Die Internationale der Rechtsterroristen


NSU, Breivik, der Anschlag auf Sikhs in den USA – und nun der vereitelte Terrorangriff auf das polnische Parlament: Rechtsextreme töten und bomben weltweit – scheinbar unabhängig voneinander. Doch die Internationale der Rechtsterroristen ist in Ideologie und Motivation vereint. Wie viele „Homegrown Terrorists“ noch losschlagen, kann niemand sagen – auch die Sicherheitsbehörden nicht.

Von Patrick Gensing

Polnische Medien veröffentlichten Bilder von den Waffen, die bei Bruno K. gefunden wurden.

Der radikale Nationalist Bruno K., der einen Anschlag auf das Parlament in Polen geplant hatte, hatte laut dem polnischen Ministerpräsident Donald Tusk Verbindungen zum norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik, der im vergangenen Jahr in Norwegen 77 Menschen getötet hatte. Das berichtet tagesschau.de. „Er hat seine Faszination für Breivik nicht verhehlt“, sagte Tusk demnach.

Das polnische Fernsehen berichtete den Angaben zufolge, der Verdächtige habe Breiviks Methoden kopieren wollen. Diese hatte im Juli 2011 einen Bombenanschlag auf das Osloer Regierungsviertel verübt und dann auf der Insel Utöya unter den Teilnehmern eines Ferienlagers der sozialdemokratischen Jugend ein Massaker angerichtet. Tatmotiv des vereitelten Anschlags in Warschau seien Fremdenhass, Antisemitismus und Nationalismus. Ministerpräsident Tusk sprach von einer neuen und dramatischen Erfahrung. „Bisher hatten wir in Polen keine Erfahrung mit solchen Vorfällen“, sagte er. Die Ermittler waren auf K. aufmerksam geworden, da er im Netz offenbar Anschläge angedeutet hatte, wie die Gazetta Wyborca berichte.

Rechtsrocker schlägt los

Erst im Sommer hatte der Neonazi Wade Michael Page in den USA sechs Menschen erschossen, offenbar weil er sie für Muslime hielt. Ungezählte Male hatte der Rechtsrocker solche Gewalttaten zuvor propagiert – öffentlich. Page war Mitglied in mehreren NS-Hatecorebands, bei Gruppen wie   „Definite Hate“ und „End Apathy“ – Musik von weißen Rassisten für weiße Rassisten.

„Its 2010 and here we are to get rid of them
the enemies of the white race
here we are to get rid of them
we have got to win
if we fail our children will pay
we wont let that happen
ill see you in the end“
(End Apathy)

Die bekannteste seiner Bands dürften die „Blue eyed devils“ (BED) gewesen sein, bei denen er laut NYT angeblich Mitglied war. Das „Netz gegen Nazis“ schreibt, in Deutschland seien die „Blue Eyed Devils“ anfangs durch die Werbearbeit des „Blood & Honour“-nahen Versands „Hatesounds“ aus Werder (Brandenburg) bekannt geworden. Im Dezember 2009 sollen die BED angeblich auch in Sachsen-Anhalt aufgetreten sein, nach nicht bestätigten Berichten auf Szene-Seiten mit Faustrecht und Sleipnir (deren „unpolitisches“ Liedgut an einer deutschen Schulen bei der Abschlussfeier gesungen wurde…).

Nigger lover! Race traitor! Walk in shame and hide your face
Nigger lover! Race traitor! For false pride you sold out your race

So now it’s a civil war, white against white

Cause you’re a scared little bitch, an empty threat
And in this game you lost your bet
In the search for respect, what did you find
Are all this drugs fucking up your mind?
Kissing nigger ass, how does it taste?
You lost your dignity and sold out your race

On your knees, my gun to your head
Worthless scum you know what lies ahead
With the pull of the trigger, now you’re dead!

(BED – Walk in shame)

Im Jahr 2006 wurden BED zum Ian-Stuart-Gedächtnisfestival gemeinsam mit den deutschen Bands Kraftschlag und Oidoxie angekündigt. Das Konzert wurde dem Plakat zufolge von dem kriminellen Neonazi Sebastian S. organisiert – S. verkaufte zu dieser Zeit dem Inlandsgeheimdienstes namens Verfassungsschutz in NRW Informationen. Ein weiteres Kapitel in der skandalträchtigen Geschichte der Kooperation zwischen Staat und Neonazis.

Definite Hate bei Lastfm
Definite Hate bei Lastfm
Werbung des Labels56 für Page`s Band "Definite Hate"
Werbung des Labels56 für Page`s Band „Definite Hate“

Platten sowie Merchandise der oben erwähnten Bands gehören auch bei gut sortierten Neonazi-Versandhändlern ins Programm. So bietet Wewelsburg Records Musik von Definite Hate an, unter anderem bei FrontRecords aus Sachsen werden die BED verkauft. Der Versandhandel wird nach Angaben des Blogs gamma maßgeblich von Neonazis aus dem „Aryanbrotherhood“-Umfeld beeinflusst. Gamma zeigt auch ein Bild, auf dem ein Front-Records-Macher bewaffnet  zu sehen sein soll – eine Horde Neonazis, die sich als Chapter Leipzig der „arischen Bruderschaft“ bezeichnet.

Auch die Spuren der NSU-Unterstützerszene führten in die Musikszene, NSU-Mitglieder wurden Ende der 90er Jahre „Blood & Honour“ zugerechnet, weitere Hinweise führen zu „Arischen Bruderschaften“ sowie Hammerskins – exakt die Netzwerke, zu denen auch Page sowie dessen Bands gezählt werden können.


Interview mit Wade Page

Die taz berichtet derweil über weitere Spuren vom NSU-Umfeld zum KuKluxKlan. Amerikanischen Medien zufolge hatte sich auch Page um eine Mitgliedschaft beim Klan bemüht, eine seiner Bands, Definate Hate, spielte bei Treffen der Rassisten-Ritter.

Die Mär vom edlen Ritter

Auch Anders Breivik inszenierte sich als vermeintlich edler Ritter, der auf dem Kreuzzug sei. Der Norweger bediente sich in seiner Argumentation allerdings bei der „islamkritischen“ Internet-Sekte, die ihren Rassismus als Religionskritik verkleidet.

Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.
Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.

Bei Breivik ist nicht von Blut und Boden die Rede, er  verpackt seinen Hass als Kulturkampf gegen den Islam, der angeblich die ganze Welt beherrschen will. Diese modernisierte Form des Rassismus war in den vergangenen Jahren zur wirkungsmächtigsten Waffe der extremen Rechten geworden, die Sarrazin-Debatte kann in Sachen Breitenwirkung als Dammbruch gewertet werden, ähnlich wie beim Antisemitismus die Grass- und Beschneidungsdebatten.

Der Hass auf Muslime hat mittlerweile die Züge eines Ressentiments entwickelt, selbst Migranten, die gar nichts mit dem Islam oder sogar Islamismus am Hut haben, werden zur Teil einer weltweiten Verschwörung erklärt; die säkularen Migranten oder gemäßigten Muslime hätten die Aufgabe, die europäische Öffentlichkeit in Sicherheit zu wiegen, so das Hirngespinst. Jedes Argument gegen diese Theorie wird so zum Argument dafür; ein typisches Merkmal für Verschwörungslegenden.

Offene Gewaltaufrufe

Breivik hat seine Tat bereits begangen, anderen Protagonisten aus dieser Szene kann man praktisch beim Prozess der Radikalisierung zuschauen. Internet-Pranger, offene Gewaltaufrufe, Mitglieder der German Defence League, die offen den Aufbau einer Miliz verkünden  – nach Breiviks Massenmord an sozialdemokratischen Jugendlichen, die er als Kollaborateure des Islams ausgemacht hatte, haben sich einige „Islamkritiker“ verbal etwas gemäßigt – andere verlieren sich immer weiter im Gedankenbunker der „Reconquista“.

Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.
Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.

Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang die Einschätzung von Bundesregierung und Verfassungsschutz, die im September 2011, also nach Breiviks Doppelanschlag, allen Ernstes mitteilte, dass man islamfeindliche Blogs wie PI-News nicht als rechtsextremistisch einschätze.  Islamkritische bis hin zu muslimfeindliche Einstellungsmuster seien “Ausdruck von Ängsten vor Überfremdung”, begründete die Regierung diese Einschätzung. Der Begriff “Überfremdung” ist übrigens ein zentraler Kampfbegriff der extremen Rechten.

Weiter hieß es, die überwiegende Mehrheit der Einträge auf PI bediene sich keiner klassischen rechtsextremistischen Argumentationsmuster, sondern sei „im islamkritischen Spektrum anzusiedeln“. Dieser Lesart zufolge ist auch Breivik kein Rechtsextremist, da er nicht “klassisch rechtsextrem” argumentiert. 

Warnung vor NSU-Nachahmern

Nachdem der Inlandsgeheimdienst jahrelang überhaupt keinen Rechtsterrorismus erkannt haben wollte, warnt der VS nun, dass nach der NSU-Terrorserie Nachahmungstaten „denkbar“ seien. Dabei haben die Behörden aber eine wichtige Sache übersehen, nämlich das Potential aus dem „islamkritischen“ Milieu. Der NSU ist ein Echo aus der Vergangenheit, wie die Journalisten Staud und Radke treffend formulierten – die Gewaltaufrufe der „Islamkritiker“ sind hingegen die Gegenwart.

Das FBI betonte im Fall Page, man habe nicht damit rechnen können, dass der Neonazi eine solche Tat beginge. Auch der Verfassungsschutz muss nun einräumen, dass man im Prinzip kaum Möglichkeiten hat, potentielle Rechtsterroristen zu stoppen: „Der unvermittelte Angriff auf Menschen, die dem Feindbild der rechtsextremistischen Szene entsprechen [und das sind viele Millionen Menschen, PG], könnte von potentiellen Nachahmern als Strategie nach der vom NSU verwandten These „Taten statt Worte“ verstanden werden. […] Die „Wiederentdeckung“ von Konzepten der Vergangenheit (z.B. „leaderless resistance“) ist ebenso vorstellbar wie eine Beeinflussung durch Vorgehensweisen von Terroristen anderer Phänomenbereiche. Dort wie hier erhöht sich infolge der vielfältigen Möglichkeiten internetbasierter Kommunikation die Gefahr von Gewalttaten durch selbstradikalisierte Einzeltäter oder Kleinstgruppen.“

Leben im "Untergrund": Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004
Leben im „Untergrund“: Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004

Der Angriff von rechts

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die biographischen Ähnlichkeiten bei Breivik, Bönhardt, Mundlos und Page – allesamt ledig, geboren innerhalb einer Dekade: Page 1971, Mundlos 1973, Böhnhardt 1977, Breivik 1979. Weiße, ledige Männer, die sich seit Jahren radikalisieren – wie viele solcher rassistischen Zeitbomben noch herumlaufen und wann diese hochgehen, darüber kann nur spekuliert werden. Ein Blick ins Internet auf Kommentarspalten oder Rechtsrock-Lieder reicht, um zu erahnen, welches Potential hier zumindest schlummert.

Ich bin ein Nationaler Sozialist
Ein geistiger Brandstifter, Antisemitist
Ein Staatsfeind, ein ewig Gestriger und toller Rassist
Ein Idealist, ein brauner Terrorist

(Sturm 18 – brauner Terrorist)

Wehret den Anfängen? Dieser Spruch kommt satte 25 Jahre zu spät, damals hätte man die Anfänge dieser internationalen Rassisten-Bewegung, den Rechtsrock, noch leicht zerschlagen können, doch die Ignoranz war grenzenlos.

Der nette Terrorist von nebenan

Das soziale Umfeld des amerikanischen Rassisten Page äußerte sich US-Medien zufolge vollkommen überrascht – und natürlich schockiert über die Tat. Page sei ein unauffälliger Typ gewesen. Ähnliches wurde über Breivik berichtet.

Auch die NSU-Terroristen werden von Nachbarn als nett und hilfsbereit beschrieben. Ganz fürchterlich normale Männer in den besten Jahren, keine langen Bärte, kein obskurer Besuch von schwarzhaarigen Fremden – die Rechtsterroristen sind Paradebeispiele für den Homegrown Terrorism – hausgemachter Terrorismus. In Polen war der angebliche Rechtsterrorist bislang wissenschaftlicher Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Hochschule Krakau.

Angesichts der rechtsterroristischen Aktivitäten lässt sich  von einer ganzen Serie von Anschlägen sprechen, denn auch in Italien gab es bereits einen „Breivik“, der vor rund einem Jahr zwei Menschen erschoss, weil sie schwarz waren.

Eine größere Debatte über die Zusammenhänge der Taten ist bislang ausgeblieben. Hätten Islamisten in Europa und den USA innerhalb von zwei Jahren fast 100 Menschen ermordet und beinahe ein Parlament in die Luft gejagt, wäre dies wohl „etwas“ anders.

Alle Meldungen zum Rechtsterrorismus.

5 thoughts on “Die Internationale der Rechtsterroristen

  1. das Video zeigt die US Band Bully Boys bei einem Australien Auftritt… der Typ der interviewt wird, ist ein australischer Skinhead und wahrlich nicht Wade Page… der ist auf dem ganzen Video nicht zu finden und hat den australischen Kontinent noch nie betreten… 1A Infos Jungs!

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