Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei

In Deutschland ist nicht der Rassismus skandalös, sondern die Kritik daran. Dementsprechend umgeht es eine Polizeiwissenschaftlerin gekonnt, das böse R-Wort zu benutzen. Ihrer Ansicht nach liegt das Problem „subtiler“. Bei Polizisten seien die gängigen „Klischees“ der Mittelschicht zu finden.

Von Patrick Gensing

In der taz erklärt die Polizeiwissenschaftlerin Astrid Jacobsen, deutsche Polizisten hätten kein strukturelles Rassismusproblem. Diese Meinung kann man sicherlich vertreten, wenn man möchte, erstaunlich ist es nur, wenn Jacobsen im Interview mit der taz gleichzeitig das genaue Gegenteil darlegt. Bei Ermittlungen sei es problematisch, so Jacobsen, wenn unklar sei, nach wem gesucht oder wer kontrolliert werden solle. Jacobsen wörtlich:

„Dann müssen die Beamten selbst Kriterien entwickeln, wen sie auswählen. Leider werden dann immer wieder gängige Vorurteile und Klischees herangezogen, die auch an sichtbaren Merkmalen ethnischer Zugehörigkeit festgemacht werden. Bestimmtes kriminelles Verhalten wird mit bestimmten Gruppen verbunden. Beispielsweise Russen mit Gewalt, dunkle Hautfarbe mit Aufenthaltsdelikten etc.“

Bestimmtes Verhalten wird mit bestimmten ethnischen Gruppen verknüpft. Zur Erinnerung: Das soll KEIN Rassismus sein, sondern es handele sich eben nur die gängigen Klischees… Und diese werden intern weitergegeben, stellt die Wissenschaftlerin fest: Die wichtigste Quelle sei „wohl die polizeiliche Erfahrung, die Einzelne machen und die in Erzählungen weitergegeben werden. Polizeiarbeit lebt davon, dass die Kollegen sich erzählen, was sie in ihrem Revier erlebt haben. Zudem wird die Polizeiliche Kriminalstatistik für die Begründung der Auswahl der Zielgruppe herangezogen.“

Aber auch diese sei eigentlich unbrauchbar, räumt die Wissenschaftlerin ein: Einzelfällen oder Häufungen könnten verallgemeinert werden, so dass dies zur Stigmatisierung einer ganzen Gruppierung führe. „Eingefahrene Vorstellungen werden bestätigt, ohne jede empirische Grundlage.“

Anekdote aus dem Vernehmungszimmer

Jacobsen gibt auch ganz praktische Beispiele von Alltagsrassismus, korrigiere: Klischees bei der Polizei:

Einer meiner Studenten, dem man seinen Migrationshintergrund ansah, wollte sich vor seinem Praktikum auf seiner Dienststelle vorstellen. Er wurde, mit der Bitte zu warten, vor das Vernehmungszimmer gesetzt. Nach einer halben Stunde kam jemand vorbei und wunderte sich über den Wartenden, da derzeit keine Vernehmung anberaumt war.

Diese „kleine Geschichte“, so Jacobsen, zeige, wie „sehr Klischees – egal ob unter Kollegen oder im Bürgerkontakt – polizeiliches Handeln beeinflussen“. Ihren Studien zeigten zudem, dass die „allgemeine Erwartung, dass Männer in der Regel Täter und Frauen in der Regel Opfer sind, häufig verstärkt wird, wenn ein Migrationshintergrund mit im Spiel ist“. Zudem beklagte Jacobsen, dass die Debatte über die falschen Verdächtigungen bei den NSU-Ermittlungen gegen die Opfer selbst kaum noch thematisiert werden.

Polizeikontrolle mit manchmal tödlichen Nebenwirkungen: In Dessau starb Oury Jalloh in Polizeigewahrsam (Foto: Björn Kietzmann / CC BY-NC-ND 2.0)
Polizeikontrolle mit manchmal tödlichen Nebenwirkungen: In Dessau starb Oury Jalloh in Polizeigewahrsam (Foto: Björn Kietzmann / CC BY-NC-ND 2.0)

Kurzum: Ein eigentlich lesenswertes Interview – mit absurder Schlussfolgerung. Würde die Polizeiwissenschaftlerin statt von Klischees von Rassismus sprechen: Der Skandal wäre garantiert. Schade, dass die taz nicht noch eine Frage gestellt hat: Warum in aller Welt soll das von Jacobsen Geschilderte eigentlich kein Rassismus sein?!

Siehe auch: Gute Mitte, böse Nazis, Faule Griechen, diebische Polen, illegale Flüchtlinge, Rassismus, Sexismus, Menschenverachtung – Humor bei der Polizei, Einmal die Klappe halten, schweigende Mehrheit!Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz Ein Hetero räumt auf, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Der “Affenzirkus” von Dessau

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