Augsteins Israelkritik: Eine Frage der Obsession

Jakob Augstein sorgt sich um den Kampf gegen den Antisemitismus! Da muss etwas passiert sein – und in der Tat: Das Simon-Wiesenthal-Center hat die Äußerungen des Oberhaupts der Karfreitagslinken in die Top-Ten der Israel-Verleumder und/oder Antisemiten gesetzt. Doch was Antisemitismus ist, das können diese Juden doch wohl kaum beurteilen – glaubt man Augstein, diffamiert das SWC vielmehr den kritischen deutschen Journalismus.

Von Patrick Gensing


Kein Zweifel, Augstein hat sich die Berufung in die internationale Liga der Israel-Verleumder hart erarbeitet bzw. -schrieben. Hier werden alljährlich Menschen oder Gruppen aufgeführt, die sich im vergangenen Jahr besonders mit Tiraden gegen Israel oder Juden hervorgetan haben. 2011 war es Herrmann Dierkes von der Linken in Duisburg, der den Sprung in die Top Ten schaffte. In diesem Jahr belegen die ägyptischen Muslimbrüder den Spitzenplatz, gefolgt vom iranischen Regime. Auf Platz 4 tauchen europäische Fußballfans auf, auf Platz 7 die ungarische Jobbik-Partei, auf Platz 8 der Norweger Trond Ali Lindstadt – und dahinter Jakob Augstein aus Deutschland – hier die ganze Liste.

Publikative.org hatte Augstein für seine Passionsberichte auf Spiegel Online bereits mehrfach gewürdigt. Andrej Reisin stellte zu Augsteins Verteidigungsschrift für Grass und gegen Israel im April 2012 fest:

Wer bisher dachte, “im Zweifel links” hieße, zu glauben, dass möglicherweise globales Kapital und neoliberale Ideologien die “Welt am Gängelband” führten, der wird hier eines Besseren belehrt: Die Regierung Netanjahu ist es, die laut Jakob Augstein der Welt ihren Willen aufzwingt.

Und im Juni brachte Augstein dann die „Schlecker-Frauen“ mit Rüstungsexporten nach Israel in Verbindung. Andreas Strippel schrieb dazu:

Es handelt sich um die übliche linke Rezeptur: Man nehme reale Schweinereien – wie Waffenhandel und die Folgen neoliberaler Politik – verknüpfe sie mit Israel und fertig ist das Gebräu. Ja, die deutsche Regierung sagt bei Waffengeschäften nicht die Wahrheit, heuchelt und liefert Waffen in Krisengebiete. Da hat Herr Augstein Recht. Der Rest sind antisemitische Ressentiments, die sich als Aufklärung tarnen. Und ganz nebenbei liefert der kritische Journalist der Bundesregierung einen Sündenbock für unsoziale Politik – denn Geld ist ja keines mehr da, wegen des Rüstungswahns der Israelis. Schönen Dank.

Augstein radikalisierte sich weiter – und stellte im September schließlich die Fragen aller Fragen, wenn man gar keine Argumente mehr hat: Cui bono? – und schob so islamistische Gewalt  in mehreren Staaten kurzerhand Israel in die Schuhe. Thorsten Mense kommentierte:

[Augstein] sieht nichts Progressives an dem islamistischem Mob. Aber in seiner Unfähigkeit, die Widersprüchlichkeit dieser Welt und die Verblendung großer Teile der Weltbevölkerung anerkennen zu wollen, sucht er zwanghaft nach Hintermännern und Strippenziehern. Dass er dabei nicht die aktuellen Machthaber vor Ort im Blick hat, die offenbar kein großes Interesse haben, die westlichen Botschaften zu schützen oder die Lage zu beruhigen, sondern wieder einmal Israel und die USA, hat eine verstörende Nähe zu antisemitischen Erklärungsmustern. Und was beide ebenfalls nicht sehen, ist, dass ihre verschwörungstheoretischen Erklärungen weit mehr westliche Arroganz in sich tragen, als die – wie stets übertriebenen – Warnungen vor der islamistischen Gefahr.

Augstein gibt eine Zeitung heraus, den offenbar kriselnden Freitag, dessen Internet-Community sich zum Sturmgeschütz der „Israel-Kritik“ gemausert hat, und schreibt auf Spiegel Online, das wiederum von fast allen deutschen Journalisten täglich mehrfach angeschaut wird, kurzum: im Leitmedium schlechthin. Dementsprechend würdigt das Simon-Wiesenthal-Center eben auch die Relevanz seiner Kolumnen – und wie nicht anders zu erwarten war, genießt Augstein nach seiner Berufung in die weltweite Top Ten der Israelverleumder des Jahres 2012 nun wüste Unterstützung; das Solidaritätskomitee für Augstein bzw. für das Menschenrecht auf Israel-Kritik lässt aber schon wieder fast Mitleid für den Nominierten aufkommen. Die Betonung liegt auf „fast“. Viele dieser Kommentatoren im Netz sind deutschdeutsche Spätopfer der NS-Herrschaft, Leute, die keine drei von Opa und seinen Kameraden ausradierten Städte in Osteuropa nennen, dafür aber sämtliche UN-Resolutionen gegen Israel auswendig unter dem Weihnachtsbaum aufsagen können – für den Frieden!

Obsession

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Es soll hier aber gar nicht um die Differenzierung zwischen einer angeblich so dringenden und angemessenen Kritik aus Deutschland an Israel bzw. dessen Politik, der selbsternannten „Israel-Kritik“ sowie antisemitischen Stereotypen gehen; die internationale Forschung zu diesem Thema wird von vielen besonders kritischen Israel-Kritikern ohnehin schlicht als Unsinn und eine Waffe der jüdischen Lobby abgetan, womit sich die Frage „Israel-Kritik oder Antisemitismus?“ auch schon von selbst beantwortet hat.

Es geht hier vor allem um eins: Die Israel-Kritik in Deutschland ist obsessiv, ein „Volkssport“ (Stefan Gärtner, Titanic) – und scheinbar identitätsstiftend: „Wir haben unsere Lektion gelernt, für unsere Schuld gebüßt – die Juden/Israelis/Zionisten aber nicht, die führen sich wie die Nazis auf.“ Grass dichtet so, Augstein lobt, der kleine Mann auf der Straße und der große Mann im Salon applaudieren. Die Obsession, Israel kritisieren zu müssen, ist tief in die neudeutsche Seele gebrannt. Und diese Obsession will man sich nicht kaputt machen lassen von Antideutschen, Kriegstreibern, Rechtskonservativen, Islamhassern, Zionistenknechten – oder wie man als Israelkritik-Kritiker eben sonst noch so getauft wird.

Offenbar fühlen sich einige Israel-Kritiker aber doch etwas unwohl bei ihrer Obsession, dem einseitigen Agitieren gegen den Judenstaat – Sie wissen schon, dieses schlechte Gewissen – und  greifen deshalb zu einem Trick. Der Literaturnobelpreisträger betont plötzlich, er habe natürlich nur die Regierung Netanjahu gemeint, Augstein operiert ebenfalls mit dem Konstrukt „israelische Regierung“ und auf Augsteins Facebook-Seite treibt einer seiner Fans das Ganze auf die Spitze, indem er in Abgrenzung zum Antisemitismus und Antizionismus nun kurzerhand den Antinetanjahuismus erfindet (bzw. von einer tschechischen Nazi-Seite übernimmt). In Norwegen gibt es ein hübsches Sprichwort: Kjaeret barnet har mange navn! (Ein geliebtes Kind hat viele Namen!) Ebenso verhält es sich auch mit der geliebten Israel-Kritik vieler Deutscher.


Bei genauerem Hinsehen erscheint der Antinetanjahuismus möglicherweise sogar eine angemessene Bezeichnung für dieses Phänomen. Nach dem Antihitlerismus (den bekanntermaßen so gut wie alle Deutschen unterstützten, denn so wie es damals keine Nazis gab, gibt es heute keine Antisemiten), dem Antistalinismus nun also der Antinetanjahuismus, der im Gegensatz zu seinen Vorläufern über bisherige ideologische Grenzen hinweg die deutschen Friedensfreunde vereint. Und so kann der Bundestag dann auch einstimmig die Aktion der IDF gegen die „Gaza-Hilfsflotte“ verurteilen – ohne dass auch nur ein unabhängiger Bericht dazu vorliegt. Der UN-Palmer-Bericht zeichnete später ein differenzierteres Bild, das spielte aber keine Rolle mehr. Der gefährlichste Schurkenstaat für die Mehrheit der Deutschen heißt Israel – der einzige jüdische Staat auf Erden, so groß wie Hessen, aber in deutschen Medien und im Kulturbetrieb präsenter als Ungarn, Iran, Mali, China und ganz Südamerika zusammen.

Definitionsmacht

Die Deutschen haben ein Problem, und das heißt nicht Israel, sondern die Obsession dem jüdischen Staat gegenüber. Dieses Problem äußert sich durch maßlose Selbstüberschätzung der Hobbystrategen und unerträgliche Selbstgerechtigkeit, vor der auch Augsteins Reaktion auf die Nominierung strotzt. Das Simon-Wiesenthal-Center sei, so schickt es Augstein großzügig voraus, „eine wichtige, international anerkannte Einrichtung. Fuer die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt.“ Doch es sei „um so betrueblicher“, wenn „dieser Kampf geschwaecht werde“. Also, weil Augstein dieser Institution Respekt zollt, ist es besonders ärgerlich, dass diese Juden nun so handeln, wie sie handeln.

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
„Israel-Kritik“ an der Kölner Klagemauer

Und warum wird der Kampf gegen den Antisemitismus, der Augstein so am Herzen liegt, vermeintlich geschwächt? Nun, dies sei „zwangslaeufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird“. Augstein verpasst seinen Kolumnen das Label „kritischer Journalismus“, dabei ist dieser „Cui-bono?“-Journalismus in etwa so kritisch und mutig wie die Ergüsse des Thilo Sarrazin. Es handelt sich in beiden Fällen um absolut durchschnittlichen Mainstream.

Und dieser weiße, deutsche Mainstream will auch bestimmen, was Antisemitismus oder Rassismus ist. Das können die Juden, Türken oder Schwarzen doch selbst gar nicht beurteilen. Allein schon die Reaktion Augsteins zeigt, wie richtig seine Nominierung war. Ein Umdenken ist dennoch nicht zu erwarten, denn ein Verzicht auf den Sündenbock Israel würde die Welt ganz schön unübersichtlich machen. Und außerdem: Wem würde es nützen, wenn Augstein umdächte? Eben.

Patrick Gensing
Patrick Gensing

Patrick Gensing, Nachrichten-Redakteur und Blogger, Mitherausgeber von Publikative.org, zuvor initiierte und betrieb er das NPD-Watchblog. Gensing wurde mit dem 3. Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet und als Autor des Störungsmelder mit dem Grimme-Online-Award geehrt. Im September 2012 erschien sein zweites Buch „Terror von rechts – die Nazi-Morde und das Versagen der Politik“ im Rotbuch-Verlag. Im Jahr 2009 veröffentlichte Gensing beim dtv das Buch „Angriff von rechts – die Strategien der Neonazis„. Er schreibt unter anderem für die taz und die Jüdische Allgemeine.

Siehe auch: Die Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”, (Israelische) Soldaten sind Mörder!, Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-Frage, Michael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”, Wahn und Wirklichkeit, Im Zweifel gegen Israel