Kampf um die “Identität” – Nazis wollen “Identitäre Bewegung”

Mit poppiger Jugendkultur mischen junge Rassisten europaweit die althergebrachte rechte Szene auf. Russische Nazi-Hools bassen gegen die Antifa, während italienische Faschisten gegen Sparpolitik flashmobben. Die völkische Rechte in Deutschland dagegen besetzt Begriffe und bleibt dennoch in ihrer Ideologie gefangen. Gerade erst übernahmen neurechte Aktivisten die Meinungsführerschaft der deutschen Variante der französischen „Identitären“, schon fährt die NPD-Jugend eine gleichlautende Kampagne.

Von Roland Sieber, Störungsmelder

Die erste identitäre Aktion in Deutschland kommt aus der Neonaziszene: Widerstand muss auch Spaß machen, meinten die „Nationalen Sozialisten Rostock“ und tanzten im August mit Masken verkleidet einige Minuten vom Kröpeliner Tor bis zum Rathaus und nannten das ganze „Hardbass gegen Demokraten“.

Tanzende Neonazis © Screenshot von YouTube
Tanzende Neonazis © Screenshot von YouTube

Diese Aktionsform russischer Neonazis breitet sich seit einem Jahr über Europa aus. Mit Parolen wie „Demokratie = Volkstod“, „NS Fetzt!“ und „Verboten Gut“, sollte in Rostock an die medienwirksamen Flashmobs der „Unsterblichen“ der im Juli verbotenen „Spreelichter“ angeknüpft werden. Mit derselben Musik und rassistischen Parolen umzingelten daraufhin im Oktober die „Identitären Wien“ den Caritas-Workshops „Tanz für Toleranz“, bevor vier Wochen später fünf Personen mit dieser Aktionsform die Eröffnungsveranstaltung der „interkulturellen Wochen“ in Frankfurt am Main störten.

Rassismus mit oder ohne „Heil Hitler“?

Bereits im September 2010 erstellte die selbsternannte „Sarrazin-Bewegung“ – eine kulturrassistische Splittergruppe, die sich auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ beruft – die Facebookseite „Identitäre Bewegung “100% Identitär – 0% xenophobisch”“ und knüpften damit an die neurechte Ideologie einer angeblichem kollektiven „Identität“ an.

Da die Neonaziszene seit Jahren versucht ihre menschenverachtende Ideologie wieder gesellschaftsfähig zu machen, wundert es nicht, dass Nazis auf den Zug aufspringen. Die „Identitäre Gruppe Frankfurt” wurde 2010 von den „Nationalen Sozialisten Rhein-Main“ und aus dem „Freien Netz Hessen“ heraus initiiert. Im März 2011 erstellte der neurechte „Block Identität“ (BI) seine Facebookpräsenz und folgte damit Blog und Twitter-Account, die bereits davor online gingen. Ende Juli desselben Jahres dann ein erstes BI-Treffen im Ruhrgebiet. Für den August letzten Jahres rief der NPD-Stadtrat und Anführer der „Nationalen Sozialisten Geithain“ (NSG), Manuel Tripp, zum Geithainer „Tag der Identität“ auf. Nach Eigenbeschreibung vertreibt er in seinem Shop „identitäre Kleidungsstücke“. Die sächsische Neonaziszene näherte sich ideologisch den „Neurechten“ an. Thorsten Thomsen, Pressesprecher der sächsischen NPD-Fraktion und Arne Schimmer, NPD-Abgeordneter im Sächsischen Landtag nahmen im Oktober an der von Götz Kubitschek und Felix Menzel organisierten neurechte Messe in Berlin teil. Schimmer soll bereits Jahre zuvor an Schulungen des neurechten „Think Tank“ – dem Institut für Staatspolitik (IfS) – teilgenommen haben.

Die Facebookseite der „Identitäre Bewegung Deutschland“ © Screenshot
Die Facebookseite der „Identitäre Bewegung Deutschland“ © Screenshot

Am 10. Oktober diesen Jahres dann, ging die Facebookseite „Identitäre Bewegung Deutschland“ als zentrale deutsche Plattform – inspiriert durch die „Generation Identitaire“ in Frankreich und der „Identitäre Bewegung Österreich“ – online und hat aktuell über 4.000 „Gefällt mir“-Angaben. Erstes Posting ist das Video der französischen Kriegserklärung der „Génération Identitaire“ gegen die vermeintliche von der 68er-Bewegung geprägte „multikulturellen Gesellschaft“ sowie gegen die angebliche „Islamisierung“ Europas. Die „identitäre“ Kriegserklärung wird vier Tage später auch in der Internetsendung des neonazistischen FSN-TV vorgestellt, noch bevor am 20. Oktober 60 aus ganz Frankreich angereiste antimuslimische Rassisten das Dach einer Moschee in Poitiers besetzen. Die Polizei beendete den Protest nach sechs Stunden und nahm drei Personen wegen Anstachelung zum Rassenhass und Sachbeschädigung fest.

Götz Kubitschek und Martin Lichtmesz, beides Aktivisten der „Konservativ-subversiven Aktion“, nehmen daraufhin am ersten Novemberwochenende am Konvent des „Bloc identitaire“ in der südfranzösischen Stadt Orange teil. Danach gab Kubitschek Handlungsempfehlungen für eine deutsche „Identitäre Bewegung“ heraus, indem er die Aktionsorientierung bekräftigte aber sich auch für eine hierarchischen Struktur aussprach. Ihm ist die Gefahr für Aktivisten als „Nazi“ abgestempelt zu werden, bewusst.

JN-Kampagne „Identität - Werde, wer Du bist“ © Screenshot von der NPD-Homepage
„Identität – Werde, wer Du bist“ © Screenshot von der NPD-Homepage

Letzteres dürfte mit ein Grund dafür sein, warum sich nach anfänglichen Richtungsstreitigkeiten die „Identitäre Bewegung Deutschland“ sich inzwischen oberflächlich von der NS-bezogenen Szene und der NPD distanziert. Dies hinderte die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) nicht daran mit Unterstützung der Mutterpartei NPD die Kampagne „Identität – Werde, wer Du bist“ ins Leben zu rufen:

„Das EIGENE bedingungslos verteidigen! Die WEISSE HAND ist unser Zeichen gegen alle, die unsere IDENTITÄT zerstören. WIR sagen: Bis hierhin und nicht weiter“.

Hier wieder das „Eigene“, das einer kollektiven „Identität“ angehören soll, dass mit dem „Wir“ betont wird. Das hier die Worte „Rasse“ und „Volk“ nur vermieden werden, um nicht sofort an die historischen Vorbilder mit ihrer „Blut-und-Boden-Ideologie“ sowie an die nationalsozialistische Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ zu erinnern, ist offensichtlich.

Während die rassistische „identitäre“ Ideologie sich im vorpolitischen und kulturellen Raum weiter ausbreitet, scheitert die organisierte deutsche Rechte dennoch an sich selbst. Die sogenannte „Identitäre Bewegung Deutschland“ mit dem gelben Lambda als Symbol, schafft zwar die strömungsübergreifende Bündelung von jungen Aktivisten aus der antimuslimischen und „Neuen“ Rechten, ist sich aber uneins darüber inwieweit Neonazis mit dazu gehören und gibt sich trotz professionellen Marketings und jugendorientierter Agitprop zu radikal völkisch-rassistisch um neue Zielgruppen zu erreichen.

Siehe auch: Völkische Deutsche okkupieren identitaire IdeologieSind die Unsterblichen schon tot?Identitär – Mehr Rassismus als BewegungDer Konvent der identitären BewegungVon tanzenden Rassisten und uniformierten MilizenNeue Rechte formatiert sich neuAlle Meldungen zur Neuen Rechten

3 thoughts on “Kampf um die “Identität” – Nazis wollen “Identitäre Bewegung”

  1. Kommt schon, gerade erst ließ sich auf Twitter ein halbwegs vorzeigbarer Konsens dazu erzielen, dass „Onlinetexte eine andere Wertigkeit haben, das weiß jeder“, weil sich offline-Tippfehler nämlich schlechter korrigieren lassen zum Beispiel, und dann stolpert man über Kommafehler gleich in Serie:

    „… bassen gegen die Antifa während italienische Faschisten gegen Sparpolitik flashmobben …“

    „eine kulturrassistische Splittergruppe die sich auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ beruft“

    könnte man wenigstens diese beiden vergessenen Kommas noch hineinquetschen?

    Anm.d.Red.:
    Vielen Dank für diesen Hinweis! Ich habe die zwei Kommas soeben noch „hineingequetscht“. Viele Grüße, Roland Sieber

  2. Die Braunen können sich neue Kostüme und Flyer basteln, ihre Grundbotschaft bleibt dennoch immer gleich primitiv und aggressiv. Sie lässt sich auf 3 Worte verkürzen: schwarze Köpfe einschlagen.

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