Sklaven-Befreiung auf eigene Faust

In einem gewöhnlichen Stadtteil im Osten Moskaus kauften die Anwohner ihr Brot von Verkäuferinnen, die seit zehn Jahren keinen Lohn erhielten. Es waren Arbeitssklaven aus Kasachstan, die mit Schlägen und Drohungen an der Flucht gehindert wurden.

Von Ulrich Heyden, Moskau

Jeden Morgen gab es in dem Lebensmittelladen „Produkty“ im Moskauer Stadtteil Goljanowo frisches Brot zu kaufen. Doch irgendwann ist es wohl Jemandem der Anwohner aufgefallen, dass die Verkäuferinnen häufig Verletzungen im Gesicht hatten. Menschenrechtler wurden informiert. Und dann war da noch eine Mutter aus Kasachstan, die ihre verschwundene Tochter suchte. Auch sie wandte sich an Moskauer Menschenrechtler.

Am 30. Oktober wurde das Geheimnis um die Verkäuferinnen im Lebensmittelladen dann gelüftet. Aktivisten von zwei Menschenrechtsorganisationen informierten mehrere Fernsehsender und in Begleitung der Kameras befreiten die Aktivisten zwölf Arbeits-Sklaven aus dem Keller des Ladens. Die befreiten Frauen, Männer und Kinder kamen aus Kasachstan und Usbekistan. Der Fall der „Sklaven aus Goljanowo“ beschäftigt seit nunmehr zwei Wochen die Moskauer Medien.

Der Fernsehkanal NTW veröffentlichte das Video von der Befreiungsaktion. Im Internet gibt es Interviews mit den befreiten Frauen. Auf Migranten sind die Moskauer eigentlich nicht gut zu sprechen, denn es sind nach Meinung der Russen einfach zu viele Gastarbeiter aus Mittelasien nach Moskau gekommen. Aber dass diese Menschen jetzt schon wie Sklaven gehalten werden, lässt die Moskauer nicht kalt.

Bei den Ladenbesitzern handelt es sich um kasachische Eheleute, die russische Pässe haben. Die Ehefrau des Laden-Besitzers hatte die Arbeitskräfte persönlich in verarmten Dörfern Kasachstan mit dem Versprechen angeworben, sie könnten in Moskau 500 Dollar verdienen. Die befreiten Frauen erzählten, dass sie in dem Keller auch vergewaltigt wurden. Und das war noch nicht alles: Vier neugeborene Kinder wurden den Frauen offenbar weggenommen. Von den Kindern fehlt heute jede Spur.

Die Zustände in dem Laden waren grausam. Lejla Aschirowa, eine der Gefangenen, die im sechsten Monat schwanger ist, berichtete, ihr seien von den Ladeninhabern mehrmals die Finger gebrochen worden. An die frische Luft sei sie nur gekommen, wenn sie Ware entladen habe. Im Laden und im Keller und selbst auf der Toilette seien zur Überwachung der Gefangenen über 40 Videokameras installiert worden.

Symptomatischer Fall

Ein Einzelfall ist der Skandal um die „Sklaven von Goljanowo“ nicht. Altaj Abibullajew, ein Vertreter des kasachischen Außenministeriums erklärte, im Konsulat der kasachischen Botschaft in Moskau gingen häufiger Informationen über Kasachen ein, die in Moskau als Sklaven leben.

Nachdem sich Aktivisten eingeschaltet hatten, nahm die zuständige Polizei-Dienststelle drei Anzeigen von ehemaligen Arbeits-Sklavinnen an. Die Besitzer des Lebensmittelladens in diesem Verfahren treten in dem Verfahren aber nur als Zeugen auf bewegen sich noch immer frei – darüber empören sich jetzt die Menschenrechtler und Journalisten, die seit zwei Wochen über den Fall berichten.

Bei den Besitzern des Lebensmittelladens „Produkty“ in der Nowosibirskaja Straße Nr. 11 handelt es sich um ein kasachisches Eheleute mit russischen Pässen. Dem Ehepaar gehören mehrere Lebensmittelläden in Moskau. Die Menschenrechtler trauen der Polizei nicht. Man liest, die örtliche Wache habe von den Zuständen im Lebensmittelladen „Produkty“ gewusst, aber nichts unternommen, weil der Ladeninhaber ein Schmiergeld gezahlt hat.

Die Polizei fühlt sich wiederum von den Menschenrechtlern hintergangen. Die örtliche Polizeiwache kritisierte, dass die Menschenrechtler der „Russischen Transhumanistischen Bewegung“ und der „Gruppe Alternative“ die Befreiung der Sklaven durchführten, ohne die Polizei vorher zu informieren.

Auch diese Menschen mussten als Arbeitssklaven schuften, wurden befreit. (Foto: kupiraba.ru)
Auch diese Menschen mussten als Arbeitssklaven schuften, wurden befreit. (Foto: kupiraba.ru)

Polizei und Menschenrechtler arbeiten weiter für unterschiedliche Ziele. Während die Polizei versucht, die befreiten Arbeits-Sklaven zu verhaften, um sie dann als „illegale Immigranten“ nach Usbekistan und Kasachstan abzuschieben, organisierten die Menschenrechtler für die zwölf befreiten Menschen Unterkünfte in Moskauer Privatwohnungen. Protest gegen das Vorhaben, die befreiten Sklaven in ihre Heimatländer abzuschieben brachte auch die bekannte Flüchtlingsexpertin Lidia Grafowa vor. Sie ist Leiterin des Forums der russischen Migrantenorganisationen und Mitglied der halbstaatlichen Moskauer Gesellschaftskammer.

Dass man aus den ehemaligen Sklaven nun „illegale Arbeitskräfte“ machen will, ist für die Flüchtlingsexperten und Menschenrechtler unfassbar. Immerhin wurden den Arbeitskräften aus Zentralasien bei der Ankunft in Moskau Pässe und Handys abgenommen. Bei dem Versuch zu fliehen, wurden sie mit Schlägen und Drohungen eingeschüchtert.

Die Russen ahnen was da läuft

Die Stimmung der russischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Gastarbeitern aus Mittelasien ist äußerst gespannt, obwohl die Russen wissen oder zumindest ahnen, unter welche unwürdigen Bedingungen die Gastarbeiter in Russland leben. Aber der Konkurrenzdruck wegen der billigen Arbeitskräfte aus Zentralasien sowie blinder Nationalismus, der durch verschiedene Medien und Politiker geschürt wird, verdrängen das Mitgefühl.

In diesem trüben Wasser fischen auch die russischen Nationalisten und Rechtsradikalen mit ihren alljährlichen „Russischen Märschen“, auf denen die Abschiebung aller Gastarbeiter und die Aufhebung der Visa-Freiheit für Einreisende aus Zentralasien und dem Kaukasus gefordert wird. Immer wieder kommt es auch zu gewalttätigen Übergriffen auf Gastarbeiter. So wurden am Wochenende Migranten in Moskau von russischen Nationalisten mit Luftdruck-Pistolen beschossen und verletzt.

Nach Angaben der russischen Migrationsbehörde leben zurzeit in Russland 3,5 Millionen Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung. Ob die von vielen Russen geforderte Einführung einer Visums-Pflicht gegenüber den ehemaligen Sowjetrepubliken in Mittelasien an der massenhaften Einwanderung von Gastarbeitern nach Russland etwas ändern würde, ist ungewiss. Denn vermutlich finden die kriminellen Netzwerke, die von den Migranten in Russland profitieren, schnell neue Wege, um die billigen Arbeitskräfte aus Zentralasien nach Russland zu schaffen.

Nachtrag: Am Mittwoch gab die Staatsanwaltschaft des Moskauer Preobraschenski-Bezirks bekannt, dass es für die Einleitung eines Strafverfahrens gegen die Besitzer des Lebensmittelladens keine Grundlage gebe.

Webseite von Ulrich Heyden.

Gesammeltes Pressematerial auf der russischsprachigen Website „Kaufe Dir einen Sklaven“: http://kupiraba.ru/press/

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