Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus

Ishema Kane lebt mit ihrer Mutter in Frankfurt am Main. Ihr Vater ist Senegalese. In einem Brief erklärt die Neunjährige der ZEIT, warum diskriminierende Sprache verletzend ist. Sie ist nicht der Meinung, dass es deutschen Feuilletonisten überlassen bleiben sollte, den akzeptablen Sprachgebrauch in Kinderbüchern zu definieren. 

Von Andrej Reisin

Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013
„Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht – jetzt darf man noch nicht mal mehr …“ (Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013)

Letzten Donnerstag ging es im Leitartikel des ehemaligen Feuilleton- und Literaturchefs der ZEIT, Ulrich Greiner, um nichts weniger als um „Zensur“ und Artikel 5 des Grundgesetzes, der eben diese untersagt. Was war geschehen? Nun, in den Neuauflagen von Büchern wie „Die kleine Hexe“ oder „Pippi Langstrumpf“ werden – „behutsam“, wie es der Verlag im Fall der „kleinen Hexe“ formulierte – Wörter ersetzt, die diskriminierenden Charakter haben. Aus dem „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf ist so bereits vor einiger Zeit der „Südseekönig“ geworden.“

Darüber empört sich nun Greiner in der ZEIT, und mit ihm ein – man kann es leider nicht anders nennen – Mob an Bildungsbürgern, denen nichts wichtiger erscheint, als rassistische Sprache in Kinderbüchern für schützenswert zu erklären. Laut Greiner dürfe man denjenigen „deutschen Kindern“, zu deren „Lesebiographie“ Bücher wie Pippi Langstrumpf gehörten, nicht „die Erinnerung stehlen.“ Wer mit Ishema und ihrer Mutter Katharina über ihre Erfahrungen spricht, bekommt eine Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben muss, als Mutter und Tochter entdeckten, mit welchem Anliegen sich Deutschlands renommierteste Wochenzeitung am vergangenen Donnerstag an ihre Leser wandte.


Als die Mutter die Wut ihrer neunjährigen Tochter sah, schlug sie ihr vor, einen Leserbrief zu schreiben, den wir im Folgenden dokumentieren (siehe unten). Ishema sagt im Gespräch: „Ich finde das doof, denn mein Vater ist schwarz und wir sind beide keine ‚Neger‘ – und genauso sind das auch alle anderen Afrikaner nicht. Das verdirbt doch die Kinderbücher nicht, wenn das Wort da nicht mehr drinsteht.“ Katharina ergänzt: „Ich sehe es nicht ein, dass mir als Mutter jetzt quasi diktiert wird, ich solle meiner Tochter ‚erklären‘, dass solche Wörter früher ’normal‘ waren – und sie sich bitte schön nicht verletzt fühlen soll.“

An dieser Empathie fehlt es – wie bei ähnlich gelagerten Debatten – in Deutschland leider an allen Ecken und Enden. Was antisemitisch, rassistisch, sexistisch ist, bestimmen der Stammtisch und die graumelierten Herren an den Sturmgeschützen der Demokratie – auf keinen Fall aber die Betroffenen oder gar die verhassten „linken Gutmenschen“. Ishemas Stimme zeugt davon, wie viele unterschiedliche Menschen in Deutschland leben und aufwachsen. Sie alle haben ein Recht darauf, vor Diskriminierung und Herabwürdigung so gut es eben geht geschützt zu werden. Die Mehrheit hingegen hat kein Recht, sie zu demütigen – auch nicht mit verletzenden Wörtern in Kinderbüchern.

Leserbrief Ishema Kane

Siehe auch: Der vergessene Genozid, In einem fernen Land …, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Gericht: Racial Profiling nicht zulässig, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Beschneidung der Vernunft, Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf, Es gibt keinen Rassismus mit Herz!, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, GEH mir WEG damit, Zerstörter Glaube, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Das Problem heißt Rassismus, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

47 thoughts on “Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus

  1. Respekt kann man nicht an Worten festmachen!
    Die Welle der Empörung über das Wort Neger ist meiner Meinung nach wohl etwas zur Monsterwelle mutiert und meiner Meinung nach als antirassistisch denkender Mensch irgendwie nach hinten los gegangen. Wir geben dem Wort Neger zum Istpunkt mehr negative Macht, als dies in den letzten Jahrzehnten überhaupt noch in Deutschland eine Rolle gespielt hätte. Meine letzte bewusste Berührung mit dem Wort Neger habe ich nicht als rassistisch motiviert erfahren. Der Verzicht des Begriffes Negerkuss, früher Mohrenkopf, in der Berliner Kita meiner Tochter war dann vor mehr als Zehn Jahren mal wieder so ein Tag einer Einzelerfahrung.

    Es ist erstaunlich, wie doch jedem, dem die Notwendigkeit dieser Diskussion nicht so einleuchtetn, jetzt das Festhalten an rassistischen Rudimenten unterstellt wird. Zu DDR – Zeiten war Antirassismus eigentlich ein Grundelement in der politischen Bildung. Alle waren theoretisch gleich, es gab nur Klassenfeinde des Proletariats und die saßen im Westen. Im Osten gab es dann nur Freunde. Inoffiziell gab es dann eine gut funktionierende Freidenkerschaft, denn nicht Herr Kohl hat die Wende eingeleitet.

    Nach der Wende haben wir plötzlich in den östlichen Bundesländern offiziell die größten Rassismusprobleme. Träumt weiter, denn Ursachenforschung ist doch sehr einseitig! Zugegeben, der Kontakt zu anders Aussehenden war im Osten verordnet sehr gering, aber es gab den Studenten aus Afrika in meiner Seminargruppe, der, so denke ich, sehr gut integriert war und schlauer als ich, war er auch noch.

    Respektlos können Worte sein, aber auch das Hineininterpretieren kennen wir aus DDR-Zeiten zur Genüge. Da wurde so einiges an in Literatur hineininterpretiert, mancher Schriftsteller würde sich wundern. Und jetzt trifft es die Kinderliteratur und nicht nur die des Westens. Das Ludwig Renn, eigentlich kommunistischer Schriftsteller und Spanienkämpfer mit dem Kinderbuch „Neger Nobi“ nun rassistisches Gedankengut verbreitet, ist dann doch befremdlich.

    Ich empfinde auch häufig noch Respektlosigkeit von ewig gestrigen, die meiner Schulbildung und meinem Studium sowie meiner Kindheit im Osten Grauäugigkeit durch eigene Unwissenheit verpassen. Meine Kindheit möchte ich nicht missen. Mein Kind erfährt heute durch anders sein mehr Ausgrenzung und ist nicht dunkelhäutig. In Deutschland haben wir eigentlich größere Probleme, nämlich die der Klassenunterschiede! Das trifft uns alle, ob in Ost oder West, Nord oder Süd. Das ewige Schwarz-Weiss-Denken regt mich einfach auf.

    Jetzt ist der Begriff „Neger“ wieder in aller Munde und Menschen, die eher keinen negativen Bezug zu diesem Wort aufgebaut haben, werden einen negativen Bezug aufbauen durch eine engstirnige Diskussion falscher Interpretationen.
    Wacht auf!

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