Wenn Fußball zur Nebensache wird: 1860-Fans demonstrieren gegen Polizeigewalt

Am 9. Dezember 2007 kam es nach dem Amateurfußballspiel des TSV 1860 München gegen den FC Bayern zu einem Polizeieinsatz mit massiver Gewaltausübung. Die daraufhin eingeleiteten Strafverfahren gegen Einsatzkräfte führen nahezu ins Leere, weil Beweismaterial „verschwand“. Die Fans wollen dieses Wochenende – zum fünfjährigen „Jubiläum“ – mit einer Demonstration an diesen Vorfall erinnern und stellen klare Forderungen.

Von Felix Benneckenstein

Für viele Menschen ist Fußball mehr als nur ein Hobby. Sie identifizieren sich von Kindesbeinen an mit ihrem Verein und so bleibt manches Spiel gegen einen Erzrivalen dem ein oder anderen noch lange – je nach Resultat – in guter, oder eben schlechter Erinnerung. Letzteres trifft auch auf diejenigen Fans des TSV 1860 München zu, die sich das Spiel der Amateurmannschaft ihrer „Löwen“ gegen die des ewigen Rivalen FC Bayern im Dezember 2007 angesehen haben. Dass die Löwen das Spiel 1:0 verloren, dürfte noch zu verschmerzen gewesen sein. Ein Polizeieinsatz, der sich vor Spielende bereits ankündigte, war es, der einige von ihnen regelrecht traumatisierte. Mit einer Demo am kommenden Samstag wollen die Fans an das erfahrene Unrecht erinnern, welches sich zum fünften Male jährt – und wiederholen erneut ihre klare Forderung: Kennzeichnungspflicht für Polizisten.

Demoaufruf der „Löwen-Fans gegen Rechts“

Auf Profiniveau treffen die Teams des TSV 1860 und des FC Bayern München seit Jahren schon nicht mehr aufeinander. Und die hochmoderne Allianz-Arena in Fröttmaning ist spätestens seit der chronisch Klamme TSV seine Stadionanteile an den ungeliebten Rivalen verscherbelt hat für viele Fans nicht mehr tragbar. Die sogenannten Ama-Derbys, Ableitung von „Amateurderby“, haben gleich mehrfach nostalgischen Wert für Münchner Fußballfans: Ausgetragen werden sie in der Regel im heißgeliebten „Grünwalder Stadion“, das im Herzen Giesings steht, wo die blauen Münchner sich seit jeher beheimatet fühlen. Dazu gibt’s Flutlichtatmosphäre, Bier, bodenständige und damals noch veraltete Infrastruktur – und hunderte treue Fans, die mit ihren Choreographien an die glorreichen Zeiten des Traditionsvereins erinnern lassen – darauf freuen sich manche Fans das ganze Jahr.

Herbert Schröger, 53, ist einer von ihnen. Er ist schon seit ca. 40 Jahren glühender Fan der „Löwen“ und hat somit manches Hoch und Tief im Verein selbst miterlebt und weggesteckt. Er wirkt nicht wie jemand, der sich leicht aus der Ruhe bringen lässt. Was jedoch an diesem Wintertag 2007 passierte, sorgt noch heute merklich für Entsetzen. „Sowas habe ich noch nie erlebt“, wiederholt er immer wieder und betont dabei, dass es bis dahin friedlich zugegangen sei bei diesem Spiel der traditionell rivalisierenden Teams. „Einer hat während dem Spiel einen Schal angezündet, ansonsten war nichts, nicht einmal dass einer ‚Pyro gezündet‘ hat.“ Im Gespräch wird deutlich, dass Schröger den Glauben an Gerechtigkeit für das erfahrene Unrecht verloren hat. Doch es geht ihm, der zusammen mit den „Löwenfans gegen Rechts“ (LfgR), bei welchen er auch aktiv ist, die Demo mit veranstaltet, nicht um Sticheleien, oder gar um Rache. Schröger möchte weiterhin zum Fußball gehen und sich dabei nie wieder fühlen wie damals. Auch dieser Vorfall war es, der die mittlerweile bundesweit bekannte Kampagne „Kennzeichnungspflicht für Polizisten“ ins Leben rief.

Was war passiert? Die Geschichte lässt sich anhand eines 73seitigen Klage- und Ermittlungserzwingungsantrages des Rechtsanwalts Marco Noli, hunderter Beiträge im „Löwenforum“ und einiger Augenzeugenberichte auch heute noch relativ klar rekonstruieren: Wie Eingangs erwähnt, kam es auch während des Spiels laut Polizei zu keinen „besonderen Vorkommnissen“. Dennoch errichtete selbige ca. 15 Minuten vor Spielende eine sogenannte Blocksperre. Diese bei „Risikospielen“ häufig angewandte vermeintliche Präventionsmaßnahme, die ein Aufeinandertreffen rivalisierender Fanlager dadurch verhindern soll, dass man die Fans einer der spielenden Mannschaften solange am Verlassen des Fanblockes hindert, bis auch der letzte gegnerische Fan verschwunden ist – auch laut Auffassung Nolis – nichts weiter als eine Ingewahrsamnahme, die allerdings aufgrund des Generalverdachts und der nicht näheren Gefahrenbezeichnung („Die Gefahr geht vermutlich von einigen dieser Fans aus, darum werden alle ‚eingesperrt’“) auf keiner Rechtsgrundlage basiert, es könnte sich nach ihm also um einen Rechtsbruch handeln. Zum anderen darf getrost über Sinn und Unsinn dieser Aktion diskutiert werden: Macht es Sinn, die „Verlierer“ einzusperren, die in der Regel eher das Bedürfnis haben, ein Stadion zügig zu verlassen, als die „Gewinner“, die mit Laola und Schmährufen noch ihren Sieg ausklingen lassen wollen?

Pfefferspray
Pfefferspray-Einsatz aus nächster Nähe bei einer Demo in Hamburg

Zum anderen entsteht auf beiden Seiten ein Konflikt mit der Polizei, denn während die einen möglichst lange eingesperrt werden sollen, muss es auf der anderen Seite möglichst schnell mit der Abreise gehen. Diese „Blocksperre“ entwickelte sich jedoch im Folgenden offensichtlich zu einem der schwersten Polizeiübergriffe in München der jüngeren Vergangenheit. Unzählige Verletzte waren unter den Löwenfans zu verzeichnen. Platzwunden, Schürfwunden, Hämatome – und vorübergehende Reizungen der Augen durch sogenanntes Pfefferspray sind nur ein Teil der traurigen Bilanz. Fakt ist: Es hat eine schwere körperliche Auseinandersetzung gegeben. Fakt ist auch: Auf der Suche nach Verletzten Polizisten recherchiert man vergebens. „Einen soll es gegeben haben“, ist hin und wieder zu hören. Gesehen hat das niemand, die Information basiert auf den Ermittlungsakten. Die Löwenfans behaupten felsenfest, die Polizei habe grundlos und ohne Vorwarnung auf unbehelligte Fans – unter ihnen auch viele Frauen, Kinder, Mitarbeiter des Fanprojektes und sonstige sozial-integrativ tätiger Fanverbände wie den LfgR – mit Schlagstöcken, Füßen und Fäusten eingeschlagen. Es fallen Worte wie „Hetzjagd“ und sogar von einem „Überfall“ ist die Rede. Um nicht kollektive Willkür zu unterstellen, recherchierte ich intensiv nach vorausgegangenen Situationen, vielleicht gab es konkrete Hinweise auf eine geplante Eskalation? Vielleicht gab es während dem Spiel Anzeichen für eine geplante illegale Aktion einer größeren Gruppe der Blauen Fans? Fehlanzeige.

Auch der – inzwischen massiv mit „Nachträgen“ veränderte – Polizeibericht besagte zunächst, dass es „keine besonderen Vorkommnisse“ gegeben habe. Nicht nachvollziehbar ist nicht nur die Motivation der Einsatzeinheiten des „Unterstützungskommandos“ (USK) der Polizei und einer Einheit der Bereitschaftspolizei (BePo) aus Dachau: Auch kann nicht mehr nachvollzogen werden, welche Beamten vor Ort konkret zum Knüppel gegriffen haben. Mit der Demonstration wollen Schrögers „Löwenfans gegen Rechts“ jedoch nicht „die Polizei nerven“ oder Mitleid erregen:

„Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber wir können aus ihr lernen und die Zukunft dementsprechend gestalten! Darum wollen wir unbedingt die Kennzeichnungspflicht für Polizisten!“,

sagt er. Schröger selbst ist nicht verletzt worden, weiß aber, dass einige Verletzte sich nicht getraut haben, Anzeige zu erstatten. Die Angst, dass es im Nachhinein als „Schlägerei mit Polizisten“ ausgelegt wird, was neben Strafverfahren auch ein Stadionverbot mit sich ziehen kann, wog zu groß. Auch das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit ist bei vielen seither tief erschüttert, so konnten sich viele der verletzten Fans nicht vorstellen, dass tatsächlich ordentlich ermittelt wird.

Polizist mit Pfefferspray (Foto: Marek Peters)
Polizist mit Pfefferspray (Foto: Marek Peters)

Und ganz falsch lagen sie mit dieser Befürchtung anscheinend nicht: Rechtsanwalt Noli bietet Einblicke in die Ermittlungsmethoden von Polizei und Staatsanwaltschaft. Der Eindruck, dass in jenen Verfahren, welche auf Druck der Fans wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung sowie Strafvereitelung im Amt u.a. eingeleitet wurden, Vertuschung passierte, lässt sich nicht von der Hand weisen. Wie bei Polizeieinsätzen mit „erhöhtem Aggressionspotenzial“ üblich, wurde auch hier offensichtlich vielfach gefilmt – zum einen durch die Beamten selbst und zum anderen auch durch fest installierte Überwachungssysteme. Doch die maßgeblich relevanten Videobänder sind verschwunden. „Routinemäßig gelöscht“, soll es unter anderem aus Polizeikreisen heißen, auf jeden Fall jedoch nicht mehr auffindbar. Außerdem ins Fadenkreuz gerät ein dubioses „internes Besprechungstreffen“, welches laut Akten in den Räumlichkeiten des Polizeipräsidiums München kurz nach dem Vorfall stattgefunden habe. Doch wer daran teilgenommen hat, was besprochen wurde, zu welchem Ergebnis man dort kam – all dies fand keinen Platz in den Ermittlungsakten. Klar ist nur: es ging um diesen Einsatz.

Für viele Fans lassen all diese merkwürdigen Vorgehensweisen nur einen sehr harten und einseitigen Schluss zu: Sie sind sich sicher von den Polizisten grundlos angegriffen worden zu sein. Wobei auch sie natürlich immer noch nach einer Motivation suchen, die das für sie nachvollziehbar macht: „Die Justiz“ habe dann zusammengehalten und versucht den Fall zu vertuschen. Gefüttert wird diese These von den sich immer wiederholenden Begründungen der Einstellungsbescheide:

„Der / Die Täter/in konnte nicht individualisiert werden.“

Die Polizeigewerkschaften sehen in mehr Transparenz eine Stigmatisierung.
Die Polizeigewerkschaften sehen in mehr Transparenz eine Stigmatisierung.

Dies wäre eigentlich das geringste Problem, gäbe es eine ordentliche Kennzeichnungspflicht für Polizisten. Doch bis heute wehren sich besonders die Polizeigewerkschaften GdP und DpolG, mit teils hanebüchener Argumentation; wie einer angeblichen Gefahr, die durch mit Nadeln befestigte Namensschilder an der Uniform für die Beamten ausginge oder dass alternativ vorgeschlagene Klettverschluss- Namensaufbringer gestohlen werden könnten, um sich verbotenerweise (wohlgemerkt mit einem Fetzen Stoff!) als Polizist auszugeben. Es könnte Missbrauch geschehen, so die Befürchtung. Doch bis die – weit über die Fußball- Fanszene hinaus geforderte – Kennzeichnungspflicht eintritt, muss die Polizei sich wohl noch öfter den Vorwurf anhören, dass einzelne Beamte eben die Anonymität aus der heraus sie noch operieren können, dazu missbrauchen, Rechtsbrüche ungestraft begehen zu können. An dieser Stelle sei nicht unerwähnt, dass auch einzelne Polizistinnen und Polizisten die Kampagne unterstützen.

Die Demonstration jedenfalls startet am Samstag, 8. Dezember, um 12 Uhr am Giesinger U-Bahnhof Silberhornstraße, vor der „Tela-Post“. Teilnehmen darf im Grunde jeder, die Vereinszugehörigkeit spielt eine untergeordnete Rolle. Nicht aber dabei haben wollen die Veranstalter ausdrücklich Neonazis und begründen dies wie folgt:

„Wir wollen unsere Rechte durchsetzen, für mehr Freiheit und weniger Totalitarismus und Autorität Flagge zeigen! DIE können und wollen wir hier nicht dulden.“

Siehe auch: Ein bisschen Kennzeichnungspflicht für Polizisten, Großzügiger Einsatz von Pfefferspray, Prügel, die prägen? – Wie Gewalt bei Großveranstaltungen Biografien formtSchweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vorAlle Meldungen zum Fußball

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