Der vergessene Genozid

Am 12. Januar 1904, heute vor 109 Jahren, griffen im zentralnamibischen Ort Okahandja, im damaligen Deutsch-Südwestafrika, Herero Kampfverbände ihre deutschen Unterdrücker an. Acht Monate später erklärten auch die Nama, eine im Süden der Kolonie lebende afrikanische Bevölkerungsgruppe, den deutschen Kolonialherren den Krieg. Der Konflikt dauerte bis 1908 und ist in die Geschichte als „Herero-Nama-Aufstand“ eingegangen. Er führte zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. 

Von Marie Muschalek*

Zwischen 75.000 und 100.000 Menschen wurden von der deutschen Kolonialmacht ermordet, annähernd 80% der Herero und 50% der Nama. Jene, die überlebten, wurden in Konzentrationslager interniert und mussten Zwangsarbeit leisten. Sie wurden enteignet, verloren Vieh und Land und ihre politischen Strukturen wurden vollends zerstört.

Eigentlich begann der Krieg  bereits Ende 1903 mit der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Bondelzwarts (eine Gruppe der Oorlam-Nama) und Deutschen in und um Warmbad im Süden der Kolonie. Gouverneur Theodor Leutwein, gleichzeitig auch Oberster Befehlshaber des Militärs, der sogenannten Schutztruppe, hatte seine Truppen dorthin gezogen, um den Widerstand niederzuschlagen. Auch andere afrikanische Gruppen – die Ovambo, Damara und San – beteiligten sich im Krieg, weswegen Historiker Dag Henrichsen ihn treffenderweise „südwestafrikanischer Krieg“ nennt, um das Ausmaß für die gesamte Region deutlich zu machen. Denn die tiefgreifenden sozialen und politischen Veränderungen, die der Krieg mit sich brachte, sind bis heute in der namibischen Gesellschaft und ihren Nachbarnationen zu spüren.

Südwestafrikanischer Krieg und rassistische Kriegsführung

Die Offensive der Herero Anfang 1904 kam relativ überraschend. Innerhalb kürzester Zeit schafften sie es, die Zentralregion der Kolonie – Militärstationen ausgenommen – unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie kappten Telegraphenlinien, sabotierten

Deutsch-Südwestafrika Hereroaufstand 1904
Kamelreiterkompanie der deutschen „Schutztruppe (Deutsch-Südwestafrika Hereroaufstand 1904 , Bundesarchiv Koblenz Bild 183-R24738)

Eisenbahnstrecken, zerstörten Brücken, und besetzten strategisch wichtige Siedlungen. Etwas über hundert weiße Menschen kamen bei diesen ersten Angriffen der Herero um. Frauen, Kinder, Missionare und Nicht-Deutsche verschonten die Widerständigen auf Befehl ihres Anführers, des Paramount-Chief Samuel Maharero, weitgehend. Nicht selten begleiteten sie diese zur nächsten Siedlung oder Station.

In den Gerüchten und deutschen Berichten, die sofort nach dem Ausbruch des Krieges entstanden, war jedoch die Rede von „bestialischen Grausamkeiten“, von Hunderten von Ermordeten, besonders Frauen und Kindern, von Verstümmelungen, Vergewaltigungen, und Kannibalismus. Die rassistische Vorstellung der Deutschen, ihnen stünde ein Gegner gegenüber, der die Regeln „normaler“ westlicher Kriegsführung nicht kenne und beachte, dessen Art zu kämpfen unehrenhaft und unmenschlich sei, bestimmte von Beginn an, wie auf deutscher Seite gekämpft wurde. So rekurrierten deutsche Soldaten und Befehlshaber beispielsweise auf angebliche „eingeborene“ Kampfgepflogenheiten, wenn sie wahllos Zivilisten erschossen oder Gefangene als „Vergeltung“ summarisch hinrichteten. Hinzu kam eine spezifisch wilhelminische Militärkultur, die sich dem Kult der Offensive verschrieben hatte und die Teilerfolge und verhandelte Kriegslösungen nicht zuließ. Was folgte, war daher ein als „Rassenkampf“ verstandener Vernichtungskrieg.

„… dass die Nation als solche vernichtet werden muss“

Von Bedeutung für die Entwicklung des Krieges zum Vernichtungsfeldzug und Völkermord war eine Entscheidung bei Kriegsbeginn im Februar 1904. Der Große Generalstab in Berlin setzte sich über zivile Regierungsinstanzen (Kolonialamt und Gouverneur) hinweg und übernahm die alleinige Führung. Der Militarismus des Kaiserreichs entfaltete seine ganze Wirkung. Ein absoluter militärischer Sieg sollte dem Aufstand ein schnelles Ende bereiten. Politische Lösungen wurden als inakzeptabel abgetan. Gouverneur Leutwein wurde untersagt, Friedensverhandlungen ohne Befugnis des Kaisers zu führen. Als neuen Oberbefehlshaber der Schutztruppen in Südwest setzte der Generalstab General Lothar von Trotha ein, der für seine brutalen Feldzüge in Deutsch-Ostafrika (1894-1897) und in China (1900) bekannt war.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Zur Entscheidungsschlacht kam es Mitte August 1904 am Waterberg im nördlichen Teil der Kolonie. Die Herero hatten sich dorthin zurückgezogen, um sich und ihre Herden zu versorgen und ihre Kräfte zu sammeln. Auch Frauen, Kinder und Alte waren am Waterberg versammelt. Denn nach Brauch der Herero zogen Nicht-Kombattanten mit den Kriegern in den Krieg. Von Trothas Plan war es, „die Hereromasse, die am Waterberg saß, zu umklammern, und sie durch einen gleichzeitig geführten Schlag zu vernichten.“ Doch viele der Herero konnten aus der Einkesselung ausbrechen und Richtung Osten in die Halbwüste Omaheke, einen Ausläufer der Kalahari-Wüste, entfliehen. Die Schlacht am Waterberg wurde daher von der deutschen militärischen Führung nicht als triumphaler Sieg verstanden. Von Trotha ordnete an, den Fliehenden nachzusetzen und sie immer weiter in die Wüste zu treiben. Am 2. Oktober gab er seine berüchtigte Proklamation ab, in der er bestimmte, dass die Herero keine Untertanen mehr seien und das Land zu verlassen hätten: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“

Der Vertreibungsbefehl kam einem Todesurteil gleich. Dies war den Angehörigen der Schutztruppe bewusst, denn als Zufluchtsgebiet blieb den Herero nur das wasserlose Sandfeld, in dem Tausende von ihnen verdursteten. In einem Brief an den Generalstabschef von Schlieffen formulierte Trotha sein Anliegen deutlich: „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss.“ Ob dieser Praktiken erscheint die Frage nach der Intention, die in der Forschung kontrovers diskutiert wird, eher sekundär. Angesichts der Praktiken der Kolonialtruppen, sowohl vor als auch nach dem Befehl, ist der Begriff Genozid gerechtfertigt. Auch die Tatsache, dass Kaiser Wilhelm II. den Befehl Trothas nach einigen Wochen auf Anraten des Reichskanzlers von Bülow und unter Druck eines Teils der Öffentlichkeit widerrief, änderte nichts am vollzogenen Völkermord. Zumal die Rücknahme der Proklamation nicht aus humanitären Skrupeln geschah, sondern aus Angst vor internationalem Prestigeverlust und aufgrund der Einsicht, dass der Krieg auf Dauer so nicht gewonnen werden konnte. Denn immer wieder schafften es vereinzelte Herero-Gruppen, sich durch die schlecht funktionierenden, von Krankheiten und Logistikproblemen geplagten Linien der deutschen Truppen zu stehlen und den Widerstandskampf fortzuführen. Darüber hinaus wurde die Schutztruppe zu diesem Zeitpunkt dringend anderorts benötigt. Die Nama waren seit September im Krieg mit den Deutschen.

Der Nama-Führer Hendrik Witbooi, um 1900.
Der Nama-Führer Hendrik Witbooi, um 1900.

Guerillakrieg, Konzentrationslager und Zwangsarbeit

Die Nama vermieden es, den Deutschen in einer großen Feldschlacht zu begegnen, und setzten von Beginn an auf Guerillataktiken. Unter der Führung ihres Kaptein Hendrick Witbooi schafften sie es, die deutschen Truppen hinzuhalten, wenn auch nicht ohne große Verluste. Und bereits Ende Oktober 1904 hatte sich das Blatt zugunsten der Deutschen gewendet, als Witbooi in einem Gefecht getroffen wurde und wenig später verstarb. Obwohl die Nama damit ihre Integrationsfigur verloren, dauerte der Krieg über mehrere Jahre weiter an.

Die Deutschen reagierten mit Radikalisierung und Eskalation. Zwischen Herbst 1904 und Herbst 1905 verdoppelte der Generalstab die Truppen von 7.000 auf 14.000 Mann. Eine Eisenbahnstrecke von der Hafenstadt Lüderitzbucht ins Innere des Landes wurde gebaut, um den Nachschub an Mannschaften und Material zu gewährleisten. Wie im Fall der Herero schossen die deutschen Soldaten auch auf Nama Frauen und Kinder und richtete Gefangene ohne Prozess hin. Auf die Köpfe der Nama-Führer wurden hohe Preise ausgesetzt. Besonders die Führer Jacob Marengo, Cornelius Frederiks und Abraham Morris machten den deutschen Truppen unermüdlich zu schaffen, selbst nachdem der Kriegszustand am 31. März 1907 offiziell durch den Kaiser aufgehoben wurde. Aber vor allem versuchte die Kolonialmacht nach der Waterbergschlacht der Situation durch Masseninternierungen Herr zu werden.

Sowohl Herero als auch Nama wurden ab Dezember 1904 in Konzentrationslagern eingesperrt. Basierend auf dem Beispiel der Konzentrationslager im britischen Krieg gegen die Buren in Südafrika (1899-1902) war das Ziel der Lager, die gesamte Bevölkerung

Stabswagen deutsche Truppen im Biwak
Stabswagen deutsche Truppen im Biwak von Onjatu 1904 (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R18799)

daran zu hindern, sich den Kriegsbemühungen anzuschließen und sie gleichzeitig mit Zwangsarbeit auszubeuten. Obwohl billige Arbeitskräfte unbedingt erhalten werden sollten – zumal die Bevölkerung durch den Genozid dezimiert worden war –, nahmen die deutschen Kolonialbehörden Massensterben in den Gefangenenlagern billigend in Kauf. Die mangelnde Verpflegung, die klimatischen Verhältnisse (besonders im Lager der Haifischinsel), die allgemeinen schlechten Bedingungen in den Lagern und an den Zwangsarbeitsstätten führten dazu, dass jede/jeder zweite Gefangene starb. Im April 1908 wurde die Kriegsgefangenschaft der Herero formell aufgehoben. Viele Nama blieben zum Teil bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft im Jahr 1915 inhaftiert.

Verdrängt und verharmlost.

Der Widerstandskampf gegen die Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika, der Völkermord, die Konzentrationslager und Zwangsarbeit werden in Deutschland erst seit Kurzem und nur sehr zögerlich in der Öffentlichkeit verhandelt. Auch andere koloniale Gewaltverbrechen, die brutale Unterdrückung der Maji-Maji Rebellion in Deutsch-Ostafrika, der ca. 100.000 Menschen zum Opfer fielen, oder die zahlreichen Massaker deutscher Marine- und Expeditionskorps während des sogenannten Boxeraufstands in China, finden in den deutschen Medien, in Museen, Schulbüchern und anderswo kaum oder gar keine Beachtung. Das koloniale „Abenteuer“ der Deutschen sei nur kurzlebig und geografisch limitiert gewesen und daher unerheblich für die weitere Entwicklung der deutschen Gesellschaft, heißt es.

Deutsche Kolonialgeschichte wird verdrängt und verharmlost. Deutsche Politiker haben diese angeblich unbelastete Vergangenheit sogar herangezogen, um zu behaupten, dass der deutsche Staat besonders berufen sei, heute als Vermittler in der Entwicklungspolitik zu wirken. Abgesehen davon, dass diese Haltung die Erinnerung der Opfer mit Füßen tritt, verkennt sie auch, dass der Kolonialismus in der deutschen Geschichte durchaus große Relevanz hat und seine Wirkung sowohl auf die kolonisierten als auch auf die kolonisierende Gesellschaft weit über die formale Besetzungsperiode hinaus geht. Konkret bedeutet diese Haltung, dass die deutsche Regierung den Völkermord an den Herero und Nama bis heute nicht anerkannt hat (abgesehen von einer religiös formulierten Bitte um Vergebung von Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zum 100. Jahrestag). Die Opfer und ihre Nachfahren haben bis heute keine offizielle Entschuldigung geschweige denn Entschädigung erhalten.

* Marie Muschalek ist Promovendin an der Cornell University (USA). Ihre Forschungsschwerpunkte sind deutsche Kolonialgeschichte, Militär- und Polizeigeschichte. Arbeitstitel ihrer Doktorarbeit: „A State of Violence: Policing German Southwest Africa, 1905-1915.“ Marie Muschalek ist Mitglied des Kollektivs „Kolonialismus im Kasten“, das kritische Rundgänge zur deutschen Kolonialvergangenheit durch das Deutsche Historische Museum organisiert.

Literatur zum Weiterlesen

  • Bley, Helmut. Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914. Hamburg: Leibniz-Verlag, 1968.
  • Gewald, Jan-Bart. Herero Heroes: A Socio-Political History of the Herero of Namibia, 1890-1923. Oxford: James Currey, 1999.
  • Henrichsen, Dag. “Pastoral Modernity, Territoriality and Colonial Transformations in Central Namibia, 1860s-1904”. In Grappling with the Beast: Indigenous Southern African Responses to Colonialism, 1840-1930, hg. von Peter Limb, Norman Etherington, und  Peter Midgley. Leiden: Brill, 2010.
  • Hull, Isabel V. Absolute Destruction: Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Ithaca, N.Y: Cornell University Press, 2005.
  • Kuß, Susanne. Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen: Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1. Aufl. Studien zur Kolonialgeschichte ; 3. Berlin: Links, 2010.
  • Schaller, Dominik. „‘Ich Glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss‘: Kolonialkrieg und Völkermord in ‚Deutsch-Südwestafrika‘ 1904-1907“. Journal of Genocide Research 6, no. 3 (September 2004): 395–430.
  • Zimmerer, Jürgen und Joachim Zeller (Hg.). Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia Und Seine Folgen. 1. Aufl. Berlin: Links, 2003.