Gedenken an Holocaust-Opfer am Millerntor

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages 2013 haben etwa 200 Menschen am Hamburger Millerntor an die Opfer der Shoa erinnert. Der St. Pauli-Profi Fabian Boll legte gemeinsam mit zwei U18-Kickern einen Kranz an der Gedenktafel hinter der Südkurve des Stadions nieder. Die Rede hielt der Journalist Patrick Gensing, dessen Rede wir hier veröffentlichen. 

Kranz für die Opfer des Holocaust am Hamburger Millerntor (Quelle: http://www.kiezkieker-fanzine.net/2013/01/27/zum-gedenken-an-die-opfer-des-holocaust/)
Kranz für die Opfer des Holocaust am Hamburger Millerntor (Quelle: http://kiezkieker-fanzine.net/)

Vor 68 Jahren ist das deutsche Vernichtungslager Auschwitz in Polen von der Roten Armee befreit worden. Der 27. Januar ist zum internationalen Tag zum Gedenken an die Opfer der Shoah geworden, der industriellen Massenermordung von Männern, Frauen und Kindern. Der Holocaust war der Endpunkt einer langen Kette. Die Millionen von Menschen, die von der deutschen Volksgemeinschaft als Feinde definiert wurden, verloren zunächst ihre bürgerlichen Rechte, ihre Menschenrechte, sie wurden ausgegrenzt, gedemütigt, eingesperrt – und schließlich ermordet. Am Anfang war das Wort, die Propaganda – am Ende der Massenmord.

Wir sind hier heute zusammengekommen und gedenken der Opfer des Holocaust, an die Jüdinnen und Juden, an Kommunisten und aufrechte Sozialdemokraten, an behinderte Menschen, an Sinti und Roma. Wir gedenken der ermordeten St. Paulianerinnen und St. Paulianer. Wir wollen das Gedenken an die Opfer der deutschen Vernichtungspolitik aufrechterhalten und an unsere Kinder weitergeben. Wir tragen die Verantwortung, diese Erinnerung am Leben zu erhalten, da die meisten Zeitzeugen, die die Hölle der Vernichtungslager überlebten, mittlerweile verstorben sind. Und wir übernehmen Verantwortung für das, was heute geschieht, damit es nie wieder ein Auschwitz geben wird.

Aber wie werden wir dieser Verantwortung gerecht? Wenn man hier die Budapester Straße ein paar Meter hochgeht, und dann vom Pferdemarkt fünf Stationen mit dem Bus fährt, kommt man in die Schützenstraße. Dort waren auch die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aus Jena unterwegs – genau vor 11,5 Jahren. Am 27. Juni 2001 betraten Böhnhardt und Mundlos den Laden der Familie Tasköprü in der Schützenstraße. Sie feuerten mit zwei Waffen aus kurzer Entfernung auf den 31-jährigen Süleymann Tasköprü und ermordeten ihn. Die Neonazis verübten ihre Morde unmaskiert, weiße deutsche Männer um die 25 bis 30 Jahre alt – die Neonazis wollten mit ihren Taten eine maximale Verunsicherung bei Menschen mit Migrationshintergrund verbreiten: Es kann Euch überall treffen, selbst in Eurem eigenen Geschäft. Die Botschaft kam an, zumindest bei den Menschen mit Migrationshintergrund, die gegenüber der Polizei auf Neonazis als mögliche Täter hinwiesen. Erfolglos. In den folgenden Jahren taten die Ermittler in Hamburg alles, um einen Auftragsmord unter Türken wegen Schulden, die das Opfer gehabt haben soll, zu konstruieren. Aus mir vorliegenden Ermittlungsakten geht hervor, dass eine islamische Gemeinde in Hamburg im Jahr 2006, nach dem neunten Mord der Rechtsterroristen, einen Drohbrief erhielt. Darin hieß es:

Türken-Hasser sind wir alle. Ihr habt Euch hier eingeschlichen und bleibt Multikulti und Verbrecher. Es ist doch gut, dass einer mal ein paar Türken abknallt. Ich habe mich darüber gefreut.

Der Vorstand der islamischen Gemeinde übergab den Brief der Polizei. Die Ermittler wurden also noch einmal darauf hingewiesen, wo die Täter zu vermuten sind. Die Polizei bezeichnete den Absender des Drohbriefes als „geistig verwirrt“. Immerhin war der Absender aber in der Lage, das rassistische Motiv der Taten zu erkennen – im Gegensatz zur Polizei, zu den Medien – und auch zu uns.

Die Mordserie einer Terrorgruppe ist nicht vergleichbar mit dem Holocaust. Doch die Ideologie dahinter ist die gleiche. Noch immer werden in Deutschland Menschen wegen ihres Aussehens, wegen ihres Glaubens, wegen ihrer Überzeugung, wegen ihrer Lebensweise oder wegen einer Behinderung bedroht und verfolgt, sollten bestimmte Orte besser meiden. Das ist kein Zustand, den wir hinnehmen können. Und es ist auch nicht zu akzeptieren, dass der Skandal um das Terrornetz Nationalsozialistischer Untergrund nicht aufgeklärt wird. Die groß angekündigte Aufklärung scheitert, am wachsenden Desinteresse der Öffentlichkeit, am offenkundigen Unwillen von Geheimdiensten, die Akten verschwinden lassen und so Aufklärung offenkundig sabotieren.

Und die Aufklärung scheitert an Politikern, die keine Empathie für die Opfer zeigen, keine Sensibilität im Umgang mit Minderheiten. Mitglieder der Bundesregierung schämen sich nicht, in Berlin an der Eröffnung des Mahnmals für die in der Nazi-Zeit ermordeten Sinti und Roma teilzunehmen – und gleichzeitig medial gegen Sinti und Roma zu wettern, die in Deutschland Schutz suchen vor Diskriminierung. Dabei wäre es tatsächlich einmal ein Grund stolz zu sein, in einem Land zu leben, in dem andere Menschen Schutz finden, das sich für Minderheiten einsetzt. Ein Land, das die Würde des Menschen nicht nur in Sonntagsreden für unantastbar erklärt, sondern dies auch jeden Tag als oberstes Gebot der Politik versteht.

Liebe St. Paulianerinnen und St. Paulianer! Der Kern der Nazi-Ideologie ist die Vernichtung, deshalb ist sie so gefährlich und nicht zu tolerieren, nirgendwo. Wer andere Menschen durch Worte abwertet, bereitet militanten Rassisten den Weg – aus Schlagworten werden Brandsätze. Wir wollen uns gemeinsam gegen die Menschenfeinde stellen, wir wollen friedlich miteinander leben, und die Toten nicht vergessen. Und daher sind wir heute zusammengekommen. Vor 68 Jahren wurde Auschwitz befreit. Wie es in dem Vernichtungslager zuging, übersteigt mein Vorstellungsvermögen. Die Qualen, von der eigenen Familie, von den Kindern getrennt zu werden und zu wissen, dass die liebsten Menschen auf der Welt umgehend ermordet werden. Im Jahr 1944 schrieb eine damals 13-Jährige ein Gedicht in Auschwitz:

Der Kamin.

Täglich hinter den Baracken – Seh ich Rauch und Feuer stehn,

Jude, beuge deinen Nacken, – Keiner hier kann dem entgehn.

Siehst du in dem Rauche nicht – Ein verzerrtes Angesicht?

Ruft es nicht voll Spott und Hohn: – Fünf Millionen berg ich schon!

Auschwitz liegt in seiner Hand – Alles, alles wird verbrannt.

Täglich hinterm Stacheldraht – Steigt die Sonne purpurn auf.

Doch ihr Licht wirkt öd und fad, – Bricht die andre Flamme auf.

Denn das warme Lebenslicht – Gilt in Auschwitz längst schon nicht.

Blick zur roten Flamme hin, – Einzig wahr ist der Kamin.

Auschwitz liegt in seiner Hand – Alles, alles wird verbrannt.

Die gute Nachricht zum Schluss: Das damals 13-jährige Mädchen überlebte die Hölle Auschwitz. Ruth Kügler wurde eine angesehene Literaturwissenschaftlerin. Ihr Gedicht gibt eine Idee davon, was sich in Auschwitz abgespielt hat.

Millionen Menschen überlebten nicht. Wir werden Euch nicht vergessen – und uns mit aller Macht denen entgegenstellen, die die Opfer des Holocaust verhöhnen. Nie wieder Faschismus!

Siehe auch: “… und die Massenmörder züchten Blumen”Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012“Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”

4 thoughts on “Gedenken an Holocaust-Opfer am Millerntor

  1. Danke, Herr Gensing, für diese sehr ergreifende Rede zum 68. Jahrestag der Befreiung vom KZ Auschwitz durch die „Rote Armee“!

    Auch wenn die letzten Zeitzeugen mittlerweile der Generation 90+ angehören, so gibt es noch die Kinder der Zeitzeugen. Meine Schwester und ich, sind solche Kinder. Einige Leute aus unserer Familie hatten die Shoah nicht überlebt. Ihre Namen sind auf Gedenktafeln in Yad Vashem verewigt. Meiner Schwester und unserer Mutter gelang die Flucht aus Den Haag Holland.

    Solange wir an unsere Lieben, die Opfer des Holocaust wurden denken, solange werden sie in unseren Herzen weiter leben.

    Beste Grüße

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