Identitär – Mehr Rassismus als Bewegung


Die „Neue Rechte“ will eine Massenbewegung werden. Zum Konzept gehört die Distanzierung vom Rassismus und Extremismus sowie eine neue Selbstbezeichnung. Die Ideologie bleibt die alte braune – Ethnopluralismus die wissenschaftliche Beschreibung. 

Von Roland Sieber, Störungsmelder

„Identitäre Bewegung Deutschland“ © Screenshot von Facebook

Es wabert ein neues Symbol durchs Netz, ein gelbes Lambda auf schwarzem Grund. Neues Symbol? Eigentlich als elfter Buchstabe des griechischen Alphabets ein sehr altes, bereits von den Spartanern benutztes, aber auch von der schwul-lesbischen Bewegung als politisches Symbol verwendetes. Geschichtsbewusstsein und politische Kenntnisse scheinen unter rassistischen Aktivisten nicht sehr ausgeprägt zu sein. Diese versuchen sich neuerdings in Flashmobs auf Hardbass tanzend. Ein Musikstil der aus Russland kommt, Anleihen aus dem Dubstep nimmt und auf Hardstyle zurückgeht. Waren wir nicht bei „deutscher“ Identität? Nein, wir waren bei Rassisten, die sich eine vermeintliche deutsche Identität konstruieren.

Die Aktion der „Coordination Identitaire“ auf der deutschen Fan-Seite © Screenshot von Facebook

Anfangen müssen wir aber in Frankreich. Von dort aus macht eine Kriegserklärung der kulturrassistischen „Génération Identitaire“ die Runde. Am 20. Oktober besetzten 60 aus ganz Frankreich angereiste antimuslimische Rassisten das Dach einer Moschee in Poitiers. Bereits zuvor, am 1. Oktober umzingelten etwa zehn mit Affen- und Schweinemasken vermummte „Identitäre“ den Caritas-Workshops „Tanz für Toleranz“ im österreichischen Wien mit rassistischen Parolen. Die Aktion wird in einem jugendgerechten mit Musik unterlegen YouTube-Video mit dem Motto „100% Identität – 0% Rassismus“ online verbreitet.

Wie, Rassismus ohne Rassismus? Nein, selbstverständlich nicht, aber Rassismus das klingt doch so nach Nazi und nicht wirklich jung und cool. Vielfalt und Pluralismus muss her, die Ideologie des neurechten Ethnopluralismus: Frankreich den „echten“ Franzosen, die Türkei den „echten“ Türken, Israel den Juden und Deutschland eben den Deutschen. „Völkervielfalt statt Einheitsmensch“; Trennung nach Kultur und „Rasse“. Aha, also doch Rassismus.

Mit Partypatriotismus versuchten denn auch fünf „Identitäre“ die Eröffnungsveranstaltung der „interkulturellen Wochen“ am 30. Oktober in Frankfurt am Main mit einer „Hardbass Mass-Attack“ nach Wiener Vorbild zu stören. Zumindest auf Facebook schießen regionale Gruppen in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Geld verdienen wollen damit offenkundig ein Internetshop, der passende T-Shirts mit dem Lambda-Symbol verkauft – sowie möglicherweise das neurechte Internetmagazin „Blaue Narzisse“ von Felix Menzel, das Aufkleber vertreibt. Ob das tatsächlich Geld in die Kassen spült, ist aber ungewiss.

© Screenshot von YouTube

Ob Größenwahn und Geschäftemacherei zwingend zur „deutschen Identität“ gehören? Die Frage dürfen diejenigen Leser beantworten, die glauben Menschen werden kollektiv von kulturellen Identitäten fremdgesteuert. Alle anderen dürfen sich zurücklehnen und über den neuen Versuch, eine alte aber gefährliche Ideologie als etwas Neues und Hippes zu verkaufen, lächeln.

Siehe auch: Von tanzenden Rassisten und uniformierten Milizen, Neue Rechte formatiert sich neu, Frei.Wild – “unpolitischer” Hass auf “Gutmenschen”