Darf man über Nazis lachen?

Soll man sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob man über Nazis lachen darf? Wir finden schon! Neben Terror und Gewalt bieten Nazis mit ihrem grotesken Uniformfimmel, ihren Hang zum Marschieren und Fahnenwedeln genug Anlass, sie als die Witzfiguren zu betrachten, die sie nun mal sind, wenn man ihnen die Gewalt wegnimmt. Lachen kann demystifzieren und offenlegen.

Ein Kommentar von Felix M. Steiner und Andreas Strippel

Vor kurzem merkte eine Studentin nach einem Vortrag über die NPD an, sie empfinde Witze über Neonazis als einen Weg der Verharmlosung, einen Weg dieses Thema weniger ernst zu nehmen und so auch die Gefährlichkeit herunterzuspielen. Eine interessante Anmerkung, aus der sich eine wichtige Frage ableitet, die in den letzten Jahren auch in Deutschland immer wieder diskutiert wurde: Darf man über Nazis und Neonazis lachen? Nein, man darf nicht, man muss! Jedoch heißt das nicht, dass alle Witze über Nazis auch angebracht oder gar gut sind. Die humoristische Auseinandersetzung mit dem Thema ist nicht weniger alt als der Nationalsozialismus selbst. Einer der Meilensteine ist Chaplins „Großer Diktator“. Chaplins Film vermochte es schon zu Lebzeiten Hitlers den Mythos des Führers, ja den Führerkult ein Stück weit zu entzaubern. Der Film macht in seiner satirischen Art auch die Absurdität des „Dritten Reiches“ deutlich. Nicht zuletzt war Chaplins Werk ein wichtiger Beitrag zur Debatte über den Kriegseintritt der Amerikaner.

Es geht um den Verbrecher, nicht um das Verbrechen

In Deutschland wurde die Diskussion spätestens mit dem Film „Mein Führer“, in dem Helge Schneider Hitler spielte, wieder neu aufgegriffen. Millionen von Menschen wissen durch die Knoppsche Geschichtsaufarbeitung zwar alles über Hitlers Sekretärin, Hitlers Hunde und Hitler Zahnärzte, das Bild vom „großen Führer“ wird dadurch aber kaum hinterfragt. Hitler wird weiterhin als Mythos gehandelt, ein großer böser Mann, als die unfassbare Verkörperung des Bösen selbst. Im Übrigen ein Mechanismus, der zur Verführungsthese und Schuldabwehr recht gut passt, in dem die deutschen Verbrechen Hitler und seinen zehn Kumpels, kurz „den Nazis“, zugeschoben werden. Der Blick geht so weg von den gesellschaftlichen Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen und der Anziehungskraft nationalsozialistischer Ideologie. In der humoristischen Dekonstruktion des Führerbildes steckt daher auch die Chance sich zu fragen, wie ein untalentierter Maler mit peinlichem Bärtchen an die Spitze der deutschen Gesellschaft gelangen konnte.

Grundsätzlich mindert das Lachen über die Herrschenden deren Macht. Die moralische Zurückweisung des Lachens über Nazis ist ein Reflex, der die Greuel der Nazis der menschlichen Sphäre enthebt. Denn das Lachen gilt Menschen, die aus der Mitte der Gesellschaft kamen und auch heute noch kommen. Anders gesagt: Über Hitler zu lachen, Hitler zum Menschen zu machen, birgt immer auch die Gefahr, den kleinen Adolf in sich selbst zu sehen. Das ändert nichts daran, dass die Shoa und andere Verbrechen nicht komisch sind. Jedoch kann man trotzdem über die Täter lachen, um ihnen den Herrenmenschennimbus zu nehmen, den sie so gerne hätten. Berthold Brecht verwies eben auf jene Unterscheidung zwischen Verbrecher und Verbrechen:

Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Denn sie sind vor allem keine großen politischen Verbrecher, sondern die Verüber großer politischer Verbrechen, was etwas ganz anderes ist. Keine Angst vor der platten Wahrheit, wenn sie nur wahr ist! Sowenig das Mißlingen seiner Unternehmungen Hitler zu einem Dummkopf stempelt, so wenig stempelt ihn der Umfang dieser Unternehmungen zu einem großen Mann. […] Solche Leute erwecken den Anschein von Größe durch den Umfang der Unternehmungen. […] Und im allgemeinen gilt wohl der Satz, daß die Tragödie die Leiden der Menschen häufiger auf die leichte Achsel nimmt als die Komödie.

Was für Hitler gilt, kann für Apfel nicht falsch sein

Gewiss, heute heißt über Neonazis lachen nicht mehr, über die Mächtigen zu lachen. Dennoch ist Humor weiterhin ein wichtiger Weg der Auseinandersetzung. Nach dem Einzug der NPD in den Sächsischen Landtag erlebte man die deutsche Politik und Gesellschaft in einer Art Schockstarre. Aus dem Nichts waren die bösen bösen Neonazis auf einmal aufgetaucht und in den Landtag eingezogen. Eine Situation, die nicht zuletzt durch jahrelanges Wegschauen zu erklären ist. Nach einigen Jahren hatte man dann aber Wege gefunden, mit der neuen Präsenz der NPD umzugehen. Auch hierbei entwickelten sich wieder humoristische Formen. Ob es nun der parodistische Umgang der Front Deutscher Äpfel ist oder die kurzen Spots der Neuesten Nationalen Nachrichten: es wird wieder über Nazis gelacht in Deutschland. Doch nicht in einer Verharmlosung, nicht in der Absicht die Gefahr dieser menschenverachtenden Ideologie herunter zu spielen sondern eben genau mit der gegenteiligen Absicht. Und jene Beispiele zeigen gut, wie sehr die Tragödie zur Farce wird. Die extreme Rechte sucht sich heute in weiten Teilen historische Vorbilder, die selbst für Zeitgenossen kaum an Lächerlichkeit zu überbieten waren.


Der Parodie der als Farce auftretenden extremen Rechten geht es hierbei aber nicht um ein bloßes Lachen, es geht immer auch darum, durch diesen Weg auf das zu verweisen, was hinter der Mystifizierung des Führers, dem pseudomilitärischen Auftreten von Kameradschaften oder der nach außen getragenen Bürgerlichkeit – im Falle der NPD – steht. Und auch, wie wenig deren Herrenmenschengetue mit der Realität zu tun hat, wie dies vor kurzem auch in einer Folge des Tatortreinigers thematisiert wurde. Außerdem gibt die NPD immer wieder genügend Anlass über sie zu lachen, etwa wenn sie in Strategiepapieren folgendes schreibt:

Es muß begriffen werden, daß uns kein Bürger wählt, weil wir die richtige Weltanschauung haben, sondern weil wir eine wirkliche Alternative zum bestehenden System entwickeln, welche aus unserer inneren Haltung und Weltanschauung zwar folgerichtig ist, so jedoch nicht dem Wähler dargestellt werden kann.

Wenn die NPD selbst derartige Spitzen in ihre Schriften einbaut, dann kann man nicht anders, dann muss man darüber lachen. Lachen aber auch über die groteske Ernsthaftigkeit, die sich hinter solchen Schriften verbirgt. Und nicht zuletzt ist Humor auch ein wichtiges Mittel des Protestes. Auch hier entlarvend, aber darum nicht weniger ernst gemeint. Nur die Folgen menschenverachtender Ideologien dürfen eben nie zum Opfer des Spotts werden.

Siehe dazu: Fleischgewordene geistig-moralische WendeAkte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen,  “Geschichtspornografie” im ZDF: “Ein bisschen Nazi spielen”,

7 thoughts on “Darf man über Nazis lachen?

  1. Zum Thema fällt mir spontan „Sein oder Nichtsein“ von Lubitsch ein. Nazi (geschmeichelt): „So so, man nennt mich also Konzentrationslager-Ehrhardt …“
    Ein sehr guter Beitrag dazu auf: http://www.johannesrosenstein.de/lachen.html.

    Insgesamt sollte man vorsichtig sein. Hitler sozusgen als Tur-Tur zu „entlarven“, der bei Annäherung immer kleiner wird, funktioniert manchmal, sollte aber nie so weit gehen, dass man nur noch „den Menschen“ Adolf H. sieht – mit dem man womöglich noch Mitleid hat! Hitler war der fleischgewordene Hass, so, wie es seine weichgespülte, eher *********** Kopie Apfel ist. Nur hat dieses Äpfelchen keine Millionen von Ermordeten auf den Gewissen. Nie vergessen.

    Anm. d. Red.:

    Wir erlauben uns mal, dem Text ein wenig mehr Sterne zu verpassen.
    Grüße

  2. Darf man über Nazis lachen? Ich dachte, diese Frage hätte Roberto Benigni in „La vita è bella“ ein für alle Mal mit „Ja!“ beantwortet. Es kommt auf das „Wie“ an.

  3. Wenn das einzige national-oppositionelle Flaggschiff unter der Systembrücke stecken bleibt, bin ich geradezu verpflichtet zu lachen.

  4. Der Titel des Artikels ist leider falsch formuliert.

    Es müsste heißen: Kann man sich das Lachen über Nazis überhaupt verkneifen?

    Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass Nazis nichts mehr fürchten als Gelächter und Humor. Sie verdienen es, der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden!

  5. „Kann man sich das Lachen über Nazis überhaupt verkneifen?“

    ja, dass ist eben die frage 😉
    ich nehme die gefahr, die von den kameradInnen ausgeht absolut ernst – aber man kommt eben kaum drumrum über die geballte dummheit zu lachen, die sich mitunter dahinter verbirgt. auf endstation-rechts tummeln sich ja nazis zu hauf, die fleißig mitdiskutieren – und dabei regelmäßig so danebengreifen, dass man nur noch lachen kann. dort war zum beispiel mal einer, der hielt das magazin titanic für eine normales wochenblatt wie den spiegel und hat dann daraus zitiert…..

  6. Zum THema lachen über Nazis fielen mir diese Worte von Bert Brecht ein:

    „Hörend die Reden, die aus deinem Hause dringen, lacht man.
    Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer“

    Was sie sage wäre lächerlich, wenn ihre Taten nicht so fürchterlich wären.

  7. Nazis lächerlich zu machen ist die sicherste Art, sie daran zu hindern, irgendwie wichtig zu werden. Außerdem ist lachen einfach befreiend.

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