Schredderei Verfassungsschutz & Freiheit für Wolle

Die Berliner Abteilung des Inlandsgeheimdienstes Verfassungsschutz hat weitere Akten über neonazistische Bands, Personen und Organisationen geschreddert – versehentlich, wie es heißt. Die Akten hätten aber keinen Bezug zum NSU. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit dies immer wieder verkündet wird. Ebenfalls erstaunlich ist diese Behauptung, weil eine Solidaritäts-CD für den mutmaßlichen NSU-Helfer Wohlleben ganz anderes nahelegt.

Von Patrick Gensing

Der Landesverfassungsschutz habe am 29. Juni dieses Jahres „aufgrund eines Missverständnisses“ mehrere Akten zum Thema Rechtsextremismus vernichtet, sagte eine Sprecherin der Behörde laut tagesschau.de. Sie fügte hinzu, es gebe keine Anhaltspunkte, dass die Unterlagen Erkenntnisse zum NSU enthalten hätten.

Die genaue Anzahl der in der Berliner Landesbehörde vernichteten Akten ist unklar. Nach bisherigen Erkenntnissen stammen die Unterlagen aus der Zeit vor dem Jahr 2009. Laut der Sicherheitsbehörde sollen darin unter anderem Vorgänge um den Rechtsextremisten Horst Mahler, zur HDJ oder zu der als kriminelle Vereinigung verbotenen Band „Landser“ behandelt worden sein.

Keine Erkenntnisse?

Akten werden versehentlich geschreddert, wie viele es waren, weiß man nicht, aber dass diese nichts mit dem NSU-Komplex zu tun haben, das weiß man. Es ist erstaunlich, wie lange sich die Öffentlichkeit für dumm verkaufen lässt. Nehmen wir Mahler und die HDJ, die wichtige Knotenpunkte im braunen Netz darstellen und somit durchaus auch noch mal eine Rolle im Zusammenhang mit der weit verzweigten NSU-Unterstützerstruktur spielen.

Und was ist mit Landser? Die Band um Frontmann Michael Regener gehört zu den wichtigsten in der deutschen Rechtsrock-Szene, nachdem die Gruppe als kriminelle Vereinigung verboten worden war, trat Regener unter dem Projektnamen die Lunikoff-Verschwörung auf. Angesichts der zahlreichen Hinweise und Beweise für die Bedeutung des Blood&Honour-Netzwerks für den NSU, erscheint die Behauptung, ein Zusammenhang könne ausgeschlossen werden, wie ein schlechter Scherz.

Rock für Wolle

Damit nicht genug, Regener findet sich nun auf einer aktuellen CD wieder, mit der offenbar Geld für den inhaftierten Wohlleben gesammelt werden soll. In einer Anfrage der Linken in Thüringen heißt es:

Uweocaust und Alte Freunde - Solisampler für inhaftierte Neonazis wie Wohlleben - unter anderem mit Regener.
Uweocaust und Alte Freunde – Solisampler für inhaftierte Neonazis wie Wohlleben – unter anderem mit Regener.

Im Oktober 2012 haben 15 bundesweit bekannte Neonazibands eine „Solidaritäts-CD“ herausgegeben, deren Erlös nach Verlautbarungen im Internet vollständig dem inhaftierten Wohlleben zu Gute kommen soll. Unter den Musikgruppen und Interpreten befindet sich nicht nur der ehemalige Landser Sänger Michael Regener (!) sondern auch mehrere Neonazi-Bands, die in der Vergangenheit bei Konzerten des internationalen Neonazi-Netzwerkes „Blood & Honour“ auftraten. Nach derzeitigem Kenntnisstand sollen Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe den für die Rohrbomben in den 90er Jahren genutzten Sprengstoff aus dem B&H-Bereich erhalten haben, später erwies sich das Netzwerk als Fluchthilfeorganisation und unterstütze das Trio beim untertauchen. Thematisch richtet sich die CD mit dem Titel „Sampler – Solidarität Vol. IV“ an Neonazis, die von Strafverfolgung betroffen sind, u.a. spielt der inhaftierte Neonazi Horst Mahler (!) eine Rolle. Auch Ralf Wohlleben selbst ist ein Lied der Thüringer Neonaziband „SKD“ gewidmet. Im Track 7, „Nationale Solidarität“ grölt eine Gruppe bei Minute 0:29 lautstark „Freiheit für Wolle“ ins Mikrofon, eine  mittlerweile zentrale Losung im neonazistischen Mileau für die Solidarität mit Wohlleben.

Weitere Bands auf dem Tonträger nennen sich bspw. „Blitzkrieg“, „Uwocaust und Alte Freunde“ und „Ekzess“. Letztere sorgte mit ihrem Auftritt beim rechten Festival „Rock für Deutschland“ 2010 in Gera dafür, dass das neonazistische Publikum „ Rum und Ehre der Waffen-SS“ skandierte und einige Neonazis den Hitlergruß zeigten. Mittlerweile vertreiben über ein Dutzend Neonazi-Versandhändler bundesweit die CD, darunter auch die Thüringer Versände „WB Versand“ und „Germania Versand“ welche unternehmerisch durch den stellvertretenden NPDLandesvorsitzenden sowie dem Landesorganisationsleiter der Thüringer NPD geführt werden. Weitere Thüringer NPD-Funktionäre bekundeten bereits im Internet ihre Solidarität mit Wohlleben. Der Betreiber eines neonazistischen Immobilienprojektes aus Crawinkel (Steffen M.), in dem auch der Kopf der Band „SKD“ wohnt, verkündete auf Facebook am 12.10.2012 zur CD: „Wer noch Interesse an dem guten Stück hat,bitte per Nachricht melden. Der komplette Erlös wird Ralf „Wolle“ Wohlleben für seinen bevorstehenden Prozess zugute kommen!!!!“

Der Verfassungsschutz kann sich glücklich schätzen, dass durch die US-Wahl die mediale Aufmerksamkeit für diesen Skandal schnell abflauen dürfte.

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