Ganzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollen

Das Papier der Deutschen Fußball Liga zum „Sicheren Stadionerlebnis“ hat viele Kritiker – aber auch einige Unterstützer. Beim FC Bayern München übt man schon mal die Umsetzung von Ganzkörperkontrollen, Objekt der Untersuchung waren am Wochenende die Fans von Eintracht Frankfurt. Für die Aktion kassierten Verein und Polizei jedoch deutliche Kritik.

Von Nicole Selmer

Kontrollzelte in München (Foto: Club Nr. 12)

Die Zelte des Oktoberfestes sind abgebaut, für die Frankfurter Besucher des Spiels beim FC Bayern München war die Ausstattung spartanischer und von Maßkrügen war auch nichts zu sehen: Vor der Arena wurden am Gästeeingang Zelte zur „Voll-/Ganzkörperkontrollen“ errichtet, wie die Fanbetreuung der Eintracht am Tag zuvor die Anhänger informierte. Mit Unterstützung des Vereins sprachen sich die Fanbeauftragten gegen die Maßnahme aus und erklärten auch, das Stadion als Protest dagegen nicht zu betreten. Einsprüche, auch vonseiten der Frankfurter szenekundigen Beamten bei ihren bayrischen Kollegen, blieben erfolglos.

Die „Ganzkörperkontrollen“, also eine intensivere Durchsuchung als das übliche Abtasten des Körpers und Kontrollieren von Taschen, nämlich inklusive Ausziehen der Kleidung sind einer der Punkte zur Förderung des „Sicheren Stadionerlebnisses“ im heftig debattierten Diskussionspapier der DFL. Die Liga möchte die „Infrastruktur“ für diese Kontrollen verbessern und zum Beispiel Container statt Zelte aufstellen. Solche Dauerlösungen für rechtlich ohnehin fragwürdige Maßnahmen kommentierten die „Fananwälte“ in ihrer rechtlichen Stellungnahme zum Diskussionspapier der DFL folgendermaßen:

„Die im DFL-Papier vorgesehenen Voll-Körperkontrollen, quasi als nebenvertragliche Pflicht des Stadionbesuchers, wären wegen des intensiven Eingriffs in das Grundrecht der allgemeinen Handlungsfreiheit und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung unverhältnismäßig und damit rechtswidrig.“

Alles nicht so schlimm?
Halb so wild, wiegelte der FC Bayern ab. Von den rund 6.000 angereisten Frankfurtern seien nur 30 bis 40 Anhänger „gründlicher durchsucht worden“, allerdings nur durch Ausziehen ihrer Jacken, das Ganze sei zudem unter der „neutralen Sicherheitsaufsicht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)“ abgelaufen, wie unter anderem der Kicker berichtete. Die geringe Zahl der Kontrollierten mag auch durch die Tatsache erklärbar sein, dass rund zweihundert Fans vor dem Stadion blieben und ein Teil der Frankfurter Ultras einfach auf einen anderen Eingang auswich, wie die Münchener Fangruppe Club Nr. 12 per Twitter berichtete. Dass der DFB mit der bayrischer Polizei und Münchener Verein in einem Boot sitzt und die Aufsicht über die Maßnahme führte, dürfte zudem nur bei sehr wenigen Fans ein beruhigtes „Na, dann ist ja alles in Ordnung“ hervorrufen.

Logo Fanbetreuung Eintracht Frankfurt

Bedrohtes Rechtsgut
Tatsächlich geht es aber auch nicht darum, wie viele Fans gestern tatsächlich wie und wo kontrolliert worden sind oder gar darum, ob dabei überhaupt Pyrotechnik gefunden wurde – wozu sich im Übrigen keine Angaben finden. Bereits in der Stellungnahme der Frankfurter Fanorganisation Nordwestkurve e. V. wird darauf hingewiesen, dass die Partie Bayern-Frankfurt trotz der Liebe der Eintracht-Ultras zum Feuerwerk keineswegs ein traditionell brisantes Duell mit zahlreichen pyrotechnischen oder gar gewalttätigen Vorfällen ist. Ein Blick auf die DFB-Sportgerichtsurteile der letzten Jahre bestätigt dies schnell. So ein Vorliegen besonders sicherheitsrelevanter Umstände oder gar konkreter Hinweise auf geplante Aktionen wären jedoch nötig, um eine juristisch akzeptable „Verhältnismäßigkeit“ von Maßnahmen wie Ganzkörperkontrollen zu gewährleisten.

Das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes erklärt in seinem Urteil aus dem Jahr 2007 zur Klage einer Dresdenerin gegen Nacktkontrollen bei einem Spiel in Saarbrücken solche Kontrollen für „im Einzelfall zulässig“, legt an diesen Einzelfall jedoch wegen „des hohen Ranges der bedrohten Rechtsgüter“ hohe Maßstäbe an, eben das Vorliegen von eindeutigen Kriterien und Hinweisen als Voraussetzung für eine Durchsuchung und für eine Minimierung derselben. Von solch trennscharfen Kriterien für die künftige Anwendung von Ganzkörperkontrollen sind Verein und Polizei in München jedoch sehr entfernt: Ein Wiederaufbau der bayrischen Kontrollzelte ist, wie der FC Bayern München laut Kicker mitteilen ließ, für den Fall angekündigt, „dass wieder Fans, die in der Vergangenheit mit Pyrotechnik auffällig geworden sind“ zu Gast sind. Mit anderen Worten: in zwei Wochen. Dann kommt Hannover 96.

Drohgebärde
Ob die Hannoveraner Fans, die sich schon durch die Sanktionen ihres eigenen Vereins derzeit stark gebeutelt sehen, die neuen Münchener Verhältnisse erleben werden, darf bezweifelt werden. Denn dazu hat die Zeltaktion des Vereins zu sehr Symbolcharakter: Dass Polizei, Verein und DFB gerade zu diesem Zeitpunkt und ohne konkret vorliegenden Anlass eine solche Maßnahme durchführen, ist eine Drohgebärde in Richtung Fans und in Richtung derjenigen Vereine, die ihren Protest gegen das DFL-Papier erklärt haben. Zu denen gehört Eintracht Frankfurt, aber nicht der FC Bayern. Der Tabellen- und Marktführer allerdings steht zwar „hinter diesem Konzept“, damit aber nach aktuellem Stand der Dinge nicht aufseiten der Mehrheit. Mit dem Aufstellen ihrer Kontrollzelte werfen Verein, DFB und Polizei ihr nicht unbeträchtliches Gewicht in die Waagschale der Sicherheitsdebatte und sagen „Wir können, wenn wir wollen“. Darauf jedoch haben Fans, Verein und auch Medien mit deutlicher Kritik reagiert. Das ist ein gutes Zeichen. Auf dem Platz mag der FC Bayern München in dieser Saison nicht zu stoppen sein, auf dem langfristig weit wichtigeren Feld der Sicherheitsdebatte hoffentlich schon.

Update (13.11.2012, 10:27 Uhr): In einer Pressemitteilung von gestern wertet der FC Bayern München die Aktion als Erfolg und berichtet, dass bei den Kontrollen “ 20 Messer, 2 Schlagstöcke, 1 Schlagring, 1 Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain sichergestellt“ worden seien. Obwohl die Mitteilung (ebenso wie darauf basierende und schnell verbreitete dpa-Meldung) einen anderen Eindruck erweckt, beziehen sich diese Angaben NICHT auf die extra kontrollierten Frankfurter Fans, sondern auf alle rund 71.000 Zuschauer. Pyrotechnik wurde anscheinend nicht gefunden, eine Angabe darüber, was bei den Kontrollen zum vergangenen Heimspiel herauskam, haben wir ebenfalls nicht.

Siehe auch: Fangipfel in Berlin, Sicherheitsleak, Einer muss aufhören, Quo vadis, DFB