NSU unterstützte auch den „Fahnenträger“

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) soll mit dem Geld aus Banküberfällen mindestens zwei Fanzines unterstützt haben. Das geht aus der Anklageschrift des Generalbundesanwalts hervor, die Publikative.org vorliegt.

Von Patrick Gensing

Im Jahr 2002 war im Neonazi-Fanzine „Der Weiße Wolf“ nach bisherigen Erkenntnissen erstmals die Terrorgruppe NSU erwähnt worden. „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen 😉 Der Kampf geht weiter…“ – so stand es mitten im Vorwort der Ausgabe 1/2002 (Nr. 18), wie das Antifaschistische Pressearchiv herausfand. Der kurze Satz erschien bereits in der ersten Jahreshälfte 2002, als die Öffentlichkeit noch nichts von der Terrorzelle ahnte, diese aber bereits mitten in ihrer Serie von Terror und Morden steckte.

Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)

Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)

Entstanden war „Der Weisse Wolf“ den Angaben zufolge bereits 1996 als „Rundbrief inhaftierter Kameraden der ‘Justizvollzugsanstalt’ Brandenburg“, entwickelte sich aber über die Jahre zu einem zentralen Fanzine für Mecklenburg-Vorpommern. Dass der „Weisse Wolf“ bestens in der Szene vernetzt gewesen sei, zeigten die vielfältigen Anzeigen für Neonazi-Läden und -Versände, sowie Interviews mit Bands, schreibt das apabiz.

Auffällig dabei sei die häufige Bezugnahme auf Bands und Autoren aus dem Blood & Honour-Spektrum (auch noch nach dem Verbot von Blood & Honour im Jahr 2000) und Combat 18. Ebenso berichtete „Eihwaz“, der ab 2000 als Herausgeber auftritt, regelmäßig über Treffen der HNG („Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“, verboten 2011).

Das apabiz berichtete weiter, dass der heutige Abgeordnete der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, David Petereit, eine zentrale Figur des „Weissen Wolf“ gewesen sei. Er trat demnach um das Jahr 2000 als Anmelder der Internetseite der Publikation auf, als Herausgeber tritt den Angaben zufolge ab dieser Zeit ein „Eihwaz“ auf. Später wurde laut apabiz als Verfasser und Hersteller David Petereit angegeben, wie ein Ausschnitt aus dem Fanzine belegt. Durch einen Hack wurde zudem bekannt, dass Petereit in einem neonazistischen Auktionshaus das Pseudonym „Eihwaz“ benutzt haben soll.

Die Macher des Fahnenträgers erhielten ebenfalls Geld vom NSU.

Und der NSU unterstützte ein weiteres Fanzine, nämlich den „Fahnenträger“. Dabei handelte es sich aber nicht um das Fanzine aus Mecklenburg-Vorpommern, wie zunächst vermutet, sondern um ein gleichnamiges Magazin aus Sachsen-Anhalt. Aus der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte geht hervor, dass dieses und möglicherweise weitere Fanzines ebenfalls einen Brief inklusive einer Geldspende vom NSU erhalten haben.

In der NSU-Anklageschrift wird das rassistisch-terroristische Motiv des NSU ausdrücklich betont, Taten statt Worte, so das Motto. Durch die serienmäßigen Hinrichtungen sollte Angst und Schrecken verbreitet werden – was in türkischen Communities gelang, in der deutschen Öffentlichkeit aber nicht ankam, da diese die Opfer zu potentiellen Tätern machten.

Der NSU unterstützte also zumindest die regionalen Neonazi-Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Wohin möglicherweise noch weiteres Geld geflossen ist, ist bislang unklar. Der Spiegel berichtet von zehn Spenden.

Siehe auch: Schredderei Verfassungsschutz & Freiheit für WolleDie Hundertschaft des NSU, Alle Meldungen zum NSU.

5 thoughts on “NSU unterstützte auch den „Fahnenträger“

  1. Nur ein kleiner Nachtrag zur Verständlichkeit. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe kamen zwar aus Jena, lebten aber in Zwickau. Was ihren Dialekt bzw. ihre mundartliche Sprachfärbung angeht, gibt es da jedoch keine größeren Unterschiede. Bzgl. der Identifizierung der Bankräuber in Stralsund: Für Außenstehende klingen Obersächsisch und Saale-Thüringisch sehr ähnlich bis gleich, da beide dem gleichen mitteldeutschen Dialektkontinuum angehören. Außerdem liegen beide Orte nur 1h Autobahnfahrt auseinander. Ich habe den Umzug mal in die andere Richtung gemacht (vllt. hat das auch politisch zu einer „umgekehrten“ Einstellung geführt – wer weiß?), und hatte zwar leichte Umgewöhnungsschwierigkeiten als Jugendlicher, aber eigentlich ist es keinem sehr aufgefallen, dass ich aus Westsachsen zugezogen war.

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