Bombenfund in Bonn: Waren es Neonazis?

Seit Wochen rätselt die Öffentlichkeit über die Hintergründe des Bombenfunds am 10. Dezember 2012 im Bonner Hauptbahnhof. Die Ermittler widersprachen sich selbst von Beginn an – und obwohl es bis heute offenbar keine heiße Spur gibt, gelten in der Öffentlichkeit Salafisten als mutmaßliche Drahtzieher. Genauso gut könnte man allerdings auch über Neonazis als Täter spekulieren.

Von Patrick Gensing

Zugegeben, die Überschrift dieses Artikels ist etwas reißerisch. Allerdings spekuliert die Öffentlichkeit bereits seit Wochen über islamistische Täter, ohne dass irgendwelche klare Indizien vorliegen. Es ist weiterhin noch nicht einmal klar, ob die „Bombe“ einen Zünder hatte. Ein Bekennerschreiben fehlt ebenfalls.

Apropos fehlendes Bekennerschreiben: NSU – war da was? Verdächtigungen ohne belastbare Hinweise? Die Öffentlichkeit zeigte sich empört über sich selbst – niemand wollte mehr etwas von den „Döner“-Morden wissen. Und nun? Seit Wochen ist unklar, wer im Dezember die Tasche mit dem mutmaßlichen Sprengsatz am Bonner Hauptbahnhof abgestellt hatte, doch von möglichen Rechtsterroristen wollte bislang niemand etwas wissen. Das liegt vor allem daran, dass die Ermittler schnell verkündeten, sie hätten klare Hinweise in die islamistische Szene.

Der Generalbundesanwalt hatte wenige Tage nach dem Anschlagsversuch gemeldet, es lägen „nunmehr zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich bei dem Geschehen um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung handelt“. Und weiter: „Es liegen belastbare Hinweise dafür vor, dass die verdächtige Person über Verbindungen in radikal-islamistische Kreise verfügt.“

Medien hatten zudem gewagte Thesen verbreitet, warum ein islamistischer Hintergrund wahrscheinlich sei. Die Rheinische Post schrieb beispielsweise, die Stadt habe sich zur

„Brutstätte des Islamismus entwickelt. In keiner anderen deutschen Stadt sollen mehr Extremisten muslimischen Glaubens wohnen. Die Sicherheitsbehörden führen eine Liste mit rund 170 dort gemeldeten Männern, von denen eine potenzielle Gefährdung ausgeht, gut 20 von ihnen gehören zu den radikalsten Salafisten bundesweit.

Darum sei es auch kein Zufall gewesen, meint Arnold Plickert, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, dass Bonn als Anschlagsziel ausgewählt worden ist. Die mutmaßlichen Terroristen, die am Gleis 1 die blaue Sporttasche mit dem Sprengsatz abstellten, der nur wegen eines Konstruktionsfehlers nicht detonierte, sollen Verbindungen in die dortige radikale Szene haben.“

Die Polizei nahm zwei mutmaßliche Salafisten fest, die beiden Verdächtigen mussten aber schnell wieder freigelassen werden. Öffentlich sucht die Polizei NRW weiterhin nach einem schwarzen Mann, den ein (weißer?) 14-Jähriger am Bahnhof gesehen haben will, als er die Tasche abgestellt habe. Auf Bildern einer Überwachungskamera war allerdings ein weißer Mann mit der blauen Tasche zu sehen.

Am 10.12.2012 gegen 13:00 Uhr hat eine Person im Bonner Hauptbahnhof am Gleis 1 eine blaue Reisetasche abgestellt, in der sich zündfähiges Material befand. Nach den potentiellen Tätern wurde bereits durch die Polizei Nordrhein-Westfalen öffentlich gefahndet. (Quelle: BKA)
Am 10.12.2012 gegen 13:00 Uhr hat eine Person im Bonner Hauptbahnhof am Gleis 1 eine blaue Reisetasche abgestellt, in der sich zündfähiges Material befand. Nach den potentiellen Tätern wurde bereits durch die Polizei Nordrhein-Westfalen öffentlich gefahndet. (Quelle: BKA)

Wie passt das zusammen? Haben die Täter die Tasche mit Sprengsatz – mit oder ohne Zünder – am Bahnhof erst noch untereinander weitergegeben, um besonders aufzufallen?

Terror vor der eigenen Haustür?

Aber spricht es nicht ohnehin gegen einen Anschlagsversuch von Salafisten in Bonn, dass hier offenbar ein Schwerpunkt der Salafistien in Deutschland liegt? Würden Täter nicht eher in einer anderen Stadt bomben bzw. Schrecken verbreiten wollen, damit nicht sofort klar wird, wer dahinter steckt? Sollte man nicht eher danach fragen, welche Personen als Opfer getroffen und verängstigt werden könnten?

Wofür steht Bonn? Es handelt sich um die ehemalige Bundeshauptstadt – auf dem absteigenden Ast. Doch auch wenn Bonn als Stadt in der überregionalen Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle spielt, sind hier noch viele Ministerien vertreten. Wikipedia weiß über die Bundesstadt zu berichten, auch nach dem Regierungsumzug nach Berlin haben, geregelt durch das Berlin/Bonn-Gesetz, sechs Bundesministerien weiterhin ihren ersten Dienstsitz in Bonn, zudem dürfen in den Berliner Ministerien nicht mehr Mitarbeiter beschäftigt werden als in den Bonner Ministerien, in denen etwa 10.000 Personen arbeiten. Ebenfalls durch das Gesetz geregelt wurde der Umzug von 22 Bundesbehörden aus Berlin und dem Rhein-Main-Gebiet in die Bundesstadt. Außerdem legte der Bund die Ansiedlung der Deutschen Telekom, der Deutschen Post und der Postbank per Gesetz fest. Mit dem Bundesrat und dem Bundespräsidenten haben zudem zwei Verfassungsorgane ihren zweiten Dienstsitz in Bonn. Hier eine Liste der Bundesbehörden in Bonn.

Kurzum: Nach Berlin ist Bonn – zumindest formal gesehen – die zweitwichtigste Stadt in Deutschland. Ein lohnendes Ziel also für alle, die den Staat angreifen wollen.

Kameradschaften zerschlagen

Neonazis am 31. März 2012 in Dortmund (Foto: Stefan Laurin)
Neonazis am 31. März 2012 in Dortmund (Foto: Stefan Laurin)

Was fällt uns noch ein zum Thema Bonn? Die Stadt liegt bekanntermaßen in NRW – und hier wurden im vergangenen Jahr mehrere rechtsextreme Kameradschaften zerschlagen. NRW, speziell Dortmund und Aachen, gelten als Hochburgen („Brutstätten“?) der Neonazi-Szene – Bonn liegt von beiden Städten rund eine Autostunde entfernt. In Dortmund mordete der NSU, in Köln legten die Rechtsterroristen Bomben. Rohrbomben – wie offenbar nun auch in Bonn. Handelt es sich möglicherweise also um Racheakte für die Verbote? Eine Reaktion auf die verstärkte Repression nach dem NSU-Bekanntwerden?

Zudem sind Neonazis in den vergangenen Monaten und Jahren mit versuchten Bombenanschlägen aufgefallen. Am Rande einer Linksautonomen Demo am 1. Mai in Berlin fand die Polizei mehrere Rohrbomben – und hielt diese zunächst für bessere Böller. Nach einigen Tagen wurde aber laut Tagesspiegel deutlich: Bei einer Explosion hätte es im Umkreis von 15 bis 20 Metern Schwerverletzte gegeben. Ein Polizeisprecher schloss laut der Zeitung Die Zeit nicht aus, dass Rechtsextremisten die Bomben platziert haben. Einige Tage später wurde eine Rohrbombe von der Polizei kontrolliert gezündet – und erwies sich als relativ harmlos.

Allerdings war Berlin bereits am 1. Mai 2010 nur knapp einem Anschlag entgangen. Damals brachten Neonazis aus Aachen mit Glasscherben gespickte Sprengsätze mit in die Hauptstadt. Kurz vor einer Polizeikontrolle warfen sie die Bomben jedoch weg. Und bereits vor Jahren schrieb ein Rechtsextremist in einem internen Forum beispielsweise:

“20 Koffer, 20 Mann, 20 Bahnhöfe. Bundesrepublik lahmgelegt. Alles legal. Kosten unter 1000,-€. Wo ist das Problem?”

Am Samstag berichtete zudem „Die Welt“, dass die Ermittler einer neuen Spur folgen: In der blauen Sporttasche mit der Bombe soll die Spurensicherung ein Haar entdeckt haben. Die Ermittler gingen davon aus, dass es von dem Bombenleger stamme, heißt es in dem Bericht weiter. Es soll sich „um das Haar einer hellhäutigen männlichen Person aus Europa oder Nordamerika handeln“.

Der Verdacht, es handele sich um Salafisten, wurde bislang also nicht bestätigt. Dabei hatten radikale Salafisten zuvor durchaus bewiesen, welches Gewaltpotential in ihren Kreisen schlummert, als bei einer Demonstration fast 30 Polizisten verletzt wurden, mehrere davon schwer.

Claudia Dantschke: Was ist Salafismus?

Es erscheint nach den schweren Anschlägen von Madrid (fast 200 Todesopfer) und London (mehr als 50 Tote) zudem naheliegend, dass die Ermittler auch (!) nach einem islamistischen Motiv suchen. Doch bei der Fahndung nach den Tatverdächtigen gibt es laut Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung noch immer keine Fortschritte. Die Spuren in die Bonner Islamistenszene hätten nicht weitergeführt. Man gehe davon aus, dass die Bundesanwaltschaft den Fall in den kommenden Wochen wieder abgeben werde, heißt es unter Berufung auf Sicherheitskreise. Angeblich, so berichtet der Spiegel, habe das Bundeskriminalamt die Ermittlungen „in alle Richtungen“ ausgeweitet. Das Magazin zitiert dabei aus einem vertraulichen Lagebericht, in dem es heiße, die Bundesanwaltschaft habe inzwischen das Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus eingeschaltet, um mögliche Spuren in die rechtsextreme Szene zu ermitteln. Die Betonung liegt auf mittlerweile. Immerhin: Die Ermittler lernen offenbar dazu: Beim NSU hat es mehr als zehn Jahre gedauert, bis es um Rechtsterrorismus ging.

Wie bislang in Deutschland üblich, wird auch im Fall Bonn zunächst ausschließlich in Richtung islamistische oder „ausländische“ Täter gedacht (Breivik/NSU). Der Rechtsterrorismus spielt im öffentlichen Bewusstsein weiterhin kaum eine Rolle. Nachdem bis 2011 bei rechtsextremen Anschlägen von Einzeltätern die Rede war, wird nun der NSU als einmaliges und isoliertes Phänomen betrachtet. Da passt es ins Bild, dass das Oberlandesgericht München die Terrorgruppe kurzerhand für aufgelöst erklärt – obgleich noch nicht einmal klar ist, wie groß das Netzwerk überhaupt war.

Siehe auch: Die Tat ist die Botschaft,  Salafisten und Pro NRW erreichen ihr Ziel: Gewalt, alle Meldungen zum Rechtsterrorismus

11 thoughts on “Bombenfund in Bonn: Waren es Neonazis?

  1. Zum Thema Haut, Haar, DNA und race: Es mag durchaus möglich sein, aus der DNA auf die Hautfarbe der betreffenden Person zu schließen. Gewagter aber ist der Schluß von ebendieser auf die religiöse und politische Gesinnung der betreffenden Person, der hier gemacht wird:

    „Es soll sich “um das Haar einer hellhäutigen männlichen Person aus Europa oder Nordamerika handeln”.

    Der Verdacht, es handele sich um Salafisten, wurde bislang also nicht bestätigt.“

    Weiße Typen aus Europa oder Nordamerika können keine Salafisten sein oder was?

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