Die nationalsozialistische Machteroberung

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler vereidigt. Damit übernahmen die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten die Macht im Deutschen Reich. Dieses Datum ist auch der Auftakt für Terror und Verfolgung. So wollten die Nazis ihre Vision der Volksgemeinschaft durchsetzen.

Von Andreas Strippel

Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler schloss den langsamen Verfallsprozess der ersten deutschen Demokratie ab. Schon seit dem März 1930 regierten sogenannte Präsidialkabinette  mit Notverordnungen an der gesetzgebenden Gewalt des Reichstages vorbei. In dieser Zeit begann die institutionelle Erosion der Weimarer Republik. Von 1930 bis 1933 zeigten sich erste Auflösungstendenzen der klassischen sozialen Milieus aus dem 19. Jahrhundert und der dazugehörigen politischen Strömungen. Sozialisten, Liberale,

Fackelzug zur Machtergreifung
Fackelzug nach Hitlers Ernennung zu Reichskanzler (Bundesarchiv, Bild 102-02982A / CC-BY-SA)

Katholiken und Konservative verloren an Bindungskraft, die NSDAP präsentierte sich als klassenübergreifende Volkspartei. Obwohl die Nazis ihre antisemitische, rassistische und antidemokratische Gesinnung offen zur Schau trugen, wirkte das Versprechen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft auf viele Menschen attraktiver als die Demokratie.

Eine Mehrheit gegen die Republik

Bis zum Sommer 1932 legten die Nazis bei den Wahlen zu, ohne jedoch die absolute Mehrheit zu erlangen. Hitler Widerwillen, als Juniorpartner in ein bürgerliches Kabinett einzutreten, führte die NSDAP in eine politisch heikle Position, die geprägt war von Flügelstreitigkeiten und Frustration. Vor allem innerhalb der SA rechnete man bereits im Sommer 1932 mit der Machtübernahme. Auf das Scheitern dieser Träume reagierten SA-Mitglieder mit brutaler Gewalt. Schüsse und Bomben auf politische Gegner wie beispielsweise in Königsberg gehörten genauso dazu wie Angriffe auf Geschäfte, deren Inhaber Juden waren. Im Kleinen entlud sich bereits, was 1933 folgen sollte.

Bei den Wahlen im November 1932 blieben die Nazis zwar stärkste Partei, verloren aber 4,2% ihrer Stimmen. Erstmals seit langer Zeit gewannen die republikfeindliche und monarchistisch-konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) an Stimmen dazu. Der offene Straßenterror der Nazis trieb Teile der bürgerlichen Nazi-Wähler zur DNVP. Noch Ende November 1932 lehnte es Hindenburg erneut ab, Hitler zum Reichkanzler eines Präsidialkabinettes zu machen. Es sah so aus, als würde der politische Stern Hitlers sinken.

Franz von Papen verhandelte jedoch weiter mit Hitler. Papen war selbst überzeugter Gegner der Republik und als Reichskanzler für die Ersetzung der preußischen Regierung durch einen Reichskommissar verantwortlich (der sogenannte Preußenschlag), der die größte Polizei des Landes und der Hauptstadt unter Kontrolle der Reichsregierung brachte. Papen gelang es, die Clique um Hindenburg für seine Pläne zu gewinnen ebenso wie die Deutschnationalen unter dem Pressezaren Alfred Hugenberg. Damit war ein Bündnis geschmiedet worden, das mithilfe der verbliebenen bürgerlichen Parteien und tatkräftiger Unterstützung der deutschen Wirtschaft die Demokratie beendete.

Antikommunismus und Antisemitismus

Das Bündnis um Hitler, Papen und Hugenberg zeichnete sich schon früh durch einen Gleichklang in der antisemitischen und antikommunistischen Zielrichtung aus. Jedoch waren sie über die Frage

SA-Männer als Lagerwache des KZ's Oranienburg bei Berlin 1933
Die Kehrseite der Volksgemeinschaft: Terror und Konzentrationslager. SA-Männer als Lagerwache des KZ’s Oranienburg bei Berlin 1933 (Bundesarchiv, Bild 146-1982-014-35A / CC-BY-SA)

zerstritten, welches System die Weimarer Republik ablösen sollte. Politisch stellte Hitler seine Steigbügelhalter sehr bald kalt. Die rückwärtsgewandten Vorstellungen der Konservativen hatte keine Chance, sich gegen die NS-Bewegung durchzusetzen. Gerade die jungen Bürgersöhne innerhalb der NS-Bewegung strebten danach, etwas Neues zu errichten: Eine Volksgemeinschaft auf rassischer Grundlage, in der sie die neue Elite bilden wollten. Der Gestaltungswille der vielen Nationalsozialisten, gepaart mit der Skrupellosigkeit ihre Führer, war ein wesentliches Element für die Machteroberung.

Die bürgerlichen Feinde der Republik waren zwar von den Methoden der Nazis nicht überzeugt, aber ihre Gegnerschaft zu Kommunisten und Sozialdemokraten war stärker als ihre Zweifel. Antikommunismus (darunter fiel auch die Ablehnung der SPD)  und Antisemitismus waren zentrale Verbindungsstücke, die unterschiedliche Republikgegner gemein hatten. Bereits in der Weimarer Zeit gab es einen sehr starken gesellschaftlichen Antisemitismus. Das politische Bekenntnis zum Antisemitismus ging einher mit der Ablehnung der Demokratie. Antisemitismus war ein zentraler Code der politischen Rechten. Auch wenn der Rassen-Antisemitismus der Nazis in seiner Gewaltbereitschaft weit über die bisherigen Formen der Diskriminerung hinausging, war diese ideologische Verbindung ein zentrales Element. Sie erklärt, warum große Teile der deutschen Bevölkerung keine grundlegenden Probleme mit den Antisemitismus der Nazis hatten.

Die Verheißung der Volksgemeinschaft

Auch die Idee der Volksgemeinschaft war bereits in der Weimarer Zeit ein verbreiteter politischer Kampfbegriff, der weit über die NSDAP hinaus bis in die liberalen Parteien hinein im Gebrauch war. Dies war eine Reaktion auf die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in der Krise der 1920er-Jahre. Die Volksgemeinschaft sollte diese Verwerfungen glätten und gleichzeitig die in Konturen bereits erkennbare Massen- und Konsumgesellschaft für möglichst alle – sofern sie denn dazu gehören durften – zugänglich machen.

Der Nationalsozialismus und seine Vision von Volksgemeinschaft beruhten auf einer strikten Dichotomie. Der Volksgemeinschaft standen die Gemeinschaftsfremden gegenüber. Das waren politische Gegner, sozial Unerwünschte und rassistisch Ausgeschlossene. Die Juden bildeten in diesem Konzept so etwas wie die „Gegenrasse“ zur Vorstellung der vermeintlichen „rassischen“ Überlegenheit der Deutschen. So war es nicht verwunderlich, dass neben der Bekämpfung politischen Gegner auch sofort antisemitische Maßnahmen durchgeführt wurden, allem voran der Ausschluss der Juden aus dem Staatsdienst durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.

Verfolgung und Terror

Mit dem Brand des Reichstages im Februar 1933 ging die Regierung Hitler zum offenen Terror gegen politische Gegner über. Die Polizei wurde unter ihre Kontrolle gebracht, was auf wenig Widerstand stieß, und SA und SS wurde zu Hilfspolizisten. Überall verwandelten sich SA-Lokale  in

Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland, Berlin 1. April 1933
Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland am 1. April 1933 in Berlin (Foto: Georg Pahl; Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Folterkeller. Darüber hinaus richtet die SA kleinere und größere Konzentrationslager ein, aus denen sich das von der SS betriebene KZ-System entwickelte. In dieser ersten Phase waren ungefähr 26.000 Menschen in den Lagern inhaftiert. Diese Lager waren kein Geheimnis. Man sprach über sie, man konnte über sie in der Presse lesen. Es war für offensichtlich, dass die neue Ordnung auf Gewalt und Willkür gebaut war. Aber es war ebenso offensichtlich, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht bedroht war.

Die Verfolgung der Opposition reichte jedoch nicht, um bei den Wahlen am 5. März eine absolute Mehrheit für die NSDAP zu erlangen. Kommunisten und Sozialdemokraten erreichten trotz der Gewalt gegen sie und der massiven Behinderung des Wahlkampfes ein achtbares Ergebnis. Als am 24. März das Ermächtigungsgesetz zur Abstimmung vorlag, waren die kommunistischen Abgeordneten bereits verhaftet oder geflohen, ebenso wie 26 sozialdemokratische Abgeordnete. Nur die verbliebenen Sozialdemokraten sprachen sich gegen das Gesetz aus. Otto Wels sagte:

Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten“

Kurz darauf waren viele Sozialdemokraten entweder geflohen oder verhaftet. Viele überlebten Gestapo-Haft oder KZ nicht. Gleiches gilt für die Kommunisten. Anfang Mai wurden die Gewerkschaften zerschlagen.

Der antisemitische Terror begann im März 1933. Die NS-Basis schlug nach der Ausschaltung der Opposition erbarmungslos zu. Vom Ruhrgebiet ausgehend breitete sich eine Boykott- und Gewaltwelle gegen Geschäfte und deren jüdischen Inhaber aus. Die NS-Führung bemühte sich aus taktischen Gründen, die Aktionen unter Kontrolle zu halten, aber der Druck der Basis war so stark, dass Ende März zum reichsweiten Boykott für den 1. April aufgerufen wurde. Obwohl der Boykott außenpolitische viele Probleme produzierte und auch innerhalb Deutschlands Kritik an der Art des Vorgehens geäußert wurde, gingen die Ausschreitungen in der Provinz vehement weiter. Hier konnte die NS-Basis vielerorts bereits sehr früh die jüdische Bevölkerung isolieren.

In nur wenigen Monaten gelang es der NSDAP unter Mithilfe der bürgerlichen Parteien, die erste deutsche Demokratie zu zerschlagen. Nach der Ausschaltung der Opposition begann unmittelbar der Terror gegen Juden. In dieser Anfangsphase verfestigte sich ein dauerhafter Mechanismus nationalsozialistischer Politik. Auf Gewalt und Willkür folgte im Nachhinein eine rechtliche Absicherung. Der Schein der Legalität wurde gewahrt. Auch ideologisch folgten die Nazis einer immergleichen Logik: Den Eingliederungsversprechen in die Volksgemeinschaft stand die Drohung radikalem Ausschlusses und Gewalt gegenüber. Für Juden aber auch Sinti und Roma, Afro-Deutsche oder behinderte Menschen – kurz für alle, die als biologisch Minderwertig definiert wurden – war jedoch von Beginn an der Ausschluss aus der Volksgemeinschaft vorgesehen. Diese Politik endete nicht nur in Mord, sondern in Krieg und der systematischen Ermordung ganzer Menschgruppen und einem präzendenslosen Verbrechen: der Shoa.

Sieh auch: Die Novemberpogrome 1938, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”, Freude über den Hass, Die Protokolle des Weisen von Oslo, “Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz”, Im Zweifel gegen Israel, Die Erinnerung bleibt, Jahrestag der Pogromnacht: Linke wollen “Antisemitismus-Falle” erklären, Erstmals Holocaust-Konferenz in Marokko, Beschneidung der Vernunft, Albert Göring – ein Leben im Schatten des Bruders,

5 thoughts on “Die nationalsozialistische Machteroberung

  1. ich lese immer machtergreifung,machteroberung,dabei trifft machtübergabe eher zu.er wurde nach damal geltenden gesetzen zum reichskanzler einer koalitionregierung ernannt.alle parteien ausser spd und kpd stimmten 2 monate danach für das ermächtigungsgesetz.faktisch beauftragte ein bündnis aus liberalen,konservativen und nationalen hitler mit der vernichtung ihrer feinde wie linke,schwule und juden.
    also bitte es heißt machtübergabe

Comments are closed.