Ernst Nolte: Ein deutscher Konservativer

Der Historiker Ernst Nolte wird heute 90 Jahre alt. Nolte war lange Jahre einer der zentralen Denker konservativen Geschichtsverständnisses in Deutschland. Seine Bücher lösten Debatten aus, einige sogar über Fachkreise hinaus. An seinem Werk und Wirken lässt sich das Umschlagen von aufgeklärtem Konservatismus in Positionen der radikalen Rechten sehr gut nachzeichnen.

Von Andreas Strippel

Ernst Nolte wurde am 11. Januar 1923 geboren. Er entstammt dem bürgerlich-katholischen Milieu an der Ruhr. Eine Missbildung an der Hand verschonte Nolte 1941 vor dem Kriegsdienst, so dass er direkt nach dem Abitur mit dem Studium beginnen konnte. An den Universitäten Münster, Berlin und Freiburg studierte er Philosophie, Germanistik und Altphilologie und wurde nach 1945 Gymnasiallehrer.

Noltes Buch erregte damals aufsehen.
Noltes Buch erregte damals aufsehen.

Sein Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten bestand jedoch weiter. 1952 promovierte ihn die Universität Freiburg für seine Forschung zu „Selbstentfremdung und Dialektik im deutschen Idealismus und bei Marx“ zum Doktor der Philosophie. Danach begann Nolte mit seinen zeitgeschichtlichen Studien. Sie mündeten in der Studie „Der Faschismus in seiner Epoche“. Mit diesem Werk wurde Nolte 1964 habilitiert und bereits 1965 übernahm er einen Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Marburg, 1973 wechselte er zur Freien Universität Berlin, an der er bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte und forschte.

Aufgeklärter Konservatismus

Noltes Untersuchung über den Faschismus fällt in eine Zeit der Erneuerung des Konservatismus in der Bundesrepublik. Der alte Konservatismus war mit seiner Fixierung auf Obrigkeitsstaat, Kirche und Familie zum Bremsklotz einer Weiterentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft geworden. Die tiefe Skepsis im deutschen Konservatismus gegenüber der modernen Massen- und Konsumgesellschaft sowie liberal-kapitalistischer Wirtschaft weichten nur langsam auf. Der Wandel war eng verbunden mit Ludwig Erhard und dem „Wirtschaftswunder“. Diese neue Form von aufgeklärtem Konservatismus brachte Franz Josef Strauß später bündig auf eine Formel; Ende der 1970er Jahre sagte er: „Konservativ heißt nicht nach hinten blicken, konservativ heißt an der Spitze des Fortschritts marschieren.“

Die Erkenntnis, dass man die Dynamik der modernen Welt nicht auf ein Weltbild des 19. Jahrhunderts zurückdrehen kann, öffnete den Konservatismus. Er wurde weltzugewandter, frei nach dem Motto, wenn man die moderne Gesellschaft nicht verhindern kann, so muss man doch ihre Entwicklung lenken. Ziel konservativer Politik war es damit die gesellschaftlichen Prozesse zu kontrollieren, um traditionelle Vorstellungen zu bewahren. Dazu gehörte auch, sich gegenüber neuen Konzepten zu öffnen.

Noltes Werk der „Faschismus in seiner Epoche“ brachte damals die Diskussion um den Faschismus voran. Nolte durchbrach in seiner Analyse die engen Vorstellungen einer erstarrten und politisch überladenen Totalitarismustheorie, die seinerzeit im akademischen Diskurs Westdeutschlands hegemonial war. Daher verstanden Teile der Linken Noltes Buch als Gegenentwurf zum Totalitarismus, jedoch entgegen seiner Intention. Nolte korrigierte später diesen Eindruck. In der Ausgabe von 1984 erklärte er: „In Wahrheit wollte ich die Totalitarismustheorie differenzieren, historisieren und bis zu einem gewissen Grade auch entemotionalisieren, aber ich wollte sie weder überwinden noch verdrängen.“

Inhaltlich arbeitete sich Nolte phänomenologisch am europäischen Faschismus ab und betonte dabei vor allem dessen antimarxistische Stoßrichtung. Faschismus ist nach Nolte „Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie“. Ein Argument, das er während des Historikerstreites noch einmal aufnahm und radikalisierte.

Antimarxismus, Nationalismus und Gewalt sind die zentralen Elemente der Nolteschen Analyse. Nicht berücksichtigt wird dabei die zentrale Rolle von Rassismus und Antisemitismus im Nationalsozialismus und – wie neue Forschungen nahelegen – auch im italienischen Faschismus. Ein Umstand, den Nolte selbst konzediert. Nichtsdestotrotz war Nolte der erste Nicht-Linke-Wissenschaftler in Deutschland, der den Faschismusbegriff als analytische Kategorie benutzte. Gleichzeitig betonte er die Nähe von Faschismus und Marxismus („benachbarte Ideologien“) und stellte somit einen Anschluss an bereits vorhandene Diskurse her.

Der Historikerstreit

Der zweite große Auftritt von Ernst Nolte fällt auch wieder mit einer Diskussion über Konservatismus zusammen. 1982 verkündete Helmut Kohl die „geistig moralische Wende“. Dieser Begriff war von Anfang an unscharf, wodurch er gerade seine Attraktivität entfaltete, weil er unterschiedlich gefüllt werden konnte. Jedoch war klar, dass es irgendwie um einen konservativen Umbau der Gesellschaft gehen sollte. Und der Historiker Kohl entwickelte eine Vorliebe für vergangenheitspolitische Initiativen, um die Deutungshoheit in der seit Ende der 1970er Jahre durch die TV-Serie „Holocaust“ ausgelöste intensivere Debatte um die deutsche Geschichte im Allgemeinen und den Nationalsozialismus im Besonderen zu erlangen.

In diese Atmosphäre hinein platzierte Nolte am 6. Juni 1986 einen Artikel in der FAZ, in dem er versuchte die Deutung über den Nationalsozialismus an den Bolschewismus zu koppeln. Für Nolte waren die NS-Verbrechen ein Art Notwehrreaktion auf die Verbrechen in der Sowjetunion. Im Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ konstruierte Nolte einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Ermordung der Europäischen Juden und den Mordtaten in der Sowjetunion, den er in Fragen präsentierte.

„Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“

Damit aber nicht genug. Nolte versuchte sich auch in klassischer Täter-Opfer-Umkehr. „Die Rede von der „Schuld der Deutschen“ übersieht allzu geflissen die Ähnlichkeit mit der Rede von der „Schuld der Juden“, die ein Hauptargument der Nationalsozialisten war.“

Zum Ende des Artikels forderte Nolte einen Schlussstrich mit der vom „kollektivistischen Denken“ geprägten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Oder etwas gröber gesagt: Die Deutsche Geschichte hat mehr zu bieten als die NS-Verbrechen und deswegen müsse sie anderes bewertet werden. Gerade die Verbrechen wollte er in die Geschichte der Massenverbrechen des Jahrhunderts einordnen, die Gaskammern wurden zu einem bloßen technischen Moment des Tötens und eben nicht Ausdruck der Präzedenzlosigkeit der NS-Verbrechen.

Vergangenheitspolitik als konservatives Nation-Buildung

Genau hier knüpften auch die konservativen Unterstützer Noltes wie Michael Stürmer an. Stürmers Beitrag in der FAZ „Geschichte in geschichtslosem Land“ betonte die identitätsstiftenden Aspekte von Geschichte. Nationale Unsicherheit hätte auch vor 1945 schon die deutsche Geschichte bestimmt. Programmatisch schrieb Stürmer in der FAZ: „In einem geschichtslosen Land, (gewinnt derjenige) die Zukunft, der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.“ Die Suche nach einem stabilen Geschichtsbild, so Stürmer weiter, sei eine nationale Aufgabe, da Stabilität auch für „außenpolitische Berechenbarkeit“ stehe.

Jürgen Habermas (10.11.2011 in Paris. Foto: Vrin)
Jürgen Habermas war auch nach dem Historikerstreit noch ein bedeutender Intellektueller. (In Paris 10.11.2011. Foto Vrien. CC BY-SA 3.0)

Kritik an Nolte und seinen Unterstützern wurde zuerst von Jürgen Habermas in der Zeit geäußert. Habermas kritisierte Nolte, Stürmer und Andreas Hillgruber. Neben der nationale Sinnsuche bei Stürmer und Hillgruber beanstandete Habermas bei Nolte die Verkürzung der Besonderheiten der NS-Verbrechen auf technische Aspekte, die letztlich die Verbrechen relativiere, in dem sie in eine Reihe mit anderen Massenverbrechen gestellt werden. „In diesem Kontext des Schreckens erscheint dann die Judenvernichtung nur als das bedauerliche Ergebnis einer immerhin verständlichen Reaktion auf das, was Hitler als Vernichtungsdrohung empfinden müsste“, kritisierte Habermas Nolte.

Noltes Thesen machten nicht nur wegen ihrer vergangenheitspolitischen Stoßrichtung Furore. Die Forschung über den Holocaust war in Deutschland 1986 noch mehr oder minder am Anfang. Das wegweisende Werk von Raul Hilberg, „Die Ermordung der Europäischen Juden“ von 1961 erschien erst 1982 in deutscher Übersetzung, erst 1986 erschien die erste auf Deutsch geschriebene Gesamtdarstellung des Holocaust. Die öffentliche Deutung war eben noch nicht eindeutig festgelegt.

Methodisch knüpfte Nolte an zwei Paradigmen aus der „Faschismus in seiner Epoche“ an. Er sah im Antimarxismus der Nazis so etwas wie einen Bruderkampf mit der Sowjetunion. Daher schenkte er dem Rassismus und Antisemitismus als zentralem Element der NS-Ideologie und Politik kaum Aufmerksamkeit. Mit dieser Interpretation versuchte Nolte sich an die Spitze einer konservativen Geschichtsdeutung zu stellen.

Der Streit um die Deutung der NS-Geschichte war auch ein Streit um das historisch-politische Selbstverständnis des westdeutschen Staates. Die Gegner Noltes wie Hans-Ulrich Wehler oder Jürgen Habermas machten nicht nur ein wissenschaftliches Gegenangebot für die Deutung der deutschen Vergangenheit. Habermas nahm die identitätspolitische Debatte auf und machte anstelle der von Nolte, Stürmer und anderen eingeforderten historischen Identität ein Gegenangebot, um die Verankerung der Bundesrepublik im Westen sicherzustellen: „Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus.“

Das konservative Geschichtsbild von Nolte setzte sich letztlich wissenschaftlich nicht durch. Vergangenheitspolitisch etablierte sich auch gerade durch den Historikerstreit die Sichtweise der Singularität der NS-Verbrechen, die auch als Begründung für die deutsche Teilung akzeptiert wurde. Die Versuche Noltes und anderer, die Einheit Deutschlands über die westdeutsche Geschichtsschreibung zu sichern, schlug fehl. Aber diese Fußnote der westdeutschen Geschichte spielte bekanntlich keine Rolle für die Ereignisse 1989/90, da der Eiserne Vorhang nicht von deutschen Historikern, sondern von den Menschen Osteuropas eingerissen wurde.

Intellektuelle Selbstisolierung

Nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes waren es jedoch nicht Nolte und Co., die den Diskurs über die Geschichte bestimmten, da der politische Fokus auf die europäische Einigung ausgelegt war und nicht auf großdeutsche Vergangenheitsphantasien. Daher waren Wissenschaftler wie Wehler und Habermas mit ihren Interpretationen geeigneter, um das neue gesamtdeutsche Selbstverständnis zu beschreiben, der alte konservative Nationalismus eines Ernst Nolte wurde nicht mehr gebraucht.

Der Konservatismus geriet erneut in eine Krise, nur dass diese erst mal nicht öffentlich verhandelt wurde. Die offensichtlichen Verlierer des Kalten Krieges – die Linke – waren diejenigen, die öffentlich abschwören mussten, dabei waren sie viel mehr in der kapitalistischen Modernen verankert als ihre konservative Widersacher. Das abrupte Ende des westdeutschen Selbstgespräches 1989 hinterließ den Konservatismus ohne neue Idee und Ausrichtung. In den 1990ern konnte man noch mit schnödem Antikommunismus Punkte machen, aber darüber hinaus suchen die Konservativen bis heute nach einem neuen Selbstverständnis.

Ernst Nolte – darin sehr vielen Konservativen ähnlich – machte weiter wie gewohnt, gleich so als wolle er nochmal, aber diesmal höchstpersönlich, den Kalten Krieg gewinnen. Dass ein positiver nationaler Diskurs einmal mit der von ihm so bekämpften zentralen Position von Auschwitz in der deutschen Geschichte gemacht werden würde, konnte er sich nicht vorstellen. Sein fast schon störrisches Festhalten an seinem im Kalten Krieg verhafteten Denken isolierte Nolte immer mehr. Er spitzte seine Thesen aus dem Historikerstreit immer weiter zu. 1998 behauptete er, offensichtlich ohne neuere Forschung zur Kenntnis genommen zu haben, dass der Mord an den Juden auch eine Reaktion auf die Tätigkeit der sowjetischen Partisanen gewesen sei. Während die Holocaustforschung durch die neu zugänglichen Akten in Osteuropa sehr viele neue Einsichten in Entstehung und Natur des Verbrechens ermöglichten, ging die Zeit an Nolte vorbei und er politisch weiter nach rechts. Seine letzten Unterstützer finden sich heute in den Zeitungen der Neuen Rechten.

Siehe auch: CDU-Grußwort für neurechtes Institut, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Der Zeitgeist und Helmut Kohls geistig-moralische Wende, “Dem Konservatismus fehlt es an klugen Denkern”Fleischgewordene geistig-moralische WendeHistorikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue ArgumenteKonservatismus – ein ideologischer PhantomschmerzMoin, moin, Konservatismus!Utopien des PrivatenKonservative in der Union: Auf zum letzen Gefecht!

5 thoughts on “Ernst Nolte: Ein deutscher Konservativer

  1. Danke für den interessanten Beitrag. Schade nur, dass die Publikative das Alterswerk Noltes nicht berücksichtigt hat, gibt es doch auch hier eine Menge kritischen Diskussionsbedarf zu seinen Behauptungen.

    Zu Noltes Beitrag für den islamfeindlichen Diskurs, siehe:
    Wolfgang Benz: Die Feinde aus dem Morgenland. 2012. S. 86-89.

    Prof. Benz schreibt dort im Kapitel „Die Verortung des Islam als totalitäres System“, Nolte komme in seinem Buch „Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus“ von 2009 zu dem Schluss, „dass trotz tief greifender Verschiedenheiten der Islamismus mit den beiden totalitären Ideologien Kommunismus und Faschismus grundlegende Gemeinsamkeiten aufweise, …“ (Benz: S. 86).

  2. „Das abrupte Ende des westdeutschen Selbstgespräches 1989 hinterließ den Konservatismus ohne neue Idee und Ausrichtung. In den 1990ern konnte man noch mit schnödem Antikommunismus Punkte machen, aber darüber hinaus suchen die Konservativen bis heute nach einem neuen Selbstverständnis.“

    Das heutige Selbstverständnis der (deutschen) „Konservativen“ äußert sich darin, alles mies zu finden, was nicht ihrer „Denke“ entspricht, „den Linken“ alles „Schlechte“ in der Welt anzudichten und sich in „metapolitische“ Scheindebatten und Selbstgespräche zu flüchten und das alles dann furchbar toll und mutig zu finden.

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