Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen Gewalt

Pünktlich zum Beginn der Bundesliga-Rückrunde am kommenden Wochenende starten die beteiligten Fernsehsender die Initiative „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Das Fernsehen will der Mehrheit der Fans endlich eine Stimme verleihen – nicht ganz uneigennützig. 

Von Nicole Selmer

Logo 100 % Das Spiel 0 % Gewalt
Logo 100 % Das Spiel 0 % Gewalt

Eine breite Phalanx von Fernsehsendern – von Sky mit seinem exklusivem Pay-TV bis zu Sport1 mit seinen Sex-Hotlines und Gewinnspielen dazwischen die öffentlich-rechtlichen Sender – hat sich für diese Initiative zusammengefunden. Sie alle vereint ein Interesse: „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Ein echter Quotenhit, der die deutschen Stadien sofort weltweit an die Spitze katapultieren könnte, wenn hier gelingt, was bisher weltweit in Schulen und auf Straßen, in Kindergärten und Kriegsgebieten gleichermaßen unmöglich ist: einen Ort mit Menschen, aber ohne Gewalt zu schaffen.

Hinter der Aktion stehen knallhart recherchierte Fakten: „Die jüngsten Entwicklungen in den Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga und die darum entstandene Diskussion haben es deutlich gemacht: Die überwältigende Mehrheit der Fans wünscht sich ein sicheres und gewaltfreies Stadionerlebnis.“ Gut, die überwältigende Mehrheit der Menschen wünscht sich auch einen sicheren und gewaltfreien Straßenverkehr und Büroalltag. Und tatsächlich werden sich Fans sogar schon vor den jüngsten Entwicklungen ein solches Stadionerlebnis gewünscht haben, ja, sie haben sogar das Gefühl, es bereits zu erleben. Dafür spricht nicht nur die Mitmachaktion „Ich fühl mich sicher“. Auch der weltweit zweithöchste Zuschauerschnitt, mit dem sich die deutsche Bundesliga schmücken darf, ist kaum darauf zurückzuführen, dass durchschnittlich 45.000 Menschen pro Spiel darauf aus sind, sich im Stadion zu ängstigen. Es ließe sich noch weiter mit den beliebten Vergleichszahlen zu Volksfesten oder mit der Fragwürdigkeit des polizeilich angesammelten Datenmaterials argumentieren, aber gegen die Faktenresistenz der „Sicherheitsdebatte“ ist nur schwer anzukommen. Und so widmet sich auch die neue Senderinitiative unbeirrt einem Problem, dessen tatsächliches Ausmaß sie in Eigenproduktionen bereits kritisch beleuchtet hat.


Beschädigtes Produkt Fußball

Es geht jedoch um mehr: Denn mit ihrer Kampagne machen sich die Fernsehsender von Berichterstattern zu Akteuren. Sie sind es, die „dieser großen Mehrheit der Fans eine Stimme“ verleihen wollen. Nun ließe sich einwenden, dass Fans, zumal in der vergleichsweise debattenfreudigen und ausdrucksstarken deutschen Fußballszene, dafür gewiss nicht Sport1 als Sprachrohr brauchen. Fein ausgespart wird in der Promotion von „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“ jene Fanaktion, die unter dem deutlich griffigeren Claim „Ohne Stimme keine Stimmung“ vor der Winterpause für Aufsehen sorgte und ihrem Anliegen, nämlich der Ablehnung des DFL-Sicherheitspapiers, durch 12-minütiges Schweigen selbst äußerst wirksam eine Stimme verlieh. Die Aktion 12:12 war nicht unumstritten, aber auch die Proteste gegen den Protest – ob sie sich nun gegen Ultras oder die Beteiligung rechtsoffener Gruppen  richteten – konnten ganz ohne Mithilfe des Fernsehens artikuliert werden. Ihr direktes Ziel hat die Aktion verfehlt, das Schweigen, der ausbleibende  Support haben jedoch gewirkt. Sie haben demonstriert, dass die aktiven Fans und ihre Stimmung tatsächlich ein nicht wegzudenkender Teil des Erfolgsrezepts Bundesligafußball sind. Aus Sicht der TV-Verantwortlichen bedeutet dies jedoch auch, dass Fans über die Macht verfügen, den Wert des zu verkaufenden Produktes deutlich spürbar zu mindern. In den „100 % Das Spiel“ steckt immer ein nicht ganz so leicht zu berechnender Anteil Fankultur. Die Initiative der Fernsehsender, sich selbst zum Sprachrohr einer nicht weiter definierten „überwältigenden Mehrheit“ zu machen, kann man auch als Versuch verstehen, diesen unkalkulierbaren Rest aus der Fußballgleichung zu streichen.

Screenshot Spot
Screenshot Spot 100 % Das Spiel 0 % Gewalt

100 % Bratwurst

Wie die hundertprozentig kalkulierte TV-Fankurve aussieht, lässt sich im Werbespot der Initiative begutachten, der für einige Heiterkeit sorgen wird. „0 % Rauchentwicklung“ wird da vor einem bunten Fahnendurcheinander versprochen: Hertha BSC weht im Block neben Borussia Mönchengladbach – nicht nur Fantrennungen, sondern gleich auch die Differenz von erster und zweiter Liga sind in dieser farbenfrohen Vision aufgehoben. Am Imbiss beißt ein männlicher Fan krachend in eine Bratwurst, dazu liest man „0 % Schlagstock“. Schlagstöcke zu Bratwürsten? Ist das ein Statement gegen Polizeigewalt oder Werbung für die Hoeneßsche Wurstfabrik? Die TV-Sender wollen ihre Initiative mit regelmäßigen Berichten zum Thema begleiten. Das mag so manche Zuschauer/innen, die sich noch an den Talkshow-Horror des vergangenen Jahres erinnern, vor Schreck zusammenzucken lassen, von einer differenzierten und weniger populistischen Berichterstattung können jedoch alle Seiten profitieren.

Auch gegen ein Engagement von TV-Sendern „gegen Gewalt, Diskriminierung und Rassismus“ ist nichts einzuwenden (obwohl die nonchalante Zusammenmischung dieser Themen auch durch ständige Wiederholung nicht erträglicher wird). Genau genommen würde man ohnehin voraussetzen, dass dies Werte sind, denen sowohl öffentlich-rechtliche Medienanstalten wie private Fernsehkanäle in mehr oder minder großem Ausmaß verpflichtet sind und die sie in ihrer jeweilige Berichterstattung berücksichtigen. Ganz zeitnah bietet sich dazu am zweiten Spieltag der Rückrunde die Gelegenheit: Nämlich zum Erinnerungstag im deutschen Fußball. Bereits seit 2005 wird am Spieltag rund um den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus begangen, oft unter Beteiligung von Fangruppen – die „Löwen-Fans gegen rechts“ von 1860 München gehören zu den Mitinitiatoren des Erinnerungstages im Fußball. Die übertragenden TV-Sender haben die Veranstaltungen rund um diesen Spiel- und Gedenktag bisher meist ignoriert. Zu den „100 % Spiel“, wie ARD, ZDF, Sky usw. sie sich vorstellen, gehören Kurzinterviews, Expertenmeinungen und viel Werbung vor dem Anstoß. Für die im Stadion verlesenen Texte zum Holocaust-Gedenktag oder die auf der Videoleinwand eingeblendeten Namen der Vereinsmitglieder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, war da kein Platz.

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