Das Akademische Karussell: Von der Propaganda zur Erkenntnis


Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Ein Beispiel für den eher geringeren Spaßfaktor ist die großzügige Finanzierung einer erkentnnisarmen Studie über die Nazi-Vergangenheit der Vertriebenenverbände durch das Bundesinnenministerium.

Von Samuel Salzborn

Gut, dass es das Bundesinnenministerium gibt. Großzügig hat das Ministerium eine Studie finanziert, die die Nazi-Vergangenheit führender Vertriebenenfunktionäre klären sollte (siehe dazu beispielsweise hier). Natürlich musste damit das Institut für Zeitgeschichte beauftragt werden, das zwar erst einmal die ganze Sache verbockt hat, aber dann am Ende doch noch zu einem Ergebnis kam.

Erika Steinbach sucht Nachhilfe in Geschichte... (Foto: Publikative.org)
Erika Steinbach sucht Nachhilfe in Geschichte… (Foto: Publikative.org)

Dessen Kurzfassung: die meisten Vertriebenenfunktionäre der unmittelbaren Nachkriegszeit waren Nazis. Was ist daran neu? Neu ist vor allem, dass die damit namentlich genannten Täter inzwischen alle tot sind, also die Erkenntnisse niemandem mehr wirklich wehtun. Und neu ist auch: wer über Personen spricht, lenkt von Inhalten ab – dass die weltanschauliche Kontinuität in Sachen völkisches Menschenbild oder mit Blick auf eine geschichtsrevisionistische Deutung von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebiete bei den Vertriebenenverbänden bis heute zum guten Ton gehören, kann man da durchaus mal unter den Tisch fallen lassen.

Oder glauben Sie, dass man in den Vertriebenenverbänden in der Gegenwart auch nur eine Funktionärin oder einen Funktionär findet, der/die die – bewusst zurückhaltend und ausgewogen formulierte – Position, dass die historische Verantwortung für Flucht und Vertreibung bei den Deutschen selbst liegt und dass diese eine logische Konsequenz aus der antisemitischen Vernichtungspolitik und der völkischen Destabilisierungspraxis, die von den deutschen Minderheiten in Osteuropa ausging, war, unterschreiben würden? Ich wage die These: es gibt keine/n einzige/n (und: wenn das Bundesinnenministerium mir 100.000 Euro gibt, dann können wir das auch gern empirisch prüfen). Und bei dieser Formulierung handelt es sich nicht um eine radikale Position, sondern schlichtweg um eine Zusammenfassung historischer Fakten, die man – gar keine Frage – natürlich völlig unterschiedlich bewerten kann.

Was das Institut für Zeitgeschichte – zumindest auf Basis der bisherigen Medienberichte – herausgefunden hat, bleibt auch jenseits dieser Relativierungsdimension ernüchternd. Etwas zynisch gesagt ließe es sich in etwa so zusammenfassen: fast alles (und noch viel mehr) war bereits in den 1960er Jahren bekannt – aus Quellen der DDR. Diese waren selbstredend nicht opportun im Kalten Krieg, strotzten überdies in der Tat auch vor sozialistischer Eigenpropaganda im Jargon, stellten allerdings – reduziert auf die Fakten – ziemlich klar und deutlich heraus: die Vertriebenenverbände sind Nazi-Nachfolgeorganisationen, detailliert anhand zahlreicher persönlicher Biografien belegt. Dass die alten DDR-Infos heute als neue Forschungserkenntnisse verkauft werden, wirft dann eigentlich noch ganz andere Fragen an die Zeitgeschichtsforschung auf – nämlich die: wenn heute das, was aus DDR-Quellen bereits in den 1960er Jahren veröffentlicht wurde, als gesichertes Wissen gilt, obgleich es in der Vergangenheit als Propaganda abgetan wurde, was sagt das eigentlich über den instrumentellen Charakter von Teilen der Zeitgeschichtsforschung? Möglicherweise kann das Bundesinnenministerium ja für diese Frage nochmal 100.000 Euro locker machen?

Auch beim Schlesiertreffen 2007 sorgten Vertriebene durch ihre revisionistischen Reden für Aufsehen.
Auch beim Schlesiertreffen 2007 sorgten Vertriebene durch ihre revisionistischen Reden für Aufsehen.

Apropos 100.000 Euro: persönlich gefreut hat mich ja, dass nun endlich Rudolf Wollner in der Öffentlichkeit als das wahrgenommen wird, was er war: ein Alt-Nazi. Wollner, über Jahrzehnte BdV-Vizepräsident, hochrangiger Funktionär im Landesverband Hessen und Ende der 1960er Jahre der Schlüsselstratege der Vertriebenenverbände in der Umorientierung auf das Argumentationsfeld Europa, war ab 1941 Kriegsfreiwilliger der Waffen-SS. Vom 1. Oktober 1938 bis 20. Januar 1941 war Wollner in der Hitler-Jugend und gehörte vom 20. Januar 1941 bis zum 6. März 1944 der Leibstandarte-SS Adolf Hitler (LSSAH) an. Seit seinem Dienstantritt in der SS, deren Mitgliedsnummer 490.245 (V) Wollner hatte, war er mit erheblicher Geschwindigkeit befördert worden; in seiner SS-Offiziersakte wurde Wollner im Rahmen einer Beurteilung beim SS-Panzer-Junker Sonderlehrgang, an dem er als Schüler (!) vom 10. Januar bis 5. April 1944 in Fallingbostel teilnahm, bescheinigt, über „klares weltanschauliches Wissen“ zu verfügen sowie „sehr interessiert und willig“ zu sein. Wollner gehörte zu diesem Zeitpunkt der 3./SS-Pz.Jäg.Abt., LSSAH an. Er war bis dahin mit dem EK II, dem Infanterie Sturmabzeichen Bronze, der Ostmedaille und dem Verwundetenabzeichen Schwarz ausgezeichnet worden.

Jetzt werden Sie denken, dass ich das aus der Studie des Instituts für Zeitgeschichte abgeschrieben habe – weit gefehlt: Ich war vor mehr als einem Jahrzehnt als Student der Politikwissenschaft auf Wollner gestoßen und habe mich auf den Weg ins Archiv nach Berlin gemacht und seine Personalakten gesichtet (wie auch die zahlreicher anderer Vertriebenenfunktionäre). Es ging damals nur um eine bescheidene Abschlussarbeit, mein Budget lag in etwa in der Höhe der üblichen Studierendenmittel, die Archivreise kostete mich damals ein Bahnticket (Hin- und Rückfahrt, möglicherweise mit Bahncard), ein paar Übernachtungen (möglicherweise aus Kostengründen bei Freunden) und noch etwas Geld für Essen und Trinken. Seien wir großzügig: es werden schon ein paar hundert Euro gewesen sein, da auch noch Kosten für Kopien aus dem Bundesarchiv dazugekommen sind.

Selbstredend, dass die Sache teurer wird, wenn sie vom Innenministerium in die Hand genommen und durch die Vertriebenenverbände und das Institut für Zeitgeschichte umgesetzt wird. Die Erkenntnisse sind ja auch deutlich weit reichender.

Siehe auch: Steinbach, linke Nazis und der NachhilfeunterrichtKonservative in der Union: Auf zum letzen Gefecht!“Steinbach spielt in Polen keine Rolle mehr!”,extra 3 erklärt Erika SteinbachGetrennt marschieren oder den rechten Flügel stärken?“Steinbach-Position in rechtsradikalen Kreisen verbreitet”Neumann: “Vertriebene Opfer des von Hitler angezettelten Krieges”,100.000 Euro für umstrittene BdV-StudieKritik an Steinbach: “Holocaust-Gedenken kein Taubenschlag”

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn

 

 

 

 

 

 

 

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen – und schreibt die Kolumne „Das Akademische Karussell“ für Publikative.org.

3 thoughts on “Das Akademische Karussell: Von der Propaganda zur Erkenntnis

  1. Die Alt-Nazis, Geschichtsumdeuter und Blut- und Boden-Fans innerhalb dieses Zombievereins sind und waren doch nie das Problem. Das Problem waren die CDU und CSU, deren vordere Politgrößen den „Vertriebenen“ über Jahrzehnte mit den aberwitzigsten verbalen Verrenkungen Hoffnungen auf eine „Rückkehr“ in die alten Ostgebiete gemacht und damit die gebiebtsrevisionistischen Forderungen des völkisch-germanischen Bodensatzes öffentlich legitimiert haben.

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