Denkpausen im Bad der Menge

Alles und alle werden immer individualistischer. Dennoch – seit Jahren erleben wir mit Flashmobs einen Trend, der Menschen wieder in Gruppen zusammenführt – zumindest kurzzeitig. Der Widerspruch zwischen Individuum und Masse scheint sich in Flashmobs aufzulösen.

von Johanna Klatt*, zuerst veröffentlicht auf dem Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung

Foto: Quadratestadt Mannheim, CC BY-SA 2.0

Vor allem die Jugend hat offenbar derzeit, angeregt durch die Möglichkeiten des Web 2.0, die „Macht ihrer Menge“ für sich entdeckt. Denn seit einigen Jahren bilden sich, von Flensburg bis Konstanz, spontane Massen in Deutschlands Innenstädten, so genannte Smart Mobs mit im Kern politischen Botschaften. Junge Menschen pilgern hierbei individuell oder in Kleingruppen zu einem online genannten Ort und kreieren dort zum Teil mit viel Fantasie und in gemeinsamer Darbietung ein (politisches) Statement. Einer der ersten in Deutschland medial beachteten Flashmobs war die „Sprengung“ einer Rede Angela Merkels.

Smart Mobs im Politischen, Flashmobs im Allgemeinen, erfreuen sich also einer hohen Popularität. Aber auch andere Formen des kollektiven Zusammenkommens unter Jugendlichen fallen in den letzten Jahren auf. So prägen etwa Bilder der Occupy-Bewegung und der Anonymous-Gruppen das Land. Und beispielsweise am römisch-katholischen Weltjugendtag füllten unerwartet viele junge Menschen das Kölner Flussufer.

Gleichzeitig belegen aktuelle Messungen der zivilgesellschaftlichen Aktivitätsstruktur, dass nichts mehr im Trend liegt, als individuell zu partizipieren. Man nimmt im Kleinen und im Alleingang teil, sei es durch einen Klick in diversen Foren des Social Web oder durch das Mitmachen bei einer Demonstration. Wie aber, so könnte man nun fragen, geht das zusammen mit der Eingangsbeobachtung, der offensichtlichen Popularität von Massenveranstaltungen, dem „Hang zum Kollektiv“? Bedingen sich womöglich der eine und der andere Trend gegenseitig? Stärkt eine ins Extreme geführte Individualisierung zivilgesellschaftlicher Mitmachstruktur womöglich das Bedürfnis nach Nähe in der Masse?

Zunächst eint die genannten Beispiele kollektiver Zusammenkunft nicht nur ihr Massencharakter oder das durchschnittlich jugendliche Alter ihrer TeilnehmerInnen. Gemeinsam ist ihnen auch die Möglichkeit der flexiblen und individuellen Teilnahme. Man kann mitmachen, ohne groß aufzufallen, ohne sogleich einen Antrag auf Mitgliedschaft in die Hände gereicht zu bekommen, ohne eine Verpflichtung einzugehen. Gewiss handelt es sich bei dem Wunsch, locker und lose zu partizipieren, um kein gänzlich neues Phänomen, denn die Teilnahme an Demonstrationen etwa folgt einem ganz ähnlichen Prinzip. Doch mit Blick auf die Historie der bundesrepublikanischen Zivilgesellschaft fällt auf, dass sich die Teilnehmenden an Massenkundgebungen heute längst nicht mehr so schnell oder gar langfristig wie früher in eine Großorganisation einbinden lassen. Während noch vor wenigen Jahrzehnten Massenansammlungen – zum Teil ähnlich kreativ und politisch wie die heutigen Smart Mobs – den Weg in eine politische Vereinigung oder eine Initiative bereiteten, indem über sie vielfach neue Mitglieder gewonnen und akquiriert wurden, hat sich dieses einstmalige „Mittel zum Zweck“ gegenwärtig zum Selbstzweck gewandelt.

Anonymität ist dabei ein weiteres entscheidendes Stichwort. Betrachten wir hierzu auch das Beispiel der Anonymous-Bewegung. Ihre Maske des britischen Rächers unterstützt einen massenpsychologisch relevanten Effekt: Ist das Individuum ohnehin bereits als Teil einer Masse ein Stück weit anonymisiert, vollendet das Tragen einer Fawkes-Visage die Verhüllung der individuellen Persönlichkeit. Auch die Teilnahme an einem Flashmob ist anonym. Dies muss sie vielleicht sogar sein, denn gerade im Zeitalter des „gläsernen Menschen“, der via Facebook etc. zahlreiche persönliche Vorlieben, ja im Grunde den ganzen privaten Lebensweg preisgibt, erscheint sie eine fast zwingende Voraussetzung dafür, dass sich erwachsene, gebildete Menschen wie Kinder eine Kissenschlacht liefern können.

Womöglich besteht hier in der Tat – in einem Zeitalter, das eine „biographische Unsicherheit“[1] in sämtlichen Lebensbereichen kennzeichnet – ein Zusammenhang zwischen dem Individualisierungsgrad einer Gesellschaft und dem Bedürfnis nach „Nähe der Masse“ des Individuums. Stets anders, besonders, ja innovativ sein zu müssen, strengt an und raubt Kraft. Individuen müssen sich heute in einem „‚Supermarkt‘ für Weltanschauungsangebote aller Art“ zurechtfinden, der „keine verlässlichen [i.O.kursiv] ‚Rezepte‘ mehr“[2] anbietet. Dieses Bild des Soziologen Ronald Hitzler untermalt, warum sich junge Menschen in unserer Gegenwartsgesellschaft womöglich nach Erleichterung und Auflösung in der Masse sehnen.

„Das Untertauchen des Massenbewußtseins stellt ein Absinken und Sich-Ausruhen auf einer Stufe geringeren Energieverbrauchs dar. Es bedeutet eine außerordentliche Entlastung des Denkens, wenn der Einzelne sich vom Massengeist treiben lassen kann, ja (unter den Verhältnissen des totalen Staates) ohne Wahl einfach treiben lassen muss“[3], befand der Sozialpsychologe Walter Ehrenstein bereits im Jahr 1952. Diese und ähnliche Phänomene der Wirkung von Massen auf das Individuum mögen auch derzeit ihre Geltung haben. Denn was liegt näher, als beim Betrachten der fliegenden Federn und prustenden Gesichter in einer Pillow-Fight-Menge einen so genannten „Infantilismus der Massen“[4] zu erkennen?

Das Beispiel des Flashmobs illustriert dabei, neben anderen verwandten Aktionsformen, sehr gut bestimmte Anfordernisse der Gegenwartsgesellschaft an das Individuum: Er ist in seinen mannigfachen Facetten kreativ und originell. Er ist informell, flexibel, freiwillig und zwanglos. Er ist, hinsichtlich seines Mobilisierungsvermögens, ungemein effizient (denn innerhalb kurzer Zeiträume und durch nur wenige Klicks werden tausende von Menschen erreicht und versammelt). Er ist globalisiert und international (die ersten Flashmobs ereigneten sich in San Francisco, USA). Besonders attraktiv macht ihn jedoch seine letzte Eigenschaft: Er ist, politisch motivierte Smart Mobs einmal ausgenommen, vollkommen sinnlos. Damit fällt die Teilnahme an ihm zweifellos in den Bereich der Freizeit und bietet ein Gefühl des Ausatmens in ansonsten viel Kraft und Anstrengung erfordernden Zeiten.

Doch würden sich vermutlich die wenigsten TeilnehmerInnen einer der geschilderten Gemeinschaftsaktivitäten derartige Entspannungsmotive eingestehen; sie sind sich deren Wirkung oder der hinter ihnen verborgenen Überforderung womöglich kaum bewusst. Bei näherem Hinsehen gelingt es dieser Partizipationskohorte auch nicht, dabei vollkommen in die Freizeit abzutauchen; fungieren doch die spontanen, durchs Web aufgebauten Kundgebungen (ob politisch motiviert oder nicht) stets als Darstellungen der eigenen Macht. „Seht, was wir auf die Beine stellen können“, scheinen die in der Menge versammelten Gesichter zu rufen. Dies passt ebenso in den Geist der Zeit, denn schließlich strebt die „pragmatische Generation“ der Jugend von 2010 intensiv nach ihrem persönlichen Erfolg in der Leistungs- und Konsumgesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass selbst für Waterfight-, also Wasserschlachten-Flashmobs, Regeln gelten. „Bitte keine Luftballonplastikwasserbomben, das hinterlässt Dreck und Müll und ist obendrein umweltschädlich. Und bitte keine allzu real erscheinenden Pistolen – das könnte die Polizei aufschrecken“[5], lauten die Verhaltenskodizes für die „geplanten Ausraster“.

Beim Betrachten der auffällig gewordenen und besonders großen Massen- und Protestversammlungen des vergangenen Jahrzehnts lässt sich somit auch eine gewisse Ambivalenz feststellen. Denn einerseits steht der oder die Einzelne unter dem Druck, immer wieder „neu“, anders und innovativ sein zu wollen – auf diese Art erklärt sich nicht zuletzt, weswegen das Mittel des „flashmobbens“ nach einer kurzen Hochphase gegen Ende der „Nuller“-Jahre in den „Zehnern“ dieses Jahrtausends langsam bereits wieder aus der Mode zu kommen scheint. Andererseits besteht gleichzeitig ein Wunsch nach Massenwirksamkeit und dem Gefühl kollektiver Handlungsfähigkeit. Besonderer Popularität erfreuen sich daher die Aktivitätsformen, die diese beiden einander eigentlich unversöhnlich gegenüberstehenden Bedürfnisse – nach Individualität einerseits, Kollektivität andererseits – zumindest kurzzeitig miteinander in Einklang bringen. Diese Beteiligungsgeneration kämpft damit zum Teil nicht nur gegen gesellschaftliche, ökonomische oder ökologische Probleme, sondern auch gegen ihre inhärenten Widersprüche. Sie sucht zumal zeitweise Linderung und Erleichterung, doch vermag sie sich dies nicht einzugestehen. Welch trefflicheres Indiz ließe sich hierfür finden als perfektionierte Reglements für kollektive Kissenschlachten?

Johanna Klatt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte Version eines Beitrags aus INDES (Heft 3/2012: Im  Bad der Menge).


[1] Simone Scherger: Destandardisierung, Differenzierung, Individualisierung, westdeutsche Lebensläufe im Wandel, Wiesbaden 2007, S. 282 sowie S. 288 f.

[2] Vgl. Ronald Hitzler: Pioniere einer anderen Moderne? Existenzbasteln als Innovationsmanagement, in: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, Bd. 24 (2001) H. 2, S. 177-191, hier S. 178.

[3] Walter Ehrenstein: Die Entpersönlichung: Masse und Individuum im Lichte neuer Erfahrungen, Frankfurt a. M. 1952, S. 142.

[4] Ebd., S. 53

[5] Pete McMartin: Waterfight in Stanley Park, but are flash mobs starting to lose their edge?, in: Vancouver Sun, 12.07.2008, online verfügbar unter: http://www.canada.com/vancouversun/news/story.html?id=f4b1b51f-1340-46b3-8c14-97405c63b5fe [zuletzt eingesehen am 03.05.2012].