Das Akademische Karussell: Alles Bibel oder was?

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Zum Auftakt schreibt Samuel Salzborn über den aus der Kritik an der Religion entstandenen Aberglauben an die Natur und die Technik – und wie eine  politische Neulektüre der Hebräischen Bibel helfen kann, diesen zu relativieren.

Von Samuel Salzborn*

Schon Karl Marx wusste, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik ist. Erst wenn sich der mit der Wirkung eines Opiates versehene, über das Bewusstsein gelegte Schleier lichtet, erst wenn die Vernebelung des Geistes durch den Glauben an Mystisches, Übermenschliches und damit den menschlichen Objektcharakter aufgegeben wird, erst dann besteht Hoffnung auf eine allgemeine Kritikfähigkeit. Nun ist die Kritik der Religion bekanntlich seit Marx etwas ins Stocken geraten, die Aufklärbarkeit des Menschen ward prinzipiell attestiert, aber die soziale Praxis sah nicht selten ganz anders aus – das Revival religiöser Heilsversprechen aller Art in den letzten Jahrzehnten illustriert dies anschaulich.

Nun liegt in dem Postulat von Marx aber nur die halbe Wahrheit – denn so notwendig eine Kritik der Religion im Sinne gesellschaftlicher Emanzipation auch ist, so sehr übersieht sie, dass mit ihr der Glaube nicht aus der Welt geschaffen wird, den durch Zweifel zu ersetzen sich emanzipative Bewegungen stets aufs Neue vornehmen, sondern der Glaube an Gott durch einen Glauben an Natur und Technik abgelöst wurde, der allenthalben natürliche Kräfte wirken sieht, wo faktisch gesellschaftliche und kulturelle Phänomene dominieren.

Dieser Aberglaube an die Natur hat ideengeschichtlich auch eine menschliche Phantasie bestärkt, die zumindest die monothetischen Religionen stets etwas ausgebremst haben: den Wunsch nach menschlicher Allmacht, nach vollständiger Natur- und Technikbeherrschung, nach Kontrolle von Leben und Sterben, nach Überwachung von Abweichung, nach narzisstisch ungezügelter Größe und Stärke.

Aberglauben relativieren

Dass bemerkenswerterweise eine politische Neulektüre der Hebräischen Bibel viel dazu beitragen kann, diesen aus der Kritik an der Religion entstandenen Aberglauben an die Natur und die Technik zu relativieren, zeigt nun eine gerade beginnende Diskussion in der amerikanischen Philosophie. Ihren Ausgangspunkt hat die Debatte in einem neuen Buch von Michael Walzer, der in der deutschen Debatte vor allem wegen seiner in zahlreichen Auflagen erschienene Sphären der Gerechtigkeit bekannt ist. In seinem neuen Buch In God’s Shadow. Politics in the Hebrew Bible (Yale University Press 2012) spürt Walzer nun den politisch-theoretischen und philosophischen Wegen nach, die durch die Bibel eröffnet wurden.

Denn, so viel ist evident, die Bibel hat zahlreiche politische und soziale Bewegungen immer wieder inspiriert und motiviert, als Argumentationshilfe gedient oder als Projektionsfolie für Ablehnungen fungiert. Walzer sagt nun, dass in der Bibel gleichermaßen das Politische, wie bisweilen auch das Antipolitische enthalten sei.

Sieht man die Hebräische Bibel mit Walzers philosophischen Augen, dann eröffnet sich ein Panorama explizit politischer, aber vor allem auch implizit politischer Dimensionen: der  Vertragsschluss der Israeliten mit Gott und damit die Einwilligung in das eigene Schicksal (und nicht die bloße Fügung unter dieses), die Stiftung von Gesetzen und damit die Schaffung einer verbrieften und zugleich abstrakten, d.h. gleichen Ordnung, die Revolutionierung sozialer und religiöser Strukturen durch das Exil, die fortlaufende Initiierung von gegensätzlichen und doch zugleich ambivalenten Akteuren, die widersprüchlichen Positionierungen zur Monarchie (bei König David und im Buch Samuel) oder die Skizzierung der Priesterrolle in ihrer Gegensätzlichkeit von elitärer Hierarchie und jüdischer Universalität. Und vor allem: die aus dem Geist des jüdischen Monotheismus geborene Anerkennung der menschlichen Limitierung, auch und gerade in den immer wieder in der Bibel illustrierten Kämpfen und dem Aufbegehren des Menschen gegen seine Kleinheit und Sterblichkeit.

Insofern ist Walzers Beitrag zu lesen als eine Lektüre der Bibel als ein politisches Dokument, ähnlich wie Yosef Yerushalmi vorschlug, die Geschichten der Bibel als Erinnerungen und als große Geschichtserzählung zu lesen, eben in ihrer Implikation, die durchaus nicht im Widerspruch zu einer Kritik der Religion stehen muss, ja vielleicht als literarisches Dokument im allerbesten Sinn.

Ausschluss der „Laien“

Und spannend wird es dann, darauf hat Sam Fleischacker im Notre Dame Philosophical Reviews  hingewiesen,  wenn die jeweilige Lesart der Bibel, derer sich politische und soziale Bewegungen historisch und gegenwärtig bedient haben, mit ihrer eigentlichen Ambivalenz konfrontiert wird. Wenn nämlich das von Menschen geschriebene Wort als Wort Gottes unterstellt wird und damit der angelegten Offenheit einer allgemeinen Zugänglichkeit durch den Vertragsschluss und durch eine nicht-elitäre Verstehbarkeit der (religiösen) Gesetze in der Hebräischen Bibel eine hierarchische Eintönigkeit und ein Ausschluss der „Laien“ – also faktisch fast aller Menschen – von den sie betreffenden Fragen herzustellen versucht wird, wie dies etwa ein gerade im Katholizismus dominanter Zug ist.

Das entscheidende Argument, aus dem es sich auch und vielleicht gerade für Religionskritiker/innen lohnt, Walzers In God’s Shadow zu lesen, hat Jonathan Sacks in Foreign Affairs formuliert: „Moreover, the Hebrew Bible invokes the sovereignty of God not to justify human power – through the divine right of kings, for example – but to criticize it, diminish it, and, in a sense, secularize it.” Und damit geht es um eine ganz grundsätzliche Limitierung des Menschen vor Gott – oder, aufgeklärt formuliert: auch eine Limitierung gegen sich selbst, als eine Demut vor der eigenen Sterblichkeit, die alles andere als Anlass zu narzisstischen Omnipotenzphantasien bieten sollte.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn

 

 

 

 

 

 

 

 

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen – und schreibt die Kolumne „Das Akademische Karussell“ für Publikative.org.

8 thoughts on “Das Akademische Karussell: Alles Bibel oder was?

  1. Habe ich das richtig verstanden: Limitierung des Menschen vor Gott = Limitierung gegen sich selbst? Dann wäre ja Gott = Mensch. Und dann träfe zu: Mensch mit narzisstischen Omnipotenzphantasien = Gott mit narzisstischen Omnipotenzphantasien.

    Naja. Aber schon interessant, wie die uralten Forderungen nach „Anerkennung der menschlichen Limitierung“ und Einwilligung in das (von Gott verordnete) eigene Schicksal mit einigermaßen modernen Ausdrücken umdekoriert werden können. Das klingt dann im Kampf gegen angebliche menschliche Allmachtsphantasien und die den Geisteswissenschaftler wie auch den Geistlichen immer schon verstörende Sphäre von Natur und Technik nicht mehr ganz so altbacken wie etwa bei einem Papst Benedikt-Ratzinger, unterscheidet sich in der Substanz am Ende jedoch wenig davon.

  2. Lieber Samuel Salzborn, danke für die Kolumne. Jetzt würde mich noch interessieren, wie in dieser Debatte der Klassiker von Ernst Bloch „Atheismus im Christentum“ rezipiert wird, der ja einige der genannten Thesen bereits formuliert hat, andererseits noch sehr aufs Prometheische des Menschen steht – oder ob der gar keine Rolle mehr spielt, vielleicht weil der Marxist Bloch einer zu protestanischen Bibellektüre erlegen ist?

  3. Naja, wenn man schon unterstellt, dass aus Religionskritik nur „Aberglauben an die Natur und die Technik“ enstanden ist, dann ist ein Aberglaube an religiöse Dinge sicherlich wieder gleichwertig – das liegt aber eben nur an dieser Unterstellung und diese wiederum ist weder eine kritische Analyse wie in der Einführung angekündigt, noch eine akzeptable Würdigung des Niveaus der Religionsphilosophie, die über Marx und Walzer hinausgeht.

  4. Danke, Oliver K,

    den Humbug kann man nur mit Ironie und Veräppelung zurecht rücken. Da stehen so viele bekloppte postmoderne Sprechblasen drin, dass es nicht zumutbar ist, die zum 1001. Mal gerade zu rücken.
    Kann man alles nachlesen. Stichwort „Sokal Hoax“ bei Wikipedia eingeben, oder Sokal/Bricmont oder Gross/Levitt lesen.

    Diesen Artikel zu lesen, ist eigentlich pure Zeitverschwendung.

    Gruß R.P.

  5. @6 (pardon roland):

    ich nehme mir mal ein beispiel an ihrem kommentar, auf den ich inhaltlich gar nicht eingehen will, denn er wurde bereits 1994 et ex post et ex ante wissenschaftlich entkräftet.

    sie brauchen nicht mal google zu bemühen. klicken, überfliegen und staunen reicht völlig aus!

    .~.

    p.s.: sie dürfen den link gerne in ähnlichen oder völlig anderen diskussionen als begründung für alles mögliche benutzen, wenn der verweis auf sokal mal nicht zieht.

  6. Was gab es bei Sokal wissenschaftlich zu entkräften? – er hat das alles nicht ernst gemeint! Er hat gezeigt, dass postmoderne Philosophie und Soziologie oft einen pompösen Jargon verwendet, der auch den Autoren nicht klar ist. Auch hier wird ein Bild von Wissenschaft gezeichnet, dass so postmodern daneben ist. Da fiel mir Sokal ein. Er hat uns einen echten Dienst erwiesen mit dem Hoax – humoristisch, wissenschaftlich und philosophisch.

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