Die Unfähigkeit Antisemitismus zu begreifen

Die „Debatte“ um die Rangliste der „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs 2012“ des Simon Wiesenthal Centers (SWC) zeigt vor allem eines: Die Unfähigkeit der Mehrheit der deutschen Medien, zum Thema Antisemitismus überhaupt inhaltlich zu debattieren.

Ein Kommentar von Andrej Reisin

Das Simon Wiesenthal Center (SWC) habe seine Kritik an Jakob Augstein „relativiert“, meldeten viele deutsche Medien am Mittwoch unter Berufung auf die Deutsche Presseagentur (dpa). Insbesondere Augsteins Hausmedium Spiegel Online fühlte sich bemüßigt, seinen Kolumnisten gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen – und nun seinerseits  das SWC anzugreifen. Doch worin besteht die vermeintliche „Relativierung“ des SWC? Nun, laut dpa sagte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper: „Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten.“ Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab.

Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)
Die Top-Ten-Liste des SWC hat für viel Aufsehen gesorgt (Foto: Screenshot)

Das SWC hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt behauptet, Augstein gehöre zu „den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten“ bzw. „den weltweit größten Antisemiten“ bzw. „den zehn schlimmsten Antisemiten der Welt“ oder zu „den schlimmsten Judenfeinden“. All diese Behauptungen stammen nicht vom SWC, sondern aus der deutschen Presse, die Augstein damit seit einer guten Woche gegen einen Angriff verteidigt, der in dieser Form gar nicht erfolgt ist. Genau dieser Mechanismus zeigt aber umso schöner die Befindlichkeiten eines großen Teils der deutschen Journalisten auf. Denn erst so kommt die Empörung richtig in Gang: Der Vorwurf sei „ungeheuerlich“, da fallen einem doch sofort mindestens zehn „gefährlichere“, „echte“ Judenhasser ein. Mithin: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird mit großer Verve erklärt, Augstein sei „kein Antisemit“ – und schon gar nicht einer der „zehn schlimmsten weltweit“.

Die aktuellen Äußerungen des SWC sind daher auch keinesfalls die „Relativierung“, welche die dpa und angeschlossene deutsche Massenmedien gerne hören möchten, sondern das erneute Hereinfallen des deutschen Mehrheitsjournalismus auf die Dürftigkeit der eigenen Berichterstattung, die das „BILDblog“ und andere bereits zu Recht bemerkten. Man fällt gewissermaßen auf die eigenen Fehler ein zweites Mal herein und proklamiert: „Seht her, jetzt rudert das ‚jüdische Zentrum‘ (Spiegel Online) zurück: Augstein ist gar kein Antisemit.“ Über Inhalte wird dagegen weiterhin nur in Randspalten gesprochen.

Die Vorwürfe sind keineswegs neu – nur haben sie bislang nicht interessiert

Dabei sind Augsteins Tiraden natürlich keinesfalls zuerst vom SWC kritisiert worden, ganz im Gegenteil: Publikative.org hatte bereits mehrfach darauf hingewiesen, wie Augstein – aus unserer Sicht eindeutig – antisemitische Klischees bedient. Von Henryk M. Broder, über die Titanic bis hin zur Konkret gab es auch vor dem SWC bereits kritische Leser, die in Augsteins Kolumnen zu Israel das erblickten, wofür wir sie auch nach wie vor halten: Eine nahezu bilderbuchartige Ansammlung von anti-israelischen und antisemitischen Klischees, über die der Autor dieser Zeilen bereits am Karfreitag 2012 schrieb:

Natürlich nimmt auch Augstein genau wie Grass für sich in Anspruch, kein Feind Israels, kein Judenfeind zu sein. Nun sind bekennende Antisemiten jenseits der Nazis aber leider immer Mangelware. Daher die Gegenfrage: Wenn so viele Komponenten einer antisemitischen Bilderbuch-Wahnwelt zusammen kommen, darf man dann von Antisemitismus reden? Wenn die eigene faktenfreie Welt zur Grundlage für den vermeintlichen Mut wird, für “uns alle” eine scheinbar endgültige Wahrheit auszusprechen?

Was, wenn nicht diese Imagination des Erlösers vom israelischen Übel, diese Paraphrasen von “Wahrheit macht frei” und “Die Juden sind unser Unglück” soll Antisemitismus denn sonst noch sein? Wer sich fragt, warum Henryk M. Broder und andere sich vor Jahren angewidert von der deutschen Linken abwandten und heute nur noch als “Neocons” gelten, der findet in Augsteins Text die Antwort: So lange dieses antisemitische Geschwätz “im Zweifel links” ist – so lange ist diese Linke so weit von einer vernünftigen Politik- und Gesellschaftsanalyse entfernt wie Mahmud Ahmadinedschad von der friedlichen Nutzung der Atomkraft.

Genützt hat es freilich nichts – interessiert hat es auch kaum jemanden. Deswegen kann Jakob Augstein sich auch vor all seinen Freunden und Verteidigern hinstellen und ehrlicherweise überrascht sein. Denn der Stand der medialen Diskussion in deutschen Mainstream-Medien ist – von Ausnahmen abgesehen – zumeist derselbe wie 1968, 1982 oder 1997. Die gängige Formel lautet: Antisemitismus=Neonazis=Holocaust=Massenmord=schlimmstes Verbrechen der deutschen Geschichte. Die zahlreichen Debatten zu Augsteins leiblichen und geistigen Vätern, zu Martin Walser und zu linkem Antisemitismus werden dagegen erfolgreich ignoriert oder verdrängt. Alles unterhalb der Nazi-Messlatte ist schlichtweg kein Antisemitismus, sondern höchstens „Israelkritik“ – und die wird ja wohl gerade noch erlaubt sein. Schließlich schrieb Rudolf Augstein vor mehr als 20 Jahren schon fast dasselbe wie nun sein Sohn:

„Inzwischen nehmen wir die Formel ,Israel-Kritiker = Antizionist = Antisemit’ als unvermeidlich hin. Ich habe längst gelernt, dass einer ein Antisemit ist, der die Politik des Staates Israel kritisiert.“

Keine Antisemiten außer Hitler

Als nun das SWC mit seiner jährlichen Top Ten Schlagzeilen machte, gab es auf einmal den Aufschrei, von dem man eigentlich hätte annehmen sollen, dass ihm – zumindest jetzt endlich – eine Debatte über die gebrandmarkten Zitate folgen würde. Stattdessen jedoch führt man in Deutschland lieber „Debatten“ über „Seinsfragen“, nämlich darüber, ob Augstein nun „Antisemit“ ist – obwohl es eigentlich darum gehen sollte, ob seine Texte antisemitische Klischees bedienen. So weist Nahost-Korrespondent Sebastian Engelbrecht Augstein in seinem Kommentar zwar zahlreiche handwerkliche und sachliche Fehler nach, nur, um im unmittelbar folgenden Absatz festzustellen, Augstein sei „kein Antisemit“, sondern ein „kritischer Denker.“

Warum diese Art kritischen Denkens nichts mehr mit dem gemein hat, was die Frankfurter Schule einst als „Kritische Theorie“ zu etablieren suchte, hat Philip Meinhold in der TAZ in einem satirischen Text auf den Punkt gebracht. Offenbar ist die Satire hierzulande heutzutage der Ort für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Bereits vor Jahren illustrierte die „Titanic“ das Ergebnis der antisemitischen „Wesensfindung“ in deutschen Medien in dem kongenialen Witz: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Statt sich auch nur ein einziges Mal genauer mit Augsteins Zitaten zu befassen, wird das „Argument“, dass es jenseits der Nazis eben keine „echten“ Antisemiten gäbe, zur Verteidigung Augsteins bemüht. So schreibt einer der Lieblingskolumnisten des deutschen Publikums, Harald Martenstein, im „Tagesspiegel„:

„Von Jakob Augsteins Antisemitismus lässt sich sagen, dass er aus Kritik an der Siedlungs- und Besatzungspolitik der israelischen Regierung besteht. […]  Nicht die Neonazis sollen also Deutschlands schlimmste Judenhasser sein – nein, ein Journalist, der gegen Israels Regierung polemisiert. Wenn Jakob Augstein Deutschlands schlimmster Antisemit wäre, dann hieße dies, dass es in Deutschland keinen wirklich gefährlichen Antisemitismus mehr gibt.“

Auf derartig geschichts- und gegenwartsblinden Blödsinn muss man erst einmal kommen: Als hätte die Geschichte antisemitschen Denkens immer nur aus geifernden Stiefelnazis bestanden, denen ihr stets zum Massenmord bereiter Hass praktisch schon anzusehen gewesen wäre. Als hätte es die sattsam belegte Judenfeindschaft von zahlreichen deutschen Geistes- und Kulturgrößen wie Wagner, Treitschke, „Turnvater“ Jahn, Brentano, Klages und wie sie alle hießen, nie gegeben. Als hätten 1817 bei der Gründung der Urburschenschaft auf dem Wartburgfest die anwesenden Studenten nicht „Wehe über die Juden!“ gerufen, als sie unliebsame Schriften jüdischer Autoren ins Feuer warfen.

Antisemitismus mit Todesfolge

Vor allem aber: Als hätten Deutschland und Europa nicht ein Jahr hinter sich, in dem offener Judenhass – auch in gewalttätiger und tödlicher Form – sich nahezu permanent offen artikulierte. Eine kleine Auswahl:

– Am 26. November fordert der Abgeordnete im ungarischen Parlament, Marton Gyongyosi, jüdische Abgeordnete müssten gezählt und registriert werden, um ein Risiko für die Nationale Sicherheit zu vermeiden.

– Am 18 November rufen Demonstranten in Antwerpen: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“

– Am 18. November werden in Barcelona ein Hakenkreuz sowie anti-israelische Parolen auf eine Synagoge gesprüht.

– Am 18. November werden in Lodz 20 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof zerstört.

– Am 9. November wird in Greifswald anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht das örtliche Holocaust-Mahnmal geschändet.

– Am 25. Oktober verbrennen Anhänger der Jobbik-Partei eine israelische Fahne vor der Budapester Hauptsynagoge.

– Am 22. Oktober wird ein 12-jähriger jüdischer Schuljunge in Paris attackiert und mit Gürteln verprügelt.

– Am 9. Oktober wird ein 19-Jähriger beim Verlassen einer Synagoge in Paris mit Schrotkugeln aus einem Luftdruckgewehr am Arm verletzt.

– Am 28. September wird im schwedischen Malmö ein Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der jüdischen Gemeinde verübt, welches bei der Detonation beschädigt wird.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der weltberühmte jüdische Friedhof in Prag geschändet, 26 Grabsteine werden beschädigt.

– Am 26. September (Yom Kippur) wird der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, im Beisein seiner beiden Kinder in Berlin nach dem Besuch einer Synagoge bedroht. Um den Angreifer abzuschrecken, zeigt Kramer ihm seine Schusswaffe. Kramer trägt seit Jahren legal eine Pistole zum eigenen Schutz.

– Am 29. August wird der Berliner Rabbiner Daniel Alter von Jugendlichen zusammengeschlagen, nachdem er die Frage, ob er Jude sei, bejaht hat. Seine sechsjährige Tochter muss alles mit ansehen und wird mit dem Tod bedroht. Der jüdische Geistliche muss stationär im Krankenhaus behandelt werden.

– Am 25. August rufen Anhänger der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft „Drecksjuden“ („mocskos zsidók“) vor dem Heimspiel gegen Israel.

– Am 22. Juli werden in Barcelona ein Davidstern und das Wort „Juden“ auf die Fassaden zweier Banken gesprüht.

– Am 2. Juni werden drei jüdische Jugendliche in Lyon von mehr als zehn mit Hämmern und Holzlatten bewaffneten Angreifern mit dem Schlachtruf „Drecksjuden“ attackiert.

– Am 25. März wird in Budapest das Hauptdenkmal für die Ermordung der ungarischen Juden während des Holocausts mit antisemitischen Schmierereien verunstaltet. Die Juden werden zum Verlassen des Landes aufgefordert. Nur wenige Tage zuvor war eine Statur von Raoul Wallenberg mit Schweinsfüßen geschändet worden.

– Am 19. März werden der Rabbiner Jonathan Sandler, 30, sowie seine beiden Kinder Aryeh, 6, und Gabriel, 3, von einem antisemitischen Attentäter in Toulouse auf offener Straße ermordet. Der Täter schießt anschließend innerhalb einer jüdischen Schule um sich und ermordet die achtjährige Miriam Monsonego. Zuvor hatte er bereits drei französische Soldaten ermordet. Sein Motiv nach eigenen Angaben bei einem Anruf bei einem französischen Nachrichtensender: „Rache für Gaza“.
[…]

Von den spektakulären Einzelfällen abgesehen ist all dies in seiner Gesamtheit kaum mehr als eine Randnotiz für deutsche Medien. Mit Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus beschäftigen sich sich in aller Regel maximal im Feuilleton – und auch dies eher sporadisch und zumeist in historischer Perspektive. Aber sicherlich haben Harald Marteinstein, Jan Fleischhauer, Christian Bommarius, Frank Drieschner, Nils Minkmar, Klaus Holz und all die anderen medialen Verteidiger Augsteins trotzdem recht: Mit „Israelkritik“ haben die genannten Besipiele antisemitischer Gewalt bestimmt nichts zu tun, denn es kann ja wie gesagt nicht sein, was nicht sein darf. Seine „grenzwertige Israelkritik“ wird man sich nicht kaputtmachen lassen, egal, wie viele Judenmörder noch ein „Rache für Gaza“ auf den Lippen führen. Sonst müsste man am Ende noch anfangen, sich „kritisch“ (sic!) mit eigenen Positionen zu beschäftigen. Wo kämen wir da hin?

Eine ernsthafte Debatte über die Begrifflichkeiten und Strömungen des modernen Antisemitismus, sowie eine Auseinandersetzung mit seiner brandaktuellen Gewaltätigkeit ist deshalb in naher Zukunft nicht zu erwarten. Denn die Verwobenheit dieses mörderischen Potenzials mit dem, was man hieruzulande gerne „Israelkritik“ nennt, ist der wahre blinde Fleck der deutschen Debatte. Man gibt sich lieber weiterhin feierlich-bekümmert, wenn der 27. Januar ansteht, und zeigt sich aufrichtig betroffen in seiner Trauer um all die toten Juden. Wie gut, dass wir diesen barbarischen Antisemitsmus historisch überwunden haben. Und gerade wegen dieser „historischen Verantwortung“ darf Auschwitz sich nicht im „Lager Gaza“ (Augstein) wiederholen. Die Lebenserwartung dort liegt übrigens bei 74.16 Jahren – aber das ist sicher israelisch-amerikanische Propaganda.

Siehe auch: Was hat Augstein eigentlich geschrieben?Antisemiten, das sind die anderenAugsteins Israelkritik: Eine Frage der ObsessionDie Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”,(Israelische) Soldaten sind Mörder!Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-FrageMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Wahn und WirklichkeitIm Zweifel gegen Israel

40 Kommentare zu „Die Unfähigkeit Antisemitismus zu begreifen

  1. Ich finde es sehr bedauerlich, dass mit dem Kopf durch die Wand euren Antisemitismusfetisch durchprügeln wollt (entschuldigt die Wortwahl, aber es hat mitlerweile wirklich etwas fetischhaftes).
    Auch die jüdische Gemeinde teilt die Einschätzung des SWC nicht. Michael Wolfsohn attestiert „die ganze Sache wird aufgebauscht dadurch, dass die deutsche Publizistik sich dieses amerikanischen Unsinns auch angenommen hat. Man schätzt das Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles viel zu hoch ein. Es ist eines von zig jüdischen Organisationen – es gibt erfreulicherweise wesentlich intelligentere als das Wiesenthal Center. Das Wiesenthal Center profitiert nur von seinem Namen und ich weiß, weil ich in seinen letzten Lebensjahren einen engen Kontakt auch zu Simon Wiesenthal hatte, dass er oft sehr unglücklich war über die Äußerungen und Veröffentlichungen des Wiesenthal Centers.“

    Aber ihr rennt unbeirrt herum und macht immer unsinnigere Argumentationen auf, um nachzuweisen, wie schlimm das mit dem Antisemitismus „in Wahrheit“ ist, und dass das SWC doch recht hat. hat es aber nicht.

    Niemand hat behauptet, es gebe keinen Antisemitismus. Da braucht es keine Aufzählung von Fällen der letzen Monate, um zu belegen, dass es ihn doch gibt. Aber dass die deutschen Medien nicht darüber berichten, dass in Antwerpen auf einer Demonstration eine antisemitische Parole gerufen wurde oder dass in Paris ein jüdischer Schuljunge verprügelt wurde, ist ja wohl kaum ein Skandal, oder meint ihr ernsthaft, das wäre der deutschen Medienlandschaft vorwerfbar und „spreche für sich“ (oder so).

    Wenn ich übrigens eine Liste herausgebe, in der ich antisemitische Schmähungen und antiisraelische Schmähungen in einen Topf werfe, dann jemanden mit Porträt dort abdrucke und ein Zitat hinzufüge, nach welchem diese Person ein lupenreiner Antisemit sei, dann mache ich mich bestenfalls lächerlich, wenn ich nachträglich behaupte, ich hätte nie gesagt, das der betroffene ein Antisemit sei. Das ist wirklich so unter allem Niveau lächerlich, dass ich nicht weiß, warum ihr euch dazu hinreißen lasst, diesen Quatsch mitzumachen.

    Ich möchte wirklich im Strahl kotzen, wenn ich bedenke, was dem Begriff Antisemitismus derzeit angetan wird.
    Wenn ich gleichzeitig bedenke, wie fein abgewogen und detailliiert ausformuliert ihr die Kritik an Israel gerne hättet, um sie nicht der unzulässigen Verallgemeinerung oder Übertreibung zu zeihen, dann passt die Maßlosigkeit, mit der ihr den Antisemitismusvorwurf austeilt in keiner Weise dazu. Hört bitte auf, ihr macht derzeit alles kaputt, was an halbwegs sinnvoller und aufklärerischer Analyse zum Thema Antisemitismus noch vorhanden war.

    Anm.d.Red.:
    Genau, denn was wir wollen, ist ja nichts weniger, als dass man nicht einfach behauptet, die Regierung Netanjahu führe den „Rest der Welt am Gängelband“, weil der Präsident der USA ja Rücksicht auf „die jüdische Lobby“ nehmen muss, bzw. Gaza ein „Lager“ sei, in dem Israel täglich neue Feinde „ausbrütet“, etc.pp. Bzw.: Natürlich kann man im Rahmen des gesetzlich Erlaubten behaupten, was man will, aber Sie müssen schon entschuldigen, dass wir das, was wir für „sinnvolle und aufklärerische Analyse zum Thema Antisemitismus“ halten, nicht umstandslos dem anti-zionistischen Teil der deutschen Linken, Harald Martenstein oder Ihnen überlassen.
    Mit herzlichen Grüßen
    Die Redaktion

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  2. Mit der Übersetzung von “Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs” hat publikative.org aber teilweise auch Probleme:
    „Das Simon Wiesenthal Center zählte Dierkes in 2011 übrigens zu den “zehn wichtigsten Antisemiten der Welt”.
    http://www.publikative.org/2012/12/17/verbrechen-im-namen-des-holocaust-und-der-linken/

    Anm.d.Red.: Sie haben Recht. Auch wir sind nicht fehlerfrei. Aber wir korrigieren gerne.
    MfG
    Die Redaktion

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  3. Ganz gleich, ob der Song oder der Sänger gemeint ist, Hitparaden sind keine nützlichen Hilfen bei politischer Auseinandersetzung, und in diesem Fall hat die Liste ausschließlich denunziatorischen Charakter.

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  4. Herzliche Grüße zurück, liebe Redaktion.

    Es ist bedauerlich, aber offenbar euer Ernst, dass die von euch zitierten Worte antisemitisch sind (oder deren Autor, oder wie auch immer). Zum Heulen, ich bleibe dabei.

    Und mit dem Bewusstsein, dass Zuckermann zu zitieren sicher auch irgendwie ein Beweis für irgendeinen „ismus“ ist, will ich gerne noch sagen:
    „Das, was man sich mit der Einstufung von Jakob Augstein als einen Antisemiten geleistet hat, ist dermaßen idiotisch, dass man darüber eigentlich nur noch – freilich angewidert – lachen kann. Es hat aber sein Gutes, was geschehen ist. Es wurde höchste Zeit, dass das miese Unwesen, das diverse Diffamierer im deutschen Diskurs mit dem Antisemitismus-Vorwurf betreiben, endlich als das vorgeführt wird, was es ist: als perfide ideologische Praxis zur Abfertigung und Zurichtung politischer Feinde.“

    Ich unterstelle euch eigentlich keine böse Absicht und habe ehrliche Achtung vor eurer Arbeit, aber ihr spielt genau dieses Spiel, das Zuckermann beschreibt.
    Je rechter, religiöser, rassistischer und aggressiver die israelische Politik ist, desto mehr Menschen müssen sich den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen, wenn sie sie kritisieren.

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    1. @Max:
      Vielleicht tun Sie sich und uns wenigstens den Gefallen und lesen mal ein paar der verlinkten Texte, die unsere Auffassung teilen. Zum humoristischen Einstieg vielleicht den aus der TAZ (Der ewige Israeli). Sie beherrschen nämlich einige der dort empfohlenen Taktiken ganz wunderbar, vor allem folgende:
      1. Der Kronzeuge
      Zitieren Sie einen israelkritischen Juden, denn wer einen Juden zitiert – das liegt in der Natur der Sache –, der kann die Juden nicht hassen. Bedienen Sie sich dabei der Einfachheit halber aus dem übersichtlichen Pool „kritischer Juden“, die auch von anderen israelkritischen Texten immer wieder gern zitiert werden.“

      Es ist wirklich sinnlos, auf dieser Ebene weiter zu „diskutieren“, da es Ihnen ja ohnehin nicht darum zu gehen scheint, den Nachweis anzutreten, „Gängelband“ et.al. bedienten keine antisemitischen Klischees. Sondern Sie wollen sich schlechterdings auch bloß einreihen in den Kanon der „ungeheurlich“-Rufer. Nun gut, das bleibt Ihnen unbenommen, aber worüber sollte wir dann diskutieren? Der ganze Artikel kritisiert ja nun gerade genau diese Haltung.

      Und zu Ihren „Kronzeugen“: Ich kenne dutzende Menschen, Juden und Nicht-Juden, die Augsteins Einlassungen für antisemitisch halten, ein paar davon sind im Artikel verlinkt. Und nun? Soll ich Ihnen vom Rest die Telefonnummern geben? Und: Was brächte das?

      Wenn Sie glauben, mediale „IsraelkritiK“ in der von uns kritiserten Form könne per se niemals nichts damit zu tun haben, wenn junge Männer in Berlin, die nie in ihrem Leben im Gaza-Streifen waren, mit exakt solchen Phrasen auf den Lippen anfangen, Juden verbal und körperlich angreifen, dann glauben sie das eben. Wir sind anderer Meinung.

      Mit herzlichen Grüßen
      Die Redaktion (Andrej Reisin)

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  5. Hallo,

    die folgende Aussage scheint mir falsch zu sein:

    „Das SWC hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt behauptet, Augstein gehöre zu “den zehn derzeit wichtigsten Antisemiten” bzw. “den weltweit größten Antisemiten” bzw. “den zehn schlimmsten Antisemiten der Welt” oder zu “den schlimmsten Judenfeinden”. All diese Behauptungen stammen nicht vom SWC, sondern aus der deutschen Presse,[…]“

    Für eine detaillierte Begründung verweise ich auf den Artikel „Von Semantik und Antisemantik“, der sich jedoch auf eine ähnliche Aussage von Bildblog bezieht:

    http://hogymag.wordpress.com/2013/01/09/von-semantik-und-antisemantik/

    Die folgende Aussage scheint mir auch falsch zu sein:

    „Die aktuellen Äußerungen des SWC sind daher auch keinesfalls die “Relativierung”, welche die dpa und angeschlossene deutsche Massenmedien gerne hören möchten, sondern das erneute Hereinfallen des deutschen Mehrheitsjournalismus auf die Dürftigkeit der eigenen Berichterstattung, die das “BILDblog” und andere bereits zu Recht bemerkten.“

    Argumente findet man im Artikel „Widersprüchliches von Abraham Cooper (SWC)“:

    http://hogymag.wordpress.com/2013/01/09/widerspruchliches-von-abraham-cooper-swc-zu-augstein/

    Gemäß der Argumentation von „the Hobo and the Gypsy“ kann man der Berichterstattung zumindest nicht die Fehler vorwerfen, die Bildblog und auch publicative.org ankreiden.

    Beste Grüße

    aloo masala

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  6. Hier gibt es eine ganze Menge zu kritisieren! Einige Punkte:

    1. Was ist denn daran ein „Angriff“, wenn der Auslandsressort-Chef vom Spiegel versucht ein Gespreäch zwischen Augstein und Cooper vom SWC zu arrangieren, letzterer aber solange – teils fast unsinnige – Bedingungen (in etwa: er wolle auf keinen Fall auch nur dieselbe Luft wie Augstein atmen) stellt, bis schließlich Redaktionsschluss für das Heft ist?

    2. Den Rechtspopulisten und Islamfeind Hendryk Broder zum „kritischen Leser“ zu machen ist echt krasse Realitätsverleugnung!

    3. Die Vermischung von Anitsemitismus und Kritik an der Politik Israels kommt ja wohl zu allererst vom SWC, denn diese Leute bringen eine gemeinsame Liste heraus ohne genau zu sagen, wessen sich Augstein schuldig gemacht haben soll. Nebenher zitiert das SWC Hendryk Broders Diffamierung, Augstein wäre der neue Julius Streicher (!) und hätte ganz sicher bei der Gestapo (!) gearbeitet, wäre es früher geboren (kluge Sache von Broder das, denn sowas kann niemand beweisen oder widerlegen). Na wenn das mal nicht hirnlose Nazivergleiche sind, was denn bitteschön dann?

    4. Hups! Mit der Auflistung neonazistischer u.a. Gewalttaten macht der Autor dann auch noch minutiös weiter damit Augstein und gewalttätige Judenhasser in einen Topf zu werfen, das ist ja eine sehr differenzierte und konstruktive Auseinandersetzung mit Augsteins Kolumnen, Hut ab und Ironie aus!

    Also echt, ich lese gerne und oft die Publikative, dieser Artikel wie (wie leider auch die anderen zum Thema) völlig daneben. Sorry, hier seid ihr echt hart auf der falschen Fährte.

    Das SWC hat sich mit dieser Liste enorm blamiert, Broder und die Publikative – bei letzterer bedaure ich das ausdrücklich – genauso.

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  7. @ Publikative (Andrej Reisin):
    „Ich kenne dutzende Menschen, Juden und Nicht-Juden, die Augsteins Einlassungen für antisemitisch halten, ein paar davon sind im Artikel verlinkt. Und nun? “

    Ja wie und nun? Was soll das jetzt bedeuten? Ist Augstein denn jetzt Antisemit (dann hat das SWC mit den neuesten Aussagen „relativiert“) oder ist er es nicht? Wer soll das noch verstehen?

    Das ist doch großer Käse hier: Schreibt die Publikative selbst von Dierkes als auf der Liste der „wichtigsten Antisemiten“ und fantasiert sich dann einen „Mechanismus“ der „umso schöner die Befindlichkeiten eines großen Teils der deutschen Journalisten“ aufzeige, wenn andere den feinen (wnn überhaupt vorhandenen) Unterschied nicht hinbekommen.
    Wie war das nochmal mit den drei D’s: Doppelmoral…

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  8. Ich habe das Interview mit Moshe Zuckermann, auf das max verweist, auch gelesen.

    Ich frrge mich auch manchmal, wenn alle möglichen Thesen formal als antisemitisch dechiffriert werden können, was in vielen Fällen durchaus auch der Fall sein mag, was ist dann mit Israelis oder jüdischen Menschen weltweit, die solche Thesen vertreten? In der Haaretz bspw. wird regelmäßig zum Thema „Apartheid“ geschrieben, durchaus kontrovers, auch viele jüdischee Intelektuelle bezeichnen Gaza als „Gefängnis“.

    Diese Frage stelle ich mal abseits der Augstein-Debatte, aber ist es nicht auch irgendwie etwas krude, wenn deutsche Nichtjuden israelischen Juden Antisemitismus attestieren, weil sie deren Aussagen, in einem anderen Kontext, Antisemitismus attestieren? Oder ist ein Israeli der bspw. Gaza als Gefängnis bezeichnet oder das Besatzungsregime als Form, von Apartheid, kein Antisemit, wenn es ein chrstlicher Franzose oder atheistischer Spanier sagt, ist es dann aber antisemitisch?

    Ich tue mich eben nur mit so statischen Methoden schwer, die davon ausgehen dass wenn faktor X zu faktor Y ins Spiel kommt, kann das Ergenis ja nur Z sein.

    Ich hoffe es kam einigermaßen rüber, auf was ich hinauswollte 😉

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  9. Menschen wie Max erkennen einen Scheißhaufen selbst dann nicht, wenn sie mit der Nase drinstecken. Stattdessen behaupten sie schlicht, es handele sich dabei um einen -zugegeben nicht ganz so gelungenen- Kuchen.
    So jemandem wird man nichts, aber auch gar nichts erklären können, denn wie sagte Freud schon so schön: „Den wahn natürlich niemals erkennt, wer ihn selbst noch teilt.“

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  10. “ All diese Behauptungen stammen nicht vom SWC, sondern aus der deutschen Presse, die Augstein damit seit einer guten Woche gegen einen Angriff verteidigt, der in dieser Form gar nicht erfolgt ist. “

    Ja ne, is klar.

    Broder, der „Kronzeuge“ (vgl. Kommentar von Publikative an Max) des Simon-Wiesenthal-Zentrums behauptet ja auch gar nicht, dass Augstein publizisttisch einen neuen Holocaust vorbereite.

    Ich verstehe wirklich nicht, wie Ihr dazu kommt, solche Sachen zu schreiben und dabei nicht einen Hauch von Zweifel an der Seriosität des achso „kritischen Leser“ Henryk Broder aufkommen zu lassen.

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  11. Kann man sich in der ganzen Diskussion vielleicht mal darauf einigen, dass es einen Unterschied um Ganze macht, ob man als Diskutant selbst potenziell Betroffener antisemitischer Vernichtungsfantasien ist oder auch nicht?

    Broder wäre es, Butler auch, Zuckermann meines Wissens auch, in Israel lebende Juden eh, Augstein aber niemals. Deshalb haben Äußerungen Broders zu diesem Thema auch ein gänzlich anderes Gewicht, als wenn er sich nur halbherzig von PI distanziert. Das wird man auch mit „Rechtspopulist“’nicht los. Und deshalb ist diese vermeintlich „kritischen Journalismus“ betreibende Masche Augsteins auch so ärgerlich. Dem wäre mal ein Lehrgang in Diskriminierungserfahrung anzuraten. Ist schon lächerlich, dass der sich mit „links“ labelt.

    Ich habe mich ja oft genug über Publikative geärgert, aber hier liegen sie einfach richtig, und das ist analog zu Rassismus- und Homophobie-Diskussionen: Es wird alles dafür getan, möglichst gar nicht über Antisemitismus reden zu können – also darüber, was das meint und wie und warum das funktioniert. Wozu übrigens auch ein Blick in die Geschichte des Christentums gehört, was dem Papst-Fan Augstein auch unter die Nase gerieben gehört. Nun haben zwar gerade die „Antideutschen“, deren Einfluss man hier manchmal spürt, auch ihren Teil zur Verunmöglichung des Redens über Antisemitismus beigetragen, weil deren Argumente ja die Vernichtungsdrohung Juden gegenüber auch verzerren und teils unsinnig verallgemeinern, dennoch ist diese ganze Diskussion ein gewaltiges Derailing, das ausschließlich über das Selbstverständnis weißer, nicht-jüdischer zumeist Männer etwas aussagt. Und alleine, dass Juden im Grunde genommen an irgendeindeinem Punkt nur noch instrumentell Erwähnung finden, zeigt doch deren antisemitischen Kern.

    Es kann auch gar nicht gehen, dass jemand wie ich, noch Sohn eines Pimpfes, über das Thema reden kann, ohne dass meine Position nicht etwa zu Israel, sondern zur deutschen Geschichte und Gegenwart dadurch erhellt wird. Ich verstehe diesen Mangel an Demut in der Debatte nicht. Das geht gar nicht, da auszuklammern, wenn man unweit von Bergen-Belsen aufgewachsen ist.

    Deshalb empfiehlt es sich, lieber Butler und Broder und dem Zentralrat der Juden zu lauschen, auch da, wo sie Gegenteiliges äußern, anstatt große Reden zu schwingen, und ansonsten die prinzipielle Möglichkeit jüdischen Lebens überall, ob hegemonial in Israel oder ansonsten in der Diaspora, solidarisch und emphatisch und vehement zu verteidigen. In Berlin, Ungarn oder Russland, in Teheran und in Tel Aviv. Dann kommt man vielleicht raus aus diesen Selbstbespiegelungen und kann thematisieren, welche Muster und Figuren es sind, die das anders sehen.

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  12. @ momorulez:
    „Kann man sich in der ganzen Diskussion vielleicht mal darauf einigen, dass es einen Unterschied um Ganze macht, ob man als Diskutant selbst potenziell Betroffener antisemitischer Vernichtungsfantasien ist oder auch nicht?
    Broder wäre es, Butler auch, Zuckermann meines Wissens auch, in Israel lebende Juden eh, Augstein aber niemals. Deshalb haben Äußerungen Broders zu diesem Thema auch ein gänzlich anderes Gewicht, als wenn er sich nur halbherzig von PI distanziert.

    Deshalb empfiehlt es sich, lieber Butler und Broder und dem Zentralrat der Juden zu lauschen, auch da, wo sie Gegenteiliges äußern“

    Was soll das denn für ein Argument sein? Broder, Butler, Zuckermann und den Zentralrat haben also das Recht über Antisemitismus zu sprechen, weil sie als „Juden“ (Moment mal: wer schreibt hier wem welches Etikett zu?) potentiell Betroffene sind – alle anderen sollen Ihrer Ansicht nach lieber die Klappe halten.
    Mal ehrlich: Das ist blanker Unfug. Sie weisen doch selbst darauf hin, dass die von Ihnen genannten Personen/Institutionen unterschiedliche Meinungen haben, wieso sollte man diese Meinungen nicht bewerten dürfen, auch wenn man zufällig nicht dem jüdischen Glauben anhängt?

    Broder ist nunmal keine seriöse Quelle. Der Mann spielt seit Jahren die Karte der Islamfeindlichkeit um selbst Erfolg zu erreichen. Den Populisten („Streicher“, „Gestapo“ „nächster LHolocaust“, …)kritiklos zur Referenz zu machen (wie es das SWC und die Publikative tut) ist gesellschaftlich absolut fahrlässig, da hier einem Menschenfeind Reputation verliehen wird.

    Ich würde mich ehrlich darüber freuen, wenn sich die Redaktion der Publikative einen Ruck gäbe und sich von Broder distanzierte.

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  13. Darf es nicht sein, dass Menschen verschiedene Auffassung über eine höchst aggressive Militärpolitik, die deutsche Unterstützung dafür, über die Siedlungspolitik, über eine in Teilen extrem-religiöse und rechtsextreme Regierung haben. In Israel gibt es viele die das so sehen, an diesem Verweis ist auch nicht zu kontextualisieren.

    Es wäre OK gewesen, Augstein Teile der Wortwahl vorzuwerfen, gerne auch heftig, spätestens danach hätte jedoch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kritik an der israelischen Regierung stattfinden müssen, dem eigentlichen Kern, es hätte Stellung bezogen werden müssen, zur Regierung, zu Netanjahu, Lieberman, Landver, Atias, …, zur Siedlerpolitik, die Zustände in den Palästinensergebieten usw. Man kann dann gern auf die nicht minder aggressive andere Seite zu Sprechen kommen. Ohne inhaltliche Auseinandersetzung wird man dem eigentlichen Thema der Israelkritik und noch nicht einmal Augstein gerecht.

    Stattdessen führt sich die Bezugnahme der Bezugnahme der Bezugnahme weiter fort. Als hätte uns KONTEXT schon alles vorgegeben. So kommt es selbst in Magazinen, Blogs und anderen Meinungsäußerungen, die sich noch halbwegs im linken Spektrum verorten, zu einen unglaublichen Arroganz „es macht keinen Sinn, die verstehen es einfach nicht“ und weitere beleidigende Entgleisungen, dieser Kanon zieht sich schon länger durch diese Diskussion, habe es so oder in adornoisierter Form schon oft lesen müssen.

    Und bitte, jedes Broder-Argument verkehrt sich leider in sein Gegenteil, wir sind hier nicht bei der Welt-Online und nicht im Sarrazi-Lager. Zu einem Antisemitismusvorwurf, mit dem ich mich auseinandersetze, passt einfach keine sozialdarwinistischer Hetzer wie Broder, hat den einer Mal über verschiedene politische Themen reden hören?

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  14. Lieber Herr Reisin,

    im Gegensatz zu Ihrer Annahme habe ich die von mir Zitierten nicht zitiert, weil sie Juden sind, sondern weil sie sich zum Thema geäußert haben und zu diesem Thema/Themenkomplex auch schon vorher Stellung bezogen haben. Letzteres hat sicher auch damit zu tun, dass es sich dabei um Juden handelt. Dabei vertreten die von mir Zitierten durchaus sehr unterschiedliche Einschätzungen, sowohl hinsichtlich dessen, was man als Antisemitismus ansehen sollte, als auch hinsichtlich ihrer Positionen zu Israel (was hier unweigerlich eine Rolle spielt, da der Antisemitismus ja in Äußerungen Augsteins zu Israel gefunden wurde).
    Ich für meinen Teil fand es eben aufschlussreich, dass die Zitierten alle keine Lust hatten, dem SWC in seinem Vorwurf zu folgen. Ich finde es ebenso aufschlussreich, dass Sie es weiterhin tun.

    Im Übrigen ist es ein reichtlich alter Hut, dass jedes Argument, das zur Verteidigung gegen den Vorwurf des Antisemitismus gebracht werden könnte, quasi im Umkehrschluss als Bestätigung des Vorwurfs interpretiert wird.

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    1. @Max:

      Letzter Versuch: Versuchen Sie bitte einmal, konkret anhand der Zitate zu sagen, warum Sie bestimmte Einseitigkeiten, Wendungen und an Verschwörung grenzende Unterstellungen aus AUgsteins Texten nicht für antisemitisch halten, bzw. warum diese aus Ihrer Sicht niemals nicht für antisemitisch gehalten werdenb können dürfen. Los geht’s:

      „jüdische Lobbygruppen“, „Gängelband“, „die Brandstifter sitzen anderswo“, „Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.“, „Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“, „Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager.“, „Die israelische Politik hat Angst vor der Zukunft und außer Gewalt kennt sie kaum eine Antwort.“, „Israel bekommt das, was es will. Und dafür muss Israel nicht einmal zahlen.“, „wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“, „Pech für die Schlecker-Frauen: Mit Putzmitteln und Körperpflegeprodukten lässt sich kein Krieg führen. Würde der Staat Israel für die Durchsetzung seiner machtpolitischen Interessen auf Zahnpastatuben setzen und nicht auf Atomraketen, die berufliche Zukunft von rund 13.000 Drogistinnen wäre sicher.“

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  15. @Lotta Fee

    Die Definition von Antisemitismus bezieht sich auf die Aussagen die eine Person macht, nicht auf die Person. Heißt jeder Mensch kann Antisemitische Äußerungen machen. Also Schwarze können auch Rassistisch sein, und Frauen auch sexistisch, warum auch nicht?

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  16. Hallo Andrej Reisin,

    sowohl die Jüdische Allgemeine als auch der Direktor des SWC sprechen von einer „Liste der schlimmsten Antisemiten“. Die offizielle Ankündigung des SWC spricht von Antisemiten, die den Weltfrieden gefährden.

    Aus diesem Grund sind die jüngsten Äußerungen des Rabbi Abraham Cooper in der Tat Relativierungen, weil sie im Widerspruch zu der offiziellen Linie des SWC stehen.

    Ihre Anschuldigungen an die deutsche Presse sind somit unhaltbar.

    Gruß

    aloo masala

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  17. @max: besten Dank, ich sehe es genauso, schön, dass es einer sagt. Auch, wenn es nichts nützt, weil das Maß der Verblendung hier und anderswo schon derart groß ist, dass wenig Hoffnung bleibt.

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  18. Lieber Herr Reisin,

    weil ich den Eindruck habe, dass Sie das ernst meinen, und weil ich die Publikative ernst nehme, lasse ich mich auf dieses Spiel ein, auch wenn ich befürchte, dass wir uns nicht einig werden. Der Text könnte etwas längern werden.

    Vorausgeschickt: Ich finde es grundsätzlich eine falsche Vorgehensweise, wenn sich der mit dem Antisemitismus-Vorwurf Angegriffene, oder wie jetzt gerade, derjenige, der ihn verteidigt erklären muss, warum in den angegriffenen Äußerungen gerade kein Antisemitismus vorliegen soll. Die Zitate sind nicht so eindeutig, dass sie bis zum Beweis des Gegenteils einen Antisemitismusvorwurf rechtfertigen und wie gesagt, es folgen ja auch nicht viele Personen, Organisationen oder Publikationen diesem Vorwurf.

    Dann sollte man auch noch anerkennen, dass die Zitierung von Textfragmenten oder einzelnen Wörtern kaum einen Schluss auf Aussage und Intention des Autors zulässt.

    Aus ihren Zitaten nehme ich folgendes an den Anfang, weil ich beim besten Willen keinen Antisemitismus darin erkennen kann, nicht mal bei halbwegs bösem Willen.

    “Die israelische Politik hat Angst vor der Zukunft und außer Gewalt kennt sie kaum eine Antwort.”
    Ich kann den Antisemitismus in dieser knappen Einschätzung nicht finden. Ist antisemitisch, wer Israel unterstellt Angst vor der Zukunft zu haben? Oder ist derjenige antisemitisch der Israel eine Sprachlosigkeit unterstellt, die zur Gewalt als zentralem Mittel der eigenen Interessensdurchsetzung führt?
    Ich finde beides abwegig. Man kann zu anderen Einschätzungen der israelischen Politik kommen als Augstein, aber das muss man nicht. Rechte haben seit jeher Gewalt als eines ihrer Lieblingsmittel genutzt und die israelische Regierung besteht aus Rechten, sehr Rechten.
    Ich habe eher den Eindruck, dass an diesem Zitat schon deutlich wird, was für die Interpretation aller anderen Zitate mehr oder weniger auch gelten dürfte: Es handelt sich um unterschiedliche Einschätzungen der israelischen Politik. Da es aber ewig unterschiedliche Einschätzungen geben wird, wie bei jeder politischen Bewertung, ist es notwendig, diese unterschiedlichen Bewertungen auszuhalten. Ich habe in diesen Debatten stets den Verdacht, dass aus Sicht bestimmter Leute (ja, auch der Publikative) bereits die falsche, weil (zu) kritische Sicht auf Israels Politik den Antisemitismusvorwurf rechtfertigt, bis zum Beweis des Gegenteils. Sollte ich mit dieser Annahme richtig liegen, brauchen wir tatsächlich nicht mehr kommunizieren, denn das halte ich für Unfug.

    “wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.”
    Gilt hier ebenso. Ich bin mir bewusst, dass man mit bösem Willen hier eine jüdische Weltverschwörung reinlesen kann, kann das aber meinerseits nicht nachvollziehen. Die deutsche Politik hat seit jeher bekräftigt, dass sie die 2-Staatenlösung für richtig hält. Sie hat aber noch nie in Erwägung gezogen, gegen den israelischen Dauerverstoß gegen das Völkerrecht (ich beziehe mich hier auf das eindeutige Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofs), der jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert dauert, irgendetwas Faktisches zu tun. Stattdessen werden große Rabatte auf U-Boote eingeräumt und etwas vom Beistand „in der Stunde der Bewährung“ erzählt (was ich bei einem Staat, dessen Regierung zu Angriffskriegen durchaus bereit ist und ständig vom Angriff auf den Iran spricht, für eine durchaus unglückliche Formulierung halte).
    Augsteins Formulierung ist sicher pauchal, aber die Aussage „Deutschland tut nichts, das israelischen Interessen zuwiderlaufen könnte“, ist legitim und im Wesentlichen zutreffend. (Dass auch die israelische Regierung diese Erwartungshaltung hat war bei der letzten UN-Abstimmung gut zu sehen, als Israel schon fast entgeistert über die deutsche Enthaltung war, wobei es wirklich nichts gibt, was gegen die Aufwertung der Palästinenser sprach, außer den isralischen Interessen und Deuschland von einer Zustimmung ja auch noch weit entfernt war)

    “Gängelband” (Netanjahu führt die Welt am … oder?
    Hier gilt das selbe . Das Wort ist vielleicht nicht das diplomatischste, aber das muss man auch nicht wählen, um dem Vorwurf des Antisemitismus entgehen zu können.
    Im Übrigen ist es ziemliche einzigartig, wie Israel seit Jahrzehnten gegen den Willen des Großteils der Staaten der Welt und vor allem gegen internationales Recht seine Besatzungs- und Siedlungspolitik aufrechterhalten und sogar verstärken kann. Es macht den Eindruck, als hätte die Welt dem nichts entgegenzusetzen und Israel verhält sich entsprechend gegenüber der internationalen Gemeinschaft. „Gängelband“ kann ich hier wirklich nicht als Hinweis auf eine jüdische Weltverschwörung oder etwas ähnlich Antisemitisches sehen.

    “jüdische Lobbygruppen”
    Der Fehler hier war wohl, dass Augstein eigentlich israelische Lobbygruppen, insbesondere AIPAC meinte. Die gibt es. Der Verweis auf deren Existenz ist kein Antisemitismus. Einen Hinweis auf die Behauptung einer angeblichen jüdischen Verschwörung vermag ich auch hier nicht zu erkennen.

    “die Brandstifter sitzen anderswo”
    Keine Ahnung, wie hier der Kontext lautete. Falls die israelische Regierung gemeint sein solte, so kann der Vorwurf des Brandstiftertums berechtigt oder unberechtigt sein, aber ich sehe den Antisemitismus nicht.

    “Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.”
    Polemisch würde ich sagen, dass Augstein damit schon mal die Republikaner und die israelische Regierung positiv abgegrenzt hat von allen Wahnsinnigen und Skrupellosen, was ich so pauschal nicht tun würde.
    Worin der Vorwurf liegt, wenn festgestellt wird, dass Gewalt auch denjenigen in die Hände spielt, die selbst gerne dazu greifen (Rechte, wie bereits gesagt, von denen die Republikaner und die israelische Regierung reichlich haben), erschließt sich mir nicht. Oder sehen Sie hier auch wieder den Hinweis auf eine Verschwörung?
    Ich empfinde es übrigens als großen Unterschied, ob man „den Juden“ oder der Regierung eines Landes, sei es auch Israel, heimliche Umtriebe unterstellt. Im Gegensatz zu „den Juden“ sind Regierungen Organisationen mit Geheimdiensten, die sie gerne nutzen. Wer jeglichen Verweis auf den Mossad oder die CIA als Äußerung eines Verschwörungsspinners abtut, der macht es sich zu leicht. Wer daraus dann auch noch Antisemitismus herleitet, den will ich nicht mehr zu verstehen versuchen.

    “Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.”
    Ich halte diesen Hinweis nur bedingt für zutreffend, da Augstein sich hier über orthodoxe Juden äußert, die wirklichen gewalttätigen und bewaffneten jüdischen Extremisten aber in den Siedlungen leben und in der Regel keine Orthodoxen sind. Nichtsdestotrotz ist es doch bitte kein Antisemitismus, wenn ich verschiedene religöse Extremisten vergleiche und zu dem Ergebnis komme, dass sie sich in der Grundtendenz gleichen. Dass sich radikale Juden noch keine Sprengstoffgürtel umgeschnallt haben, wie manche aufgeregte Kommentatoren dieses Zitats zutreffend bemerkt haben, ist erfreulich, macht aber das Zitat nicht zum Antisemitismus, denn das hat Augstein auch nicht behauptet. Die Äußerung Augsteins ist holzschnittartig, aber wenn sie über radikale Evangelikale in den USA getroffen worden wäre, wäre kein Aufschrei erfolgt, nur weil diese sich nicht im Namen Gottes in die Luft sprengen. Das tun übrigens auch nicht alle fundamentalistischen Moslems am laufenden Band.

    “Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager.”
    Ist das Antisemitismus? Man mag die Bezeichnung „Gefängnis“ überspitzt finden und die Bezeichnung „Lager“ falsch, aber den Antisemitismus finde ich erst, wenn ich mit Hilfe meiner eigenen Fantasie Lager=KZ setze, was Augstein nicht gesagt hat. Ihm zu unterstellen, das hätte er gemeint ist inakzeptabel, es sei denn, man will ihn unbedingt zum Antisemiten machen. Hinweise auf die Richtigkeit einer derartige Interpretation hat er jedenfalls nicht geliefert.
    Im Übrigen ist es absolut legitim, die Zustände unter denen die Menschen in Gaza leben müssen und die Unfreiheit dort zu kritisieren, auch mit scharfen Worten. Und man muss auch nicht in jedem Satz zu Gaza, in dem man Israel sagt auch Hamas sagen, um nicht antisemitisch zu sein (auch wenn die Hamas und auch Ägypten einen wesentlichen Anteil an den bedauerlichen Lebensumständen der Menschen dort haben und nicht ungenannt bleiben sollten). Die Abschottung zu Lande zu Wasser und in der Luft ist wesentlich Israels Werk. Es mag sein, dass Menschen dies aufgrund von Israels Sicherheitsinteressen für akzeptabel halten, das verbessert aber nicht die Lebensumstände der Menschen dort.

    “Israel bekommt das, was es will. Und dafür muss Israel nicht einmal zahlen.”
    Verweis auf die großzügigen U-Boot-Rabatte, oder? Ist das antisemitisch oder einfach nur zu pauschal? Ich erkenne da keinen Antisemitismus.

    “Pech für die Schlecker-Frauen: Mit Putzmitteln und Körperpflegeprodukten lässt sich kein Krieg führen. Würde der Staat Israel für die Durchsetzung seiner machtpolitischen Interessen auf Zahnpastatuben setzen und nicht auf Atomraketen, die berufliche Zukunft von rund 13.000 Drogistinnen wäre sicher.”
    Soll wohl darauf abzielen, dass man für die Rettung der Schlecker-Angestellten das Geld nicht aufzubringen bereit war, das Israel in Punkto U-Boote erlassen wurde.
    Ich würde ihnen Recht geben, wenn Sie hier darauf verweisen, dass unnötigerweise zwei Dinge vermischt werden, die nichts miteinander zu tun haben und zwar in einer Weise, die darauf schließen lässt, dass Augsteins Augenmerk sehr auf Israel und die Kritik an dessen „preisgünstiger“ Bewaffnung durch die deutsche Regierung gerichtet ist. Aber ist das Antisemitismus. Ist es so einfach? Polemische Kritik an der israelischen Militärpolitik, bzw. der deutschen Hilfe dazu ist judenfeindlich?

    Ich erwarte nicht, dass Sie meine Einschätzungen teilen, wüsste aber doch noch gerne, wo Sie den Antisemitismus gefunden haben.

    Schönes Wochenende!

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  19. @Max:
    Da Sie sich die Mühe gemacht haben, werde ich Ihnen gerne antworten. Für mich wird gerade in der Gesamtschau deutlich, dass hier jemand einem Konstrukt aufsitzt, welches für meine Begriffe schlechterdings überhaupt nur dann als sinnhaft erscheinen kann, wenn man schon von vorneherein „weiß“, dass Israel (und die USA) dieses oder jenes tun und vorhaben.

    Ich möchte Ihnen mit der geschätzten Anetta Kahane, Vorsitzende der Antonio Amadeu Stiftung antworten:

    „Keines der uralten Klischees über die Juden als heimliche Drahtzieher, Weltenherrscher, Unfriedenstifter und Kindermörder, als Krebsgeschwür der Menschheit gilt als antisemitisch sobald es sich auf Israel bezieht. Die Israelkritik heute, ganz gleich wie stereotyp sie daherkommt, etikettiert sich selbst stets als Öko-Packung des Politischen: natürlich, ohne giftige Zusatzstoffe, ohne historische Projektionen, ohne Vernichtungsfantasien, ohne Verschwörungstheorien: eben ganz ohne Antisemitismus.“
    http://www.fr-online.de/meinung/kolumne-broder-augstein-streit-erst-mal-versuchen-zu-verstehen,1472602,21398944.html

    Es geht schlicht und ergreifend darum, dass hier nahezu alle Kritierien des Begriffs Antisemitismus, wie er in der internationalen Forschung (als ein Beispiel verlinke ich hier jetzt die working definition der EU: http://fra.europa.eu/sites/default/files/as-workingdefinition-draft.pdf) zum Thema definiert wird, erfüllt sind. „Israel“ verkomtm zur Chimäre, die einfach nur als Platzhalter für „die Juden“ eingesetzt wird.

    Vorurteile, nahezu wahnhafte Projektionen (die Schlecker-Frauen?!?), der Jude, der für nichts bezahlen muss (das Bild des jüdischen Wucherers), der nach der Weltherrschaft greift, der Regierungen am Gängelband führt, den vermeintlichen Weltfrieden stört, die Verantwortung für den nächsten Weltkrieg hat (ein klassisches Motiv der Nazis im Übrigen), die Täter-Opfer-Umkehr nach Auschwitz bis zum nun unterstellten Völkermord an den Iranern.

    Rainer Trampert hat es so formuliert:

    „Augsteins größter Wurf ist die Opfer-Täter-Umkehr. Benjamin Netanyahu führe »die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs«, schreibt er. Er fügt bestätigend hinzu, dass Israel eben »außer Gewalt kaum eine Antwort« kenne. Sein Held Günter Grass habe zu Recht geschrieben, dass Israel »den ohnehin brüchigen Weltfrieden« gefährde und einen Plan schmiede, der »das iranische Volk auslöschen« könne.

    Da dem Juden weder Völkermord noch Weltkrieg anzulasten ist, konzipieren Augstein und Grass eine fiktive Welt, in der Juden es umso mörderischer treiben würden. Die dreißig realen Kriege auf der Welt, mit denen Israel nicht das Geringste zu tun hat, werden ignoriert, so dass Krieg führende Staaten auch nicht als Kriegsgefahr in Erscheinung treten. Die realen Kriege und bedrohlichen Konflikte stellen in der Scheinwelt des Antisemiten kein Risiko dar – es gibt sie nicht, auch nicht die Opfer.

    Für Augstein ist die Bewaffnung Israels nicht Schutz vor Staaten, die jede Woche ihre Absicht verkünden, die Juden zu vernichten, sondern eine Bedrohung für die Verkünder.“
    (http://jungle-world.com/artikel/2013/02/46935.html)

    Ich gebe Ihnen gerne ein detailiertes Besipiel für die Unterschiede in unsereren Sichtweisen am beispiel der ultraorthodoxen Haredim, von denen Augstein meint, sie seien „aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner“ und „folgten einem Gesetz der Rache.“

    Wie kann man darauf kommen? Sie selbst haben schon angemerkt, dass hier unterschiedliche Dinge durcheinender geworfen werden und selbst ihre Bechreibung der Siedler halte ich im Hinblick auf einen Großteil von ihnen für unhaltbar, aber das ist ein anderes Thema. Aus meiner Sicht ist es die Diffamierung einer ganzen Minderheit (wir reden von 10% der israelischen Bevölkerung), wenn man diese mit islamistisch-fundamentalistisch Terroristen vergleicht, denn um diesen Vergleich mit der Gewalt der anderen Seite geht es an dieser Stelle bei Augstein.

    Dass es darüber hinaus auch heute noch eine Menge Orte auf der Welt gibt, darunter auch viele in Europa, wo orthodoxe Juden nicht umherlaufen können, ohne bepöbelt zu werden, ist für Augstein natürlich überdies kein Thema und auch kein Grund, mit seinen (Vor-)urteilen sparsamer umzugehen.

    Die wahnhafte Vorstellung, man könne keine Kritik an israelischer Politik äußern, obwohl es allenthalben nur so davon wimmelt, ist nach Adorno ebenfalls Teil der modernen antisemitischen Projektion, nämlich, „sich zu gebärden, als wäre durch die öffentliche Meinung, die Äußerungen des Antisemitismus heute unmöglich macht, der Antisemit eigentlich der, gegen den der Stachel der Gesellschaft sich richtet, während im Allgemeinen die Antisemiten doch die sind, die den Stachel der Gesellschaft am grausamsten und am erfolgreichsten handhaben.“ Stefan Gärtner formulierte diesen Gedanken in der Titanic so: „Dass die Juden uns den Mund verbieten, ist das Gerücht über die Juden, das nach Adorno der Antisemitismus ist.“

    Sie sehen, wir werden uns nicht einig. Ich denke, die Argumente sind ausgetauscht.

    Mit herzlichen Grüßen
    Andrej Reisin

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  20. Lieber Herr Reisin,

    weil ich es jetzt erst gelesen habe erlaube ich mir noch etwas zu Ihrer Erwiderung zu sagen, auch wenn wir uns einig sind, dass wir kein Einvernehmen erzielen werden.

    Sie schreiben:
    „Die wahnhafte Vorstellung, man könne keine Kritik an israelischer Politik äußern, obwohl es allenthalben nur so davon wimmelt, ist nach Adorno ebenfalls Teil der modernen antisemitischen Projektion“

    Und nun? Ich habe nicht gesagt, man könnte diese Kritik nicht äußern und Augstein auch nicht. Wem gilt dieser Satz?

    Wenn Sie allerdings im selben Atemzug kurz vorher Frau Kahane mit den Worten zitieren:
    “Keines der uralten Klischees über die Juden als heimliche Drahtzieher, Weltenherrscher, Unfriedenstifter und Kindermörder, als Krebsgeschwür der Menschheit gilt als antisemitisch sobald es sich auf Israel bezieht. Die Israelkritik heute, ganz gleich wie stereotyp sie daherkommt, etikettiert sich selbst stets als Öko-Packung des Politischen: natürlich, ohne giftige Zusatzstoffe, ohne historische Projektionen, ohne Vernichtungsfantasien, ohne Verschwörungstheorien: eben ganz ohne Antisemitismus.”
    dann frage ich mich schon, ob nicht genau Sie der Meinung sind, man sollte der Israelkritik – die ja gerade nicht verboten ist und von der man das Ihrer Ansicht nach auch nicht behaupten sollte, weil man sonst antisemitisch argumentiert – grundsätzlich Antisemitismus unterstellen dürfen.
    Sie betreiben eine Umkehrung, die für mich jedenfalls zum Verzweifeln ist. Da der Antisemitismus in den inkriminierten Zitaten nicht nachweisbar ist oder nur schwer, gilt der Umstand, dass es sich dabei um Israelkritik handelt als wenigstens latent antisemitisch. Das Verrückte daran ist, dass dieses Argument selbst dann ins Feld geführt wurde und wird, wenn wir es mit ganz realem Geschehen zu tun haben oder hatten. Hat Israel palästinensische Kinder erschossen oder per Rakete getötet und das wird angeprangert, dann bedient man in dieser Logik das Bild vom kindermordenden Juden. Dass diese realen Kinder real getötet wurden scheint irrelevant zu werden vor der Kraft des eigenen Arguments.

    Ich könnte auch sagen, Sie haben mir ein komplett idiotisches Angebot gemacht. Ich sollte Ihnen erklären, warum ich die von Ihnen zitierten Augstein-Zitate nicht für antisemitisch halte und nachdem ich das getan habe, erklären Sie mir sinngemäß, dass die Zitate schon deswegen antisemitischen Charakters seien, weil sie sich gegen Israel richten. Das ist ein Irren-Diskurs, aber kein ernstgemeinter Austausch.

    Ähnlich ist es übrigens mit der Art der Argumente, die überhaupt erlaubt sein sollen (nach Ihrer Meinung, oder der Meinung derer, die ähnlich argumemtieren wie Sie):
    Kritisiere ich Israel einfach aus meiner eigenen Anschauung heraus, kommt immer wieder wer daher, der polemisch einwirft, der Deutsche wolle wohl dem Juden erklären, wie er sich zu verhalten habe, um dem Deutschen zu gefallen. Verweise ich auf gleichlautende Äußerungen jüdischer Menschen, argumentiere ich antisemitisch, weil „der jüdische Kronzeuge“ nun eben mal ein antisemitisches Klischee ist.

    In diesem Diskurs geht es mittlerweile nur noch um die Form der Argumentation, die man nutzen dürfen soll oder eben nicht, um sich dem Vorwurf des Antisemitismus nicht ausgesetzt zu sehen oder eben doch. Die Inhalte treten hinter die Diskursform zurück. Und die Diskursform dient allein der Bestätigung des erhobenen Vorwurfs.

    Und das laste ich Ihnen und den Broders und Wiesenthalzentren und Gensings an: Es geht nicht mehr um Inhalte sondern um Zuschreibungen und Verurteilungen welche im Wege einer längst eingeübten Diskursform vermittelt werden, die wasserdicht ist. Beim Antisemiten sind die Juden immer an allem Schuld, da ist argumentativ kein Kraut gegen gewachsen. Bei Ihnen ist es genau umgekehrt.

    Nur wozu das dienen soll, ist mir noch immer unklar. Einen aufklärerischen Anspruch kann ich jedenfalls nicht erkennen.

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    1. @Max:
      Zu was und zu welchem Ende soll dieses „Gespräch“ kommen? Sie können oder wollen sich mit der Möglichkeit der Existenz antisemitischer Denkfiguren einfach nicht auseinandersetzen. Im gleichen Maße, wie Sie mir unterstellen, ich würde sämtliche Kritik an konkreter israelischer Politik für antisemitisch halten, weigern Sie sich schlechterdings, auch nur in Betracht zu ziehen, dass Teile der so genannten „Israelkritik“ demgegenüber aus einem breiten Fundus sattsam bekannter antisemitischer Figuren und Stereotype schöpfen.

      Die Aufklärung über Antisemitismus ist die Aufklärung über eine Kritik an der Moderne, die erstens reaktionär und zweitens mörderisch ist. Trotzdem verfallen dieser „Kritik“ bis zum heutigen Tag eben nicht nur Neonazis und Verschwörungstheoretiker, sondern auch eine beachtliche Anzahl „ganz normaler“ Menschen, die sich selbst für „aufgeklärt“, „kritisch“ und „links“ halten und natürlich niemals nicht keinem Juden was zuleide tun würden, so lange dieser es nicht wagt, als „imperialistischer“ und „kolonialistischer“ Israeli selbst zu bestimmen, wie er sein Leben zu leben und seinen Staat zu gestalten denkt.

      Wenn Sie den wirklich sehr sensibel formulierten Text von Anetta Kahane nicht nachvollziehen können oder wollen, dann muss ich Ihnen leider eine Unfähigkeit zur Empathie gegenüber anderen Position attestieren, die mir schlechterdings jedwede Lust nimmt, mit Ihnen weiter zu diskutieren, weswegen unsere „Diskussion“ an dieser Stelle auch endgültig beendet ist.

      „Ebenso ist ein Zeichen von Denkfaulheit – neben dem Standesdünkel wohl der zweite Grund dafür, warum Augstein allenthalben verteidigt wird – anzunehmen, der Antisemitismus habe sich seit Auschwitz nicht gewandelt. Das hat er aber. Im zeitgenössischen Antisemitismus hat der Staat Israel den Platz des „Weltjudentums“ eingenommen; „Israel ist der Jude unter den Staaten“, formulierte der russisch-französische Historiker Leon Poliakov bereits vor Jahrzehnten.

      Und bei Augstein findet sich alles, was den zeitgenössischen Antisemitismus ausmacht: Von der manisch-obsessiven Beschäftigung mit Israel bis zu den einseitigen Schuldzuweisungen, die Israel als Weltbrandstifter erscheinen lassen; von einer Allmacht, die Israel (oder der „jüdischen Lobby“ in den USA) unterstellt wird, bis zu Phantasien darüber, an welchen Schweinerei Israel alles beteiligt ist; von Formulierungen, die eine Analogie zwischen der israelischen Politik und dem deutschen Nationalsozialismus assoziieren lassen, über die Behauptung, die Juden trügen selber Schuld am Antisemitismus bis zum Vorwurf, Israel würde Profit aus dem Holocaust schlagen – alles vorgetragen in der Selbstgewissheit, frei von antisemitischen Ressentiments zu sein, überzeugt von einem Menschenrecht auf Israelkritik und formuliert im Gestus desjenigen, der eine unbotmäßige Wahrheit ausspricht und dafür verfolgt wird.

      Wer will, möge die Belege dafür an geeigneter Stelle nachlesen. Wer nicht, halte sich an Augsteins „Meinungmedium“, das in seiner aktuellen Ausgabe im von der Sarrazin-Debatte bekannten Bild-Stil titelt „Wie sehr darf man als Deutscher eigentlich Israel kritisieren?“ und dem man antworten möchte: Man darf. Von Montag bis Samstag. Aber warum sind sie eigentlich so geil darauf?“
      (http://www.taz.de/Kolumne-Besser/!109018/)

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  21. Max,

    ich habe das Gefühl, antisemitisch ist für sie erst eine Person wenn sie sich selbst als solche bezeichnet. Oder eben eine eindeutige antisemitische Aussage.
    Dies ist das einzige was die breite Mehrheitsgesellschaft gelernt hat, Antisemitismus nicht mehr im großen Stil ausleben, sondern so verpacken, dass es Menschen wie Ihnen die Möglichkeit gibt sie weg zu interpretieren und sie zu einer Isrealkritik umzudeuten.
    Es geht doch überhaupt schon damit los wie versteift Augstein und Co. sich auf die Israel-Palästina Problematik stürzen und andere Krisenherde außeracht gelassen werden. Gerade diese Fixiertheit mit der Handlungen Israels im Verhältnis zur Shoa angerechnet werden, ist antisemitisch, da dieses Verhalten nur dazu dient dem „deutschen Gewissen“ ruhe zu verschaffen, ganz nach dem Motto: Ein Volk welches heute Täter wird, kann damals nicht Opfer gewesen sein.
    Und warum Herr Reisin über Herrn Gärtner Adorno zitiert? Weil eben genau Grass und auch Augstein behaupten ihnen würde der Mund verboten.

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