjot. Mit Xavier Bongibault hat die Allianz sogar einen schwulen Mann in ihren Reihen. Und auch aus der eigenen Partei gibt es Gegenwind für Hollande: Lionel Jospin, ehemaliger Premierminister spricht sich gegen die Öffnung der Ehe aus.

Selbst die Nazis müssen als Erklärung herhalten

In mehreren Interviews warf Bongibault dem Präsidenten und den französischen LGBT-Verbänden vor, mit der Öffnung der Ehe homophob zu handeln und begründet Bongibault diesen Vorwurf mit nichts Geringerem als einer Nazi-Analogie: Denn, so Bongibault, die Annahme, dass jedeR HomosexuelleR für die Homoeehe sei, weil sie oder er lesbisch oder schwul sei, sei die gleiche Ideologie, wie es „ein bekannter Deutscher 1933 formulierte, der gesagt hat, der Homosexuelle handele nur nach seinen Trieben, er könne nicht politisch-reflektiert handeln.“

Auf wen sich Bongibault bezieht, ist allerdings unklar. Denn Hitler selbst hat sich so gut wie gar nicht zum Thema Homosexualität geäußert. Es gibt eine berüchtigte Rede von Heinrich Himmler, in der er sagt, homosexuelle Männer würden den Staat durch Cliquenbildung untergraben, da sie ihre Cliquen nach Attraktivität und nicht nach Leistung bildeten. Diese Rede hielt Himmler 1937. Ob Bongibault Himmler oder jemand anders mit dem „bekannten Deutschen“ meint – es ist ein kruder Vergleich, der zudem ein Schlag ins Gesicht für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialmus ist.

„Diskriminierung ist unerträglich, aber…!“

Doch was eint die Gegner im Kampf gegen die Homoehe – vom rechten politischen Rand, über diverse Familien- und Kinderschutzbünde bis hin zu Politikern der Sozialisten, der Partei Hollandes? Es ist eine französische Eigenheit, die dieses Bündnis möglich macht: Nämlich die tief in der französischen Republik verwurzelte Überzeugung, dass die Ehe ausschließlich einem Zweck dient, der Fortpflanzung von Mann und Frau, um das Überleben Frankreichs zu sichern. Die Angst vor dem Untergang und Bedeutungsverlust durch sinkende Einwohner treibt die französische Politik seit langem an. Charles de Gaulle schrieb in seinen Memoiren: „Die Erhöhung der Bevölkerungszahl ist zweifellos die wichtigste von allen Investitionen“. Diese Ansicht ist Konsens in allen Parteien und Bevölkerungsschichten in Frankreich.

Das ist also die Aufgabe der Ehe: für ausreichend französische Staatsbürger zu sorgen. Die Ehe ist die Grundlage der Nation, wie es im Code Civile festgeschrieben ist – sie dient in erster Linie der Reproduktion. Dieses Argument, die Berufung auf den Code Civile und die „natürliche Ordnung“ werden von den Gegnern einer Öffnung der Ehe herangezogen. So erklärte jüngste Jospin in einer Fernsehdebatte: Die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung sei unerträglich, „aber vergessen wir nicht, dass die Menschheit in Mann und Frau angelegt ist“. Diese Aussage zeigt zudem deutlich, dass es Aufgabe von Heterosexuellen ist und auch bleiben soll, für Nachwuchs zu sorgen. Kinder von Homosexuellen? Das scheint eine mindestens genauso große Gefahr wie das Aussterben der Grande Nation.

%%wppa%%
%%album=21%%

Die Öffnung der Ehe würde den Code Civile erschüttern, und systematisch die Wörter „Mutter, Vater, Ehemann und Ehefrau“ auf Kosten des geschlechtslosen Wortes „Eltern“ abschaffen, sagen die Gegner der „Mariage pour tous“. Ja, mehr noch: Wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder kriegen dürfen, schaffe dies eine neue anthropologische Ordnung auf Basis der sexuellen Orientierung.

In den Argumentationen werden auch immer wieder Studien bemüht, die angeblich belegen sollen, dass die Kinder in einer gleichgeschlechtliche Elternschaft verwirrt und verstört werden. So ist es kaum verwunderlich dass bei den Protesten Schilder zu sehen wie: „Made in Maman et Papa“, oder „1 Papa 1 Maman ça même La Verité“, „Papa, Maman, Kinder: DAS ist natürlich“. Das es sich beim Kampf gegen die Ehe für alle um eine Angelegenheit nationaler Tragweite handelt, verdeutlichen jungen Frauen, die auf den Demonstrationen als Marianne verkleidet mit blau-weiß-rote Schärpen auftreten.

Regenbogenfamilien sind eine Normalität

Dabei sind in Frankreich wie in Deutschland, Regenbogenfamilie längst eine vielfache Normalität. Es würde der Diskussion – beiderseits des Rheins – helfen, wenn man einmal diejenigen fragt, über die immer geredet wird. Das hat das Süddeutsche Magazin kürzlich gemacht und mit mehren Kindern aus Regenbogenfamilien gesprochen. Die Gegner der Homoehe fordern übrigens ein Referendum über das Gesetz. Dabei haben die Wählerinnen und Wähler im April und Mai schon längst darüber abgestimmt. Die Einführung der „Mariage pour tous“ stand im Wahlprogramm des sozialistischen Kandidaten und heutigen Präsidenten Hollande. Und: Jüngsten Umfragen zufolge sind 63 Prozent der Franzosen für die Einführung der Homoehe, allerdings befürworten nur 49 Prozent auch ein Adoptionsrecht. Das ist zwar noch nicht die Mehrheit, aber dieser Wert steigt im Vergleich mit vorherigen Umfragen nach oben.

*Matthias Stelte lebt in Hamburg und betreibt den Food- und Kochblog „kitchen proofed„.

Siehe auch: Der Konvent der identitären Bewegung„Wir geben die Farben zusammen“Pinkwashing – Israels “schwuler Propagandakrieg”Schwulenfeindliche Ärzte auf KatholikentagWie schwul ist Tofu, bitte?

2 thoughts on “„Made in Papa + Maman“: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle

Comments are closed.