Jakob Augstein und die neue „Menschenrasse“


Dafür, dass seine Kolumnen angeblich unproblematisch und nicht-antisemitisch waren, hat Jakob Augstein schon relativ lange nichts mehr über Israel geschrieben. Die Knesset-Wahl scheint für Israel-Kritiker eher nebensächlich  zu sein. Aktuell befasst sich Augstein mit der „Krise des weißen Mannes“ – und zeigt dabei ein fragwürdige Verständnis von Rassismus.

Von Patrick Gensing

Es geht um Rainer Brüderle, um Sexismus und Frauen. „Indische Verhältnisse drohen uns nicht“, gibt Augstein in seiner Kolumne bei Spiegel Online Entwarnung. Sicher, die Offenheit der sexualisierten Gewalt gegen Frauen unterscheidet sich wohl deutlich, in Deutschland finden die meisten Übergriffe in den Familien oder im sozialen Nahbereich statt. Allerdings übersieht Augstein, dass die Zahlen von geschätzten Vergewaltigungen und tatsächlichen Verurteilungen auch im Westen erschreckend sind. Und der alltägliche Sexismus in Deutschland wird nicht dadurch besser, dass es in Indien Gruppenvergewaltigungen gibt.

Welche Rolle spielt es in Augsteins Text, dass sexualisierte Gewalt und Sexismus zudem viel mit Machtverhältnissen zu tun haben? Es spielt eine Rolle:

Was tat die Frau da um Mitternacht an der Bar? Sie hat in einer Provokation die Macht der Jugend gegenüber der Schwäche des Alters ausgespielt.

Armer alter Mann – Rainer Brüderle als Opfer. Dagegen setzt Jakob Augstein die ambitionierte junge Frau, die ihre jugendlichen Reize zu fortgeschrittener Stunde an der Theke ausspielt. Er zieht den Vorfall damit auf eine rein individuelle Ebene.

Gleichzeitig meint Augstein aber, es spiele ohnehin keine Rolle, „ob Herr Brüderle an jenem denkwürdigen Abend vor dem Dreikönigstreffen der FDP an die Pforte der Frau Himmelreich klopfte oder nicht“. Die Geschichte erkläre „auch nicht die gemessene Windstärke des Debattensturms.“ Es sei nicht so, dass darüber noch nie geredet wurde, so Augstein weiter. Sicher, doch neu ist, dass die Debatte nicht einfach wieder beendet werden kann, da Tausende Frauen sich im Netz zu Wort melden und den Alltagssexismus dokumentieren.

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Augstein hat Größeres als dies im Sinn: „Diese Debatte legt für kurze Zeit den Blick auf eine viel bedeutungsvollere Entwicklung frei: Die Macht des weißen Mannes wankt.“ Eine These, die Publikative.org vor Kurzem ebenfalls aufgestellt hat, allerdings auch im Hinblick auf rassistische Kinderbücher und antisemitische Israel-Kritik, die zunehmend auf Widerspruch stoßen. Die Zeit und andere Zeitungen diskutierten bereits im vergangenen Jahr die Krise des weißen Macho-Mannes.

Augstein wählt aber einen anderen Ansatz, er übernimmt kurzerhand die Phantasmen von weißen Rassisten, die vor der „Vermischung der Rassen“ warnen und einen „Volkstod“ prophezeien. Der Verleger warnt zwar nicht vor dieser „Vermischung“ – im Gegenteil: Er findet sie gut – doch teilt er ein Weltbild, in dem  „Menschenrassen“ regieren, „Rassen“, die bislang unter sich geblieben seien und sich nun zunehmend vermischten. Es ist bei dieser Rhetorik nicht weit zu den „Samenkanonen“  – und zu der Demografie als Waffe.


Interessanterweise beruft sich Augstein in diesem Zusammenhang auf den Journalisten Peter Scholl-Latour. Dieser schrieb mehrfach für die neurechte Junge Freiheit, die er ausdrücklich lobte, da es hier „noch unabhängige Geister in der deutschen Medienlandschaft“ gebe. Zum Thema weißer Mann zitiert Augstein diesen Experten mit Hang zum kulturalistischen Weltbild folgendermaßen:

Peter Scholl-Latour, der als einer der wenigen in Deutschland solche Fragen mit kühlem Kopf beurteilt, hat in Brasilien schon das Entstehen einer „raza cosmica“ beobachtet, einer globalisierten, vermischten Rasse, in der er die Zukunft der globalisierten Menschheit erkennt.

Ganz im Stil des neokolonialen Menschenkundlers wird bei Augstein also die Entdeckung einer neuen „Menschenrasse“ im geheimnisvollen Südamerika gemeldet. So ganz neu ist diese vermeintliche Entdeckung allerdings nicht, denn bereits im Jahr 1925 veröffentlichte der mexikanische Philosoph José Vasconcelos einen Essay mit dem Titel „La Raza Cósmica“. In dieser Dekade war die Idee einer „fünften Rasse“ populär, das Beste von indigenen Völkern und von europäischen Einwanderern sollte die neue „Rasse“ sein. Das Ganze basierte auf einem höchst biologistischen Weltbild – und so überrascht es auch nicht unbedingt, dass Vasconcelos offenbar ein Bewunderer Hitlers war:

Hitler represents, ultimately, an idea, the German idea, so often humiliated previously by French militarism and English perfidy. Truthfully, we find civilian governed ‚democracies‘ fighting against Hitler. But they are democracies in name only“. („La Inteligencia se impone“, Timon 16, June 8, 1940)

Zurück zu Augstein, der von Brasilien den Blick gen Norden wendet – zumindest dürfte die USA gemeint sein, wenn er schreibt:

In Amerika kehrt sich die Definition der ethnischen Minderheit gerade um: Zum ersten Mal wurden im vergangenen Jahr mehr nicht-weiße Babys als weiße geboren.

Gesellschaftliche Macht ergibt sich allerdings nicht einfach aus der zahlenmäßigen Stärke einer Gruppe, sonst hätte es nie eine Apartheid in Südafrika gegeben und die Frauen hätten längst das Zepter in Deutschland übernommen, die Sache ist deutlich komplexer. Gesellschaftliche Macht wird nicht im Kreißsaal gleichmäßig verteilt.

Veralteter Rassismus-Begriff

Gesellschaft ist für Augstein offenbar die Summe von Individuen, Anti-Rassismus bedeutet  für ihn Augstein offenkundig nicht, die Einteilung von Menschen in „Rassen“ oder geschlossene Kultursysteme abzulehnen, sondern Rassismus beginnt für ihn womöglich erst dann, wenn ein Neonazi „Neger raus!“ ruft. Zu der Sexismus-Debatte sei auf diese Artikel verwiesen.

Augsteins Rassismus-Ausführungen kommen noch antiquierter daher als seine Definition von Antisemitismus. Er nennt seine Kolumne „Im Zweifel links“ – doch Zweifel scheint er nicht zu kennen. Und das ist die wahre Krise des weißen Mannes.

Siehe auch: Weiße Zeitungen, buntes Netz – Definitionsmacht adéAugsteins Israelkritik: Eine Frage der Obsession

9 thoughts on “Jakob Augstein und die neue „Menschenrasse“

  1. Kulturalistischer und ethnischer Rassismus bleibt eine kollektivistische Irrlehre, auch wenn sie in einer inversen Variante präsentiert werden.

    Augstein erklärt auch nicht einmal, was sich durch das Phänomen, das er zu beobachten meint, substanziell ändern soll – die Sexismusproblematik ja wohl nicht, sonst hätte er ja nicht selbst das Thema „Indien“ angesprochen.

    Wer für eine diverse Gesellschaft eintritt, muss deutlich machen, wo deren entscheidende Vorteile liegen. Einer davon ist ein Mehr an Chancen für alle und ein größerer Kreativitätspool.

    Ein Beitrag auf dem „Freisinnblog“ geht beispielsweise auf diese Problematik ein: http://freisinnblog.de/2013/01/29/debatte-der-woche-multikulti-ist-nicht-gescheitert-sondern-fangt-gerade-erst-an/

  2. Ich frage mich gerade ob der Autor dies ernst meint? Cb das inzwischen eher darauf hinausläuft Augstein bei jeder Gelegenheit ans Bein zu Pinkeln und ihm Antisemitismus ( was für mich vollkommener Blödsinn ist) oder wie hier dieses unterschwellige Rassismus Geschreibsel.
    Man kann natürlich in allem was heraus lesen.
    Schade allerdings, dass die Publikative sich inzwischen so weit von guter Berichterstattung entfernt hat…

  3. Schöner Beitrag! …besonders der letzte Satz ist grandios! =)

    Beschreibt sehr treffend wie die Situation in der Bevölkerung / den Medien / der Politik,
    vor allem bei weissen Männern, leider aber auch bei vielen anderen Personen…
    an „Andy“ ist gut zu beobachten wie eine betroffene Reaktion aussehen kann 😉

    lg muhmann

  4. Augsteins Text scheitert – wie die meisten, die sich mit „dem weißen Mann“ beschäftigen – an einer fehlenden, mangelhaften und undifferenzierten Bestimmung dieser seltsamen Kategorie sowie an monokausalen Erklärungs- und Deutungsmustern.

    Augstein kommt ohne Umschweife vom Sexismus auf „die Macht des weißen Mannes“ zu sprechen. Wow! Ergo wird dort die „Macht des weißen Mannes“ beschnitten, wo sein echter oder vermeintlicher Sexismus nicht unbeantwortet bzw. sanktoniert bleibt.

    Erstens übersieht Augstein, dass Sexismus „nur“ ein Ausdruck von Macht – vielleicht sind aber gerade die machtlosesten Männern die sexistischten Männer; wer weiß? – ist, aber nicht die Frage beantwortet, wie „der weiße Mann“ zu dieser Macht gekommen ist und wie er sie sonst noch nutzt/ missbraucht. Insofern Macht Augstein den zweiten vor dem ersten Schritt. Ebenso wenig bleibt unerwähnt, dass Machtbeschneidung in dem einen Bereich durch andere Formen der Machtausübung in einem anderen Bereich kompensiert wird.

    Zweitens hat „der weiße Mann“ kein Monopol auf Sexismus. Wenn Augstein also von einem bevorstehenden demographischen Turn zugunsten des „nicht-weißen Mannes“ spricht, kann er nicht ernsthaft behaupten, mit dem demographisch begründeten „Machtverlust“ des „weißen Mannes“ würde automatisch der Sexismus verschwinden. Das tut er im letzten Absatz allerdings sehr wohl.

    Drittens erfolgt bei Augstein keine ernsthafte Bestimmung dessen, was der „weiße Mann“ ist und was ihn ausmacht…Ach nee, doch: Ein alternder Lüstling à la Brüderle – breitbeinig, selbstverliebt, schenkelklopfend, männerbündlerisch, brutal.

    Selbst für eine (Spiegel-)Kolumne ist mir das zu viel Mumpitz.

  5. „Und der alltägliche Sexismus wird nicht dadurch besser, dass es keine Gruppenvergewaltigungen im Bus gibt.“

    öh. doch?!!!

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