Brüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!

Rainer Brüderle, Spitzenkandidat der FDP, soll anzügliche Sprüche gegenüber einer jungen Journalistin losgelassen und versucht haben, sich ihr körperlich zu nähern. Doch es geht nicht um Rainer Brüderle und Laura Himmelreich, sondern es geht um den ganz alltäglichen Sexismus, auch – aber nicht nur – in der Berufswelt.

Von Helene Heise*

Rainer Brüderle, Spitzenkandidat der FDP, soll anzügliche Sprüche gegenüber einer jungen Journalistin losgelassen haben. Das war vor einem Jahr: Nun hat der Stern diese Anekdote in einer großangelegten Geschichte über den Kandidaten und seine schmierigen Sprüche verwurstet. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung riecht wohlkalkuliert nach Aufmerksamkeitsheische zum Relaunch des Wochenblatts. Die FDP schreit „Schmierenkampagne“, der Stern widerspricht. Geschenkt. Der Anlass ist unwichtig.

Sexismus ist Scheiße (Foto: Gender Blog / CC BY-NC-SA 2.0)
(Foto: Gender Blog / CC BY-NC-SA 2.0)

Denn es geht nicht um Rainer Brüderle und Laura Himmelreich, sondern es geht, wie Patricia Dreyer es sehr treffend schreibt, um den ganz alltäglichen Sexismus, auch – aber nicht nur – in der Berufswelt. Und es geht bei weitem nicht nur um Journalistinnen, die von ältlichen Parteioberen mit überholtem Rollenbild in unangemessener Weise angegangen werden. Erst vor wenigen Tagen hat die Kollegin Annett Meiritz ihre Erfahrungen mit Sexismus in der Piratenpartei beschrieben – das ist übrigens der viel bessere Artikel zu diesem Thema.

Was haben Himmelreichs Kollegen eigentlich gemacht?

Aber das Beispiel von Frau Himmelreich und Herrn Brüderle zeigt sehr deutlich und beispielhaft, wie alltäglicher Sexismus funktioniert. Die Situation kann sich wohl jede Frau schmerzhaft deutlich vorstellen: Abends, nach dem Dreikönigstreffen der FDP, treffen sich Politiker und Journalisten an der Bar des Hotels. Eine sehr übliche Begegnung, denn hier werden im lockeren Rahmen die wirklich wichtigen Informationen weitergegeben. Der Politiker ist mindestens angetrunken und nähert sich in dieser durchaus öffentlichen Situation auf unangemessene Weise einer jungen Journalistin. Das darf er nicht. Aber fast noch schlimmer ist das Verhalten der umstehenden Kollegen: Was haben die eigentlich gemacht, als es für alle offensichtlich für die Journalistin unangenehm wurde? Zur Seite geguckt? Betreten? Aber nichts gesagt?

Das Problem ist, dass die junge Journalistin aus dieser Situation einfach nicht ohne Gesichtsverlust herauskommen kann. Erst wird sie nicht ernst genommen, von ihrer inhaltlichen und professionellen Kompetenz auf ihren Ausschnitt reduziert. Lächelt sie es weg, gibt sie dem Gegenüber recht, dass er sie so reduziert. Sagt sie etwas dazu in der eigentlich nötigen Schärfe, ist sie eine Zicke und unsouverän. Macht sie eine schlagfertige Bemerkung (und wünschen wir uns nicht alle in diesen Situationen, dass wir das, was uns zehn Minuten später einfällt, schon in diesem Moment im Kopf gehabt hätten?), wahrt sie vielleicht im Idealfall für beide – und die Umstehenden – halbwegs das Gesicht, hat aber wieder einmal nicht klar und deutlich gesagt, was diese Situation eigentlich ist; nämlich sexistisch.

Jede Frau kennt die Situation

„Stell dich nicht so an!“ heißt es nach solchen Situationen gern. Oder noch schlimmer: „Nimm’s als Kompliment.“ Wenn ein betrunkener älterer Mann Kommentare zum Ausschnitt macht? Das ist kein Kompliment, sondern eine Demütigung. Jede Frau kennt diese Situationen. Sie sind so alltäglich, dass wir sie meistens schon gar nicht mehr bemerken. Der hinterher gegrölte Kommentar in der S-Bahn. Der Typ, der sich breitbeinig auf die Bank gegenüber setzt und im Sitz immer weiter runter rutscht, bis seine Knie an deine stoßen. Der Versicherungsvertreter, der gönnerhaft die Tür aufhält, ganz zufällig landet seine Hand dabei sehr tief an deinem Rücken. Der Kollege, der dir mitten in der Nacht anzügliche Facebook-Nachrichten schickt. Und nicht zuletzt auch der andauernde Verdacht in der Arbeitswelt, dass eine Frau im gebärfähigen Alter nicht für voll genommen werden kann, denn sie könnte ja jederzeit ausfallen.

Wir haben uns daran gewöhnt, all das möglichst zu ignorieren, wegzulächeln. Mach dich nicht angreifbar. Was bringt es? Und außerdem wirkt es doch irgendwie unsouverän, daraus jetzt ein große Nummer zu machen. Aber wieso eigentlich? Es ist eine große Nummer! Es ist ein ums andere Mal herabwürdigend, so behandelt zu werden. Und es macht ein ums andere Mal unzufrieden, sich nicht laut und deutlich dagegen gewehrt zu haben.

*Helene Heise arbeitet als Freie Journalistin, hauptsächlich für den Norddeutschen Rundfunk

Siehe auch: Der “Focus” und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denkenGaming: Den Endsieg erleben, Doppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart,  In einem fernen Land …Quo vadis Piraten?Zwischen Testosteron und Tradition – Menstruation ist MensurneidPutzgutschein über 350 Millionen EuroNicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt