Kollision mit Leitplanken

Die Vereine der ersten und zweiten Bundesliga haben das von der DFL vorgeschlagene – und nach zahlreichen Einsprüchen von Vereinen und Fanorganisationen sowie Kritik durch Medien und Fananwälte e.V. – revidierte Konzeptpapier für ein „sicheres Stadionerlebnis“ verabschiedet. An den vergangenen drei Spieltagen hatten Fans vereinsübergreifend durch einen 12:12-Schweigeboykott gegen das Konzept protestiert.

Von Nicole Selmer

Ein LKW ist durch die doppelte Mittelleitplanke der A24 auf die Gegenfahrbahn geraten.
Foto: Wusel07 (GNU-Lizenz für freie Dokumentation)

„Wir haben uns von den Fans nicht entfernt, es scheint nur in der Kommunikation etwas schiefgelaufen zu sein“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, nach der Sitzung des Ligaverbandes. Diese Analyse steht sinnbildlich für alles, was derzeit im Verhältnis zwischen den Verbänden DFB/DFL und den Fanszenen im Argen liegt. In der Tat führt dieser Beschluss nicht zu einer größeren Entfernung zwischen den Akteuren. Er führt vielmehr dazu, dass die Hardliner in Verbänden und Vereinen, in Innenpolitik und Polizei auf der einen und die in den Fanszenen auf der anderen ungebremst aufeinander zu rennen. Eine Kollision mit Kollateralschäden ist abzusehen und da hilft es auch nicht, dass DFB und DFL in ihren Verlautbarungen unisono von „Leitplanken“ sprechen, die mit den nun gefassten Beschlüssen errichtet seien.

Dabei geht es nicht so sehr darum, dass das verabschiedete Konzept in allen Punkten zu kritisieren ist. Die mit den vorgeschlagenen Veränderungen verbundenen lokalen Diskussionsprozesse, die transparente Dokumentation der Anträge auf der DFL-Website und eine nach allen Seiten kritische Berichterstattung in den Medien waren positive Signale der letzten Wochen. Im Mittelpunkt der Kritik standen dabei vielfach Innenpolitiker, die sich mit teilweise abenteuerlichen Behauptungen und Forderungen Gehör verschaffen wollen und so die Fußballfunktionäre unter Druck gesetzt haben. Es war Fangruppierungen, den Fananwälten und der Presse vorbehalten, die Zahlen der ZIS zu hinterfragen und die Wahrung von Bürgerrechten einzuklagen. DFB und DFL haben dem Druck nichts entgegen können. Wie Michael Horeni in der FAZ schreibt, gibt es dort niemanden, „der in der Gewaltdebatte kompetent und glaubwürdig gegenüber Politik und Fans auftreten kann.“  Das ist eine der betrüblichsten Erkenntnisse der letzten Wochen, denn wer glaubt, der politische Druck werde geringer werden, vergisst, dass jedes Jahr irgendwo gewählt wird.

Von dem Beginn der aktuellen Debatte im Sommer diesen Jahres bis jetzt ist es exakt einem Profiverein gelungen, mit seinen Handlungen und seinen – ausführlichen und überlegten – Äußerungen kompetent und glaubwürdig aufzutreten. Nach dem Ligatreffen erklärte Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin: „Es gibt keinerlei Veranlassung, sich einem wodurch auch immer motivierten politischen Druck zu beugen und zum jetzigen Zeitpunkt symbolisch eine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, die überhaupt nie infrage stand.“ Der Verein lehnte, ebenso wie der FC St. Pauli, alle Anträge ab. „Die“ Fans, die nicht nur aus gewaltbereiten Pyromanen bestehen, haben wahrgenommen, wie sich Union Berlin positioniert hat. Von „der“ Politik, die nicht nur aus bürgerrechtsgefährdenden Populisten besteht, bleibt zu hoffen, dass sie in den kommenden Wochen und Monaten ihre Hardliner in die Schranken weist. Ob die „Leitplanken“ dafür ein geeignetes Mittel sind, darf man bezweifeln.

Siehe auch: DFL-Sicherheitspapier, Fangipfel in Berlin, Ganzkörperkontrollen

5 thoughts on “Kollision mit Leitplanken

  1. Also die Frage ist ob sich die Funktionäre zu blöd waren sich dem Druck der Politik zu widersetzen, oder ob sie es nicht wollten.

    Ich plädiere für zweiteres. Machtmenschen wie Rummenige, Höneß und Rauball haben sehr wohl Ahnung wie Politik funktioniert.

    1. Es besteht ein Druck aber kein erheblicher Druck!
    Nichts was in diesem Lande von hoher Wichtigkeit ist wird entschieden ohne, dass Angela Merkel dazu ein Machtwort spricht.
    Das hat sie aber nicht getan und darauf hätten die Funktionäre ruhig warten können.
    2. Die Funktionäre hätten gemeinsam mit den Fans eine Verzögerung erreichen können. Denn der Druck der Politiker war nur ein Bluff.
    Die Einsatzkosten sind rechtlich gar nicht belastbar und die Stehplätze abzuschaffen ist rechtlich nur schwer möglich.
    3. Außerdem werden kurz vor den Bundestagswahlen und in den Monaten danach sowieso keine wichtigen Gesetze erlassen zu dem ein noch offener Diskussionsprozess läuft. Hier hätte also gut auf Zeit gespielt werden können.
    4. In keinem aber wirklich keinem Bericht ist zu hören, dass die Bundesregierung, Länder und Kommunen Millionen für die Sportförderung verschleudern, wogegen die Bundesliga ein goldenes Kalb ist. Entsprechende steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten anzudrohen wäre durchaus möglich gewesen. Das Steuerrecht lässt dazu auch Bundesligavereinen einen hohen legalen Spielraum.

  2. Noch ein Ergänzung.

    Also ich will hier keine Verschwörungstheorien verbreiten.

    Es kann tatsächlich so sein, dass die Funktionäre einfach so blöd waren und auf diesen Bluff reingefallen sind.

    Allein der Glaube fehlt mir …

    wenn ich daran denke wie diese ganzen Vereinsvertreter, wenn es darum geht Bürgschaften zu bekommen um Insolvenzuen zu verhindern oder
    Gelder zu bekommen zur Finanzierung neuer Stadien oder
    einfach mal schnell eine Baugenehmigung bekommen wofür
    Normalsterbliche ewig warten müssen

    da wächst in mir die Überzeugung, dass diese Machtmenschen den Steilpass aus der Politik aufgenommen haben um sich ein Pubikum zu schaffen wie es ihnen genehm ist.

    „Die glücklichen Sklaven sind die erbittersten Feinde der Freiheit.“
    Marie von Ebener Eschenbach.

    Die Fankultur in Deutschland hat sich in den letzten Jahren schon sehr gewandelt und was mich bedenklich gestimmt hat ist dieses gewachsene Konsumpublikum, die daheim und auswärts dabei sind.

    Jetzt muss ich einfach mal etwas sentimental werden und hier mal meine Erinnerungen loswerden, die mir gestern als ich 5 Stunden in Eiseskälte vor dem sheraton Hotel stand kam so durch den Kopf und mich auf der Heimfahrt nach der desillusionierenden Nachricht beschäftigten:

    1998 DFB-Pokal Viertelfinale in München. Es war arschkalt -20 Grad. Ein eisiger Wind blies durch die Olympiaschüssel. Wärme bietet nur die verrostete Heizung in der Toilette um die vor dem Spiel und in der Halbzeit sich die Auswärtsfans drängen. Ein FCB Fan will auch dazu. Bei dem Wetter kannten wir Gnade er gab nachher nen Glühwein aus. Wir waren vielleicht 50 Gästefans alle kannten alle mit Namen.
    Im ganzen Stadion 8.000 offizielle Zuschauer, wobei mir sogar das hoch vorkam. Evtl werden ein paar gleich zu Hause geblieben sein.
    12 Jahre danach auch DFB-Pokal Viertelfinale. FCB vs Greuther Fürth.
    Es ist ebenso arschkalt. Doch das macht ja nur bei der Anreise was aus. Im Stadion selbst weht kein eisiger Wind, der ist abgeschirmt von einer multimembran Außenhaut. Im Stadion innen gibt es warme Fantreffs. Es sind auch keine 50, sondern vielleicht 5.000 Gästefans.
    Diese Entwicklung muss einfach auch berücksichtigt werden.
    Mir wäre es lieber in einer kalten Olympiaschüssel mit 50 Freunden statt 5000 Konsumenten zu singen gegen 8000 FußballfananatikerInnen anstatt gegegn stille 42.000 Konsumenten und die 8000 FußballfanatikerInnen in einer leicht veränderten Konstellation die noch geblieben sind.

    Die Frage ist wie hoch ist die Anzahl der unmündigenKonsumenten?
    Ja und wie werden diese reagieren, wenn sie das Stadion irgendwann für sich alleine haben?
    Weiter klatschen mit Klatschpappen oder vielleicht dann doch zu Hause bleiben? Oder was wird sich Uli Höneß und die anderen Funktionäre ausdenken wenn der erste Beschwerdebrief von einem Logenbistzer auf der Geschäftsstelle eintrudelt?

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