Der „Focus“ und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denken

Auf dem Titelbild des aktuellen „Focus“ sind zwölf Frauen zu sehen, die gemeinsam sagen: „Wir wollen keine Frauenquote!“ Diese Frauen, so sagt uns die Unterzeile, „rebellieren“ gegen „Staats-Diktat und Gleichmacherei“. Bei dieser polemischen „Rebellion“ gegen eine Frauenqoute darf Familienministerin Kristina Schröder in erster Reihe natürlich nicht fehlen.

Ein Kommentar von Andrej Reisin

Sie wollen keine Quote: "Starke Frauen rebellieren gegen Staats-Diktat und Gleichmacherei", so der "Focus" in seiner Montagsausgabe. (Bild: Focus-Cover / publiaktive.org)
Sie wollen keine Quote: „Starke Frauen rebellieren gegen Staats-Diktat und Gleichmacherei“, so der „Focus“ in seiner Montagsausgabe. (Bild: Focus-Cover / publikative.org)

Zunächst einmal lohnt sich ein Blick auf die Kronzeuginnen des „Focus“: Zu ihnen gehören fünf Erbinnen, deren „Leistung“ vor allem darin besteht, dass sie nun einmal in die Familien hineingeboren wurden, in die sie hineingeboren wurden – und nun das Erbe verwalten, indem sie das angeschlossene Familienunternehmen leiten. Was jetzt nicht heißen soll, dass sie ihre Jobs nicht trotzdem sehr gut können. Aber natürlich waren die Startbedingungen, das Erbe, das Geld, die Bildung und eben der Nachname auch ganz hilfreich.

Hinzu kommen unter anderem zwei Schauspielerinnen und eine Spitzensportlerin, die in ihrem Beruf kaum in die Situation kommen können, bei der Vergabe einer Rolle oder einer Startposition aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert zu werden. Auffallend ist überdies die optische Konformität der gezeigten Personen: Offenbar lohnt es sich für die Karriere in Deutschland, wenn frau eher wohlhabend, eher blond, eher schlank, eher langhaarig, eher dem herrschenden Schönheitsideal entsprechend, eher heterosexuell, leicht gebräunt und gut gekleidet ist. Wer hätte das gedacht?

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Die größte Rebellin von allen: Kristina Schröder

Immer schon gegen staatliche Bevormundung? Bundesfamilienministerin Kristina Schröder
Immer schon gegen staatliche Bevormundung? Bundesfamilienministerin Kristina Schröder

Die seit eh und je gegen eine Quote argumentierende Familienministerin Kristina Schröder hingegen verdient besondere Beachtung. Schließlich ist sie überhaupt nur an ihren Posten gekommen, weil sie a) in der hessischen CDU und b) eine junge Frau war, die die Union dringend brauchte, um die mehr als verbrauchten Minister des hessischen Landesverbandes zu ersetzen. Aufgefallen war sie zuvor mit markigen Sprüchen zu Integration und Extremismus, unter anderem erfand sie eine „Deutschenfeindlichkeit„, die wissenschaftlich nicht belegbar ist. Eine Qualifikation im engeren Sinne zur Leitung eines der wichtigsten und vom Etat her größten Ministerien? Fehlanzeige. Seitdem profiliert sich Quotenfrau Schröder mit ihrer Quotenablehnung, aber auch mit anderen Themen, wie zum Beispiel der Einführung einer „Extremismusklausel“.

Familienministerin Kristina Schröder verlangt via Twitter "Bekenntnisse".
Familienministerin Kristina Schröder verlangt via Twitter „Bekenntnis“.

Darin heißt es, dass Initiativen nicht den Anschein erwecken dürfen, „extremistische Strukturen“ zu unterstützen – und auch deren Kooperationspartner nicht. Damit könnte jede Äußerung, die staatliche Stellen als linksextrem interpretieren, schon ausreichen, um Fördergelder zu verlieren. Eine Art staatlicher Gesinnungs-TÜV, den Kristina Schröder erfunden hat und für den sie trotz aller rechtlichen Bedenken genauso unverdrossen kämpft wie für eine Quote für deutsche Musik im Radio. Und nämliche Kristina Schröder profiliert sich laut „Focus“ nun also gegen staatliche Einmischung und Bevormundung? Wem da das Lachen im Halse stecken bleibt, ist sicher eine linksextreme Quotenfrau. Mindestens.

Das „Leistungsprinzip“

Das „schönste“ Argument bei jeder Quotendiskussion ist das sogenannte „Leistungsprinzip“: Nicht nach Geschlecht soll es demnach bei der Karriere gehen, sondern nach „Leistung“. Was eigentlich die Frage aufwerfen sollte, ob all die weißen, heterosexuellen Männer mit deutsch klingenden Nachnamen ihre Chef-, Vorstands- und Aufsichtsratsposten haben, weil sie nun einmal die leistungsstärksten Bewerber waren? Um es klar zu sagen: Dem ist natürlich nicht so. Wie könnte es auch? Wieso sollten Frauen in einer Gesellschaft, die aktuell zu knapp mehr als der Hälfte aus Frauen besteht, die wiederum die Mehrheit der Abiturienten und neuerdings auch der Uni-Absolventen mit erstem Hochschulabschluss stellen, so krass unterrepräsentiert sein? Warum sollte die mit Abstand „leistungsfähigste“ Gruppe ausgerechnet die genannte männliche Klientel sein?

In Wirklichkeit ist offensichtlich, dass das  „Leistungsprinzip“ unausgesprochen bestimmte Kandidaten bevorzugt. Ginge es nämlich wirklich um die „Besten der Besten“ – so wäre anzunehmen, dass sich eine heterogene Klientel durchsetzen würde, in der alle gesellschaftlich existierenden Gruppen halbwegs analog zu ihrem Gesamtanteil vertreten wären. Dem ist aber nicht so. Und dafür gibt es Gründe – und zwar strukturelle. Dazu gehört zum Beispiel, dass Kinderbetreuung und -erziehung nach wie vor mehrheitlich und maßgeblich „Frauensache“ sind. Dazu gehören zum Beispiel in Bezug auf Migrant/innen aber auch signifikant schlechtere Chancen auf höhere Bildung. Und schließlich kommt es bei der Karriere maßgeblich auch auf Beziehungen, die Familie, die Partei, das Absolventen-Netzwerk, die studentische Verbindung und sonstiges „Vitamin B“ an.

An Letztgenanntem basteln Männer seit Jahrhunderten, zum Teil unter explizitem Ausschluss von Frauen und „Nicht-Deutschen“ (Burschenschaften). Deswegen sind „die Chefredaktion, der Vorstand, der Aufsichtsrat mehrheitlich von Männern besetzt„, wie Barbara Vorsamer in der Süddeutschen Zeitung schreibt. Und diese Gruppen haben wissenschaftlich erwiesenermaßen nun einmal die Tendenz, wiederum ihresgleichen in ihre Mitte zu holen. Im Ergebnis ist der Chef dann meistens männlich, weiß, verheiratet und heißt eher Hartmann als Özcan. Mit „Leistung“ hat das alles nichts zu tun – und mit dem „Unwillen“ oder „Versagen“ der Frauen schon gar nicht. Es handelt sich schlicht und ergreifend um institutionelle Diskriminierung.

Es ist daher an der Zeit, den Spieß umzudrehen: Anstatt von Quotenbefürworter/innen zu verlangen, sie sollten erklären, warum sie das „Leistungsprinzip“ aushebeln wollten, mögen die Quotengegner/innen von „Focus“ bis Familienministerium bitte zunächst erläutern, warum die krasse Über-Repräsentation von weißen deutschen Männern „zufällig“ dem „Leistungsprinzip“ folgen sollte. Kleiner Tipp: Verweise auf Genetik und „natürliche Dispositionen“ sind nicht erlaubt, denn wir reden über Politik und Gesellschaft, also gestaltbare Phänomene.


Quote heißt: Mehr Chancen für alle

Mit einer Quote würde dagegen endlich ein Schritt in Richtung eines tatsächlichen Leistungsprinzips getan. Quote heißt, dass Besetzungen endlich einmal nicht dem „Ich kenne da übrigens noch den Herrn xyz aus dem Controlling. Der wäre sehr geeignet.“-Prinzip folgen, sondern einer tatsächlichen Bewertung der Leistung. Quote sorgt dafür, dass heterogen besetzte Gremien ihrerseits auch wieder eine heterogenere Auswahl treffen. Es geht daher um weit mehr als nur eine Frauenquote. Sondern in der Folge geht es auch darum, tatsächliche Chancengleichheit zu fördern und dafür zu sorgen, dass auch kleine, dicke, „hässliche“ Menschen, die vielleicht auch noch einen für deutsche Personaler „unaussprechlichen“ Nachnamen haben, eine faire Chance auf eine gut bezahlte Führungsposition haben, wenn sie qualifiziert sind.

Denn die Folgen institutionalisierter Diskriminierung und die damit verbundene Demütigung sind spürbar – vor allem für Frauen – aber eben auch für andere diskriminierte Gruppen und in letzter Instanz auch für zahlreiche Männer, die ihre Privilegien an anderer Stelle teuer bezahlen – zum Beispiel, in dem sie das Aufwachsen der eigenen Kinder häufig mehr oder minder komplett verpassen. Letzteres ist nicht der schlagende Grund für eine Frauenquote, aber eben einer von hunderten. Auf lange Sicht profitieren auch alle Männer, die durch das Raster der gegenwärtigen Männlichkeitsklischees fallen – und deshalb eben auch keine Lust auf Führungsgremien haben, in denen irgendwelche „Old Boys“-Netzwerke zusammen Golf spielen, Schwulenwitze reißen und auf Firmenkosten in den Puff nach Barcelona fahren.

Für die Unternehmen bietet sich wiederum die Chance, einem diversifizierten Weltmarkt mit diversifizierten Führungsgremien zu begegnen, die mit qualifizierten, aber ganz unterschiedlichen Menschen besetzt sind und dadurch einen viel weiteren Erfahrungs- und Entscheidungshorizont haben, als ein deutscher Altherrenwitz-Verein. Doch auch, wenn man die Optimierung der deutschen Wirtschaft unter globalen Wettbewerbsbedingungen nicht für das vordringlichste Ziel emanzipatorischer Politik hält, bleibt folgender Fakt: Eine demokratisch verfasste Gesellschaft, in der die Mehrheit der Bevölkerung von der eigenen Arbeit lebt, mindestens die Hälfte dieser Bevölkerung aber offensichtlich nicht dieselben Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, befindet sich in einem unerträglichen Zustand. Die Schlechterstellung und -bezahlung von Frauen ist daher nach wie vor eines der größten Defizite dieser Demokratie. Und allein deshalb brauchen wir als ersten Schritt eine Frauenquote. Mindestens.

Siehe auch: Putzgutschein über 350 Millionen Euro, Asoziale an die Macht!?, Antifeministisch und reaktionär, Unsinnig und rechtswidrig: Extremismusklausel abschaffen!Schlappe für Schröders Extremismusklausel, Kristina Schröders Kuschelworkshop für Neonazis, Der Verantwortung nicht gewachsen, Demografie als Mittel der sozialpolitischen DemagogieHalbzeitbilanz: Schwarz-Gelb spaltet die GesellschaftDie Sarrazin-Debatte und Rassismus in der Leistungsgesellschaft, Schröders “Bespitzelungsklausel” Thema im Bundestag, “Deutschenfeindlichkeit”: Schröders “rechter Aktionismus”, “Programme gegen Extremismus”: Fakten bitte!

14 thoughts on “Der „Focus“ und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denken

  1. Gleichberechtigung haben wir in Deutschland zum Glück schon sehr lange, mit der Gleichgestellung allerdings hakt es noch gewaltig. Aber worum geht es bei der Quotendiskussion eigentlich, um Gleichstellung oder um Macht?

    Ging es wirklich um Ersteres, würden Frauenquoten für alle Führungsebenen diskutiert, vom Vorstand an abwärts bis zur Teamleiterin, für Professoren, für Lehrer, etc.pp. Ziel: Gleichstellung der Geschlechter, wenn die formale Gleichberechtigung bewiesenermaßen nicht ausreicht.

    Wenn es aber stattdessen eigentlich (nur) um Macht statt um echte Gleichstellung geht, reicht eine Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte.

    Schade um einen guten Gedanken.

  2. Wie der Focus sich als „Anwalt der Frauen“ versteht, die angeblich gottgegeben gleichberechtigt sind, ist einfach nur grotesk! Frauen müssen heutzutage in allen Bereichen top sein, wenn Sie etwas erreichen wollen. Für sie gilt noch immer ein „Schönheitsgebot“: Tolle Beine, schöne Augen, super Busen und zu alledem natürlich Pünktlich, top informiert, auf Zack und eine Koryphäe im jeweiligen Job. Wann hätte man diese Kriterien je an Männer angelegt?

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