Das Akademische Karussell: Sitzen ist tödlich

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute dreht es sich um die Emanzipation des Denkens.

Von Samuel Salzborn

Wir verdanken den Naturwissenschaften viel: das moderne Weltbild, in dem der Mensch sich vom Objekt zum Subjekt emanzipiert hat, basiert wesentlich auf den Erkenntnissen naturwissenschaftlicher Forschung, ohne die Einsichten von Kopernikus, Galilei oder Newton hätte sozialwissenschaftliche Forschung nie entstehen können. Eine Sicht auf die Welt, in der Menschen als Subjekt über ihre politische und soziale Verortung selbst entscheiden können, ist nicht einfach ein schlauer geisteswissenschaftlicher Gedanke, sondern hat die durch naturwissenschaftliche Erkenntnis entwickelte Emanzipation des Denkens ganz maßgeblich zur Voraussetzung.

Dies muss man sich in Erinnerung rufen, wenn man die jüngsten Forschungsergebnisse des Pennington Biomedical Research Center der Louisiana State University in den Blick nimmt, auf die die Wochenzeitung ZEIT  aufmerksam gemacht hat. Denn angesichts der darin vermittelten Sicht auf die Welt drängt sich der Eindruck auf, naturwissenschaftliche Forschung sei mehr oder weniger dasselbe wie Metaphysik. Die ZEIT bringt den Kerngedanken wie folgt auf den Punkt: „Wer lange in einem Büro arbeitet, setzt sich einem erheblichen Risiko aus. Langes Sitzen ist sogar lebensgefährlich.“ Potzblitz, wer hätte das gedacht? Was aber soll man nun tun, denn aus anderen Studien wissen wir ja auch, dass Liegen auf Dauer ebenfalls nicht gesund ist, Laufen die Gelenke abnutzt, Essen aufgrund unzähliger Schadstoffe mindestens genauso gefährlich ist und Rauchen sowie Genussmittel anderer Art uns mehr oder weniger sowieso schon seit langem soweit ausgetrieben sind, dass man sie höchstens noch in einem von der Außenwelt hermetisch abschotteten Raum bei vollständiger Abdunkelung konsumieren kann, um dabei von niemandem beobachtet zu werden. Und auch dann sind sie, logisch, immer noch entsetzlich schlecht für unsere Gesundheit.

Lässt man einmal außer Acht, dass der Normalzustand des Menschen nicht die Gesundheit, sondern die Krankheit ist, da der menschliche Körper und die menschliche Seele verletzlich und eben kein Panzer sind, dann führt uns auch die Studie der Kollegen vom Pennington Biomedical Research Center die schreckliche Wahrheit vor Augen: das Leben ist tödlich. Und zwar mit Sicherheit. Dass im Unterschied zu den historisch bahnbrechenden Entdeckungen naturwissenschaftlicher Forschung für diese Erkenntnis eine vor allen Dingen in ihrer Trivialität bemerkenswerte Studie nötig war, verblüfft doch etwas. Denn im Unterschied zu jenen Einsichten ist diese doch geradezu banal: dass einseitige Belastungen einem Organismus wie dem menschlichen Körper auf Dauer schaden, dass überdies solche Einseitigkeiten bisweilen unvermeidbar sind und dass sich Menschen auch ganz bewusst und vorsätzlich dafür entscheiden können, etwas ihrem Körper Schadendes zuzufügen, weil es ihrem Geist oder ihrer Seele gut tun, weiß man entweder schon aus dem Schulunterricht oder aus lebensweltlichen Selbststudien in der Kneipe.

Dass sich nun Wissenschaftler für solch einen Kokolores hergeben und auch diese Studie sich in die lange Reihe der moralinsauren, lustfeindlichen und Ambivalenz negierenden Elaborate einreiht, die Teil eines großen Netzes von Krankheitsgefühlen und Gesundheitswahn generierenden Untersuchungen ist, wie sie unter anderem von dem Spiegel-Journalisten Jörg Blech erheiternd und traurig zugleich immer wieder beschrieben worden sind, basiert auf einem ganz wesentlichen Logikfehler, den wir inzwischen gewohnt sind, stillschweigend zu übernehmen: dem Mythos der Repräsentativität. Rund 17.000 Personen habe man miteinander verglichen, dazu noch die Daten der amerikanischen Gesundheitsstudie National Health and Nutrition Examination Survey mit in die Auswertung einbezogen – handwerklich im Sinne quantifizierender Forschung also alles soweit abgesichert, dass Zweifel schon allein durch die gigantische Datenmenge quasi naturgesetzlich zerstreut werden.

Dabei wird übersehen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist – das man nicht einfach nur mit Zahlen, Rechnungen und Korrelationen erfassen kann, sondern für dessen Verständnis es gerade auch methodischer Zugänge bedarf, die sich nicht in Statistiken und Balkendiagramme verpacken lassen, die einfache Wenn-Dann-Kausalitäten suggerieren. Ja, möglicherweise ist langes Sitzen (besonders dann, wenn man zwischendrin niemals schläft) schädlich und ganz gewiss irgendwann sogar tödlich. Es gibt aber keinen sinnvollen Grund, es deshalb nicht mehr zu tun oder sich alternativ durch ein schier endloses Sportprogramm zu quälen, an dessen Ende entweder, als medizinische Konsequenz, einseitige Überbelastungen anderer Art stehen, oder, als soziale Konsequenz, die Vergottung eines Gesellschaftsideals, das auf dauerhafte Leistungsfähigkeit, Gesundheit im Sinne einer Funktionsfähigkeit des Menschen, Körperlichkeits- und Schönheitsideale unmittelbarer Konsumtions- und Verwertungslogik und damit im Ergebnis eine Form psychische und physischer Hygiene abzielen, die jede Form von Freiheit und Subjektivität zerstört. Andererseits: wer länger sitzt, ist dafür dann aber wenigstens auch länger tot.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn

 
 

 

 

 

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen – und schreibt die Kolumne „Das Akademische Karussell“ für Publikative.org.

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