Zschäpe-Show statt NSU-Komplex?


Rechte Gewalt und Neonazi-Terror sind ein mediales Konjunkturthema – eine altbekannte Weisheit. Seit dem Bekanntwerden des NSU-Terrors ist Kontinuität in die Berichterstattung eingezogen – dennoch wird zumeist nur ein Teil des Komplexes beleuchtet. Die Aufmerksamkeit scheint sich nun zunehmend auf die „Nazi-Braut“ zu konzentrieren.

Von Patrick Gensing und Robert von Seeve

So berichtete die BILD am 12. April 2006 über den "Döner-Killer"
So berichtete die BILD am 12. April 2006 über den „Döner-Killer“, in dem Artikel ist sogar von einer „Dönerbande“ die Rede.

Eine bundesweite neonazistische Terrorserie, ein überregionales Unterstützernetzwerk, diverse Geheimdienste mit dubioser Rolle – ein Stoff, der bereits mehrere Bücher gefüllt hat und noch viele weitere füllen wird. Und dann wären da noch die Opfer und deren Angehörigen, diese laufen in der aktuellen Berichterstattung einmal mehr unter „ferner liefen“.

Zwar wird in Medien immer wieder  beklagt, dass den vom NSU-Terror Betroffenen durch falsche Verdächtigungen und der Bezeichnung „Döner-Morde“ Unrecht angetan wurde, konkrete Schlüsse werden daraus aber kaum gezogen. So kommen Vertreter der Opfer, wenn überhaupt, medial stets nur am Rande zu Wort; selbst bei der offiziellen Trauerfeier für die NSU-Opfer in Berlin wurde ausgerechnet Heinz Buschkowsky im Fernsehen als Gesprächspartner aufgeboten, obgleich dieser zu den Themen rassistische Stigmatisierung und Rechtsterrorismus bislang nicht durch Fachwissen aufgefallen war.

Möglicherweise wird die Opferperspektive bei dem anstehenden NSU-Prozess im kommenden Jahr stärker berücksichtigt, immerhin treten zahlreiche Angehörige als Nebenkläger auf.

In den vergangenen Monaten konzentrierte sich die Berichterstattung aber auf die Arbeit der NSU-Untersuchungsausschüsse, dessen Mitglieder mittlerweile ein Image von modernen Don Quijotes beim Kampf gegen die Windmühlen des Geheimdienstes erlangt haben. Den Ausschüssen ist es tatsächlich zu verdanken, dass die mediale Aufmerksamkeit relativ hoch bleibt. Detailliert ist die Berichterstattung dennoch zumeist nicht, eher werden die kurzen und somit fernseh- und hörfunkgerechten Statements der Obleute außerhalb des Sitzungssaals transportiert. Die Sitzungen selbst dauern zumeist viele Stunden, ziehen sich oft bis in die späten Abendstunden; es kostet also Zeit, Fachwissen und Ausdauer, um die Aussagen der Zeugen einordnen und widergeben zu können. Zeit und Ausdauer – das sind aber exakt die Dinge, die in vielen Redaktionen fehlen.

Besonders im Nachrichtengeschäft lassen sich die komplizierten und kleinteiligen Zeugenvernehmungen kaum in die vorgegebenen Formate pressen. Nachrichtenminuten in Radios oder kurze Filme sind eben nicht geeignet, um komplexe Sachverhalte zu erklären, sondern können zumeist lediglich frontal Informationen und Statements transportieren.

Stark ist die Berichterstattung in den Medien, die auch bereits vor dem NSU-Bekanntwerden Fachjournalisten in ihren Reihen hatten. Die taz oder Der Spiegel treiben die Aufarbeitung rund um die Skandale in den Geheimdiensten voran, aber auch Die Welt oder Der Focus thematisieren die Vorgänge immer wieder – und zitieren ebenfalls gezielt aus geheimen Akten.

Allerdings zeigt sich hier auch ein Dilemma bei der Berichterstattung: Nachdem die Sicherheitsbehörden jahrelang versagt hatten, werden nun wiederum Ermittlungsergebnisse ausgebreitet, deren Zustandekommen niemand nachvollziehen kann. Aus welchen Motiven Dokumente wann an Journalisten weitergegeben werden, bleibt aus Gründen des Quellenschutzes selbstverständlich ebenfalls im Dunkeln. Diese Berichterstattung hat bereits viele Erkenntnisse ans Tageslicht gebracht, ob es sich dabei aber auch vereinzelt um gezielt gestreute Informationen handelt, lässt sich nicht überprüfen.

Das Märchen von den V-Leuten

Die Erkenntnis, dass beispielsweise der Verfassungsschutz dabei ein Akteur ist, der nicht einfach nur für alle das Beste will, sondern um seine Macht kämpft, hat sich indes bei vielen Journalisten noch lange nicht durchgesetzt. Dies zeigte sich beispielhaft im Oktober, als der Geheimdienst zahlreiche Journalisten zu einem Hintergrundgespräch bat, um die eigene Sicht der Dinge in Sachen V-Leute und angebliche Gefahren durch die Aufarbeitung in den parlamentarischen Ausschüssen optimal in die Öffentlichkeit tragen zu lassen. Dies funktionierte einmal mehr erstaunlich gut, trotz der zahlreichen Skandale in den vorherigen Monaten: Die Behauptungen der Verfassungsschützer, sie würden zum Beispiel nur Neonazis als V-Leute anwerben, die sich nicht in den Vordergrund spielten und eher Mitläufer sowie charakterlich gefestigt seien, wurden von Journalisten in den großen Medien verbreitet – obgleich ein Blick auf bekannte enttarnte V-Leute wie Tino Brandt, Wolfgang Frenz oder Thomas Dienel gereicht hätte, um die Aussage der Verfassungsschützer als wenig glaubwürdig einstufen zu können. Der Fall Kai-Uwe Trinkaus konterkarierte das VS-Märchen vom harmlosen Mitläufer als V-Mann noch einmal eindrücklich. Auch hier dominiert die Oberflächlichkeit der tagesaktuellen Nachrichtenmeldungen die öffentliche Wahrnehmung.

Der NSU-Komplex

Was die Berichterstattung weiterhin erschwert, ist die Komplexität der Materie: Es gibt keine zentrale These. Kleinster gemeinsamer Nenner ist bislang die „Pannen“-serie bei Polizei und Verfassungsschutz, wobei der Begriff Panne keinesfalls die Vorgänge, die Ausmaße eines tiefen oder sogar Staates im Staat aufweisen, treffend umschreibt, sondern verniedlicht. Das Versagen, das Wegschauen, die Kooperationen mit militanten Neonazis werden zu einem Versagen auf individueller Ebene – strukturelle, sehr grundlegende Probleme bei der Arbeit und Ausrichtung von Polizei und  Geheimdienste werden so ausgeblendet. Nach der Reform des VS, die die Innenminister nun auf den Weg gebracht haben, und die faktisch eine Stärkung des Geheimdienstes bedeutet, scheint das Thema vorerst vom Tisch.

Nazi-Braut
Über die „Nazi-Braut“ ist zu lesen, mit wem sie zusammen war, wie sie emotional das „Terror-Trio“ zusammenhielt und dass sie in der Zelle gefroren habe. Über Wohllebens Liebesleben war bislang nichts zu lesen. (Foto: Iron Sky, nicht Zschäpe)

Viele Journalisten, Zuschauer und Leser dürften angesichts der Komplexität ohnehin längst den Überblick verloren haben, was den Stand in Sachen NSU-Aufarbeitung angeht. Und je näher der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte rückt, umso mehr scheint die „Nazi-Braut“ (BILD) in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Eine personalisierte Berichterstattung ist einfach leichter zu vermitteln. Doch die Nachteile liegen auf der Hand: Geschichten über Zschäpe, die in der Zelle angeblich friert oder die auf einem BKA-Video ein paar Schritte vor und zurückgeht, bringen keinen Erkenntnisgewinn über den Skandal hinter dem Gesicht des Rechtsterrorismus‘. Die BILD-Zeitung zitierte jüngst aus einem BKA-Papier, das aus dem Sommer 2012 stammt. Darin sind viele Details aufgeführt, die helfen können, sich ein Gesamtbild von Zschäpe zusammenzusetzen. Aber einzelne Informationen, wie beispielsweise, dass Zschäpe in Haft viel Videotext gelesen habe, haben kaum Relevanz oder einen Nachrichtenwert.


Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele Journalisten weiterhin an dem NSU „dranbleiben“. Dafür brauchen sie aber Redaktionen, die Geld, Zeit und Raum für das Thema einsetzen. Was noch fehlt: eine große mediale, öffentliche Debatte über  Alltagsrassismus. Diese blieb bislang aus – und ist auch nicht (mehr) in Sicht.

Siehe auch: Waren wir alle blind?Der tiefe StaatMenschen, keine Döner