Kampagne gegen Fischfilets: Nazis als Kämpfer gegen „Extremismus“


Nachdem der Inlandsgeheimdienst in Mecklenburg-Vorpommern die antifaschistische Band Feine Sahne Fischfilet (FSF) als Linksextremisten ausführlich in seinem Jahresbericht aufgeführt hat, greifen Neonazis diese Vorlage nun dankbar auf und versuchen sich selbst als Hüter der Verfassung aufzuspielen.

Von Patrick Gensing

Via Facebook haben Neonazis dazu aufgerufen, bei Elektronikmärkten anzurufen oder unauffällig gekleidet vorbeizugehen und darauf hinzuweisen, dass die Band Feine Sahne Fischfilet (FSF) im Verfassungsschutzbericht geführt werde – also irgendwie „extremistisch“ sei – und daher die CDs aus dem Sortiment genommen werden sollten.

Inwieweit dieser Aufruf erfolgreich ist, lässt sich bislang nicht eindeutig beurteilen; nach Angaben der Vertriebsfirma von FSF gab es wohl tatsächlich bei einem bekannten Elektromarkt in mehreren Filialen anonyme Beschwerden wegen der Band, verbunden mit der Forderung, die CD aus dem Angebot zu nehmen.

Die Neonazi-Seite Greifswald.info greift den VS-Bericht dankbar auf.
Die Neonazi-Seite Greifswald.info greift den VS-Bericht dankbar auf.

Nicht nur deswegen will die Band rechtlich gegen den Eintrag im Verfassungsschutzbericht vorgehen. Bislang lehnt der Geheimdienst ein Einlenken ab, trotz der dürftigen Faktenlage, die man zu bieten hat. Wegen der öffentlichen Kritik, sogar der ORF berichtete mittlerweile, an dem FSF-Eintrag erhob der Verfassungsschutz neue Vorwürfe gegen die Band. Angeblich seien alle (!) Musiker der Gruppe der Polizei und dem Verfassungsschutz als Linksextremisten und teilweise wegen politisch motivierter Gewalttaten bekannt, teilte das Innenministerium mit. Eine erstaunliche Aussage, immerhin wusste man im Verfassungsschutzbericht noch nicht einmal genau, ob die Band aus fünf oder sechs Leuten besteht. Zudem geht es genau um die Frage, inwieweit Antifaschisten in Mecklenburg-Vorpommern automatisch auch Linksextremisten sein sollen – da überzeugt die Behauptung, die Band sei extremistisch weil angeblich alle Mitglieder extremistisch seien, herzlich wenig.

Feine Sahne Fischfilet
Feine Sahne Fischfilet. Das Innenministerium meint: „Alle derzeitigen Bandmitglieder sind der Polizei und dem Verfassungsschutz als Linksextremisten und teilweise wegen politisch motivierter Gewaltaten bekannt.“

Publikative.org konfrontierte die Filets mit den angeblichen politischen Gewalttaten. Die Band sprach von einem weiteren Witz. Sänger Monchi sagte, ein Bandmitglied sei vor mehreren Jahren verurteilt worden – zu einer Jugendstrafe. Die Sache habe aber nichts mit Politik zu tun gehabt, sondern mit Fußball. Zudem habe es zwei Vergehen gegeben, einmal wegen Beamtenbeleidigung und ein weiteres Delikt, das weder mit Gewalt noch Politik zu tun hatte. Außerdem habe es Anzeigen von Neonazis gegen Bandmitglieder gegeben, die Verfahren wurden aber allesamt eingestellt.

Und was sagt der Verfassungsschutz dazu? Nach Angaben der Norddeutschen Neuesten Nachrichten fragte die Linkspartei im Innenausschuss nach, welche politischen Gewalttaten denn konkret gemeint seien. Vertreter des Verfassungsschutzes hätten aber auch auf Nachfrage nicht sagen können, um welche politischen Gewalttaten es sich konkret handele, so Peter Ritter von der Linksfraktion. Der Verfassungsschutz habe sich über die Landesgrenzen hinweg lächerlich gemacht.

Wenn das Innenministerium also behauptet, die Bandmitglieder seien wegen politischer Gewalttaten bekannt – und der Verfassungsschutz kann dies angeblich gar nicht belegen, grenzt dies offenbar schon an übler Nachrede.

NPD-Anfrage im Landtag zu FSF

Auch die NPD will derweil von der ausführlichen Verfassungsschutz-Vorlage gegen die verhasste Band Feine Sahne Fischfilet profitieren. Der Landtagsabgeordnete David Petereit, im Zusammenhang mit dem NSU bekannt aus Funk und Internet, stellte eine Anfrage im Parlament und wollte Informationen zur FSF-Releaseparty im Herbst.

Für die NPD im Landtag: David Petereit. Hier mit Eisenstange in Rostock. (Quelle: Linkslang)
Für die NPD im Landtag: David Petereit. Hier mit Eisenstange in Rostock. (Quelle: Linkslang)
Badges aus dem Shop von David Petereit: 88 (Szene-Code für Heil Hitler) Cent für einen Anstecker mit der 18 (= Adolf Hitler). Dazu eine Handgranate - ebenfalls mit der 88 verziert.
Badges aus dem Shop von David Petereit: 88 (Szene-Code für Heil Hitler) Cent für einen Anstecker mit der 18 (= Adolf Hitler). Dazu eine Handgranate – ebenfalls mit der 88 verziert.

Titel der Anfrage: „Extremistische Straftaten am 3. November 2012 in Demmin“ Der Inhalt ist indes spektakulär unspektakulär. Petereit wollte wissen, ob es sich bei dem Konzert um eine „kommerzielle Veranstaltung“ gehandelt habe. Die wenig überraschende Antwort der Landesregierung: Es wurde Eintritt verlangt. Für ein Konzert nicht ganz unüblich. Petereit wollte wissen:

Wurden im Verlauf der Veranstaltung Straftaten festgestellt (bitte einzeln auflisten)? Wenn ja, welche Maßnahmen wurden ergriffen (bitte einzeln auflisten)?

Die Antwort: Nein. Und so geht es immer weiter – hier alle Fragen und Antworten.

Zwar muten solche Dinge zum Lachen an, doch ist die ganze Geschichte eigentlich kaum lustig. Der Verfassungsschutz bläst das Schreckgespenst Linksextremismus auf, während in dem Bundesland seit 20 Jahren schlagkräftige Nazi-Strukturen aktiv sind – und die Nazis greifen diese Vorlage dankbar auf, um die Leute, die sich in Mecklenburg-Vorpommern gegen Neonazis engagieren, mit einer weiteren Kampagne zu überziehen.

NSU-Unterstützer feiern offenbar in Anklam

Ebenfalls gelegen dürfte es der braunen Szene an der Waterkant kommen, dass die meisten Medien in dem Bundesland weitestgehend schlafen, was mögliche NSU-Verbindungen nach Mecklenburg-Vorpommern angehen. Einmal mehr ist es der Nordkurier, der die Spuren des NSU nach Mecklenburg-Vorpommern auszuleuchten versucht – und dabei interessante Rechercheergebnisse veröffentlicht.

Linktipp: Rechtsextreme Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern — vom Landtag bis zu Blood & Honour

 

So berichtet das Blatt beispielsweise über die 15-jährige Jubiläumsfeier des „Kameradschaftsbundes Anklam“ im Mai 2011, an der mutmaßliche NSU-Unterstützer aus Sachsen teilgenommen haben sollen. Der Nordkurier schreibt:

Geladen waren, mit persönlichen Anschreiben, die Größen der deutschsprachigen Neonazis. Neben der Prominenz aus der Musikszene, den Händlern, Verlegern und Konzertveranstaltern, fanden sich unter den Gästen auch die Gebrüder André und Maik E., sowie Jens H. aus Lingen. Die Brüder E. stehen im Verdacht, direkte Unterstützer des NSU-Trios zu sein. André E. saß deshalb bereits mehrere Monate in U-Haft. Jens H. war an der Produktion der CD „Adolf Hitler lebt“ beteiligt, die den „Dönerkiller Song“ der Bänkel-Truppe um Sänger Daniel G. enthält. Der Song war eine direkte Anspielung auf die von vielen Medien als „Dönerkiller“ titulierten NSU-Mörder. G. soll auch mit seiner anderen Band „Stahlgewitter“ bei der Anklamer Jubiläumsfeier aufgetreten sein.

Von diesem Treffen ist im Verfassungsschutzbericht 2011 zu lesen: nichts.

Siehe auch: Punk & PR: Fischfilets meet VerfassungsschutzKomplett im Visier des Verfassungsschutzes

9 thoughts on “Kampagne gegen Fischfilets: Nazis als Kämpfer gegen „Extremismus“

  1. Eine bessere Werbung kann sich die Band gar nicht wünschen. Schon die Erwähnung im VS-Bericht hat sie bundesweit bekannt gemacht und diese Nazi-Kampagne direkt zum Start des neuen Albums? Perfekt!

  2. Liebe Antifa,

    ich macht doch nichts anderes mit den Nazis oder wen ihr als Nazis „Outet“(z.B. Freiwild) also heult jetzt nicht rum ihr Heuchler.

  3. Hier muss ich Peter Heinal zustimmen:
    Für eine linke Band gibt’s doch kaum bessere Werbung, als von Nazis und Verfassungsschützern gehasst zu werden ^^ Und welcher Linke kauft denn seine Platten heute noch im Media Markt oder Saturn?

    Ich würde gerne sehen, wie sich die Verkaufszahlen seit dem VS-Bericht verändert haben ^^

    Aber ungeachtet dessen – ich gönne der Band den Erfolg natürlich – ist das Verhalten des Staatsschutzen natürlich absolut unter jeder Würde. Oder einfach nur: Lächerlich. Es enthüllt aber wunderbar, wie gefährlich Geheimdienste sind, wenn alleine die Beobachtung durch diese schon massive gesellschaftliche Probleme für die Beobachteten hat (wie man ja auch bei der LINKEN sieht: In CDU-geführten Bundesländern nutzen die CDU-Innenminister den Verfassungsschutz gezielt als Wahlkampfmethode, indem sie die LINKE per direkter Weisung beobachten lassen und diese Beobachtung dann als Beweis für verwerfliches Verhalten nutzen… diese weisungsgebundenheit des Verfassungsschutzes ist da schon echt praktisch ^^)

    Apropos Weisungsgebundenheit:
    Überrascht es in diesem Fall irgendwen, dass mit Lorenz Caffier MeckPomm natürlich aktuell einen CDUler als Innenminister hat, der nichts gegen diese Unrechts-Beobachtung unternimmt (obwohl er zweiffellos könnte…)?

  4. Also ich finde der Verfassungsschutz sollte wegen falscher Behauptungen bzw. übler Nachrede strafrechtlich verfolgt werden können und zur Verantwortung gezogen werden können.

    Momentan können die machen was die wollen und gehen auch noch Straffrei aus!!! Schweinerei.

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