Die braunen Eminenzen

In Deutschland ist die rechtsextreme Szene erstarkt. Auch im Fußball besitzen rechte Hooligans in mancher Kurve noch das Gewaltmonopol und weisen neue linke Gruppen in die Schranken. Derweil kämpfen die deutschen Ultras um ihre Fankultur – die klare Abgrenzung nach rechts fällt dabei unter den Tisch.

Text: Nicole Selmer

Dieser Text erschien ursprünglich bei ballesterer.at

Wiederholte Angriffe von rechten Fans auf eine antirassistische Ultra-Gruppe in Aachen. Ein Transparent auf der Dortmunder Südtribüne, das Solidarität mit einer soeben verbotenen lokalen Neonazi-Organisation proklamiert. Rassistische Parolen und ein Hitlergruß aus dem Duisburger Fanblock. Eine 80-seitige Broschüre, die Verbindungen der Braunschweiger Fanszene zu rechtsradikalen Gruppen samt Attacken auf politische Gegner in Stadion und Stadt beschreibt. Diese Meldungen erschütterten in den vergangenen Monaten bei Fans und Funktionären die Selbstgewissheit, im deutschen Bundesliga-Fußball gehöre die Allianz aus Gewalt, offenem Rassismus und organisiertem Rechtsextremismus der Vergangenheit an – oder sei lediglich ein ostdeutsches Problem.

Die Dortmunder Desperados erklären den Bremer Fans die Regeln von Fußballgewalt.Foto: schwatzgelb.de
Die Dortmunder Desperados erklären den Bremer Fans die Regeln von Fußballgewalt.
Foto: schwatzgelb.de

Rechte Offensive
„Es war ein Irrtum, zu glauben, dass der Rechtsextremismus dank besserer Überwachung aus den Stadien verschwunden sei. Es hat immer wieder Vorfälle gegeben“, sagt Patrick Gorschlüter, Sprecher des „Bündnisses aktiver Fußballfans“ (BAFF), das sich seit 1993 gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball engagiert. „In den letzten ein, zwei Jahren sind die Rechten allerdings deutlich offensiver geworden.“ Auch der Politikwissenschaftler und Fanforscher Jonas Gabler spricht von einem gefühlten Rollback. In den Jahren zuvor habe es eine andere Tendenz gegeben, sagt er. Ultras, die sich als unpolitisch verstehen, hätten rassistische Gesänge auf den Tribünen unterbunden, andere Ultra-Gruppen sogar auf Transparenten klar Stellung gegen Diskriminierung bezogen.

Angst in Aachen
Hinter der rechten Präsenz im Stadion und dem Umgang damit steht ein Gewaltproblem. Das Einschreiten gegen rassistische Parolen oder die Anwesenheit von organisierten Rechten unterbleibt auch aus schlichter Angst. Denn das Gewaltmonopol der Kurve liegt häufig nicht bei den Ultras, sondern bei den braunen Eminenzen: den Hooligans der 1980er Jahre. Rechte Gruppen wie die „Borussenfront“, die „Division Duisburg“ und die „Standarte Bremen“ melden sich nur scheinbar zurück. In Wirklichkeit sind sie nie ganz weg gewesen. Stadionverbote oder ein bürgerliches Leben mögen Althooligans vom regelmäßigen Stadionbesuch abhalten, für besondere Anlässe lassen sie sich dennoch weiter mobilisieren.

Im Dortmunder Westfalenstadion sind Kleidung und Utensilien mit dem Aufdruck „Borussenfront“ seit dieser Saison verboten. Aber es gibt längst Nachwuchs: Die „Northside“, die ebenso wie die Ultras der „Desperados“ nach Meinung von Polizei und Szenekennern enge Verbindungen in die lokale rechte Szene hat. Die bei „The Unity“ organisierten Dortmunder Ultras mögen zahlenmäßig überlegen sein, kräftemäßig sind sie es nicht. Hinzu kommt: Die aktuell vielerort schwelenden Konflikte werden meist nicht im Stadion ausgetragen. Es ist zu Angriffen auf der Straße, in Fanprojekträumen und zu sogenannten Hausbesuchen gekommen. „Die Gewalt, auch die zwischen Fans, hat sich bis in die nichtöffentlichen Räume verlagert“, sagt Gabler. „Das macht es für die Betroffenen viel brisanter.“

Die größte Dramatik haben die Konflikte in Aachen erreicht, wo die Ultras der „Karlsbande“ gemeinsam mit Hooligans – etwa vom „Westwall“ – die antirassistischen „Aachen Ultras“ bedrohen. Aktuell boykottiert die „Karlsbande“ das Stadion, dort ist es für die „Aachen Ultras“ friedlich. Im Rest der Stadt nicht, Anzeigen bei der Polizei bleiben dennoch oft aus. Patrick Gorschlüter sagt: „Es gibt das szenetypische Misstrauen gegenüber der Polizei, aber auch die Angst, dass durch eine Anzeige Namen und Adressen in Umlauf kommen und die Gefahr noch weiter wächst.“ In Aachen scheint die Situation vollends verfahren. Der Großteil des Publikums samt Präsidium hat andere Sorgen als den Schutz der Ultras in Stadt und Stadion, der Verein hat im November Insolvenz angemeldet.

Neue Linke
Auch wenn das Beispiel Aachen in seiner Schärfe einzigartig ist, die Dynamik ist es nicht: Die deutsche Ultra-Szene hat sich nach den ersten zehn Jahren des Bestehens vieler großer Gruppen ausdifferenziert. Dabei ist es nicht nur in Aachen, sondern auch in Städten wie Braunschweig, Duisburg, Fürth, Köln und Münster zu Spaltungen gekommen. Prozesse, die nicht nur, aber teils auch politische Hintergründe haben. „Es sind Gruppen entstanden, die sich stärker politisch und nicht nur fanpolitisch engagieren“, sagt BAFF-Sprecher Gorschlüter. Das Engagement kann ein antirassistisches Bekenntnis im Stadion sein oder Veranstaltungen zu Themen wie Antiziganismus und Homophobie.

Derartige Positionierungen sorgen nicht nur schnell für Reaktionen rechter Platzhirsche, sondern sind für die Gruppen auch eine interne Gratwanderung, wie man in Duisburg zu Beginn der Saison beobachten konnte. Dort sind Ultras der „Kohorte“ seit Längerem im Arbeitskreis „Ultras gegen Rassismus“ aktiv. Im Interview mit Blickfang Ultra berichtete ein Mitglied der Gruppe, dass man sich uneins gewesen sei, ob ein antirassistisches Statement auch in die Kurve getragen werden sollte oder ein kurvenübergreifender Support wichtiger ist, der nicht nach politischen Standpunkten fragt. Die gruppeninterne Debatte zog auch außerhalb Kreise. Ein langjähriger Duisburg-Fan, der anonym bleiben will, sagt: „Nach diesen Diskussionen hatte der politisch rechte Teil der Fans wohl Sorge um den Ruf des MSV Duisburg und das Standing in der Kurve. Sie haben gedacht, sie müssten sich mal wieder deutlicher positionieren.“ Der Höhepunkt war der Auftritt beim DFB-Pokalspiel in Halle: Althooligans zeigten Hitlergrüße, pöbelten gegen die „Kohorte“ und riefen antisemitische Parolen. „Das ist nach hinten losgegangen, auch die Normalo-Fans haben sich an diesen Aktionen gestört“, sagt der MSV-Fan. In „Zick, zack, Zigeunerpack“-Rufe fallen bei Weitem nicht alle ein, das offensive Unterbinden durch die Fans würde den kurveninternen Frieden jedoch stören.

Radikalisierung unter Druck
So wie in Duisburg ist beim Thema Politik fast jede Fankurve sorgfältig austariert, kaum eine Veränderung bleibt ohne Reaktion. Zusätzlich stehen die Gruppen unter Druck von außen. Politiker haben den Fußball als Abenteuerspielplatz für immer neue restriktive Forderungen entdeckt, das Verhältnis zwischen Fangruppen und Verbänden ist am Gefrierpunkt. Und das hat Folgen, sagt Jonas Gabler: „Die Selbstreflexion der Ultras über das eigene Gewaltverständnis hat umso mehr abgenommen, je stärker die öffentliche Debatte um Fangewalt geführt worden ist.“ Nicht massive Gewalttaten oder Rechtsextremismus stehen im Fokus dieser Debatte, sondern Platzstürme und Pyrotechnik. „Das hat zu einer Radikalisierung geführt“, sagt Gabler. „Es hat diejenigen gestärkt, die sagen: ‚Wir können machen, was wir wollen, wir werden ohnehin abgestempelt.‘“

Die aktuellen Proteste gegen die geplanten Sicherheitsmaßnahmen der Deutschen Fußball Liga sind auf den szeneübergreifenden Zusammenhalt angewiesen. An den letzten Spieltagen des Jahres wird in den Stadien zu Beginn für zwölf Minuten geschwiegen. Ein derartiger Massenprotest scheint ohne eine Allianz mit nach rechts offenen Gruppen nicht umsetzbar. Nach außen dringen diese Differenzen nur selten, etwa in einem knappen Statement von „Ultra Sankt Pauli“: „Obgleich wir so unsere Problemchen mit einigen Gruppen und Akteuren haben, möchten wir dem Protest daher nicht im Weg stehen, indem wir die gewollte Stille zerstören.“ Offen verhandelt werden diese Problemchen nicht, schließlich geht es um die großen Probleme: die Zukunft der deutschen Fankultur.

Die Fankultur wird durch die Bindungskraft von Verein, Stadt oder Gruppe zusammengehalten. Auch über große politische Differenzen hinweg kann man sich als „Wir Borussen, Alemannen, Eintrachtler“ miteinander arrangieren. Dieses Wir-Gefühl ist eine der größten Stärken der Fankultur – und eine ihrer größten Schwächen. BAFF-Sprecher Gorschlüter sagt: „Eine Fangruppe, die sagt: ‚Wir akzeptieren jeden‘, kommt erst einmal besser an als eine, die Woche für Woche gegen etwas protestiert und sagt ‚Wir sind Ultras und haben keinen Bock auf Nazis.‘“

Der Artikel ist in der aktuellen Printausgabe des österreichischen Fußballmagazins ballesterer (Nr. 78, Januar/Februar 2013) erschienen. Dort ist auch ein Beitrag zum Angriff auf Tottenham-Fans in Rom zu lesen. Erhältlich u.a. im deutschen Bahnhofsbuchhandel.

Siehe auch: BraunschweigenSicherheit nur für Nazi-Hools,  Das unpolitische Wir der Fanszene, Nur Maulwürfe können den Fußball unterwandernKurzer Prozess in Bremen

5 thoughts on “Die braunen Eminenzen

  1. Also erstmal danke für den Artikel

    Ein Detail möchte ich korrigieren.
    „Denn das Gewaltmonopol der Kurve liegt häufig nicht bei den Ultras, sondern bei den braunen Eminenzen“ Also von einem Monopol würde ich nicht sprechen. Das dramatisiert die Lage und wird denen ungerecht, die sich auch wie gewünscht nicht nur durch Schweigen bei solchen Gesängen zur Wehr setzen. Eine freundliche Reaktion wird der oder diejenige nicht bekommen, auch wenn dies mit freundlichem Tonfall geäußert wird. Lasst doch bitte diese „Zick Zack Zigeunerpack Rufe“. Jedoch ist die Frage, ob es wie sie in ihrem Artikel „Braunschweigen“ beschrieben haben eine Hegemonie der braunen Emminenzen gibt. Da gibt es leider einige Beispiele.

    Nun möchte ich noch auf die Inhalte eingehen:

    Was unpolitisch in der Praxis bedeutet ist ein uraltes Problem und eine never ending story.

    Da gibt es unterschiedlichste Interpretationsweisen.

    Das geht von Karlsbande, die sagen sie würden keine Mitglieder aufnehmen, die politisch aktiv sind und sich dann noch auf die Extremismus-Dokrin von Christina Schröder berufen. Als Ultras, die wie das Wort schon sagt, extrem sind sich gegen jegliche Art des Extremismus auszusprechen ist ja schon absurd!

    Es gibt auch unpolitische Gruppen die Nazis aus dem Stadion geprügelt haben. Als Beispiel hier Hansa Rostock, die 25 NPDler aus dem Stadion geschmissen haben. Es gibt aber durchaus auch mehr Beispiele. Dynamo Dresden fällt mir gerade ein. Die Ultras Dynamo haben auch Faust des Ostens ein Stadionverbot und Discoverbot für die Stadt erteilt, was auch einen politischen Hintergrund hatte.

    Übrigens würde mich interessieren an was Jonas Gabler diesen Rollback fest macht. An einzelnen Vorfällen, an konkreten Forschungsergebnis oder einfach einem Bauchgefühl?

    Seine Befürchtungen teile ich übrigens nicht. Die Hegemonie der Hooligans gab es auch schon vor Entstehen der Ultras und sie haben dennoch einen Weg gefunden sich dagegen durchzusetzen. Da gab es auch teilweise Probleme, die mit Politik wenig bis gar nichts zu tun hatten. Von daher wäre ich da auch optimistisch was dieses Thema anbelangt.

    Was jedoch bekannt ist, dass Faschisten immer wieder versucht haben die Ängste der Menschen auszunutzen und mit vorhandenen Feindbildern zu arbeiten. Das ist eben der kritische Punkt auch bei der aktuellen Debatte um das Sicherheitspapier und Repression.

    Hier gab es auch positive Ansätze. Zum Beispiel haben Autonome Nationalisten versucht diese V-Mann Anwerbung in Nürnberg zu nutzen.
    Auf FNS Seiten waren entsprechende Artikel publiziert.
    UN haben jedoch im Ya Basta klar geschrieben, dass sie diese Solidarität ablehnen und klar die Motive in Frage gestellt.

    Sie sprechen von einer Ausdifferenzierung in Deutschland. Hier lohnt ein Blick nach Italien, weil sich eben viele deutschen Ultras sehr an ihrem Vorbild in Italien richten.

    Die Ultras in Italien haben sich orientiert an den Kämpfen der linken ArbeiterInnen und StundentInnenbewegung in Italien. Also war deren Ausgangspunkt ein ganz anderer als bei uns.
    Jedoch gab es in Italien in den Kurven viel Streit um Politik und das ist, da sind wir uns denke ich einig, oftmals mal auch nicht bei Spaghetti und Rotwein besprochen worden. Auch ohne, dass es dabei zu einem gewaltigen Medienecho kam wie in Aachen.

    Das Auftreten der Ultras wurde auch von Faschisten ausgenutzt und sie haben mit Ultragruppen eine Querfront erfolgreich aufgebaut, die auch Standbein für ihren politischen Kampf wurde. Diesen Gedanken jetzt auszuführen würde zu lange dauern. Jedoch denke ich, dass auch bei der Betrachtung eine detaillierte Analyse sich lohnt.
    Festzustellen war hier sogar das ehemals linke Gruppen wie SBN74, benannt nach den Attentätern von München 72, später rechts wurden. Auch beim AS Roma hat sich diese Entwicklung vollzogen. Weitere Beispiele dazu gibt es.

    Da Ultras anders als bei vielen Szenen in Deutschland stark in ihrer Stadt verwurzelt sind haben Städte mit linken Einflüssen auch Kurven mit linker Hegemonie.

    In Italien gab und gibt es auch unter linken Gruppen entsprechende communicati, die andere Linke Gruppen scharf kritiserten. Das würde ich nicht als solidarische Kritik bezeichnen. Auch gab es teilweise heftige Auseinandersetzungen untereinander.

    Die Ultras no politica – Das Statement der Ultras Tito ist ja auch was ganz anderes als bei uns z.B. Aachen. Die sagen eben Ultras ist uns wichtiger als Politik. In der Praxis bedeutet dies, dass sie gleichzeitig eine Freundschaft zu den faschistischen Ultras von Hellas Verona pflegen wie zu den linken Commando Ultras Marseille. Auf diesen Slogan berufen sich ja einige Szenen.

    Oder die Definition von Pisa: In unserem Stadion wird keine andere Farben und Fahnen zu sehen sein als die des Vereins und der Stadt schrieben sie in einem communicati. Jedoch haben die sconvolts Ché Guevara als Symbol und das wird auch toleriert. 1990 haben sie afrikanische Fans ins Stadion eingeladen als Zeichen gegen Rassismus.
    Also ein linksoffener unpolitischer Standpunkt.

    Ja und was wirklich nicht von der Hand zu weisen ist, dass das Thema Politik wesentlich beim Niedergang der italienischen Ultras eine Rolle spielte.

    Ein anderes Thema ist, wenn Gruppen sich als unpolitisch bezeichnen jedoch rechte Personen in der Fanszene oder gar in der Gruppe akzeptieren (müssen).

    Ja und dieses Thema unpolitisch würde ich jetzt nicht nur an dem wie stehen Ultras zu faschistischen Tendenzen festmachen.

    Hier kann ich nur ein Beispiel sagen: Stuttgart 21. Ein Thema, das die Stadt gespalten hat und natürlich gab es auch innerhalb der Fanszene differenzierte Meinungen. Bei Stuttgart 21 Demos sind sich dann auch noch Anhänger unterschiedlicher Vereine (VfB und Kickers) begegnet. Nach dem 11. September haben beim Spiel VfB-SGE übrigens Ultras aus Frankfurt und Stuttgart den Polizeieinsatz mit Transparenten kritisiert. Das ist spannend und ist bisher ohne großes Aufsehen über die Bühne gegangen.

    Ja oder wie reagieren die Bochumer Ultras auf die Schließung des Opel-Werks. Wird es ähnliche Aktionen geben wie die der Ultras Nürnberg, die den Kampf der AEG ArbeiterInnen unterstützten?

    Für mich stellt sich die Frage nicht nur was das Thema Faschismus anbelangt sondern auch darüber hinaus wie sich die Ultras entwickeln zum Thema Politik. Auch Homophobie und Sexismus seien hier genannt. Das spricht gerade auch kaum jemand darüber.

    Momentan sehe ich es auch so, dass dies ein laufender Prozess ist zu dem unheimlich viele Faktoren mitspielen. Da gibt es keine einfachen Antworten. Auch was das Thema Proteste gegen DFB/DFL anbelangt hat sich in den letzten Monaten teilweise stündlich die Situation geändert und da über solche Sachverhalte zu diskutieren hat einfach auch die Zeit nicht erlaubt.

    Aber ich denke, dass ein wirklich ganz großer Teil der Ultras in D wirklich wichtig ist, dass sie keinen Bock darauf haben von Nazis instrumentalisiert zu werden. Auch wenn sie sich mit ihrem Statement selbst der Lächerlichkeit preisgegeben haben dennoch positionieren sich die KBU zumindest auf dem Papier gegen Rechtsextremismus. Im BFU haben sich übrigens auch die Chemnitzer Ultras geäußert, dass ihnen das bei ihrer Jugendgruppe nicht gefallen hat und es daher zu einer Trennung kam. Wie das dann in der Praxis aussieht ist natürlich ein anderes Thema. Aber ich denke sich hier ein Urteil zu erlauben wäre einfach nicht in Ordnung. Denn Sie und ich wir sind da einfach nicht drin in der Fanszene und wissen zu wenig was sich da abspielt bzw. was sich abgespielt hat. Dieses bedeutet jedoch nicht es unterlassen zu sagen: Hausbesuche und Kooperation mit Personen, die Fußball nur für Verbreitung ihrer Menschenverachtenden Politik verwenden, abzulehnen halte ich für Eminent Wichtig auch im Sinne der Entwicklung der Ultras.

    Solche erzwungene(?) oder ehrliche Statements gibt es meines Wissens trotz der öffentlichen Diskussion über deren Naziproblem nicht vom Inferno Cottbus, den Desperados,etc. Da einen Überblick zu haben wäre interessant. Denn das ist für mich noch einmal eine weitere Stufe. Dieser Zitat „wir akzeptieren jeden“ ist da aus meiner Sicht zu undifferenziert.

    Ja und hier möchte ich wirklich auch mal zum Thema linke Ultragruppen in D was schreiben. Mich nervt es teilweise richtig wie realitäts- und praxisfern da teilweise argumentiert wird und meistens gibt es auch nur Kritik und nicht auch mal anerkennende Worte. Ein in Italien noch viel höher angesehener Wert der Respekt unter den Ultras auch zwischen Gruppen fehlt mir. Hier sehe ich auch Unterschiede zwischen linken Gruppen, die Kontakte nach Italien pflegen und welchen die dies nicht tun.

    Der hier in dem Text und in dem anderen Texten legalistische Unterton mit Hilfe des Staates oder der Verbände und Vereine gegen rechte Tendenzen vorzugehen ist aus meiner Sicht falsch.
    (Ich hatte bereits eine Diskussion darüber mit ihrem Kollegen Andrej Reisin. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir eben unterschiedliche Standpunkte haben.)
    Dies zeigt ja auch die dargestellte Erkenntnis, dass es noch etliche Beispiele gibt in denen eine rechte Hegemonie herrscht. Selbst in Italien in denen der Staat heftig zugeschlagen hat wurde letztendlich faschistische Gruppen eher gestärkt. Also ist der Staat eher gefragt die Bekämpfung aktiver Gegenwehr nicht zu kriminalisieren. Aber das ist ja leider Wunschdenken. Hierzu verweise ich auf ein Communicati der Ultras aus Livorno:
    Sie kritisieren die Stadionverbote für die Hellas Verona-Fans und auch Leute aus Livorno, die das begrüsst haben. Sie sind der Meinung, dass obwohl die Veronesi Faschisten sind Stadionverbote abgelehnt werden, denn diese Art und Weise wie der Staat hier vorgeht könnte genau so sie treffen. Sie stellen viel mehr dar wie sie den Faschismus bekämpfen wollen und, dass sie mit diesen paar Idioten auch so fertig werden. Übersetzungsversuch der Kernaussage:
    „Der Faschimus wird bekämpft durch eine Gegenkultur und Vermittlung der Werte des Widerstands. Dies geschieht auf der Straße und mit Überzeugung, wenn nötig auch auf militante Art und Weise.“
    http://senzasoste.it/tifo/daspo-cori-e-dissenso-il-documento-della-curva-nord

    Menschen die irgendwo in einer kleinen Kurve sich abgesondert haben und sich auch schwer tun außerhalb der linken Szene sich in ihrer Stadt zu verwurzeln schreiben Statements und erklären die Welt und stellen pauschal alle die an der 12:12 beteiligt sind unter den Generalverdacht „rechtsoffene“ Gruppen zu sein oder mit solchen zusammen zu arbeiten. Es wird teilweise wirklich als anmaßend empfunden vor allem von Menschen oder Gruppen, die mit diesen als rechtsoffen bezeichneten Gruppen punktuell zusammenarbeiten oder selbst als rechtsoffen bezeichnet werden, bei denen es auch Menschen gibt, die Konflikte teilweise auch non verbal hatten mit Faschisten.

    Das ist aus meiner Sicht problematisch und es besteht die Gefahr unglaubwürdig zu wirken und dem eigenen Anliegen zu schaden. Dies sage ich auch in dieser Deutlichkeit, dass das Statement des Filmstadtinferno und ihr Verhalten im Spiel gegen Chemnitz da für mich definitiv dazu gehört.
    http://ultras-babelsberg.de/wordpress/?p=1676

    Es lohnt sich denke ich auch mal das eigene Verhalten zu reflektieren und nicht nur gegenüber Anderen zu schreiben.

    Ja und ich finde es auch angebracht auch mal wirklich zu überdenken aus welchem Standpunkt die Kritik kommt. Ist das ein Standpunkt der Stärke oder der einer linken Theoriegruppe?

    Es gibt leider keine einzige linke Ultragruppe in D, die auch nur annähernd so viel Respekt von anderen Ultras bekommt wie es die BAL oder andere linke Ultras in Italien erreicht haben. Diesen Respekt zu erarbeiten gehört viel dazu. Verrückte communicati, Kämpfe im Stadion und in der Stadt, ein eigener Stil in der Kurve, Gesänge, Choreo, Pyro, Verwurzelung in der Stadt und deren Subkulturen, Zusammenhalt und Stärke im Kampf gegen Repression und so weiter.

    Momentan sehe ich in diesem von ihnen beschriebenen Prozess der Ausdifferenzierung leider auch einen Bestandteil, dass linke Gruppen dabei sind diesen Respekt zu verspielen indem sie gebetsmühlenartig auf Mißstände Anderer hinweisen. Wäre es nicht besser mehr die eigene Stärke und die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen. Auch in der kritischen Situation sich einfach Fragen zu stellen wie: Was erreiche ich damit und wen erreiche ich damit? Wie kann ich mein Anliegen am besten erreichen? Ist das jetzt ein Statement für meine Szene? Wie denken andere darüber wenn das im Internet überall zu lesen ist?

    Ich denke dieser Prozess der Ausdifferenzierung sollten sich wirklich alle Gruppen aus den Fehlern und Erfolgen in Italien lernen und die Situation ordentlich analysieren. Alles andere wäre wie sehenden Auges ins Unglück zu rennen.

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