Weiße Zeitungen, buntes Netz – Definitionsmacht adé


Sturm im deutschen Blätterwald: Die Debatten der vergangenen Wochen sind erschreckend erfrischend. Erschreckend vom Niveau, erfrischend, weil endlich überfällige Themen angepackt werden: Israel-Hetze, rassistische Sprache und nun alltäglicher Sexismus. Der Gegenschlag ist indes vorhersehbar: PC-Terror, Sprechverbote, Zensur – so soll der Kritik an Antisemitismus, Rassismus und Sexismus der Wind aus den Segeln genommen werden. Es wird nichts nützen, denn der Wind hat sich längst gedreht.

Von Patrick Gensing

Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013
„Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht – jetzt darf man noch nicht mal mehr …“ (Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013)

Die „Man wird ja wohl mal sagen“-Sager sind die geistigen Verwandten und Nachkommen der „Ich habe nichts gegen Ausländer aber…“-Spießgesellen der 1980er und 1990er Jahre. Letzterer Satz taugt mittlerweile gerade noch als Futter für die unersättliche Comedy-Industrie; ein ähnliches Schicksal blüht den „mal sagen“-Sagern.

Es ist eine Frage der Zeit, bis es den ersten Comedian gibt, der nicht einen Türken, Juden oder eine dicke Hartz-IV-Bezieherin parodiert und damit erfolgreich ist, sondern der den wohlmeinenden Bildungsbürger mimen wird. Vorbilder gibt es reichlich, Material wird alltäglich in deutschen Feuilletons frei Haus geliefert, der Erfolg wäre garantiert.

Nur das Beste für jüdische, türkische und schwarze Kinder

Warum? Weil der biodeutsche Bildungsbürger nicht mehr die alleinige Definitionsmacht hat, sie gleitet ihm langsam aber sicher aus den Händen. Und das mit gutem Grund. Viele Meinungsführer und Multiplikatoren haben den Bogen überspannt: Erst die Sarrazin-Debatte, dann Grass, Buschkowsky, Augstein, die Debatte über die Beschneidung und rassistische Sprache in Kinderbüchern – und nun auch noch die Täter-Opfer-Umkehr in der Causa Brüderle. Mit aller Macht wird derzeit das Recht aufs Popo-Klopfen verteidigt.

All diese Debatten  haben eins gemeinsam: Zumeist weiße Männer fühlen sich verfolgt und maßen sich an zu definieren, was für andere – jüdische, türkische und schwarze Kinder, Migranten und Journalistinnen – das Richtige sei, was sie zu tun und zu lassen, wie sie zu sprechen oder zu empfinden hätten, wie sie leben oder handeln, was sie lesen oder lernen sollten. Einfach frech, dennoch hat das bislang prima geklappt.

Die helle Seite der Macht

Das Internet 2.0 ist in weiten Teilen zur Jauchegrube des Ressentiments verkommen, das Lesen von Kommentarspalten großer Zeitungen und Netzangebote empfiehlt sich eigentlich nur, wenn man einen gepflegten Hass auf die Menschheit aufbauen möchte. Bemerkenswerterweise haben sich solche Foren bei Zeitungen zum Kristallisationspunkt der Hass-Gemeinde entwickelt, hier bekommen sie offenbar, wonach sie gieren: Futter für ihre Vorurteile. Das zeigt: Ressentiment und Mainstream gehören durchaus zusammen, was die „gute Mitte“ aber zumeist nicht wahrhaben will. Rassismus? Antisemitismus? Sexismus? „Sowas gibt es bei uns nicht!“ Doch abseits der großen Medien existieren außer PI-News kaum noch Hass-Blogs mit nennenswerten Zugriffszahlen.

Gleichzeitig hat sich abseits davon längst eine progressive Öffentlichkeit im Netz formiert, die zunehmend an Einfluss gewinnt. Politisch interessierte Menschen versorgen sich per Feed automatisch mit lesenswerten Artikeln, bzw. lassen sich diese von anderen empfehlen. So können täglich die relevanten Veröffentlichungen zu Fachgebieten mühelos ausgewertet und mit anderen diskutiert werden. Dadurch ergibt sich zum einen ein beachtlicher Wissensvorsprung vor dem, der sich lediglich auf eine Qualitätszeitung aus Papier beschränkt, zum anderen entwickeln sich im Netz abseits der großen Foren oft konstruktive Debatten zu Fachthemen, die in den Holzmedien kaum abgebildet werden, vom Fernsehen ganz zu schweigen. Viele Journalisten in klassischen Medien ignorieren diese Debatten komplett, sie ahnen oft nicht einmal von ihnen, nehmen sie wenn überhaupt erst wahr, wenn sie im Feuilleton einer Zeitung teilweise beleuchtet werden – aufbereitet von einem einzelnen Journalisten auf begrenztem Raum.

Weiße Zeitungen, buntes Netz

Der Einfluss der klassischen Politikressortchefs, die der Welt selbige erklären, schwindet. Denn in Zeiten des Netzes geht es nicht mehr darum, wer am meisten Auflage hat und daher am relevantesten ist, sondern Qualität und Originalität setzen sich durch. Bestes Beispiel: Der Leserbrief eines neunjährigen Mädchens an die Zeit, der im Netz eine beachtliche Breitenwirkung erzielt hat – und nun erst in die klassischen Medien wandert. Aktuell ist es die Aktion #aufschrei bei Twitter, die das Thema sexuelle Belästigung aufgreift und es nicht den männlich dominierten Großmedien überlässt. Gut möglich auch, dass der Stern-Bericht über Brüderle ohne die Massenverbreitung im Netz gar nicht die Dynamik entwickelt hätte, die nun glücklicherweise da ist.

Sie wollen keine Quote: "Starke Frauen rebellieren gegen Staats-Diktat und Gleichmacherei", so der "Focus" in seiner Montagsausgabe. (Bild: Focus-Cover / publiaktive.org)
Lächerliche Rhetorik: Eine Bundesministerin, die Gesinnung überprüfen lässt, klagt über Bevormundung durch den Staat.

Während in den deutschen Redaktionen weiße Männer noch immer hoffnungslos überrepräsentiert sind, haben sich im Netz Minderheiten längst Gehör verschafft und vernetzt. Die Gegenöffentlichkeit ist bunt, so bunt wie die Bevölkerung dieses Landes mittlerweile, und somit ist diese Gegenöffentlichkeit bei vielen Debatten inhaltlich überlegen, da Themen von verschiedenen Positionen aus verhandelt werden. Auch viele Wirtschaftsunternehmen und Stadtplaner haben im Gegensatz zu den meisten Medien längst den Nutzen des Diversity Managements erkannt. Vielfalt ist eben keine Bedrohung, sondern eine Chance, Vielfalt ist spannend und nicht öde, Vielfalt ist dynamisch und nicht verkrustet.

Eine einzige Regel

Und Vielfalt braucht Regeln, obwohl eigentlich ist es lediglich eine einzige Selbstverständlichkeit: gegenseitiger Respekt. Dazu gehört beispielsweise auch Sprache; so beleidige ich einen Kollegen nicht einfach mal als „fettes Schwein“ und verteidige dies danach noch mit dümmlichen Scheinargumenten wie „war nicht so gemeint“, „sei nicht so empfindlich“ oder „das war früher auch nicht abwertend gemeint“. Klingt absurd? Ist es auch. Dennoch werden solche „Argumente“ beispielsweise beim rassistischen Begriff „Neger“ angeführt. Warum sind weiße Deutsche so versessen darauf, diesen Begriff weiterhin Kindern beizubringen? Weil sie sich nicht von Minderheiten sagen lassen wollen, was diskriminierend ist und was nicht, sondern sie wollen das weiterhin selbst bestimmen.

Doch auf die eigene Sprache zu achten, die Meinungen und Bedenken von anderen Menschen anzuhören und zu respektieren, sind keine „Zensur“ und auch kein Terror der politischen Korrektheit. Sich der eigenen gesellschaftlichen Position und der Beschränktheit der eigenen Perspektive bewusst zu sein, sich deswegen mit unterschiedlichen Menschen, die man respektvoll behandelt, auszutauschen und zu streiten, um so neue Erkenntnisse zu gewinnen – das ist keine Selbstbeschränkung. Niemand bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn man sich zunächst die Kritik von anderen genau anhört. Bestes Beispiel ist der Fall Augstein, als deutsche Mainstream-Medien lospolterten, ohne die Liste des Wiesenthal-Centers noch Augsteins Texte überhaupt gelesen zu haben.

BILD-Redaktionskonferenz in Berlin (Quelle: Axel Springer)
BILD-Redaktionskonferenz in Berlin (Quelle: Axel Springer)

Demokratischer Diskurs

Manche Feuilletonisten warnen vor Selbstzensur, wenn Verlage rassistische Begriffe streichen, beklagen Denkverbote, wenn man keine rassistischen Positionen diskutieren will – diese Rhetorik ist natürlich blanker Unsinn und führt in einen Prozess der Radikalisierung, den man bereits bei den „letzten aufrechten Konservativen“ beobachten konnte. Wer nicht bereit ist, sich zu öffnen und zu ändern, wird gesellschaftlichen Einfluss verlieren. Selbstzensur? Denkverbote? Das Gegenteil ist zutreffend: So sieht ein  demokratischer Diskurs zwischen gleichberechtigen Menschen aus. Für die, die Macht zu verlieren haben, offenbar eine beängstigende Vision.

Siehe auch: Brüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!Neunjährige erklärt deutschen Medien RassismusDer vergessene GenozidIn einem fernen Land …“Rassismus in der Politik und Bürokratie”,Das Klischee vom Rassismus bei der PolizeiJF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als KonstanteBundesamt gegen Migration und FlüchtlingeGericht: Racial Profiling nicht zulässigDeutschlands Redaktionen – reine MonokulturenBeschneidung der VernunftBlackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater aufEs gibt keinen Rassismus mit Herz!Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter RassismusSpuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!GEH mir WEG damitZerstörter Glaube“Wir haben kaum noch Vertrauen”Das Problem heißt RassismusAlltagsrassismus: Alles nur Theater?,Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht