Wenn Aktenzeichen ein Gesicht bekommen

Für die Ausländerbehörde sind es Aktenzeichen und Verwaltungsvorgänge; für immer mehr Menschen sind es Mitschüler und Teamkollegen. Für die betroffenen Menschen geht es um ihr Leben – und noch sind es vor allem Einzelfälle, die an eine breitere Öffentlichkeit kommen. In Hamburg gehen wieder Schüler – für einen ihrer Mitschüler der von Abschiebung bedroht ist – auf die Straße.

Von Roland Sieber

„Fabiola Muss Bleiben“ auf Facebook © Screenshot
„Fabiola muss Bleiben“ © Screenshot von Facebook

Ein Erfolgsrezept für politische Bewegungen sind sympathische Aktivisten, deren persönliche Schicksale auch nicht betroffene Menschen emotional mitnehmen. Eine davon ist Fabiola Cruz, eine 17-jährige Schülerin, die es schaffte ihre Klassenkameraden, ihre Schule, die Lokalmedien und schließlich die Härtefallkommission der Hamburgischen Bürgerschaft hinter sich zu bringen. Sie und ihre Schwestern, die 13-jährige Andrea und die 12-jährige Maria haben nach Schülerprotesten, einem breiten Medienecho und tausenden Unterstützungsunterschriften eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Somit darf auch ihre Mutter Gabriela bleiben.

Die Familie aus Honduras lebt seit sechs Jahren illegalisiert in Hamburg. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich aber umgedreht: Nicht mehr die Fabiola und ihre jüngeren Schwestern müssen sich rechtfertigen, warum sie hier leben, sondern die Ausländerbehörde und Politik kamen unter Rechtfertigungsdruck, warum Kinder und Jugendliche, die sich bei den Pfadfindern engagieren und hier ihr Abitur machen, von den Behörden diskriminiert und schließlich abgeschoben werden. Fabiola ist ein Beispiel von vielen:

Der nächste Aufstand von Schule und Sportverein folgte mit Ayodele Madaiyese, der abgeschoben werden soll, weil er Volljährig wurde. Fast 16.500 Menschen unterstützen den HSV-Jugendkicker auf Facebook, nachdem neben den Lokalmedien auch Spiegel online berichtete. In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember wurde ein Unterstützungsvideo auf YouTube hochgeladen, indem sich Mitschüler, Lehrer aber auch die Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Sarah Diehl sowie die Musiker „Young Crhyme“ und Jan Delay für den Abiturenten einsetzen:

Es sind aber nicht nur individuelle Einzelschicksale, sondern die von tausenden von Kindern und Jugendliche in diesem Land, die illegalisiert hier leben und ihre Abschiebung fürchten. Es handelt sich beispielsweise um Schüler, die sich zunehmend in Flüchtlingsorganisationen wie Jugendliche ohne Grenzen organisieren. Die Protestcamps wurden immerhin auch in vielen Medien wahrgenommen – am wirksamsten dürfte der Protestmarsch von Würzburg nach Berlin gewesen sein.

In Wien weint abends Leonesa (12). Auch in Österreich finden zurzeit die größten selbstorganisierten Proteste von Flüchtlingen in der jüngeren Geschichte statt. Nach einem 35 km langen Protestmarsch von Traiskirchen nach Wien campen dort die Flüchtlinge seit ca. vier Wochen bei Eiseskälte für ein menschenwürdiges Leben in Österreich. Am Dienstag besetzten einige von ihnen die Votivkirche.

Selenora (16) wird aus Deutschland abgeschoben. Selenora ergeht es damit, wie den meisten hier lebenden Flüchtlingen, die Angst davor haben, dass früh Morgens Ausländerbehörde und Polizei in der Wohnung stehen und mit Gewalt abschieben, Menschen die hier seit Jahren leben oder gar geboren wurden.

 

Siehe auch: Sitzkissen keine Gefährdung der Sicherheit!, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Berechnungen der Menschlichkeit, Es geht um Würde, nicht um Geld, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Die tragische Demonstration, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante

7 thoughts on “Wenn Aktenzeichen ein Gesicht bekommen

  1. also dieses Kommentar gehört eigentlich zu diesem Thema:
    http://www.publikative.org/2012/12/10/das-klischee-vom-rassismus-bei-der-polizei/

    Der ist aber jetzt schon auf Seite 2 der Beitragsübersicht auf der Startseite… habt ihr was Aktuelleres, wo man den Kommentar unterbringen kann?

    Weil wenn nicht, dann muss und kann dieser Kommentar aus Aktualitätsgründen doch hierher.

    Gewerkschaftsvorsitzende von DPolG und GdP geben der Jungen Freiheit Interviews:

    http://tinyurl.com/cyaaq8w

  2. programmhinweis: ndr info „das feature“, am sonntag den 23. 12. 2012 abends über „die geschichte einer flucht und ihrer folgen vor dem hintergrund der deutschen flüchtlingspolitik“.

    es gibt einen livestream des senders auf seiner website und nach der ausstrahlung müsste das auch als podcast zur verfügung stehen.

    .~.

  3. Bei allem Verständnis für die Schicksale der betroffenen Menschen und ihr Leben sollte man nicht zwei Dinge vergessen:
    – die Behörden setzen nur die Gesetzeslage um.
    – die Ursache für derartige Konflikte liegt darin, dass Deutschland es bisher nicht geschafft hat, zwischen Asyl und Zuwanderung zu trennen.
    Das sind zwei Dinge, die nicht vermischt werden solltenn, einererseit das Recht auf Asyl für Menschen, deren Leben bedroht ist, andererseits der Wunsch vieler Menschen, durch Zuwanderung nach Europa ein besseres Leben zu bekommen für sich und ihre Familie. Während das erste gewährt werden muss (das ist Recht nach unserem GG), besteht kein Recht auf das zweite. Unser Land sollte -wie andere Länder auch (Kanada, Australien, USA)- Zuwanderung an Kriterien binden wie Qualifikation, Fähigkeit für sich und die Familie durch eigene Arbeit zu sorgen etc. . Wer weder Asyl bekommt noch die Kriterien für die Zuwanderung erfüllt, darf dann eben nicht dauerhaft hier bleiben.

  4. @Harald

    1. tja die Gesetzeslage ist natürlich auch ein Problem aber Menschen die sich mit berufung auf Gesetzen, die Freiheit anderer Menschen einschränken und ihre Rechte beschneiden haben für mich wenig verständnis.

    2. Die Unterscheidung von Asyl und Einwanderung ist fraglich. Deine Definition sagt Asylanten haben ein Recht durch Auswanderung ihr Leben zu verbessern, wohingegen Einwanderer nicht das Recht dazu haben.
    Hier scheint nicht die Vermischung sondern die Trennung das Problem zu sein.

    Es ist doch einfach nur scheiße wie sich der Staat in das belangen von Menschen und Familien einmischt. Und wie irgendeine Behörde definiert was ein Deutscher ist. Aber die größte scheiße an der Sache ist das man auch noch „anerkannter Deutscher“ sein muss um die Erlaubnis zur Teilnahme in Deutschland zu erhahlten, wer nicht Arbeiten, Reisen, Heiraten, Umziehen, usw. der hat doch eigentlich den rechtlichen Status eines Sklaven.

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