Wenn deutsche Pimmelschützer die Nase voll haben


Juden veredeln ist derzeit sehr trendy in Deutschland. Sei es durch ein Gerichtsurteil in Köln, durch „Fachbeiträge“ engagierter Pimmelschützer oder durch Jambus-tötende Blog-Gedichte nach dem Motto „Gemma Juden veredeln im Netz“. 

Von Ramona Ambs, hagalil

"Solltet ihr nicht gerade wissen..." - NS-Verbrechen werden von deutschen Pimmelschützern gegen Juden in Stellung gebracht.
„Solltet ihr nicht gerade wissen…“ – NS-Verbrechen werden von deutschen Pimmelschützern gegen Juden in Stellung gebracht.

Und dabei kommt man sich natürlich unglaublich menschenfreundlich vor. Edel, deutsch und gut. So soll auch der Jude werden. Dafür muss er das Beschneiden seiner Söhne sein lassen, das Schächten seiner Tiere und überhaupt alles, was ihn irgendwie vom biodeutschen Menschenfreund unterscheiden könnte. Denn das ist die deutsche Vision von Multikulti: alle sind wie wir und wir sind alle gleich. Und wir müssen alle besser werden. Besonders Ihr rückschrittlichen und verstockten Juden…

So…oder so ähnlich…

Allerdings ist das gar nicht so neu.

Juden veredeln hat in Deutschland eine lange Tradition. „Über die Veredelung der Menschen besonders der Juden durch die Regierung“ hieß zum Beispiel eine Schrift von August Ferdinand Lueder von 1808, die man in einigen Bibliotheken in Deutschland einsehen kann. Überhaupt findet man in Dokumenten aus dieser Zeit immer wieder Äußerungen darüber, dass und wie man die Juden veredeln könnte. „Das eigentliche Problem, worum es sich handelt“, argumentierte man 1821 in der würrtembergischen Regierung, „ist nicht sowohl die Stellung, welche man den Juden in der bürgerlichen Gesellschaft geben will, als vielmehr die Auffindung der geeigneten Mittel, ihren Charakter umzubilden, als die Bedingung, ihren Zutritt zu dem Genuß der bürgerlicher Rechte mit dem Gemeinwohl vereinbar zu machen.“[01] Und in einem Gutachten des badischen Ministerium d. Inn. vom 27. November 1811 sah man die mögliche rechtliche Gleichstellung der Juden in erster Linie als Instrument der „Veredelung und Amalgamisierung der Juden“.

Heute spricht man aber nicht mehr so direkt vom Veredeln. Der  Ausdruck ist nämlich voll unhipp. Heute hat man viel bessere Parolen parat. Heute heisst es, die Juden müssten sich reformieren, im Hier & Jetzt ankommen, ihre Traditionen überwinden… Kurz: sie sollen einfach aufhören, Juden zu sein. Jüdische Religion und Kultur- das soll nur noch so statfinden, wie es sich die edlen Menschen vorstellen… und falls man weiterhin darauf besteht, anders sein zu wollen, dann ist man ein Nazi:

Oder jedenfalls fast.

Aber ich hab mir jetzt was überlegt. Wir drehen den Spieß einfach mal um. Ich plane, Euch fortan auch zu veredeln. So in moderner Form… Ein paar Lektionen in Respekt und echter Toleranz vielleicht… Dann könntet Ihr vielleicht sogar bessere Menschen werden, im Hier & Jetzt ankommen und Eure Traditionen überwinden.

Ich finde, es wird Zeit….

Losing My Religion ist ein alter Südstaatenausdruck, der übersetzt so viel bedeutet wie „aus der Haut fahren“ oder „die Nase voll haben„. Der Song sei nicht autobiografisch gemeint, trotz der Zeile „That’s me in the spotlight“ – „Das bin ich im Rampenlicht„. Michael Stipe sagte, er wünsche sich, er hätte etwas anderes gesungen, beispielsweise „That’s me in the kitchen“ – „Das bin ich in der Küche„, da es nichts mit ihm und dem anfänglichen Lampenfieber, das ihm in der Frühzeit der Band des Öfteren nachgesagt wurde, zu tun habe. Vielmehr solle man Losing My Religionals Kommentar zum Zustand der Welt verstehen. (Quelle: Wikipedia)

[1] Zitiert aus dem Aufsatz von Reinhard Rürup aus: Im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914. Ein Sammelband. Hrsg. v. Werner E. Mosse, unter Mitw. v. Arnold Paucker, 2. erg. A. 1998. XIV, 786 Seiten, ISBN 978-3-16-147074-5

Siehe auch: Die Linke und das “Verbrechen im Namen des Holocaust”Zerstörter GlaubeDie Kehrwoche, die nicht stattfandBeschneidung der Vernunft

22 thoughts on “Wenn deutsche Pimmelschützer die Nase voll haben

  1. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Video, das Vergleiche zur Shoa zieht, ziemlicher Bullshit ist, fällt es mir schwer in diesem Beitrag überhaupt irgendwelche vernünftigen Argumente zu finden.

    Es geht hier doch um ein ganz grundsätzliches Problem: Religion sollte die Privatangelegenheit von mündigen Menschen sein, völlig unabhängig davon in welche Familie man zufällig hineingeboren wird! Der Autor dieses Artikels tut so, als ob Religion ein Stempel ist, denn man bei der Geburt aufgedrückt bekommt und es völlig ausgeschlossen ist, dass z.B. ein Kind christlicher Eltern sein Glück im Buddhismus, oder Islam findet. WTF?!

  2. @Martin und viele andere

    ist es bei diesem Artikel nicht egal welche Position man vertritt? Er zeigt doch eigentlich nur das die Beschneidungsdebatte noch durch eine zweite Komponente angeheizt wird. Und diese sollte man nicht vergessen vor allem wenn man sich in die belange einer Religionsgemeinschaft einmischt.

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